Prälat, Prälat, wo ist der Sinn?

5. September 2007

Prälat, Prälat, ich finde nicht
Prälat, Prälat, Dein Angesicht

(frei nach Wolf Biermann)

Lidl in Schöneberg, September 2007

Während Angela Merkel verzweifelt die Pole überfliegt und händeringend nach einem unternehmerfreundlichen Ausweg aus dem Klimadilemma sucht, weiß man in Berlin Schöneberg längst, daß das ganze Gerede vom Klimawandel nur ein Märchen ist. Wie anders könnte sonst zu erklären sein, daß man in diesem Bezirk heute noch riesige Parkplätze baut?

Lidl in Schöneberg, September 2007

Natürlich sind das nicht irgendwelche Parkplätze. Sie dienen einem höheren Zweck, und der heißt: kaufen.

Dabei hatte alles einmal ganz anders angefangen, nämlich so:

Schloßbrauerei Schöneberg, 19131913

Prälat in Schöneberg, 19391939

Es war einmal ein Stadtteil von Berlin, der hieß Schöneberg. Er hatte so etwas wie Lebensqualität, nur nannte man das damals noch nicht so, denn es war selbstverständlich. Diese Lebensqualität drückte sich aus in zahlreichen riesigen Biergärten, Lokalen, Theatern und Kinos. Eines der Lokale hieß “Prälat“, gegründet 1936 auf dem Gelände der “Schloßbrauerei” an der Schöneberger Hauptstraße, die dort seit 1867 bestand und aus dem erstmals 1375 urkundlich erwähnten Dorfkrug hervorgegangen war.

Nach dem zweiten Weltkrieg, 1950/51, riß man das “Schlößchen” aus dem Jahre 1776, das der Brauerei vermutlich ihren Namen gegeben hatte, zusammen mit weiteren alten Gebäuden ab und errichtete statt dessen einen großen Festsaal, der 1965/66 durch Erweiterungsbauten noch einmal vergrößert wurde. Jetzt standen dort acht Säle für bis zu 3.000 Besucher zur Verfügung, in denen Filmstars wie Gina Lollobrigida, Sophia Loren und Romy Schneider zu Gast waren.

Prälat Schöneberg, 2005

1987 gab der Pächter dann den Prälat auf. Andere, noch größere Säle sollen damals diesem Veranstaltungsort den Rang abgelaufen haben. Tatsächlich dürfte wohl auch der häßliche Parkhaus-Neubau von 1968, der an die Stelle des früheren Gartens getreten war, dazu beigetragen haben, die Gäste zu vertreiben.

Schon zwei Jahre zuvor hatte die Schultheiß-Brauerei das Gelände an die Unternehmensgruppe Franke verkauft. Der neue Eigentümer ließ die z. T. denkmalgeschützten Säle verfallen. Auch Brandstiftung, wie sie rein zufällig bei Spekulationsobjekten des öfteren auftritt, fehlte nicht.

Prälat Schöneberg, Abriß 2007

2004 erwarb schließlich die Schwarz-Gruppe (”Lidl“) den Komplex. Sie ließ die nicht ganz denkmalgeschützten Gebäude abreißen…

Prälat Schöneberg, 2006

Lidl Schöneberg, 2007

und statt dessen in Rekordzeit einen der klassischen Lidl-Tempel errichten, wie sie gleichzeitig auch an anderer Stelle entstehen, etwa an der Kolonnenbrücke, nur wenige Meter von wieder einem anderen Lidl, dem an der Monumentenbrücke, entfernt. Da Lidl außerdem allein in Schöneberg mindestens noch fünf weitere Filialen betreibt, ist den Stadtvätern der Eifer nicht hoch genug anzurechnen, mit dem sie die Versorgung der Bevölkerung mit hochwertigen Lidl-Produkten sicherstellen.

