Herat, Berlin

20. Juli 2010

Wahnwitz I

Herat. Zusammen mit Rupert Neudeck von den ”Grünhelmen” baut die Titus Dittmann Stiftung in Afghanistan das ”Achte Weltwunder”. Die Stiftung leistethumanitäre Hilfe für Kinder und Jugendliche” durch ”sinn- und identitätsstiftendes Skateboarding weltweit”. Im Titus Online-Shop können die Afghanistan-Kids dann das passende Outfit kaufen (”keine Hose, sondern ein ganz besonderes Lebensgefühl!”). Für die Älteren setzt Ralf Maier, Kölner Landschaftsarchitekt mit Philosophie, neben den Skate-Park noch ein positives Signal.

Wahnwitz II

Berlin. Das Vivantes-Klinikum Am Urban in Kreuzberg hat Mittel aus dem Konjunkturpaket II (KP II) erhalten. Es war bisher grau und muß natürlich bunt sein. Außerdem werden alle Stationen mit W-LAN ausgerüstet. Gut zu wissen, daß auch dieser Klinik alles andere wichtiger ist als körperliche und geistige Gesundheit. Was allerdings noch fehlt, ist der Skate-Park, der den Maßnahmen einen Sinn stiften würde.

”Papperlapapp”

18. Juli 2010

In der Höhle des Löwen, dem Papstpalast in Avignon, hat Christoph Marthaler ein Stück von beklemmender Wahrheit auf die Bühne gebracht.

Bei Arte ist die Aufführung derzeit in voller Länge zu sehen, allerdings eingebettet in eine An- und Abmoderation, die wohl den Gipfel der Verblödung markiert.

Gießen für Westerwelle

15. Juli 2010

Die Natur leidet unter der Hitze. Das hat Anja Herr von der RBB-Abendschau herausgefunden und gestern brühwarm darüber berichtet. Vor allem aber die öffentliche Hand ist verdorrt. ”Die städtischen Gärtner kommen mit dem Gießen nicht mehr hinterher.

Warum das so ist, erfährt der geneigte Abendschau-Zuschauer nicht. Nicht, ob dies wirklich das Ende von 700 oder 800 Jahren Berliner Geschichte sein soll, daß die Regierenden sich außerstande sehen, ein paar Bäume wässern zu lassen, nicht, wie es kommt, daß dieselbe öffentliche Hand noch vor wenigen Jahren sehr wohl stark genug war, regelrechte Tankwagen durch die Straßen fahren zu lassen. Hier hätte vielleicht ein Blick auf die Zahl der beschäftigten Gärtner geholfen, aber der wird sorgsam vermieden, ebenso wie die Thematisierung eines möglichen Zusammenhangs zwischen der grünpflegerischen Enthaltsamkeit der Bezirke und dem für Privathaushalte infolge der geheimvertraglich geregelten Teilprivatisierung der Wasserbetriebe um 35 % gestiegenen Wasserpreis.

Wenn wir nun also betrübt feststellen müssen, daß von den Steuern, die die meisten von uns sicher gern und regelmäßig zahlen, kaum etwas bei der öffentlichen Hand anzukommen scheint, so dürfen wir doch erleichtert zur Kenntnis nehmen, daß letztere dennoch nicht gänzlich handlungsunfähig ist. Ohne die Millionen oder Milliarden erwähnen zu wollen, die über unzählige Subventionstöpfe, sinnlose Prestige-Projekte und Wirtschaftsförderungsprogramme mehr oder weniger direkt in die Taschen der Reichen fließen, oder die sicherlich nicht unbeträchtlichen Summen, die von den Gärtnern weg und zur sogenannten Kreativwirtschaft hinfließen, jenem Standbein unserer Berliner Großartigkeit, das inzwischen für mindestens 120 % der Wirtschaftsleistung verantwortlich zeichnen dürfte (Kreativwirtschaftler machen ja immer Überstunden) und das auch von der öffentlichen Hand mittels zahlreicher Planungs-, Beratungs-, Werbe-, Meinungsforschungs- und sonstiger Aufträge finanziell ertüchtigt wird, etwa in Form von Hochglanzbroschüren über viereckige Rasenflächen selbst in Hochtemperaturzeiten noch mehr heiße Luft zu produzieren, kann ich z. B. dankbar vermerken, daß das Land immerhin noch die Kraft hat zu appellieren.

