Strahlende Elite

26. Oktober 2007

Wir haben es geschafft… Wir, das bedeutet: Mein Konzept der International Network Universität…“, konnte Univ.-Prof. Dr. Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin sowie Berater und Förderer der Initiative Neue Unsoziale Marktwirtschaft des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, am 19.10. per e-mail stolz verkünden. Seine Universität war zur Elite-Universität gekürt worden.

Die Worthülsen der Elite funkeln bekanntlich wie kostbares Geschmeide am Hals von Britney Spears. Englisch oder Deutsch, falsch oder echt - who cares? Hauptsache, die “strategische Stoßrichtung” stimmt, und die lautet: “Wir wollen weltweit unter die 100 besten Universitäten, langfristig unter die ersten 50.” Warum, das hat er nicht gesagt.

Die Elite, wir erinnern uns, das waren immer die, die wußten, daß unser aller Heil in permanentem Wirtschaftswachstum liegt, daß Friede nur durch Aufrüstung zu haben ist, daß Arbeitsplätze nur durch Entlassungen gesichert werden können und Wohlstand nur durch Hungerlöhne. Und die nun meinen, die “guten” Universitäten müßten gefördert werden, damit sie den anderen bei der Verteilung der Mittel noch besser davonlaufen können. Gefördert zum Beispiel mit 150 Millionen Euro, wie jetzt im Fall der FU, die man dann bei den Rentnern oder Arbeitslosen sicher wieder einsparen kann. Oder bei den Studenten.

Was die Kriterien für eine Einstufung als Elite-Uni sind, ist für Beobachter, die nicht selbst zur Elite gehören, schwer auszumachen. Von “Exzellenzclustern“, “Governance-Strukturen” und “Zukunftskonzepten” ist da die Rede, in Sprechblasen, wie sie so schillernd eben nur die Elite abzusondern vermag. Bei der ersten Runde der “Exzellenz-Initiative” hatte sich z. B. die Ludwig-Maximilians-Universität München mit dem “Zukunftskonzept” “LMUexcellent: Working brains – Networking minds – Living knowledge” qualifiziert. Schöner und schwachsinniger hätte das keine Werbeabteilung eines Waschmittel- oder Autoherstellers formulieren können.

Deutlicher ist dagegen erkennbar, was Universitäten offenbar nicht mehr sein sollen. Sie sollen kein Ort sein, an dem wißbegierige junge Menschen versuchen, die Welt besser zu verstehen oder gar sich selbst zu verwirklichen, denn die Lehre spielt bei der Bewertung praktisch keine Rolle. Und sie sollen keine wirtschaftsunabhängige, dem Gemeinwohl verpflichtete Forschung betreiben, was man u. a. daraus schließen kann, daß der Grad der Drittmitteleinwerbung, also der Bezahlung von Forschung z. B. durch die Industrie, zum Kriterium für “Exzellenz” gemacht wurde.

Der neoliberalen Ideologie zufolge ist die alles bestimmende Kraft in einer funktionierenden Gesellschaft der Wettbewerb, weshalb diesem natürlich auch das Bildungswesen unbedingt zum Fraß vorzuwerfen ist. So kommt es vielleicht nicht ganz überraschend, daß die “Elite” aus dem Bildungsbereich heute die nämlichen Phrasen drischt, die auch den Mündern unserer Wirtschafts”elite” entströmend seit Jahrzehnten unser Herz erfreuen. Von internationaler Konkurrenzfähigkeit, die zu erreichen sei (Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft), und Wettbewerbsfähigkeit, die geschwächt werden könnte (Kurt Kutzler, Präsident der Technischen Universität Berlin), ist da die Rede, von Potenzialen, die “geschöpft und vernetzt” werden müßten (Kutzler), von Standorten, die attraktiver werden müßten (so der stets genialisch unrasierte Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), der einer der Väter des Elite-Uni-Wettbewerbs sein soll), von Globalisierung, die verstärkt werden müsse (ebenfalls Zöllner).

Zöllner ist durch die Auszeichnung der FU inzwischen offenbar so sehr im Elite-Taumel, daß er sogar noch eine weitere “Spitzen-Universität” in Berlin aus dem Boden stampfen will (für die man ja dann ein paar Schulen oder Krankenhäuser schließen kann, denn irgendwo muß das Geld ja herkommen). “International Forum of Advanced Studies (IFAS)” soll sie heißen, denn Elite und Deutsch, das geht, wie wir ja alle wissen, nicht zusammen. Auch Goethe hätte heute schließlich Englisch geschrieben. In dieser Uni sollen die Top-Wissenschaftler dann “wie eine Nationalmannschaft” zusammengebracht werden, so Zöllner, der die Vorliebe der Elite für Vergleiche aus der Welt des Fußballs (wie auch für Kriegsmetaphern) klar erkannt hat.

Am liebsten aber sprechen die neuen grauen Eminenzen unseres Bildungswesens von der “Strahlkraft” (bei Gruss auch “Leuchtkraft” genannt). Wettbewerb ist ja vor allem Image-Pflege, und der Gedanke, hier könne es irgendwie auch um Substanz gehen, soll schließlich gar nicht erst aufkommen. “Ich will eine Hochschule neuen Typs, die eine Strahlkraft entwickelt, daß jeder hier forschen und studieren möchte“, meint deshalb Zöllner. Und Kutzler kann sich, wie Torsten Harmsen schreibt, “durchaus eine ‘Berlin Area’ vorstellen, die weithin ausstrahlt“. (Wer weiteren Bedarf an hohlen Werbesprüchen hat, dem empfehle ich die Lektüre der 84seitigen Imagebroschüre der TU.) Bildungseinrichtungen müssen “sichtbar” sein (Zöllner), “deutlicher präsentiert werden” (Zöllner) und “international ausreichend zur Geltung kommen” (Zöllner), denn: There’s no business like show business. An der TU werden die Erstsemester deshalb schon heute konsequent mit einer “Wissenschaftsshow” begrüßt.

Bildung neu denken“, überschrieb Dieter Lenzen von der FU, der inzwischen einen eigenen Fan-Club hat, seine Vorschläge zur Bildungsreform. “Wir sollten den Mut haben, ganz neu zu denken“, meint auch Jürgen Zöllner, der mit diesem Plagiat zwar keinen Exzellenz-Wettbewerb gewinnen wird, aber für einen Preis für rationelles Phrasen-Recycling wird es eventuell reichen.

Ein Kommentar zu “Strahlende Elite”

  1. sliqq's fairy tales

    Nicht alles, was glänzt, ist Gold…

    Noch nicht einmal in der Schweiz. In diesem Tresor, in Genf entdeckt, lagern in Goldglanzpapier verpackte Schokoladebarren.

    Wie man Scheiße elitäres Denken in Gold verpackt und mit “Strahlkraft” versieht, berichtet der Glöckner.  Dageg…

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