Verfangen im Netzwerk: tschüß, Gasometer!

21. Juli 2007

Am 11. April 2007 meldete die Berliner Zeitung den Verkauf des Schöneberger Gasometers durch die Gasag. Über den Namen des Käufers sei Vertraulichkeit vereinbart worden. Daß die Öffentlichkeit nun doch noch erfährt, wem sie die zukünftige Verschandelung Verschönerung ihrer Denkmäler zu verdanken haben wird, verdankt sie dem wackeren Lars Oberg, seines Zeichens Abgeordneter der SPD für unseren Wahlkreis. (Zwar warten wir immer noch auf die Einlösung der Wahlversprechen des Herrn Oberg vom September 2006, aber der Mann kann ja nicht alles machen.)

Gasometer SchönebergBeim Schöneberger Gasometer handelt es sich um so etwas wie das Wahrzeichen der Planquadrate O-Q 9-11 von Berlin (Falk-Plan, 17. Auflage). Ich habe aber auch schon ausländische Touristen getroffen, die den weiten Weg vom Potsdamer Platz zu Fuß auf sich genommen hatten, um dieses merkwürdige Objekt, das sie von dort aus in der Ferne gesehen hatten, zu erkunden.

Doch genug der Vorrede. THE WINNER IS: REINHARD MÜLLER alias MR. BAUQUALITÄT. YEAHHHH!
AND THE LOSERS ARE: Alle Berliner und Besucher Berlins, die sich bisher am Gasometer in seiner jetzigen Form erfreut haben und dies auch weiterhin gern tun würden.

Reinhard Müller ist Architekt und außerdem Gründer, Veräußerer, Teilhaber und/oder Geschäftsführer einer Vielzahl von Unternehmen. Sie heißen Architekturbüro Reinhard Müller GmbH, REM Gesellschaft für Stadtbildpflege und Denkmalschutz mbH, REM+tec Gesellschaft für Projektentwicklung und Denkmalschutz mbH, IVG AG, Wert-Konzept, TERCON Immobilien, KONZEPT plus Reinhard Müller & Co. GmbH oder HAUSplus Verwaltungsgesellschaft.

So unübersichtlich wie die Strukturen dieses Firmenimperiums sind für den Außenstehenden auch die Aktivitäten Müllers und seiner Firmen. Fest steht nur, daß Müller und sein “umfangreiches Netzwerk” (wie es auf seinen Internet-Sites heißt) an einer schier unübersehbaren Zahl stadtbildprägender Bauten und Projekte in Berlin beteiligt ist bzw. war, sei es als Architekt, Bauherr, Käufer, Sanierer, Umwandler, Verkäufer, Geldgeber oder Dienstleister. Neben zahllosen Wohn- und Geschäftshäusern gehören dazu Großprojekte und Objekte Unter den Linden, am Leipziger Platz und Hackeschen Markt, das Frankfurter Tor, der Hafen Tempelhof (dort soll - wie originell - ein Shopping Center und ein Parkhaus mit 700 Plätzen entstehen) und die Spreespeicher an der Oberbaumbrücke mit dem ehemaligen Eierkühlhaus (jetzt Universal), das durch die vorgehängte Glasfassade (trotz Denkmalschutz) sehr stark verändert wurde. Auf der anderen Seite des Flusses plant Müller im Rahmen des mediaspree-Projekts inzwischen die Neuen Spreespeicher mit Wassertaxi-Verbindung zu Universal.

Viele der Objekte, mit denen Müller sich beschäftigt, sind Denkmäler. In Zeitungsartikeln kritisiert er “staatliche Regulierung” und Normen, die Berliner Bauordnung und die “‘Reichsbedenkenträger’ in der Berliner Verwaltung“, die ihn offenbar in der freien Entfaltung seiner denkmalpflegerischen Unternehmerpersönlichkeit behindern. Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb?) gründete er 1999 die Stiftung Denkmalschutz Berlin (Sitz: Frankfurter Tor 1) und war Mitglied des Landesdenkmalrats Berlin, dem Beratungsgremium für den Senat in Denkmalschutzfragen, sowie des Aufsichtsrats der “Partner für Berlin Holding”, einer Gesellschafterin der Berlin Partner GmbH, welche als Public-Private-Partnership mittels “starker Netzwerke” “jede Unterstützung” für Investoren bietet, und zwar “schnell, unbürokratisch und kostenfrei”.

Die mit einem “Festakt [...] im Abgeordnetenhaus von Berlin” ins Leben gerufene Stiftung Denkmalschutz dagegen ist “selbstlos tätig und verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke. [...] Eine ihrer vorrangigen Aufgaben besteht [...] notwendigerweise in der Einwerbung von Zustiftungen, um ihre Ziele verwirklichen zu können. Als weitere Aufgabe entwickelt sich zunehmend, Finanzierungspläne für die Restaurierung von Baudenkmalen zu erarbeiten und die Durchführung der Restaurierung zu organisieren.” Das ist eigentlich ziemlich genau das, was auch Müllers Firmen machen.