So appelliert der Senat seit Wochen über die gehorsamen Medien an die Berliner, doch die Aufgaben zu übernehmen, die er selbst nicht mehr wahrnehmen will, ”und tatsächlich: immer mehr Nachbarn greifen zu Gießkanne und Eimer” (RBB). Mit Sonnenbrille im Haar sehen wir sie im Schöneberger Problemkiez Feurigstraße getreu dem aktuellen Motto ”Rette seine Stadt, wer kann!” ihre selbst auferlegten gärtnerischen Pflichten erfüllen, unter ihnen unübersehbar der passionierte Umweltgestalter und Grünen-Politiker Jürgen Roth. Ein kritisches Wort zu den Versäumnissen des Bezirks hört man aus den Mündern dieser Brigade in der Sendung nicht. Sie freuen sich, mit der Gießkanne in der Hand sich selbst verwirklichen und anderen als positives Beispiel dienen zu können. Und nebenher beweisen sie dabei noch zweierlei, nämlich erstens, wie recht der Parteivorsitzende Guido Westerwelle doch hat, wenn er sagt: nur Faulpelze und Schmarotzer brauchen einen starken Staat. Der Leistungsträger packt selbst an, löscht, wenn ’s brennt, und operiert sich und seine Nachbarn zur Not auch gern mal am offenen Herzen. Und zweitens, daß Forderungen der Arbeitgeber nach längeren Arbeitszeiten bei so viel überschüssiger Arbeitskraft nur legitim sein können.

Auch ich habe übrigens Wasser an die Straßenbäume gekippt. Aber im Gegensatz zu den Politikern, manchen Bürgern und dem neoliberalen Propagandasender RBB halte ich das nicht für die Lösung.

13.07.10, 02:23 Uhr

13. Juli 2010

Jetzt ist der Himmel mit Wattewolken bedeckt, aber abgekühlt ist es kein bißchen. Der Nachtbus fährt leer an mir vorbei, und irgendwo quiekt eine Frau.

Warum fühle ich mich den Tieren so verbunden? Zum Beispiel den Fledermäusen, die in zackigem Zick-Zack-Kurs um mich herumfliegen? Vielleicht, weil ich ihre Sprache nicht verstehe.

Obwohl - die Sprache der Menschen verstehe ich doch auch nicht. Ich kenne die meisten der Wörter, die sie verwenden, und die Regeln, nach denen sie sie aneinanderreihen. Aber warum sie das tun, das verstehe ich nicht.

Warum können Menschen nicht einfach mal die Klappe halten, wenn sie nichts zu sagen haben, oder sich wenigstens im Ultraschallbereich äußern, so wie die Fledermäuse? Weil sie sich ständig ihrer selbst versichern müssen? Manche wälzen sich dazu ja sogar im Schlamm.

Reisen in Zeiten von Pest und Cholera

11. Juli 2010

Bruhahahaha. Da werden die Leute in einem super-duper Hightech-Geschoß teutscher Bauart pfeilschnell durch die 40° heiße teutsche Landschaft katapultiert, und schon beim ersten klitzekleinen Ausfall der Klimaanlage lassen sie sich in dem über 50° heißen Edel-Interieur einfach gehen und fallen auf den farblich sorgfältig abgestimmten Boden wie die Fliegen, die Undankbaren.

Aber mal ehrlich. Abgesehen davon, daß Dummheit - und dies beziehe ich jetzt nicht auf die armen Fahrgäste - selbst im Extremstfall hierzulande nicht strafbar ist, sondern höchstens mit dem Bundesverdienstkreuz geahndet wird: das konnten sie doch nun wirklich nicht wissen, die coolen Designer von Siemens, Bombardier etc. pp., die hier in unseren teutschen Konzernen die gestandenen Ingenieure abgelöst haben, und ihre Auftraggeber bei der Teutschen Bahn, daß Menschen, die sich in einem geschlossenen Raum befinden, im Notfall auch mal die Möglichkeit haben können sollten oder sogar müßten, ein Fenster zu öffnen. Ihre sonstigen Bedürfnisse können sie sich doch auch verkneifen, diese Memmen, wenn wieder einmal die Hälfte der klinisch reinen Closed-Circuit Shit Recycling Systems in den Zügen ausgefallen ist.

Früher haben wir oft die ganze Fahrt über am offenen Fenster gestanden und uns den Wind ins Gesicht wehen lassen. Da wurden wir aber auch nicht mit 300 km/h durch einen Tunnel geschossen, sondern fuhren mit 120 km/h durch eine Landschaft. Und wir kamen dahin, wohin wir wollten, und nicht mit Kreislaufkollaps ins Krankenhaus.

Aber nochmal ehrlich: solange nicht alle Fahrgäste solcher Unglückszüge wie dieses ICE von Hannover nach Köln die Verantwortlichen beim Hersteller, der Bahn und in der Politik - denn auch die trägt Schuld, hat sie doch mit ihrem marktradikal-extremistischen Umbau aller öffentlichen Dienstleister die Grundlagen für den Niedergang geschaffen - mindestens verklagen wegen vorsätzlicher fahrlässiger Körperverletzung in Tateinheit mit Geldgier und grenzenloser Dummheit, wird sich an diesen unhaltbaren Zuständen nichts ändern.

Juchhu!

7. Juli 2010

Statt Natur

5. Juli 2010

Eröffnung Cheruskerpark

Über zehn Menschen, ein Drittel von ihnen Sicherheitspersonal, ein weiteres Drittel Politiker und Mitarbeiter des Stadtplanungsamtes, strömten am 3. 7. in den neu gestalteten Cheruskerpark in Berlin Schöneberg, um bei höchst sommerlichen Temperaturen im Schatten alter Bäume und üppig wuchernder Sträucher den Schöpfern dieses landschaftsplanerischen Kleinods ihren unbeschreiblichen Dank auszusprechen. Auf Plakaten und Transparenten wünschten sie den Verantwortlichen alles Mögliche.

