Notfalls ehrlich

26. August 2008

Carla Bender hat das ZDF-Sommerlochinterview mit Angela Merkel für die Rationalgalerie bereits sehr schön analysiert. Einer der m. E. schönsten Sätze der Kanzlerin wurde jedoch nicht erwähnt, weshalb ich ihn hier nachreichen möchte.

Gefragt, ob “Angela Merkel für eine neue Eiszeit zwischen Deutschland und Rußland” stehe, sagt sie: “Der Bundesaußenminister und ich haben ja die absolut gleiche Philosophie: reden, notfalls ehrlich reden.

Mach Dir keine Sorgen ob dieser Freud’schen Fehlleistung, Angie. Das deutsche Volk, geBILDet, wie es ist, liebt Dich trotzdem. Aber willst Du den Russen wirklich sagen, was Du noch nicht mal uns “ehrlich” gesagt hast, daß nämlich der Krieg im Kaukasus vom Westen, namentlich den USA, durch massive Waffenlieferungen und Militärhilfe an Georgien geschürt worden ist?

Der Gott von Wolfgang Stock

25. August 2008

Wolfgang Stock ist Spezialist für Krisen-PR und Reputationsmanagement, wie wir vor einigen Tagen in Zusammenhang mit seinem Einsatz für die Lobbyisten-Universität “Global Energy Institute” zu erwähnen nicht umhinkamen (wobei das Wort “Lobbyist” angesichts der Tatsache, daß diese Damen und Herren längst im Zentrum der Macht angelangt sind und nicht mehr sie es sind, die in den Lobbies dieser Welt ihre Bücklinge und Kratzfüße vor den Politikern machen, sondern umgekehrt, fast wie ein Euphemismus wirkt).

Ein solcher Krisenkommunikator, lehrt uns die Wikipedia, ist jemand, der in Krisensituationen wie Tankerunfällen, Störfällen in Kernkraftwerken oder in Chemiefabriken (Bhopal) dafür sorgt, daß die positiven Seiten dieser Vorkommnisse in der Öffentlichkeit gebührend wahrgenommen werden und imageschädigende Verkündigung der Wahrheit möglichst unterbleibt.

Allerdings erfüllt der Krisenmanager Stock seine ehrenvolle Aufgabe nicht zwangsläufig im Auftrag von Umweltverbrechern und Wirtschaftskriminellen, sondern zum Beispiel auch im Auftrag eines höheren Wesens. Und was das für ein Wesen ist, erklärt er uns in einem Vortrag, den er 2005 vor christlichen Journalisten hielt.

Doch zunächst einmal: was ist überhaupt die Krise? - Die Krise ist, daß “Berichte über Glaube und Kirchen in den rund 40 meinungsbildenden Zeitungen, Magazinen und Fernsehsendern in Deutschland” kaum erscheinen. Die Zeitungen vom Montag berichten lieber über das gelungene Fußballspiel vom Samstag als über die gelungene Predigt vom Sonntag, “belegen Untersuchungen des ‘Medien Tenor’“, jener den Lesern dieses Blogs bereits bekannten Firma, bei der Wolfgang Stock Chefredakteur war und die vor allem durch ihre zwielichtigen Untersuchungsmethoden selbst zur Nachricht wurde (obwohl sie in dem hier vorliegenden Fall vermutlich richtig liegt). Und obwohl aus Umfragen bekannt ist, daß etwa zehn Prozent aller Bundesbürger vor dem Essen beten, ist in den Vorabendserien und Krimis beispielsweise kaum mal ein Betender zu sehen (wobei noch nicht einmal berücksichtigt wurde, daß die Zahl der Betenden unter Kriminellen und Polizisten, die ja das Gros des Krimi-Personals ausmachen, vielleicht in Wirklichkeit sogar noch höher liegt).

Aber es gibt Hoffnung, und die heißt - und an dieser Stelle muß ich meine Leser bitten, sich erst einmal bequem und umfallsicher hinzusetzen - BILD. “Die große Ausnahme ist die ‘Bild’-Zeitung,” schreibt Stock, “in der die Bibel, der Papst und kirchliche Themen öfters vorkommen. Doch wir Gebildeten sagen gerne: ‘Neben einem barbusigen Foto zählt das nicht!’ Ich bin mir allerdings gar nicht sicher, ob wir mit dieser pharisäerhaften Beurteilung Recht haben. Gott freut sich eher über eine Bibelstelle in einer millionenfach gelesenen Boulevard-Zeitung als darüber, dass Qualitätszeitungen oft auf beides verzichten - insbesondere auf die Bibelzitate und eine angemessene Berichterstattung über Millionen Gläubige.

Ich bin davon überzeugt, dass der Missionsbefehl nur erfüllt werden kann, wenn wir Journalisten das Unsrige dazu beitragen,” so Stock weiter, und “die ‘Bild’-Zeitung ist ein Beispiel dafür, wie wichtig einzelne Persönlichkeiten dabei sind: Wenn Deutschlands größtes Boulevardblatt häufig über den Glauben oder die Kirchen berichtet, geht das nicht unbedingt auf einen Wunsch des Springer-Verlages zurück. Es ist vielmehr die persönliche Entscheidung von ‘Bild’-Chefredakteur Kai Diekmann, der ein gläubiger Katholik ist.

