Annäherung an Thilo Sarrazins Intelligenzproblem
1. September 2010Viel wird derzeit über Thilo Sarrazin geschrieben. Zu viel, wie ich meine. Denn während Sarrazins Intelligenz durch aufwändige Spurensicherungsmaßnahmen erst noch nachzuweisen wäre, liegt eins wohl offen zutage: seine Schläue, die darin besteht, die Verkaufszahlen seines Buches über die geistige Verarmung Deutschlands durch fruchtbare muslimische Migranten mittels immer neuer, wohl dosierter Provokationen in die Höhe zu treiben.
Bei Beckmann zum Beispiel arbeiteten sich unlängst fünf mehr oder weniger prominente Gäste unter einem Moderator, der sich auf geradezu groteske Weise unfähig zeigte, eine sachliche Diskussion zu leiten, an Fragestellungen ab, die meines Erachtens völlig am eigentlichen Thema vorbeigingen, und dies in einem Medium, das, anders als die Migranten, tatsächlich wie kein zweites für die real existierende Massenverdummung in diesem Land verantwortlich ist.
Nicht, ob es stimmt, daß Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent angeboren ist, oder ob es ein Juden- und Palästinenser-Gen gibt, ist nämlich die Frage, die man sich stellen und über die man in Zusammenhang mit Sarrazins Thesen diskutieren sollte, sondern: ”Wie definiere ich Intelligenz?”
Wenn ich auch selbst keine Patent-Definition des Begriffs anbieten kann, so möchte ich doch in der Kürze der Zeit, die ich dazu Lust habe, anreißen, was Intelligenz für mich definitiv nicht ist.
- Intelligenz ist für mich nicht die Eigenschaft, die Werbefuzzis heute Staubsaugern, Telefonen oder Rechenmaschinen (sog. ”Computern”) zuschreiben.
- Intelligenz hat für mich nichts mit Schulbildung und angelerntem Wissen zu tun.
- Intelligenz ist für mich nicht die Fähigkeit, seinen eigenen materiellen Vorteil zu suchen und zu finden. Sie ist deshalb nicht bei Bankern und Wirtschaftsbossen verortet und hat auch nichts mit Geld, Karriere und beruflichem Erfolg zu tun.
- Intelligenz ist für mich nicht die Fähigkeit, sich auszudrücken, noch dazu - wie in Beckmanns Runde gefordert - in der ”deutschen Sprache”, sondern die Fähigkeit zu verstehen, und zwar nicht die Relativitätstheorie, sondern das eigene Lebensumfeld (und dadurch indirekt die Welt).
- An Intelligenz mangelt es, wenn jemand glaubt, ohne die Natur und ohne den anderen leben zu können - oder sogar gegen sie.
- An Intelligenz mangelt es, wenn jemand unfähig ist, aus der Geschichte und aus eigenen Erfahrungen zu lernen (Tschernobyl, Nazi-Zeit, ...).
- An Intelligenz mangelt es, wenn jemand - wie Thilo Sarrazin - die Komplexität der Realität nur unzureichend wahrnimmt, wenn jemand - wie viele Präsidenten der USA - die Welt in schwarz und weiß, gut und böse einteilt oder wenn jemand - wie viele Wissenschaftler - die Grenzen eigener Erkenntnismöglichkeit nicht sieht oder nicht anerkennt (und z. B. glaubt, der Mensch könne irgendwann das All beherrschen, obwohl er nicht einmal je wissen wird, wie ein Regenwurm sich fühlt).
- An Intelligenz mangelt es schließlich vor allem dort ganz deutlich, wo jemand - wie Thilo Sarrazin, sogenannte ”Intelligenzforscher” und viele bereitwillig den Leithammelmedien hinterhertrottende sogenannte ”Normalbürger” - glaubt, Intelligenz lasse sich messen, berechnen (”Intelligenzquotient”) oder anhand einiger dümmlicher Fragen abfragen (”PISA-Test”).



