Tod im Wiesenmeer
3. Dezember 2007“Wiesenmeer“, das klingt nach wilder, ungezähmter Natur und ist doch so pflegeleicht und übersichtlich. Kein Wunder, daß die bisher einzige Idee der Berliner Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer (SPD) zur Nachnutzung des Tempelhofer Felds ein solches “Wiesenmeer” ist. Und selbst für diesen eher bescheidenen Vorschlag mußten diverse Berge über viele Jahre hinweg kostspielig kreißen, bis schließlich das Mäuschen “Wiesenmeer” geboren ward. Denn in Politikerkreisen werden Ideen schließlich grundsätzlich nicht gehabt, sondern gekauft.
Ein weiterer Vorteil des Wiesenmeeres, außer der Tatsache, daß es mittels schweren Mähgeräts, dem anarchischen Wildwuchs wehrend, leicht zu unterhalten ist, ist die beliebige Recyclebarkeit der Idee. So nimmt es nicht wunder, daß einem die steife Wiesenmeeresbrise an anderen Orten Berlins bereits heute ins Gesicht weht (etwa im Hans-Baluschek-Park) und sich nun anschickt, auch am Gleisdreieck Fuß zu fassen.

Touristen, die mit der U-Bahn am Gleisdreieck vorbeifuhren, blickten oft staunend hinunter auf die riesige Brachfläche mitten in der Stadt. Eine so große ungenutzte Fläche gibt bzw. gab es in keiner anderen deutschen Innenstadt. Laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung handelt es sich um “die letzte große Brachfläche im Herzen Berlins“. Auf ihrer Internet-Site schwärmt die Behörde von der “grünen Oase mit ganz eigenem Charakter“, die “eindrucksvolle Freiflächen” biete.

Und dann hat sie nichts Besseres zu tun, als diese zu zerstören. Nach jahrzehntelangem Hickhack mit Anwohnervertretern und vergeblichen Versuchen, eine Öffnung des Geländes für die Bürger zu erwirken, hat der Senat 2006 das Schicksal des Gleisdreiecks einem den meisten Menschen offenbar angeborenen Verwertungs- und Stempelaufdrückzwang folgend in die Hände stromlinienförmiger Stadt-Designer gelegt.
Der preisgekrönte Entwurf des ATELIERS LOIDL, für das Natur nur ein “Mythos” und Berlin “schick” und “spaßorientiert” ist, besticht in gewohnter Weise vor allem durch seine Übersichtlichkeit. Die Kosten der Verwirklichung betragen dennoch 13 Millionen Euro nach derzeitigem Stand.
Über das 36seitige Poesiealbum, in dem die Preisträger wie von der Senatsverwaltung gewünscht “den neuen öffentlichen Raum im Spannungsfeld zwischen Kiez und Metropole interpretieren” und von einem “grünen Transitraum [...] zwischen Hermannplatz und Kurfürstendamm” (gemeint ist wahrscheinlich zwischen Hornstraße und Pohlstraße) träumen, könnte man eigentlich nur lachen (besonders schön z. B. die “gelenkte Sukzession graulaubiger Gehölze“), wenn die dahinterstehende Haltung, nämlich die spießbürgerliche Angst vor der Natur und allem Unkontrollierten, nicht im Grunde so traurig, das Kreativitätsniveau so niedrig und die Kosten so hoch wären und unzählige freilebende Tiere auf dem Altar der Schöpfer übersichtlicher künstlicher Welten, deren zentrales Thema die “offenen Weiten” sind, geopfert werden würden. Aber Hauptsache, “die Birken bleiben als Zeugen auf dem Weg stehen und lassen den Besucher überrascht innehalten.”
Wie immer, wenn es größere Flächen der herrschenden Ausbeutungslogik zu unterwerfen gilt, versucht der Senat auch am Gleisdreieck, jedem etwas zu bieten. Das führt zur Zerstückelung des durch die obligatorische hochwertige Randbebauung wie Lidl oder Aldi ohnehin bereits dezimierten Geländes, das dadurch seine Funktion als Rückzugsgebiet für die Natur verliert. (Was glauben die Verantwortlichen wohl, woher die Füchse kommen, die manchmal des Nachts zwischen Sony Center, Grand Hyatt und Musical-Kitschtempel umherpromenieren und sich verwundert die Augen reiben über die Art, wie die Menschen ihre Umwelt gestalten?)
Und auch unter den Menschen kommt es dann zu Konflikten zwischen unterschiedlichen Nutzungsinteressen, wobei die kleineren Fische in so einem Wiesenmeer leicht untergehen. Beim Gleisdreieck-Park könnten das unter anderem die Kleingärtner am Westrand des Geländes sein, denn deren Gebiet wird vom Landessportbund für Vereinssport reklamiert. Mit mindestens “zwei Großspielfeldern” und “einer Dreifach-Sporthalle” will der Landessportbund dem Loidl-Park dort noch ein paar ästhetische Highlights hinzufügen, obwohl Berlin bereits jetzt nach Bremen die deutsche Stadt mit den meisten Sportstätten bezogen auf die Einwohnerzahl ist.
Die Kleingärtner sind schon seit fast 60 Jahren auf dem Gleisdreieck. Die älteste Pächterin ist 93 Jahre alt und noch immer in ihrem Garten aktiv. Nun müssen sie um den Fortbestand ihrer Gärten kämpfen. Zumindest von Teilen der Grünen werden sie dabei unterstützt.

Am 8. Dezember 2007 um 08:53 Uhr
Danke für den Text, das musste mal gesagt und geschrieben werden, aktuelle Infos zum Thema Park und Planung am Gleisdreieck gibt es auf http://www.berlin-gleisdreieck.de/Seiten/aktuelles.
Am 8. Dezember 2007 um 10:31 Uhr
Da haben Sie sich ja wirklich viel Arbeit gemacht. Arbeit, die sich gelohnt hat.
Man kann nur hoffen, dass viele “den Weg” auf diese Seite finden.
Wie fallen eigentlich Entscheidungen, die dazu führen, dass z. B. im Fall des Gleisdreiecks das “Architekturbüro Loidl” dazu kommt, seinen sehr, sehr flachen Entwurf mit voller Unterstützung der Senatsverwaltung und der “Grün Berlin GmbH” umsetzen zu können?
In einer seiner letzten Amtshandlungen soll der Senatsbaudirektor i. R. Hans Stimmann dem Loidl-Entwurf die entscheidende Stimme gegeben haben.
Warum nur?
Die “große Weite des Entwurfs” (so Frau Renker von der Senatsverwaltung bei einer Veranstaltung am 09.07.07) dokumentiert allerdings in erster Linie die große Leere in der Vorstellungskraft seiner Verfasser und Befürworter.
Welche ökologischen und historischen Gegebenheiten hier seitens der Senatsverwaltung und der “Grün Berlin” leichtfertig ignoriert und einem einfallslosen Entwurf geopfert werden, das sollte allen auffallen, die sich nur ansatzweise mit diesem Park “neuen Typs” auseinandersetzen, den aktuellen Zustand kennen, über Phantasie verfügen und sich eine Sensibilität gegenüber der Umwelt bewahrt haben.
Die sog. “Bürgerbeteiligung” wurde ihrem Wert bei den entscheidenden Stellen entsprechend berücksichtigt: Gegen viele Widerstände konnten die sehr engagierten und ehrenamtlich arbeitenden Anwohner nur wenige Änderungsvorschläge unterbreiten, die Berücksichtigung fanden.
Das ist bitter.