Was können wir aus diesen Ausführungen lernen?

Erstens, daß Stock zu den Gebildeten gehört, und ich zum Beispiel nicht, denn während er “gerne” sagt: “Neben einem barbusigen Foto zählt das nicht!“, würde meine Aussage zum selben Thema etwa lauten, daß man als halbwegs anständiger Mensch das Schmuddelblatt nicht einmal mit der Kneifzange anfassen oder sich mit ihm den Hintern abwischen kann.

Zweitens, daß Stock, der Auserwählte, weiß, worüber Gott sich freut.

Drittens, daß es, so der Major der Reserve, der Stock auch ist, einen “Missionsbefehl” gibt, den es zu befolgen gilt - etwas, das viele heutige Christen vermutlich völlig vergessen haben. Manche von ihnen haben vielleicht nicht einmal gedient.

Und viertens schließlich, was das für ein Gott sein muß, der Gott von Wolfgang Stock.

Der Gott von Wolfgang Stock, das ist ein Gott mit einem riesengroßen Ego. So groß, daß es ihm scheißegal ist, ob er in einer Zeitung erscheint, die die Würde des Menschen permanent mit Füßen tritt, die an die niedrigsten Instinkte appelliert, die Haß sät und die Menschen und Völker gegeneinander aufhetzt, die Menschen nachstellt, sie belügt, beleidigt und in die Verzweiflung treibt, solange es nur die Zeitung ist, bei der als einziges die Auflage stimmt.

Dieser Gott, der Gott von Wolfgang Stock und Kai Diekmann, von Angela Merkel und Helmut Kohl, kann nicht der Gott von Jesus Christus sein. Jedenfalls nicht des Jesus Christus der Bergpredigt.

Kommissar Zuphal und der Club der Weisen Männer

20. August 2008

Es gibt schon merkwürdige Zufälle. Gestern Abend bin ich zufällig unweit der CDU-Parteizentrale an einem grauen Natursteinbau vorbeigekommen, der mich stark an einen nordspanischen Parador der Franco-Zeit erinnerte. Die Architekturformen des - wie inzwischen fast alles in Berlin - natürlich kameraüberwachten Gebäudes erinnerten an den Flughafen Tempelhof, das Finanzministerium und andere Nazi-Bauten (die ja durchaus ihren ästhetischen Reiz haben können). “Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e. V.” stand auf einer Tafel neben dem Eingang. Was mochte das für ein Verein sein, in dieser Stadt, die sich immer noch als offene Metropole zu geben beliebt, obwohl sie in weiten Teilen längst zu einem geschlossenen Biotop für Lobbyisten und Eldorado der Mächtigen aus der Wirtschaft verkommen ist? Wieso interessiert sich ein privater Verein überhaupt für so etwas wie Außenpolitik?

Heute, einen halben Tag später, weiß ich schon die Antwort, zufällig gelesen in einem Artikel des Online-Magazins Telepolis, zu dem das Blog “Lobby Control” nahezu zeitgleich mit meiner Entdeckung des Gebäudes verlinkt hat.

Ich kann die Lektüre dieses Telepolis-Beitrags sowie auch der Seiten der “Gesellschaft für Auswärtige Politik” (samt Liste der Präsidiumsmitglieder und ihrer Lebensläufe sowie Liste der Förderer) nur jedem, der daran interessiert ist, wenigstens zu verstehen, warum es mit dem Weltfrieden sozial und militärisch gesehen so gefährlich bergab geht, nur wärmstens empfehlen. Letztlich geht es dabei auch um das Ende der Demokratie.

Siehe auch:

Transatlantiker des Tages: Karsten Voigt
Deutscher Flotten-Einsatz vor Gaza geplant
und den hervorragenden Hintergrundartikel
Marktradikale Pressure Groups

Wenn der Think Tank überläuft

18. August 2008

Mit nahezu identischen Worthülsen haben die etablierten Medien in den letzten Tagen über die geplante Gründung eines “Global Energy Institute” in Berlin berichtet (auch wir berichteten). Bezeichnungen wie “Energie-Universität“, “Energie-Hochschule” oder “Hochschule für Energieforschung” erweckten dabei den Eindruck, es handle sich bei dem Projekt um eine wissenschaftliche Hochschule, ja sogar eine im Privat- (also “Elite“-)Segment. Stimmt dieser Eindruck?

Wir von Neues vom Glöckner sind der Frage nachgegangen - irgend jemand muß ja schließlich die Arbeit der Medien machen (ohne dafür bezahlt zu werden) - und haben die geplante Hochschule einem ersten Ranking unterzogen.

Wie der Tagesspiegel erschöpfend (kleiner Scherz!) darstellte, geht das Projekt “Energie-Universität” auf “die Initiative” (!) zurück, deren “Sprecher” ein gewisser Wolfgang Stock ist. Von Beruf ist Dr. Wolfgang Stock laut WikipediaJournalist, Autor, Professor und Berater“. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er bei der Springer-Zeitung “Die Welt“, von wo er sich schnell bis zu FAZ, Berliner Zeitung, Focus und schließlich sogar “Welt am Sonntag” (!) hocharbeitete.