Wie ausschließlich und unmittelbar gemeinnützig und selbstlos die Stiftung bei der ihr vom Senat übertragenen Rettung der bedeutendsten Denkmäler der Hauptstadt vor dem anderenfalls sicheren Untergang tatsächlich vorgeht, das wurde vom RBB in der Sendung Klartext vom 05.04.2006 am Beispiel des Charlottenburger Tors eindrucksvoll beschrieben. Kurz zusammengefaßt: die Stiftung entdeckt (vermeintlichen? s. u.) Sanierungsbedarf an Denkmälern und bietet sich an, die Arbeiten kostenlos für die öffentliche Hand durchzuführen. Dann verschwinden die Bauten jahrelang unter riesigen Werbeplanen. Über die Einnahmen braucht die private Stiftung keine Rechenschaft abzulegen, und zu einer öffentlichen Ausschreibung der Baumaßnahmen kommt es auch nicht.

Bezüglich der Ausführung der Arbeiten gibt es zuweilen Divergenzen mit dem Landesdenkmalamt, aber das macht der Stiftung nichts, denn sie hat ja das Geld und ihrem Kontrahenten fehlt es.

Anläßlich der Verhüllung des Brandenburger Tores geriet der Club der Selbstlosen gar in den Verdacht, an “Filzstrukturenbeteiligt zu sein, und die Notwendigkeit der Sanierung generell wurde angezweifelt.

Gasometer SchönebergUnd nun ist Reinhard Müller also neuer Eigentümer “unseres” Gasometers. Was mag er da nur vorhaben? Ein Blick auf eine seiner Internet-Sites (www.remtec.eu) zeigt es: mitten in den Gasometer hinein will er einen Büroturm setzen und außen Werbung anbringen. Das bedeutet: der Gasometer büßt seinen filigranen Charakter völlig ein und verkommt zur Fassaden-Deko. Nutzer soll ein gewisses “Europäisches Energie Forum (EUREF)” werden, das allerdings bisher nur auf Müllers eigener Site zu existieren scheint. Vielleicht muß Müller diese europäische Behörde ja erst noch gründen? Die entsprechenden Domains (europäisches-energie-forum.com, .net und .org) hat er jedenfalls schon mal - in allen möglichen Schreibweisen - auf seinen Namen registriert.

Und da die in einer so hochrangigen Behörde Beschäftigten natürlich nicht mit den Öffentlichen oder mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, brauchen sie auch einen eigenen Autobahnanschluß. Die Torgauer Straße mit dem schönen alten Kopfsteinpflaster wird dafür stillgelegt.

Auf der Autobahnseite des Gasometers will Müller eine riesige Werbeanlage aus tausenden von Leuchtdioden anbringen, berichtet uns Lars Oberg in seinem eingangs erwähnten Artikel. Kritik an diesem Vorhaben äußert Oberg nicht.

15 Kommentare zu “Verfangen im Netzwerk: tschüß, Gasometer!”

  1. ABRISSBERLIN » Blog Archiv » Wahrzeichen der Roten Insel privatisiert

    [...] Der Berliner Filz ist lebendig wie eh und je: Dem Schöneberger Gasometer stehen nun Um- und Anbauten und weithin sichtbare Leuchtwerbung bevor. O welch Freude für uns Alle! Der Glöckner läutet unserem geliebten Gasometer zum traurigen Abschied mit einem Hintergrundartikel. [...]

  2. Ostprinzessin » BZ-Blog » Blog Archiv » Wahrzeichen der Roten Insel privatisiert

    [...] Der Berliner Filz ist lebendig wie eh und je. Dem Schöneberger Gasometer stehen nun Um- und Anbauten sowie weithin sichtbare Leuchtwerbung bevor. O welch Freude für uns Alle! Der Glöckner läutet unserem geliebten Gasometer zum traurigen Abschied mit einem Hintergrundartikel. [...]

  3. Peter

    Wenn man bedenkt, welchen Affentanz Behörden oftmals aufführen, wenn es um beispielsweise einige Zentimeter zu hohe/niedrige Gebäude geht, bleibt eigentlich nur der Schluß, dass hier Wolle nach DIN 61205 im Spiel ist.

  4. ali mente

    ja ja, der müller. seine villa im schwarzen grund (dahlem dorf) und u.a. sein ferrari 456 gt wollen halt finanziert werden :o) und im cafe einstein unter den linden finden ab und an treffen von teilhabern seiner immobilien-firmen statt. eins muss man müller zu gute halten: was der typ anfasst wird zu geld. und das wird auch beim gasometer nicht anders sein.

  5. Neues vom Glöckner » Blog Archiv » Alice nervt!

    [...] drei Jahre lang war das Charlottenburger Tor von der sogenannten Stiftung Denkmalschutz Berlin mit gigantischen Werbeplanen verhüllt worden. Als die Planen dann endlich fielen, hatte sich die [...]

