Wann kommt die Medienverbrennung?
12. September 20071933 verbrannten die Nazis auf dem damaligen Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz, in Berlin Zehntausende von Büchern. Menschen, die Wichtiges zu sagen hatten, wurden mundtot gemacht.
Heute ist “gottlob” (wie der Bundesinnenminister sagen würde) das Gegenteil der Fall. Leute, die nichts Wichtiges zu sagen haben, schreiben es auf riesige Planen, die sie dem Rest der Menschheit vor die Nase halten dürfen und sich damit eine goldene Nase verdienen.

Auf dem Bebelplatz befindet sich heute die “Versunkene Bibliothek“, ein vollständig weißer, in die Erde eingelassener Raum mit Bücherregalen an den Wänden, aber ohne Bücher. Das irreal wirkende Objekt im Hintergrund des obigen Fotos ist - man ahnt es kaum - die Hedwigs-Kathedrale, Berlins bedeutendstes katholisches Gotteshaus. Bescheiden versteckt es sich hinter einem Riesenposter, das offensichtlich die frohe Botschaft verkündet, eine Verbindung mit Versatel sei günstiger als eine zu Gott, zumindest, wenn es um das geht, was dem Leben heutiger Kronen der Schöpfung erst einen Sinn verleiht, nämlich das Dauerquatschen per Handy.
Nun ja, die evangelische Kirche hat es vorgemacht, warum soll die katholische es dann nicht auch können? Sich blamieren, meine ich. Denn eine Kirche, die ihre eigenen Gotteshäuser verkauft, und sei es auch nur vorübergehend, hat nichts anderes verdient, als von der Werbewirtschaft verhöhnt zu werden.
Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens, daß das Bild einer Welt ohne Bücher heute kaum noch erschrecken kann. Die versunkene Bibliothek jedenfalls strahlt, ganz im Gegenteil, Ruhe und Frieden aus. Dasselbe gilt auch für das Stelenfeld zum Gedenken an die ermordeten Juden, das m. E. allein schon aufgrund seiner Werbefreiheit und fehlenden Buntheit ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt.
Wir hatten, bevor das obige Foto gemacht wurde, im Babylon Mitte einen Film über die Hamlet-Inszenierung Heiner Müllers 1989/90 gesehen. In diesem Film gibt es eine kurze Einstellung, die eine Ostberliner Straße - vermutlich in der Nähe des Deutschen Theaters - zeigt. Alle Häuser sind grau und abgewirtschaftet. Es sind kaum Autos zu sehen und gar keine Werbung. Wie angenehm eine solche Straße aus heutiger Sicht doch wirkt. Nichts, das unsere Aufmerksamkeit erzwingen oder uns gar mißbrauchen will. Nichts, das die Menschen davon abhält, sich mit dem für sie Wesentlichen zu beschäftigen. Die Straßen im Osten waren, im wahrsten Sinne des Wortes, “reizlos”. Früher beschrieb das Wort “reizlos” eine negative Eigenschaft. Aber in einer Zeit der Reizüberflutung? Vielleicht schaffen es die skrupellosen Werbe-Faschisten ja auch noch, daß man sich einmal nach einer “Medienverbrennung” sehnt?
Am 14. September 2007 um 16:39 Uhr
Werber sind keine Faschisten, sondern Anarchisten.
Nicht, dass ich all die Großplakate im Stadtraum begrüßen würde. Wo die Werbung übers Ziel hinausschießt, müsste endlich mal wieder im Sinne eines “Stadtbildschutzes” eingegriffen werden.
Aber der grauen Tristesse der einstigen rotlackierten Faschisten ziehe ich sie allemal vor.
Am 14. September 2007 um 16:40 Uhr
Denn auch das ist letztlich Werbung:
http://www.dailymotion.com/video/x2pw0z_speicher-blump4_creation
Am 14. September 2007 um 18:09 Uhr
Für mich sind das Faschisten, da ich das Bombardieren anderer mit Werbung als Gewaltanwendung empfinde mit dem Ziel, sie dem Diktat der Konsumgesellschaft zu unterwerfen.
Anarchisten?? - Kann ich nicht nachvollziehen. Nicht jeder, der öffentliche Räume besetzt, ist ein Anarchist. Es gibt auch Diebe.
“Denn auch das ist letztlich Werbung”
“Letztlich” schon, aber ein so weit gefaßter Werbebegriff hat für mich keine Relevanz.
Bei Deinem Beispiel kann ich keinen kommerziellen Hintergrund erkennen (der aber natürlich da sein mag).
Am 15. September 2007 um 03:22 Uhr
Hm. Wer als Selbständiger arbeitet (-> also nicht Angestellter eines Kapitalisten ist), ist auf Selbst-Werbung angewiesen.
Frage ist natürlich im Einzelfall, wo es Auswüchse gibt. Also Werbekritik im Einzelfall -> ja, generell -> nein.
Ich möchte keine Planwirtschaft und keinen vorgeschriebenen Lebenslauf.
Am 15. September 2007 um 14:28 Uhr
Natürlich kommt es immer auf das “Wie” an. Meine Kritik richtet sich im Wesentlichen gegen Riesenposter etc., die ihre Verdummungsbotschaften allen Passanten quasi in die Fresse schlagen.
Mit Werbung von Selbständigen habe ich in der Regel keine Probleme, es sei denn sie versucht, mich zu verarschen.
Das ist übrigens ein sehr wichtiger Punkt, was meine Akzeptanz von Werbung anbelangt. Meines Erachtens müßte es - analog zur Volksverhetzung - einen Straftatbestand der Volksverdummung geben. Dann wären allerdings fast alle Manager und Politiker und die meisten Medienvertreter schlagartig im Knast.
Herr Wendelin Wiedeking, die Manager-Karikatur von Porsche, hat gerade ein Beispiel geliefert, bei dem m. E. sofort die Handschellen klicken müßten: er meint, seine Autos seien umweltfreundlich, weil ihr CO2-Ausstoß “pro PS” geringer sei als der von Kleinwagen.
Am 15. September 2007 um 15:36 Uhr
Mit dem Begriff “Verdummung” kann ich wenig anfangen. Da steckt ein Menschenbild dahinter, das mir nicht gefällt: Die Menschen fressen alles, was ihnen Medien und Werbung vorsetzen.
Daran hab ich große Zweifel.
Am 15. September 2007 um 16:49 Uhr
Verdummungsversuche erlebe ich täglich. Ein Beispiel aus der heutigen Zeitung hatte ich ja genannt.
Was ihre Wirksamkeit anbelangt, habe ich das Gefühl, daß eher Bildungsversuche fehlschlagen als Verdummungsversuche. Denk doch bloß mal an Alexa.
Am 15. September 2007 um 17:06 Uhr
Vielleicht liegt es daran, dass die Bildung zu schulmeisterlich und nicht “märchenhaft” genug daherkommt.
Werde mal dazu bloggen…..