Außerdem arbeitete der auf “Krisenkommunikation“, d. h. Meinungsmache zur Abwehr von Imageschäden, spezialisierte Wissenschaftler an führender Stelle in einem Unternehmen für “Kommunikations- und Reputationsmanagement” namens Medien Tenor (heute: “Media Tenor“), welches immer wieder durch durchaus kreative Geschäftspraktiken von sich reden machte (hier ein Bericht dazu aus der Zeit, als Stock bei dieser Firma tätig war). “Krisenkommunikation” ist zum Beispiel dann vonnöten, wenn einem Energiekonzern die Rohstoffe auszugehen drohen und/oder er durch erklärte Klimaschutzziele unter Druck zu geraten droht. Auch gute Beziehungen zur Politik sind in solch einem Fall von Vorteil.

Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja. Heute arbeitet Stock zufällig als geschäftsführender Gesellschafter bei der Firma, die den Video-Podcast der Bundeskanzlerin (der allgemein als glanzvoller Höhepunkt der Medienlandschaft gilt) produziert. Er arbeitet also, um mit den Worten des betreffenden Unternehmens zu sprechen, “an der Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“, also da, wo “strategisches Management von Entscheidungsprozessen in unserer Mediengesellschaft“, also die Beeinflussung der öffentlichen Meinung, “immer wichtiger” wird. Damit kommen wir “den Idealen der Demokratie ein Stück näher,” erklärt Stock, denn Demokratie besteht bekanntlich darin, daß jemand dem Volk erzählt, was Sache ist.

Darüber hinaus ist Stock seit 2001 “ordentlicher Universitäts-Professor” an einer Hochschule in Weilheim-Bierbronnen mit 34 Studenten, zu deren Gründervätern Papst Joseph Ratzinger gehört und die sich der “Vermittlung der abendländischen Wertvorstellungen, die aus der Durchdringung von griechischer Metaphysik und christlichem Offenbarungsgut als Voraussetzung von Naturwissenschaft und Technik entstanden sind“, der “Kritik der nihilistischen Züge des Zeitgeistes” und der Überwindung der “vielfach sogar unbewussten marxistischen / neomarxistischen Gedankengänge” verschrieben hat. “Albrecht von Brandenstein-Zeppelin” und “Alma von Stockhausen” sind die klangvollen Namen der Leiter dieser Institution. Dekan ist Prof. Dr. Reinhold Ortner (Veröffentlichungen u. a. “Die Finsternis trägt den Namen Luzifer - Die geleugnete Realität: das zerstörerische Wirken Satans. Symptome, Ursachen, Diagnose, Fallbeispiele.“, 2002, “Auf den Spuren des Bösen“, 1991, “Die Berge werden erbeben“, 1985). (Das ist kein Witz.) An dieser staatlich anerkannten wissenschaftlichen Hochschule bildet Prof. Dr. Wolfgang Stock aber nun nicht etwa Wissenschaftler aus, die zwecks Bewahrung der Schöpfung nach Lösungen der Energie- und Klimaprobleme suchen, sondern Journalisten. Sicherlich keine leichte Aufgabe, denn daß es nicht einfach sein kann, von der christlichen Lehre geprägte junge Menschen zu Journalisten nach Art des Hauses Springer oder des Hauses Medien Tenor zu machen, liegt wohl auf der Hand.

Stock ist des weiteren Autor von Büchern gegen den Kommunismus und für u. a. Angela Merkel, Roman Herzog und die “vergessenen Opfer der DDR“, die er z. T. zusammen mit dem heutigen BILD-Chefredakteur Kai Diekmann schrieb. Auf der Website des Brüsewitz-Zentrums, einer Vereinigung, die auf der Selbstverbrennung des gleichnamigen Pfarrers ihr antikommunistisches Süppchen kochte und deren Vorsitzender Stock heute ist, tritt dieser auch noch in seiner Eigenschaft als “Major der Reserve, beordert als Pressestabsoffizier beim Einsatzführungskommando der Bundeswehr” in Erscheinung.

Die Bundeswehr hilft Stock dafür zuweilen bei der Bewältigung seiner schwierigen Lehramtsaufgaben, so daß seine Studenten an der Gustav-Siewerth-Akademie ihre “Erkenntnisse” auch manchmal in der “Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation in Strausberg” oder beim “4. Bataillon des Luftwaffen-Ausbildungsregimentes 1gewinnen können. Böse Zungen behaupten, dies sei Bestandteil einer gezielten Beeinflussungsstrategie seitens der Bundeswehr-Akademie für Information und Kommunikation auf die Medien, bei der sogar Geheimdienstmethoden und Methoden der psychologischen Kriegführung zur Anwendung kämen, oder sehen die Gustav-Siewerth-Akademie, an der Stock unterrichtet, als Bestandteil eines “rechtsklerikalen Sumpfes“. Dafür bleibt den Studenten an diesem Institut aber auch einiges Unangenehme erspart. Zum Beispiel die Anerkennung der Evolutionstheorie, jener “Kombination von Urdummheit plus Urbrutalität“, wie es in einem sicherlich beglückenden, von den Leitern der Hochschule herausgegebenen Buch (”Herkunft und Zukunft des Menschen“) heißt.

Mit diesem beeindruckenden akademischen Hintergrund erzielt Stock in unserem Ranking für das “Global Energy Institute” 98 Punkte. Um 99 Punkte zu erreichen, hätte er auch noch selbst bei BILD und für 100 Punkte bei BILD und BILD am Sonntag arbeiten müssen und der Panzerkreuzritter*) hätte es mindestens zum Oberstleutnant der Reserve bringen müssen.