Überhaupt scheinen die gewählten Volksvertreter mit der neu entstandenen Konsumfabrik überwiegend zufrieden. Der hellsichtige Lars Oberg (SPD) sieht die Vorteile: “Ein Schöneberger Schandfleck verschwindet.” Und Baustadtrat Bernd Krömer (CDU) meint sogar, das Gelände sehe “das erste Mal seit 20 Jahren wieder vernünftig” aus. “Vernünftig“, das heißt offenbar vor allem: schön sauber gepflastert, autofreundlich, übersichtlich und mit bunter Werbung verziert. Wo kämen wir denn hin, wenn es in Berlin anders aussähe als am Stadtrand von Ludwigshafen.

Die noch erhaltenen, denkmalgeschützten Teile des alten Prälaten hätte Krömer übrigens am liebsten auch noch abreißen lassen. Das hat seine Vorgängerin im Amt, Elisabeth Ziemer von den Grünen, glücklicherweise gerade noch verhindert.

3 Kommentare zu “Prälat, Prälat, wo ist der Sinn?”

  1. Lars Oberg

    Sehr geehrter Herr Fischer,

    gerne möchte ich das von Ihnen verwendete Zitat von mir vervollständigen. Auf meiner Homepage finden Sie auch folgende Aussagen:

    “Insgesamt hätten sich die Schönebergerinnen und Schöneberger eine attraktivere Nutzung des Geländes vorstellen können und an schönen Plänen mangelte es in den letzten Jahren nicht. Nur leider erwies sich, dass alle diese Pläne nicht genug Substanz besaßen und stets an der Realisierung scheiterten. Aus diesem Grund ist es als Fortschritt zu sehen, dass die Verfallsgeschichte im historischen Zentrum Schönebergs nun beendet ist und eine Revitalisierung der mittleren Hauptstraße möglich erscheint.” (April 2007)

    “Prälat Schöneberg - Endlich bewegt sich was, aber stimmt die Richtung?
    [...] Wir hätten und für das Prälat-Gelände etwas Eindrucksvolleres als einen Lidl-Markt vorstellen können, sehen aber auch die Vorteile. Ein Schöneberger Schandfleck verschwindet. Der wertvolle Teil des Prälat bleibt gesichert. Eine hochwertigere Nutzung des Geländes bleibt möglich, da Lidl nur Märkte errichtet, die sich nach zehn Jahren schon rentiert haben und anschließend für etwas anderes weichen können. Das größte Plus ist aus unserer Sicht die Grünfläche und der Durchgang zur Feurigstraße.” (Juni 2006)

    Es wird also deutlich, dass ich keineswegs restlos begeistert bin von dem Bau des Lidl auf dem Gelände des ehemaligen Prälats. Besonders kritisch sehe ich, dass in Schöneberg im Umkreis von weniger als 2 Kilometer drei große Lidl-Märkte errichtet wurden. Leider lässt sich der Bau von derartigen Discountern - nach Angaben von Bezirkspolitikern - planungsrechtlich nicht verhindern. Ich empfinde dies als Mangel, da große Discountmärkte durchaus negativen Einfluss auf kleine Einzelhändler und Einkaufsstraßen haben können.

    Auf dem Gelände des Prälaten ist es der Bau des Lidl differenziert zu betrachten. Denn zum einen wird damit die Verfallsgeschichte auf dem Gelände beendet und zum anderen erhoffen sich - nach eigenen Angaben - ettliche Einzelhändler in der Hauptstraße (vor allem die zwischen Innsbruckerplatz und Eisenacher Straße) eine Belebung der Straße und dadurch eine Verbesserung ihrer eigenen Situation.

    Angesichts offentichtlich mangelnder Alternativen empfinde ich die jetzigen Veränderungen auf dem Gelände als Fortschritt ohne sie zu bejubeln!