180.000 Euro

Alles für Müller?

Selbst ein Investor aus dem immer wieder erneuerbaren Energiesektor war zugegen und bot nachhaltig seine finanzielle Unterstützung an.

Noch ein Investor

Die Geehrten bedankten sich ihrerseits mit wertvollen Unterweisungen, bei denen das Volk sichtbar an ihren Lippen hing.

Eröffnung Cheruskerpark: Bernd Krömer, Oliver Schworck

Oliver Schworck (SPD, rechts) - Stadtrat für Rasenflächen, Asphaltflächen, Betonflächen, Steinflächen, Sauberkeit und Ordnung - erläuterte, daß es sich bei der Wildblumenwiese, die an der Nordspitze des GASAG-Geländes viele Jahre lang bestanden hatte, gar nicht um eine Wildblumenwiese gehandelt habe, sondern, wie vermutlich bei allen anderen von ihm von der Natur befreiten Flächen auch, um ”nicht mehr und nicht weniger als eine Sondermülldeponie”, auf der es keinen Spaß gemacht hätte, im Sommer zu liegen (was allerdings auch nie jemand vor hatte, zumal ja der Rest des Cheruskerparks bereits überwiegend in eine Liegewiese (= Rasenfläche) verwandelt worden war und hierfür zur Verfügung stand). Audio-Potpourri

Bernd Krömer (CDU) - Stadtrat für Hochhausbau und Aufwertung - lobte vor allem das Engagement der Financiers, denn ohne das Gewinnstreben Reinhard Müllers (zu dessen ”Beitrag” übrigens hier eine interessante Rechnung aufgemacht wird) und die Versenkung von Steuergeldern durch Bund und EU hätte der Bezirk den Bau der schnurgeraden Trasse durch die kahle Rasenfläche nicht stemmen können und der ”Aufwertungs”prozeß ”innerhalb und außerhalb des Grundstücks”, von Krömer diskret ”Veränderung” genannt, wäre womöglich langsamer verlaufen. So aber können wir von einem gelungenen ”Leuchtturmprojekt” sprechen. Von Signal- und Weichenstellungen brauchen wir zum Glück dank der übersichtlichen Wegeführung auf dem Gelände nicht auch noch zu sprechen. Audio-Potpourri

Wurden schon diese Ausführungen mit frenetischem Beifall bedacht, so schwappte die Stimmung beim anschließenden Auftritt einer eilig angeheuerten Gruppe minderjähriger türkischer Luftballonschwenker und eines erwachsenen Leierkastenmanns vollends ins Uferlose.

Selbst ein Stand war vorhanden, an dem eine vermeintliche Umweltschutzorganisation Flugblätter über sogenannte ”Stadtnatur” zu verbreiten trachtete. Nach dem Zusammenhang zwischen dieser Aktivität und der hier vorliegenden Parkgestaltung befragt, hieß es, auch Menschen seien Natur. Bezirksstadtrat Schworck hatte sich in seiner Rede u. a. bei der ”Naturschutzwacht Tempelhof-Schöneberg” und bei dem Verein ”Baumschlau e. V.” für ihre Mitarbeit bedankt. Die Herren an diesem Stand können aber wohl nur von dem Verein Strohschlau dort abgestellt worden sein. Oder von der Naturschutzschläft?

Die Volksvertreter verließen den schattenlosen Ort des Grauens durch eine Öffnung im Zaun zum angrenzenden Grundstück des Projektentwicklers, auf dem sicher ihre Limousinen geparkt waren.

(PS: Dank an Matthias Reichelt für die Überlassung seines Audio-Mitschnitts!)

Das Letzte

1. Juli 2010

Alte Kamellen

Apple macht derzeit in der Hauptstadt massiv Reklame für sein iPhone. Kein Wunder. Das Teil ist inzwischen total überholt. Der Kenner benutzt heute das uDepp. Mit dem kann man unbegrenzt mit sich selbst telefonieren, und nach fünf Minuten wird automatisch die Körpertemperatur angezeigt.

Vereint fallen

Die SPD hat sich nun doch mehrheitlich ihren Oberlemmingen angeschlossen und trottet auf der verlängerten A 100 mehr oder weniger einmütig Richtung Abgrund.

Ungebetenes Volk

Die trinken, die lachen - das alles muß nicht sein, findet in der RBB-Abendschau vom 25.06.10 die Professorin für Corporate Identity, Corporate Design und Corporate Communication Gisela Grosse, stellvertretendes Mitglied im NRW-Rundfunkrat und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Ausstellung ”20 Jahre friedliche Revolution, 20 Jahre Mauerfall”. Not in her brand new backyard in cool Prenzlberg.