*)

Ein “Think Tank“, wie er zusammen mit dem Global Energy Institute in Berlin entstehen wird, ist nämlich nicht etwa ein “Behälter” voller guter Ideen. Der Begriff ist militärischen Ursprungs und bezeichnet quasi einen Panzer (engl. “tank“), der die Menschen mit Meinung beschießen und überrollen soll.

 
Während Wolfgang Stock als “Sprecher” der ominösen Initiatoren der “Energie-Universität” fungiert, tritt Dr. Markus Baumanns von der Zeit-Stiftung in den Medien als ihr “Berater” auf. Bei der Stiftung (Motto: Wissen fördern, Kultur bereichern, Chancen eröffnen, Phrasen dreschen) des “rechten LiberalenGerd Bucerius, der Aktionär der Bertelsmann AG und verantwortlich für die Übernahme seiner Wochenzeitung “Die Zeit” durch den Holtzbrinck-Konzern war, ist Baumanns Mitglied des “Teams Vorstand II“. Zuvor hatte er verschiedene Funktionen beim Bund bekleidet, zu dem er als Zuschläger Helmut Kohls gestoßen war. Im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung war er mit “außenpolitischen Fragestellungen beim Aufbau der Internetpräsenz der Bundesregierung” befaßt (was immer diese haben sein mögen).

Baumanns trommelt vor allem für private “Elite”-Universitäten, wobei die selbsternannte Elite seltsamerweise meist bereits bei dem Versuch, den Begriff “Elite” zu definieren, kläglich scheitert, was aber wiederum von den Politikern, die ihr mit offenen Mündern lauschen, kaum einen stört.

Bei der Beurteilung des wissenschaftlichen Rangs Baumanns’ können wir uns auf ein Interview des Deutschlandfunks stützen, auf das ich dankenswerterweise durch das BIGasometer-Blog aufmerksam gemacht wurde und aus dem ich im Folgenden zitieren möchte. Lesen Sie selbst.

Frage: Wie spruchreif ist das Projekt “Energie-Hochschule”?

Spruchreif ist, daß die Planungen zur Zeit auf Hochtouren laufen, wir haben ein Konzept, auch ein Konzept, was mit wissenschaftlichen universitären Mitspielern, um das mal so auszudrücken, bereits abgecheckt ist, so daß das im Grunde von der Theorie her sehr gut steht.

Bemerkenswert ist hier zunächst die feinsinnige Auslegung des Wortes “spruchreif“. Auch wenn man noch kein Ergebnis vorweisen kann, kann man schließlich schon mal darüber sprechen.

Auch der Satz “Wir haben ein Konzept” kommt in der heutigen Zeit, die glücklicherweise dem visionären Potential den Vorzug gibt gegenüber der pedantisch ausgearbeiteten Lösung, sehr gut rüber.

Innovativ kann die Verwendung eines Bildes aus der Hochpreis-Automobilistik (”auf Hochtouren laufen“) in Zusammenhang mit der hier angeblich angepeilten Lösung der Energieprobleme genannt werden.

Daß die Energieversorgung eigentlich ein Spiel ist, wurde durch die Verwendung des Begriffs “Mitspieler” sehr gut herausgearbeitet, und daß diese Mitspieler sowohl wissenschaftlich als auch universitär sind und das Konzept bereits gegenseitig geprüft und abgehakt haben, übertrifft alle Erwartungen.

Im Grunde von der Theorie her” ist eine Wendung von geradezu mustergültiger wissenschaftlicher Präzision. Schon allein die Tatsache, daß der Begriff Theorie hier überhaupt angezogen wird, weist, um das mal so auszudrücken, in höchstem Maße auf Wissenschaftlichkeit hin.

Die Formulierung “daß das … sehr gut steht” schließlich läßt darauf hoffen, daß auch der Sex-Appeal der Wissenschaft an dieser Hochschule nicht zu kurz kommen wird.

Hundert Punkte also für Ideenreichtum, wissenschaftliche Präzision und die Elite-Tauglichkeit der Aufbereitung bei dieser ersten Antwort.

Frage: Warum ausgerechnet Berlin?

Das Spannende an Berlin ist, ähm, oder zunächst, die Hochschule selber ist ja eine europäische Hochschule, das heißt, es geht hier nicht nur um Deutschland, wobei sehr viele führende Technologieinstitute gerade ja in Deutschland sind, das trifft sich gut, mit denen wird eng zusammengearbeitet, aber zum anderen Berlin ein hoch attraktiver Standort ist für die anderen europäischen Länder, die involviert sein werden, die Europäischen Institutionen und, was ihre Geldgeber angeht, auch europäische Energieunternehmen.

Sehr schön, der Hinweis darauf, daß andere Länder es natürlich hoch attraktiv finden werden, eine Einrichtung von internationaler Bedeutung in einem anderen Land als dem eigenen angesiedelt zu sehen. Besser konnte man dem absurden Gedanken, bei dieser Standortentscheidung könnte die von Lobbyisten geschätzte Nähe zur Bundesregierung eine Rolle gespielt haben, nicht begegnen.

