Das ultimative Weihnachtsgeschenk
16. Dezember 2007Draußen vom Walde komm ich her, ich muß Euch sagen, da ist es genau so beschissen wie hier!
(Nein, Quatsch, alles nochmal auf Anfang.)
Lustig, lustig, traleralala, bald ist Weihnachtsabend da (klingt schon besser!). Dann bringt - kling, Glöckchen, klingelingeling - der Mann mit dem kurzen, roten Angela-Merkel-Jäckchen, der neuerdings die Fassaden hochklettert, statt, wie früher, durch die Tür zu kommen, den Kindern Geschenke. Oh, Du fröhliche. Erwachsene müssen die Geschenke selber kaufen, und wer bis dato noch nicht weiß, was er kaufen soll, dem möchte ich heute einen Tip geben.
Ich möchte ein Geschenk vorschlagen, das man sowohl Freunden als auch Feinden schenken kann. Freunde wird es lachen und weinen machen, Feinde werden danach nie wieder mit einem reden. Frank Castorfs Dämonen auf DVD.
Der Film beginnt mit einem Hustenanfall Henry Hübchens, bei dem dieser seinen Lungeninhalt neben dem Sofa entleert, und endet mit einer abgrundtief traurig-lächerlichen Parodie auf Kurt Weills Je ne t’aime pas durch Sophie Rois. Dazwischen liegen drei Stunden Tief- und Schwachsinn wie ein großer, ungeschliffener Diamant. Manchmal ragt der Mikrofon-Galgen ins Bild (das haben allerdings auch schon die Hersteller geschliffener Diamanten gekonnt, z. B. Carlos Saura in Bodas de sangre), aber die Volksbühnenschauspieler spielen sich die Seele aus dem Leib in dem Bungalow aus Spanplatten, den Bert Neumann zwischen mecklenburgischen Feldern aufgebaut hat, und man kann ihnen ins Gesicht sehen ohne die Distanz von Reihe 19.
Hysterisch, hypnotisch, dekadent, skurril und verzweifelt wie unsere Zeit ist dieser Film. Nur nicht dumpf und beschränkt wie unsere Zeit.
Von links nach rechts: Sir Henry, Silvia Rieger, der geniale Martin Wuttke als Nikolai Stawrogin, Jeanette Spassova
Zwischen Henry Hübchen und Silvia Rieger gibt es zuweilen gewisse Differenzen.
Auch Bernhard Schütz würde Jeanette Spassova gerne zu einem Imbiß einladen.
Die DVD ist käuflich zu erwerben unter anderem am Devotionalienstand in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (Achtung: in der Rosa-Luxemburg-Straße muß man sich neuerdings immer einen Weg zwischen Clustern von Möchtegern-Paris-Hiltons hindurch bahnen, die sich an Schaufenstern mit edlen Gesichtswässerchen die Nase platt drücken - man nennt das “Stadtentwicklung” und ist sehr stolz darauf) oder in der Filmgalerie 451, Torstraße 231, die diese DVD herausgibt. Preis: knapp 20 Euro.
Am 23. Dezember 2007 um 14:30 Uhr
“Hysterisch, hypnotisch, dekadent, skurril und verzweifelt wie unsere Zeit ist dieser Film. Nur nicht dumpf und beschränkt wie unsere Zeit.”
Mein Wunsch fürs kommende Jahr…, ach was sag ich…, der liebe, böse, böse Glöckner wird ihn auch ohne Wünschen mühelos erfüllen:
Noch mehr analytische Enthüllungsberichte - wie zum Beispiel auch der zum Schöneberger Gasometer - UND nicht weniger davon: Gemeine, nicht übermäßig ausgewogene, vorn, hinten, oben, unten und von der Seite treffende Einschätzungen unserer Zeit - alles Andere wäre ein Klingeln, kein Läuten!
Am 23. Dezember 2007 um 18:48 Uhr
Puh, so hohe Anforderungen - die machen mir Angst!
Mein Wunsch an die Prinzessin samt “Entourage”: weiter so, und laßt Euch nicht unterkriegen! Ihr seid die Hoffnung! (Klingt pathetisch, stimmt aber.)