  6. Elkatiwo

    Aha, dieser Müller hat auch die unter Denkmalschutz stehende Eisfabrik am Spreeufer für die Treuhand (www.TLG.de) neu beplant:

    http://www.mediaspree.de/cms2/fileadmin/bilder/Eisfabrik.gif

    Dabei erinnert später an das Gebäude nur eine eisig wirkende Glasfassade.

    Doch dazu wird es nicht kommen! Rettet die die Eisfabrik! heißt das Motto einer aus Anwohnern hervorgegangenen Initiative!

  7. admin

    Zur Eisfabrik gibt es hier sehr gute Fotos und Informationen:
    http://www.berlin-eisfabrik.de

    Der Müller, der die Glaskästen da hin setzen will, scheint allerdings ein anderer Müller zu sein. Der heißt anscheinend “Thomas”.

    Wenn man dieses Foto hier sieht, kann man nur noch sagen: die spinnen!

  8. logie

    Entschuldigt bitte, ich habe heute nach langem herausgefunden wer den Gasometer erworben hat. Leider ist mir ein Herr Reinhard Müller nicht geläufig, auch der Zusatzname : Mr. Bauqualität, leider nicht. Baut der nur Fassaden ? ( Fassadenbauer ? vielleicht ) Oder ist der in der Werbung tätig ? Ich habe hier nur kurz die Komentare überflogen.
    Wer kann mir denn mehr von dem Herrn Reinhard Müller berichten und seine wahre Tätigkeit. Die Internet-Site von Rem…. sieht soviel nichtssagend und anonym aus, so dass ich mir beim besten Willen nicht so recht vorstellen kann, was der gute Mann mit dem Gasometer vor hat. Sollen da wirklich mal wieder ( weil wir ja so wenige davon haben ) Büros
    reingebaut werden ?
    Vielen Dank für die Aufklärung.

  9. admin

    Ich weiß über Herrn Müller auch nur das, was man über Google findet.

    “Baut der nur Fassaden?”

    Ha, ha. Ja, in gewissem Sinne schon. Gibt es noch etwas anderes als Fassaden?

    “Sollen da wirklich mal wieder … Büros
    reingebaut werden?”

    Davon gehe ich aus. Was das soll, wissen nur die Verantwortlichen, wenn’s hoch kommt.

  10. logie

    Vielen Dank admin,

    das mit den “Fassaden” war auch in gewissem Sinne so gemeint. Habe schon mal für zwei
    “Fassadenbauer” gearbeitet. Die wussten nicht wohin ( Sinnvoll ) mit ihrem Geld. Im Endeffekt kamen zu 99% nur eben solche “Fassaden” dabei heraus. Und die fanden das auch ganz toll, kotz ab und armes Berlin. Es gibt zu viele von diesen “Fassadenbauern” in Nadelstreifen.
    Vielen Dank nochmals, werde mich über Google auf Mr. Bombastiks “Hochglanzsite`s ” vernebeln lassen und mir sagen: Hättest Du mal damals im Fach: “Scheiße bauen” besser aufgepasst. Dann könnte ich mir auch einen Gasometer kaufen und die Fassade schön machen. Allen noch einen schönen “Hochglanz” Tag.
    Gasag, ich liebe Dich.

  11. t.

    Ihr labert alle nur scheiße mit eurem Halbwissen. Immer diejenigen Assis, die sich über allen Kack beschweren, die sind tatsächlich nur NEIDER, und gönnen niemand anderen Erfolg. Geht mal lieber arbeiten ihr Hartz 4 Leute!!!

  12. logie

    Halbwissen ??? scheiße = die Scheiße, Substantiv!!! Lach ab :-))))))) Du bist echt lustig. Schreib mal wieder… Aber eigentlich hast Du ja Recht, Schnautze halten und hinnehmen. Hatten wir ja schon mal. Und hinterher guckst Du nur…

  13. Neues vom Glöckner » Blog Archiv » Alles normal?

    [...] dieser BI, durch einen beherzten Blick ins Grundbuch festgestellt (oder feststellen lassen), daß Reinhard Müller zumindest das Kernstück des Geländes, den Teil, auf dem der Gasometer steht, gar nicht gekauft [...]

  14. Neues vom Glöckner » Blog Archiv » Nightmare Screen

    [...] mit dem früheren Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und jetzigen Mitarbeiter Reinhard Müllers Christian Kuhlo in die Investorenecke [...]

  15. Neues vom Glöckner » Blog Archiv » Goliaths Feier

    [...] Blogs sicherlich aufgrund seiner Zusammenarbeit mit Reinhard Müller bei der berühmt-berüchtigten Stiftung Denkmalschutz Berlin bekannt, als Geschäftsführer der “Euref Institut gGmbH” vorgestellt, und Albert Speer [...]

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