Der Vandalismus geht weiter…
6. April 2007Am 25. März hatte ich hier über das merkwürdige Verschwinden der grünen Oasen im Bezirk Tempelhof-Schöneberg berichtet. Nun schreibt Die Stadtteilzeitung in ihrer April-Ausgabe über einen weiteren Schauplatz derart traurigen Geschehens: den Cosimaplatz. In einem Interview mit dem Amt für Umwelt, Natur und Tiefbau (schöne Kombination!) versucht die Zeitung, den Ursachen der Zerstörung auf den Grund zu gehen - und fördert dabei Erstaunliches zutage.
Während nämlich beim Nelly-Sachs-Park unbedingt ein Radweg durch die Grünanlage geschlagen werden mußte und beim Kleistpark der verantwortliche Stadtrat Oliver Schworck (SPD) mit historischen Plänen in der Hand ein Gartenbaudenkmal zu restaurieren hatte, ist nun plötzlich die Finanzlage am Kahlschlag überall im Bezirk schuld. In einer Demokratie kann sich der Bürger die passende Ausrede für Behördenwillkür offenbar selber aussuchen.
Der Cosimaplatz sei, so erfahren wir, “keine Grünanlage, sondern gewidmetes Straßenland“, und “zur Pflege des Straßenlandes und auch der Grünflächen [steht] nur ein sehr geringes Budget zur Verfügung [...], so daß neben vielen anderen Optimierungsmaßnahmen auch die Pflege der Flächen vereinfacht werden muß.” Dieser Prozeß laufe “bereits seit 10 Jahren an vielen Stellen des Bezirks, so daß sich hier Einzelmaßnahmen nicht herausstellen lassen.” Abhilfe könne da lediglich massives “Sponsoring” schaffen, oder die Übernahme der Grünpflege durch die Anwohner. Auch um einen Gestaltungsvorschlag ist das Amt für Umwelt nicht verlegen: “In der Regel kommen Zwiebelpflanzungen beim Bürger sehr gut an.”
Zu diesen Ausführungen der Verwaltung ist folgendes zu sagen:
- Wenn der Bezirk kein Geld hat, die Grünflächen durch gelegentliches maßvolles Zurückschneiden in angemessener Weise zu erhalten, dann sollte er sie ganz in Ruhe lassen. Das wäre noch billiger als die Zerstörung, und eine verwilderte Grünanlage (auch “Natur” genannt) ist allemal besser als gar keine. Berliner Grünflächen sind schließlich keine schwäbischen Vorgärten. Und das ist gut so!
- Wenn die Bürger nun auch noch die städtischen Grünanlagen direkt finanzieren müssen, wozu zahlen sie dann überhaupt noch Steuern? Nur, damit deutsche Tornados nach Afghanistan fliegen können und genug Beamte da sind, die auf dumme Gedanken kommen?
- Die Gestaltung des öffentlichen Raums dem einzelnen Anwohner zu überlassen, kann auch aus ästhetischen Gründen problematisch sein. Wir kennen schließlich alle die mit Primeln und Narzissen bepflanzten Baumscheiben und wollen sicher nicht, daß auf dem Cosimaplatz einmal Radieschen und Kürbisse angebaut werden.
Bezüglich der Finanzlage fällt auf, daß für - in der Regel mehr als verzichtbare - Neuinvestitionen meist Gelder zur Verfügung stehen, nur für den Erhalt des Bestehenden nicht. Ein Beispiel hierfür liefert Die Stadtteilzeitung in ihrer April-Ausgabe gleich mit.
Da soll nämlich an der General-Pape-Straße mit “Fördermitteln aus dem Programm ‘Stadtumbau West’” ein “Geschichtsparcours” entstehen, und zwar in der Form, daß demnächst Schilder und Erläuterungstafeln das Schrebergarten- und Gewerbegebiet verzieren.
Schilder aufstellen und Zäune errichten, das scheinen die Dinge zu sein, für die sich der Bezirk noch mit ganzer Kraft engagiert. Im Schilderwald braucht nichts zurückgeschnitten zu werden.