Einen kleinen Punktabzug müssen wir allerdings dafür vornehmen, daß Baumanns sich hier verplappert hat und versehentlich die Geldgeber der Europäischen Institutionen erwähnt. 99 Punkte also bei dieser Antwort für taktisches Geschick.

Frage: Soll in der “Energie-Universität” nur gelehrt oder auch geforscht werden?

Ja. Also Forschung, Lehre und Weiterbildung und Denken in den Think Tanks sind da nicht voneinander zu trennen. Es geht in dem Hochschulteil in den drei Schools um Masterstudiengänge, in denen gelehrt wird. Ähm, es geht in dem Think Tank um das Denken und Forschen und es geht in den Schools natürlich auch um das Forschen. [...] Es geht nicht drum, hier etwas völlig Neues zu erfinden, sondern es geht drum, die bereits bestehenden Forschungsinstitute zusammenzubinden mit, äh, anderen Initiativen und eigener Kompetenz.

Hier spricht ein Meister des zirkulären Denkens. Und sein Ziel ist nichts Geringeres als alles zusammenzubinden, ohne dabei außen vor zu bleiben. Das verspricht, spannend zu werden. 100 Punkte für den mutigen ganzheitlichen Ansatz.

Frage: Könnte es einen Konflikt zwischen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Interessen geben?

Es wird eine Hochschule sein, zumindest so ist es in der Planung, die sich darum bemüht, staatlich anerkannt zu werden, daß heißt, die völlig unabhängig ist von den Geldgebern. Ganz unabhängig von der Hochschule nämlich agiert eine Stiftung, deren einziger Stiftungszweck die Förderung der Hochschule ist, die ansonsten aber keine direkte Mitwirkungsmöglichkeit hat innerhalb der Hochschule. Und die Hochschule, mit diesen drei Teilen, wird also sich auf übergeordnete Fragestellungen konzentrieren, und es ist eben nicht so, daß ein einzelnes Unternehmen, ähm, eine bestimmte Fragestellung in Auftrag geben kann und das nur ihm exklusiv zugänglich ist und nicht auch den anderen, jedenfalls soweit es nicht extra und zusätzlich bezahlt wird.

Einfach genial, wie man hier zweigleisig verfährt. Zum einen garantiert natürlich schon allein die Tatsache, daß diese Universität vom Staat anerkannt werden will, die Unabhängigkeit von Geldgebern. Ähm, ja. Nicht wahr?

Zum anderen wird das Geld der Sponsoren ja nicht an die Hochschule gezahlt, sondern an eine Stiftung, die es an die Hochschule zahlt. Dadurch ist diese Hochschule natürlich völlig unabhängig von diesem Geld, wie auch von der Stiftung und den Sponsoren. Genauso unabhängig übrigens, wie die Stiftung es ist von der Hochschule, dem Geld und den Sponsoren. Auch der normale Arbeitnehmer ist ja finanziell von seinem Arbeitgeber völlig unabhängig, denn er erhält ja seinen Lohn nicht von jenem, sondern von der Buchhaltung.

100 Punkte also für die Macher des Global Energy Institute auch in der Disziplin “logisches Denken”.

Der klare Sieger dieses Rankings ist das Team “Die Initiative“, vertreten durch die Pressesprecher und Trainer Wolfgang Stock und Markus Baumanns.

Sand im Getriebe, dafür zwei rosa Herzchen

11. August 2008

Wenn Bürger aufbegehren gegen willkürliche, unsinnige, vielleicht sogar menschenverachtende, die Lebensqualität vieler beeinträchtigende Entscheidungen und Pläne der Politiker und sich beispielsweise in Bürgerinitiativen zusammenschließen, ist das meist zu begrüßen. Der Kampf gegen solche unerträglichen Planungen kostet viel Zeit und Kraft, und früher oder später wird sich die Frage nach dem Erfolg der Bemühungen stellen.

Mindestens zwei Berliner Initiativen hatten in letzter Zeit Erfolge zu verzeichnen. Die Initiative Mediaspree versenken! konnte in einem Bürgerentscheid 87 % der Abstimmenden gegen die wahnwitzigen Pläne eines “Spree-Manhattan” mobilisieren, die Bürgerinitiative Gasometer konnte die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Medien auf die dubiosen Machenschaften im Dunstkreis des Gasometerprojekts lenken. Beide Initiativen haben Spekulanten und Profiteuren erfolgreich Sand ins Getriebe gestreut. Die Investoren müssen nun ihre Fahrt verlangsamen, vielleicht von ihren Lakaien den Sand aus dem Getriebe spülen lassen oder - im für die Bürger günstigsten Fall - sogar aussteigen und ihre Fahrt in einem anderen Rolls-Royce fortsetzen. Die Frage, die ich mir dabei - auch auf die Gefahr hin, mich wieder unbeliebt zu machen - stelle, lautet: reicht das?

Uneingeschränkt bejahen kann man diese Frage wohl nur, wenn man über die Gabe der selektiven Wahrnehmung verfügt oder nur seinen eigenen, eng umgrenzten Interessenbereich betrachtet. Zwar zeigt die arrogant aggressive, die Bürger offen diffamierende Art, wie Politiker wie Junge-Reyer, Sarrazin oder Baldow (alle SPD) sich derzeit in der Öffentlichkeit gebärden, daß sie sich in die Enge getrieben fühlen. Aber: die Fahrt geht in derselben Richtung weiter, von Einsicht keine Spur, und bei Gegenwind treten die Vermarkter des Lebens und der Welt nur umso kräftiger aufs Gaspedal.