    Beste Grüße
    Lars Oberg

  2. admin

    Sehr geehrter Herr Oberg,

    daß Sie den Lidl-Bau “bejubelt” hätten oder von ihm “restlos begeistert” gewesen wären, habe ich nicht behauptet. Ich bin Ihnen aber dankbar dafür, daß Sie Ihren Standpunkt zu diesem Thema anhand weiterer Zitate aus Ihrer von mir verlinkten Site noch einmal verdeutlicht haben. Vielleicht hätten Sie noch die Aussagen zitieren sollen: “Etwa zwei Drittel der Fläche, die heute die hässliche Parkpalette einnimmt, soll eine öffentliche Grünverbindung zwischen Haupt- und Feurigstraße werden. Daneben soll [...] ein Lidl-Markt mit Parkplätzen entstehen, die nur von der Hauptstraße angefahren werden können,” und kurz erläutern sollen, warum beides nicht eingetreten ist, denn die Grünverbindung macht nach meiner Schätzung nur etwa ein Viertel der Fläche aus und der Parkplatz hat Ausgänge zur Feurig- und zur Hauptstraße.

    Was die von Ihnen erhoffte “Revitalisierung” und “Belebung” der Hauptstraße anbelangt, so lassen die vielen neu geschaffenen Parkplätze erwarten, daß sie wohl hauptsächlich in noch mehr Autoverkehr bestehen wird. Autoverkehr, Parkplätze und Supermarkt-Baracken führen nach meiner Erfahrung aber nicht zu mehr Leben von der Art, wie ich es mir im “historischen Zentrum” eines Bezirks wünschen würde. Im übrigen scheinen Sie ja auch selbst Zweifel an Ihrer Belebungsthese zu haben, wenn Sie jetzt schreiben, daß “große Discountmärkte durchaus negativen Einfluss auf kleine Einzelhändler und Einkaufsstraßen haben können“. Die Schöneberger werden sicher nicht noch mehr essen, nur weil sie jetzt noch einen Lidl mehr haben.

    Völlig unverständlich ist mir Ihr Argument: “Eine hochwertigere Nutzung des Geländes bleibt möglich, da Lidl nur Märkte errichtet, die sich nach zehn Jahren schon rentiert haben und anschließend für etwas anderes weichen können.” Sie meinen also, eine minderwertige Nutzung sei von Vorteil, da sie die Möglichkeit einer späteren höherwertigen beinhaltet? So gesehen ist die schlechteste Wegwerf-Bebauung natürlich der Favorit. Was aber, wenn die höherwertige Nutzung dann gar nicht kommt? Bekommen die Anwohner dann ihre zehn Jahre von Ihnen zurück? Oder hat sich Lidl vertraglich verpflichtet, nach zehn Jahren für eine höherwertige Nutzung zu sorgen?

    Daß Ihre Einflußmöglichkeiten als Politiker begrenzt sind in einer Gesellschaft, in der Bodenspekulation toleriert oder sogar gefördert wird und der Grundsatz “Eigentum verpflichtet” keinerlei Rolle spielt, ist mir durchaus bewußt. In diesem Punkt fühle ich mit Ihnen. Die Politiker könnten allerdings m. E. nur an Glaubwürdigkeit gewinnen, würden sie diese Problematik offener thematisieren, statt Dinge schön zu reden, wenn sie in der Regierung sitzen, und schlecht zu reden, wenn sie in der Opposition sind.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr Glöckner

  3. Master

    “Eine hochwertigere Nutzung des Geländes bleibt möglich, da Lidl nur Märkte errichtet, die sich nach zehn Jahren schon rentiert haben und anschließend für etwas anderes weichen können.”

    Hurra, Hurra frei nach dem Motto aus alter sozialistischer Zeit:

    Wir bauen auf und reißen nieder, ham wir Arbeit immer wieder!!!

    Eine solche Art von Wegwerfbebauung schafft natürlich Arbeitsplätze auf dem Bau und kurbelt die Konjunktur an. ?????????????????????

Kommentar schreiben:

(Kein Cursor in Eingabefeldern? Bekannter Bug der Mozilla/Firefox-Browser. Die Texteingabe funktioniert, nur der Cursor ist nicht sichtbar.)