Die Traufemacher

26. August 2007

In meiner Nachbarschaft, in einer Gegend, die laut gerade erschienenem Mietspiegel eine der “preiswertesten” ganz Berlins ist, steht manchmal ein Ladenbesitzer vor seinem Laden und blickt mit sorgenvoller Miene zum Himmel. Was er da sieht - und warum so sorgenvoll - das ist den Flugblättern zu entnehmen, die er an sein Schaufenster geklebt hat: der Mann sieht Chemtrails.

Chemtrails, das sind “Kondensstreifen” aus Chemikalien wie etwa Aluminiumstaub, welche von den Illuminaten oder der jüdisch-amerikanischen Weltverschwörung absichtlich in die Atmosphäre verbracht werden, um das Wetter und/oder die menschliche Psyche zu beeinflussen und so die Weltherrschaft zu erlangen. Dies kann man z. B. auf Treffen dubioser rechtsgerichteter Gruppierungen in den Hinterzimmern mancher Berliner Kneipen lernen.

Von offizieller Seite wird die Existenz solcher “Chemtrails” natürlich dementiert und statt dessen behauptet, die bizarre Wolkenbildung, die für jeden, der ab und zu den Himmel betrachtet und sich noch daran erinnern kann, wie Wolken früher einmal aussahen, auffällig ist, sei nicht durch Sprühflugzeuge, sondern durch den normalen Luftverkehr verursacht, sei also nicht eine Folge des höheren Wahnsinns einzelner übergeschnappter Möchtegern-Weltenherrscher, sondern nur des ganz normalen, alltäglichen Mobilitätswahns.

Angesichts der sehr realen Allmachtsfantasien und perversen Konfliktlösungsstrategien, mit denen die USA die Welt immer wieder beglücken, fällt es allerdings nicht ganz leicht, die Verschwörungstheorien bezüglich Chemtrails einfach abzutun.

Neue Nahrung erhalten sie zudem durch einen Artikel in der Berliner Zeitung von gestern, in dem von “Hagelbekämpfung” über Süddeutschland mittels Flugzeugen berichtet wird, die bei aufkommendem Gewitter die Wolken mit Silberjodid besprühen (hier die Site eines österreichischen Wetterverbesserungsdienstleisters, bei der ich mir nicht sicher bin, ob es sich nicht um Satire handelt). Die Maßnahme sei zwar nach allgemein vorherrschender Meinung wirkungslos (d. h., sie hat keine positive Wirkung), werde aber trotzdem durchgeführt, da sich kein Politiker von den Bauern, die sich gerne eine Hagelversicherung sparen möchten, Untätigkeit vorwerfen lassen will.

Eine kurze Internet-Recherche zeigt, daß der in dem Artikel beschriebene Sachverhalt keineswegs neu ist und daß derartige Praktiken der Wetterbeeinflussung bereits seit den fünfziger Jahren gang und gäbe sind. Die einen wollen Stürme (Neudeutsch: “Hurrikane”) verhindern, andere wollen Regen verhindern, wieder andere Regen machen oder eben Hagel verhindern. Da drängt sich doch irgendwie der Gedanke auf, daß das Wetterchaos, das wir in diesem Jahr erleben, vielleicht gar nicht nur durch den CO2-Ausstoß verursacht wurde, den unsere Bundesregierung nun so beherzt durch immer neue konsumfördernde Maßnahmen zu Lasten des kleinen Mannes angehen will, sondern daß die Atmosphäre einfach unter den ständigen Attacken offenbar von allen guten Geistern verlassener Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer langsam durchdreht.

Die Wissenschaftler - wir erinnern uns - sind ja die, die praktisch alles, was unser Leben heute so lebenswert macht, überhaupt erst möglich gemacht haben. Ohne sie gäbe es keinen Quarzwecker, keine Klingeltöne, keinen Energy-Drink und keine Atombombe. Sie erkennen das Molekül am Schwanzende des Grottenolms und wissen, wie man es verwertet. Nur die Unendlichkeit ihrer eigenen Beschränktheit angesichts eines unendlich komplexen Universums, die erkennen sie nicht. (Da war Sokrates schon mal weiter.) Und deshalb sind sie auch in dem Glauben gefestigt, sie seien eigens dazu geschaffen, die Schöpfung zu verbessern.

Ich frage mich, was geht in den Hirnen dieser Wissenschaftler eigentlich vor, und warum nichts? Und wie kann man sie stoppen?

6 Kommentare zu “Die Traufemacher”

  1. sliqq

    Der Größenwahnsinn der Wissenschaft - da bin ich ganz deiner Meinung:
    http://www.sliqq.de/2007/08/21/schnee-von-gestern-nebel-von-heute/

    Mein Titel sollte allerdings nicht auf Chemtrails anspielen.

    Wissenschaftler kann man nicht stoppen, solange sie sich als “Elite” betrachten und vorwiegend damit beschäftigen, sich von einem Pöbel namens “Masse” abzugrenzen. Der allerdings (zumindest in Deutschland) ihre Pensionen erarbeiten darf.

    Der immer wieder sehr lesenswerte Paul Feyerabend plädiert deshalb in “Erkenntnis für freie Menschen” für die Trennung von Staat und Wissenschaft (die die Trennung von Staat und Religion abgelöst hat).

  2. sliqq

    Gemeint war: Feyerabend plädiert für die Trennung von Staat und Wissenschaft, wie einst Staat und Religion getrennt wurden. Religiös begründete Allmachtsphantasien wurden seit der Aufklärung zunehmend durch wissenschaftlich begründete ersetzt.

  3. admin

    Die Trennung von Physikerinnen und Politik wäre vielleicht schon mal ein guter Anfang…

    P.S.: Bin gespannt, wie es mit Deinem Blog weitergeht.

  4. sliqq

    *g*

    merci für die vorschusslorbeeren. hätte ich mehr zeit, würde ich mich mehr um mein blog kümmern. hoffe, einen akzeptablen beitrag pro woche hinzubekommen.

  5. classless

    Die Illuminaten?

    http://www.classless.org/2007/08/24/die-illuminaten-intention-und-entstehung/

  6. Der CIA vergiftet uns mit “Chemtrails” (künstlichen Gaswolken)? » Frank Wettert

    [...] für die Politik und das Militär geht es dabei um bewusste Wetter-Manipulation [...]

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