Nehmen wir zum Beispiel diese Meldung aus der Berliner Morgenpost. “Berlin bekommt eine Energie-Universität,” heißt es da, “doch das [am Schöneberger Gasometer] geplante Projekt ‘Europäisches Energie Forum’ steht auf der Kippe.” Scheinbar eine gute Nachricht, zumindest für diejenigen, die einen weiteren Potsdamer Platz am Gasometer verhindern wollen.

In Wirklichkeit handelt es sich um eine verheerende Nachricht. Nicht, daß das Hirngespinst “Europäisches Energieforum” auf der Kippe steht, ist nämlich das Wesentliche, sondern daß hier ein gigantischer Lobbyisten-Brutkasten der Energiewirtschaft aufgebaut wird, mit potentiell verheerenden Folgen für die Opfer der daraus resultierenden Politik, die Menschen. Wo dieser Brutkasten entsteht, ob am Schöneberger Gasometer, an der Spree, auf einer Müllkippe in Brandenburg (wo er vielleicht noch am ehesten hingehört) oder sonstwo, ist dabei völlig sekundär.

Global Energy Institute” soll die Privatuniversität heißen, denn auch noch Deutsch zu lernen, dazu hat die crème de la crème der heutigen Akademikerschaft nun wirklich keine Zeit. “Hinter dem ambitionierten Projekt steht die Hamburger ‘Zeit’-Stiftung,” die “geistige Elite” unserer Gesellschaft also. “Die Bundesregierung unterstützt das Projekt, vor allem Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) haben Interesse an einer solchen Einrichtung, die auch als Denkfabrik und Politik-Beratung zu diesem Zukunftsthema fungieren soll.” Gedanken als Fabrikware? Im Fall von Steinmeier und Schavan ist dieses Outsourcing von Fließbanddenken der Eigenleistung vielleicht tatsächlich vorzuziehen. Als Sponsoren sollen die Automobilindustrie, Energieversorger und Ölkonzerne fungieren, also diejenigen, die die Energievorräte der Erde am schamlosesten ausgebeutet und vernichtet haben und die absolut null Interesse an Verzicht auf Energieverschwendung haben. Und das “Ziel ist, Studenten zu Energiegestaltern für Führungspositionen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik auszubilden.

Das interessanteste Wort in diesem letzten Satz ist “Energiegestalter“. Wer solch ein Wort, wie es wohl nur aus der Buchstabensuppe eines Gehirnamputierten geschöpft worden sein kann, ohne Anführungszeichen verwendet, verrät dadurch mehr über seinen eigenen Geisteszustand, als ihm lieb sein kann. Und damit sind wir schon beim eigentlichen Thema.

Um angesichts des Erfolgs von Bürgerprotesten nämlich insgesamt optimistisch gestimmt zu sein, genügt es nicht, konstatieren zu können, daß den Mitverantwortlichen für eine negative Entwicklung Sand ins Getriebe gestreut wurde. Es muß zumindest eine negative Entwicklung in eine positive verkehrt worden sein. Man darf nicht mehr den Akteuren - um Korrekturen feilschend - immer verzweifelter in die verkehrte Richtung hinterherlaufen müssen, sondern die Fahrt muß - wie langsam auch immer - jetzt in die richtige Richtung gehen. Und der Hydra dürfen nicht für jeden abgeschlagenen Kopf zehn neue nachwachsen. Ein solcher Zustand läßt sich nach meiner Überzeugung aber nur durch ein radikales Umdenken in der gesamten Gesellschaft erreichen, das auch die Politiker zur Umkehr zwingt. Und von diesem Umdenken sind wir, wie der obige Morgenpost-Artikel stellvertretend für nahezu alle Medienberichte zeigt, weiter entfernt denn je.

In der Sprache spiegelt sich das Denken (oder eben das Fehlen desselben), und die Bereitschaft aller, nicht nur der Medien, die die herrschende Ideologie transportierenden und ansonsten inhaltsleeren Sprechblasen der Werbung (und heute ist alles Werbung) kritiklos unendlich zu vervielfältigen, nimmt nach meinem Eindruck trotz isolierter Erfolge einer Gegenbewegung unaufhörlich zu. Von einer allgemeinen Umkehr, einem Umdenken oder auch nur Hinterfragen, kann keine Rede sein. Selbst im Umfeld der Bürgerinitiativen ruft ein Begriff wie “Stadtumbau” kaum Gänsehaut hervor. Auch dort palavert man von “Aufwertung” der Flächen, die notwendig sei, und von “Nutzungskonzepten“, und man sagt “Brache” statt “Natur” und übernimmt damit die herrschenden Wertvorstellungen und die Terminologie der Ausbeuter, für die alles, auch Boden, Tier und Pflanze, nur dazu da ist, für eigene Zwecke mißbraucht und zu Geld gemacht zu werden.

Diese Haltung ist keine Minderheitsmeinung, und sie nimmt nicht nur nicht ab, sie wird von den meisten nicht einmal bekämpft oder als falsch erkannt.

Ein weiteres Beispiel: als das Hauptstadtblog eine Notiz zur Leuchtreklame am Gasometer brachte, dauerte es selbst an einem Sonntag mitten im Sommerloch nicht allzu lang, bis der erste Leserkommentar von dieser Qualität eintrudelte:

gaehn… typisch deutsche bedenkentraegerei [...] jetzt gab es eine testphase und keine beschwerden - reicht offenbar einigen querulanten immer noch nicht. berufsnoergler, was? [...] irgendwer hat immer etwas zu meckern. meinetwegen. schade, dass diesen leuten jedoch immer so viel raum eingeraeumt wird.

Auch solch ein Kommentar ist nicht das Ergebnis eines Unglücksfalls im Haushalt seines Verfassers. Auch er ist typisch für das “Denken” weitester Bevölkerungskreise (siehe auch hier). Und er ist, wie auch z. B. die inhaltlich vergleichbare Stellungnahme Ingeborg Junge-Reyers zu Mediaspree versenken, das Ergebnis jahrzehntelanger neoliberaler Gehirnwäsche, die nicht nur bei den Politikern, sondern auch bei der Mehrheit der Bevölkerung gegriffen hat.

Seit Helmut Schmidt ist dieses Land in der Hand der “Macher”. Es wäre höchste Zeit, den Machern das Zepter aus der Hand zu nehmen und es den “Denkern”, den “Bedenkenträgern”, “Querulanten” und “Berufsnörglern” von mir aus, wieder in die Hand zu geben. Das zu erreichen wäre die eigentliche Aufgabe. Aber es ist eine übermenschliche Aufgabe. Nicht nur, weil die Erreichung dieses Ziels in einer Demokratie die Einsichtsfähigkeit der Masse voraussetzen würde, einer Masse, der das Denken gerade über Jahrzehnte hinweg durch Glotze, Handy, MP3-Player, Sport, Internet und sonstige Kuchen und Spiele im Interesse der Reichen gezielt abtrainiert worden ist, sondern auch, weil es kaum noch Denker gibt. Und die, die es vielleicht noch gibt, die haben vermutlich inzwischen keine Lust mehr.

Nach so viel Bedenkenträgerei ist es nun Zeit für etwas Optimismus. In unserer “Rosa-Herzchen-Serie” holen wir uns den heute aus der Berliner Zeitung.

Die erste positive Meldung lautet: die SPD hat zwei neue Mitglieder. Louisa Tomayer (l.), 16, und Geraldine Richter, 16, sind den Jusos beigetreten. “Sozialismus ist halt schon ein krasses Ding,” werden sie in dem Blatt zitiert. “Besser wäre es, wenn man so ein gesundes Mittelding finden würde.

Die zweite aufbauende Nachricht erreicht uns aus Afghanistan. Dort wurde mit über 100 000 US-Dollar das Projekt “Skateistan” ins Leben gerufen, das “im Lauf von zwölf Monaten 60 afghanischen Schülern und Schülerinnen die Grundlagen des Skateboardens, Lehrtechniken, das Management von Skate-Parks sowie englische Sprachkenntnisse vermitteln” soll. Und dies noch dazu in der wärmenden Obhut ausländischer Beschützer.

Diese Meldung stimmt gleich aus zweierlei Gründen fröhlich. Zum einen ist es einfach wundervoll, daß nun den afghanischen Jugendlichen das schwere Los unser aller Vorfahren erspart bleibt, die allesamt ohne Skateboard ihr armseliges Dasein fristen mußten, zum anderen ist es tröstlich zu wissen, daß wir Deutschen mit unserer überwiegend unterbelichteten Jugend nicht alleine dastehen.

Lied von der Kiste

9. August 2008

Die Trümmerbahn kommt gut voran
Bald ist alles aus
Im Führerstand der geile Herr
Bringt Euch jetzt nach Haus

Die Nabelschnur ist abgetrennt
Der Doktor ist ein Clown
Die Maden tanzen ganz behend
Auf dem Gartenzaun

Refrain:
    In meiner roten Kiste
    Da bin ich zu Haus
    Aus meiner roten Kiste
    Komm ich nicht mehr raus

Von Eurem geilen Werbeschirm
Lacht die Trümmerfrau
Ihr Angebot: Die Zukunft brennt!
Wer mitmacht, der ist schlau!

Auf nem Sockel in der Spree
Steht der Trümmermann
Hat ein Kleid aus Löchern von
Schweizer Käse an

    In meiner roten Kiste
    Da bin ich zu Haus
    Aus meiner roten Kiste
    Komm ich nicht mehr raus

“Es kann dauerhafte Standorte für wechselnde experimentelle Zwischennutzungen geben.”
(Aus der Krankenakte von Ingeborg Junge-Reyer. Ingeborg Junge-Reyer ist der Thilo Sarrazin der SPD.)

Volk meets Fuhrer (III)

27. Juli 2008

Warum Barack Obama bei seiner legendären Rede am Donnerstag in Berlin immer nach links oder rechts guckte, aber fast nie geradeaus, das wissen wir. Links und rechts vom Rednerpult standen die Teleprompter.

Inzwischen wissen wir aber auch, warum er trotz des immensen Jubels, der ihm aus dem Publikum entgegenschlug, so wenig relaxed wirkte und sein Lächeln so verkrampft: die fähnchenschwingende, jubelnde Masse, der er da gegenüber stand - das waren Republikaner.

Und deren Rechnung ist offenbar aufgegangen. Eine Suche nach “Obama Berlin” in Google Blog Search ergibt 24.790 Treffer für die ersten zwei Tage ab dem 24.07.08. Das ist eine gewaltige Zahl von Bloggern (selbst wenn man bedenkt, daß etwa 23.000 der Fundstellen natürlich nur der übliche Google-Schrott sind), und ein Großteil der Mitglieder dieser schmierenden Zunft meint: wer bei den Berlinern ankommt, der kann kein guter Amerikaner sein.

Tonight I speak to you [...] as a [...] proud citizen of the United States and a fellow citizen of the world,” so hatte Obama seine Berliner Rede begonnen. Wie kann man stolz sein, Bürger eines Landes zu sein, das so viele Kriege angefangen, so viele Verbrechen begangen und so viele Menschen weltweit ins Unglück gestürzt oder ermordet hat wie kein zweites seit dem zweiten Weltkrieg? Das ist die Frage, die man sich als halbwegs informierter und nicht emotional verkrüppelter Mensch bei einem solchen Satz zwangsläufig stellt. Auch unsere amerikanischen Freunde haben Probleme mit diesem Satz. Nur nicht mit seinem ersten Teil. Sie fragen sich, wie man es wagen kann, sich als “Weltbürger” zu bezeichnen, wenn man doch eine US-Wahl gewinnen will (Beispiel, Beispiel, Beispiel, Beispiel). Selbst die “Volk ohne Raum”-Nummer wird dabei abgezogen (bei 31 Einwohnern pro km2 gegenüber 230 in Deutschland).

Ein weiterer Punkt, der die Gemüter unserer amerikanischen Freunde erregte, war neben Obamas als unerhört und linksradikal empfundenem Lippenbekenntnis zu mehr Gerechtigkeit, Verantwortung und Rücksichtnahme auf der Welt die Tatsache, daß er dem größten amerikanischen Militärkrankenhaus außerhalb der USA keinen Besuch abstattete. (In Landstuhl werden die Opfer der amerikanischen Kriege so weit es geht wieder zusammengeflickt - nur die der eigenen Seite, versteht sich - und fit gemacht für den nächsten Überfall auf ein anderes Land.)

Und daß der Kommunist, Sozialist, Extremist, Marxist und Antichrist Obama auch noch einen Klimawandel erfindet, nur um sich bei den alten Europäern einzuschmeicheln, das werden die US-Amerikaner dem zukünftigen Präsidentschaftskandidaten nie verzeihen.

Ein Blick auf die US-amerikanische Volksseele, wie sie sich auch in den oben verlinkten Blogs widerspiegelt, ist natürlich fast immer auch ein Blick in einen Abgrund, der einen erschaudern läßt. In Bezug auf Barack Obamas Rede in Berlin hat er allerdings noch einen weiteren Effekt: es erscheint plötzlich bewundernswert und ziemlich mutig von dem Bewerber um die Präsidentschaft, einen für uns so einfachen und selbstverständlichen Satz gesagt zu haben wie: “mein Land hat Fehler gemacht“. Und manches, was uns an seinem Auftritt vorher hölzern und banal vorkam, erscheint uns plötzlich hochintelligent.

Volk meets Fuhrer (II)

25. Juli 2008

Es kommt sehr selten vor, dass auf einem wissenschaftlichen Kongress der gleiche Vortrag zweimal gehalten wird. Auf dem Weltkongress der Psychologie, der diese Woche in Berlin stattfindet, war das gestern der Fall: Philip Zimbardo, ein US-amerikanischer Sozialpsychologe, redete noch einmal in dem Saal, der tags zuvor wegen Überfüllung geschlossen worden war. Insgesamt waren es um die zweitausend Psychologen, die Zimbardo zuhörten, und viele von ihnen standen nach dem Vortrag auf, um ihm zu applaudieren - der 75-Jährige war der unbestrittene Star des Berliner Kongresses.” (Berliner Zeitung vom 25.07.08)

Der Mann, der hier die Standing Ovations seiner Wissenschaftlerkollegen entgegennahm, war 1971 durch das “Stanford Prison Experiment” berühmt geworden. Er teilte damals seine Studenten ein in Wärter und Gefangene und ließ sie im Keller der Universität “Gefängnis” spielen. Dann schaute er ihnen dabei zu und filmte sie, wie sie anfingen, sich gegenseitig zu quälen und zu foltern.

Er selbst spielte den Gefängnisdirektor und bekennt heute freimütig, dabei “emotional abgestumpft” zu sein.

Erst durch die Intervention einer Außenstehenden wurde das “Experiment” schließlich in letzter Minute gestoppt.

Wie nennt man solcherlei Forschung am lebenden Menschen? Gelebten Sadismus à la Mengele? - Vielleicht. Aber die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die dabei gewonnen wurden, rechtfertigen doch wohl das Vorgehen. Zimbardo ist schließlich, wie George W. Bush, Spezialist für die “Psychologie des Bösen” und den “Luzifer-Effekt“.

Und wie lauten seine Erkenntnisse? - “Es gibt nicht die gute oder die böse Person - jeder von uns trägt beide Eigenschaften in sich.

NEEIN! WIRKLICH?