Geschäft mit der Angst

10. Januar 2008

Mit einem wunderschönen Werbe-Artikel für Rauchmelder hat Lutz Schnedelbach heute die Titelseite des Lokalteils der Berliner Zeitung gefüllt.

"Sie könnten noch leben - ein 48-jähriger Mann aus Marzahn und eine 78-jährige Rentnerin aus Treptow. Die Feuerwehr ist sich ganz sicher. Sie hätten nur jeweils knapp fünf Euro in einen Rauchmelder investieren müssen. Dann wären sie, so argumentiert Feuerwehr-Chef Wilfried Gräfling, von einem durchdringenden Alarmton aufgeschreckt worden. So aber haben sie nicht bemerkt, dass - jeweils in der Küche - ein Feuer ausbrach, dass die Flammen den gesamten Sauerstoff in der Wohnung aufbrauchten, dass geruchloses Kohlenmonoxid durch die Wohnung waberte, das sie schwindelig und müde werden ließ. Schließlich sind sie erstickt."

Das ist wirklich gemein von dem Kohlenmonoxid, einfach so geruchlos wie Handy-Strahlung durch die Wohnung zu wabern und Menschen müde zu machen bis zum Exitus.

Zum Glück weiß Lutz Schnedelbach Abhilfe. Die weiß er von der Feuerwehr, und die Feuerwehr weiß so ziemlich genau dasselbe wie beispielsweise die Hausverwalter, von denen ich zumindest weiß, woher sie ihr Wissen haben, nämlich von den Anbietern der Rauchmelder, wie beispielsweise der ista, in Insiderkreisen auch als "Abzocker-Konzern" bekannt. Das Unternehmen pflegt ein sehr inniges Verhältnis zu den Verwaltern, die es in vielerlei Hinsicht fördert und denen es sein Angebot gerne u. a. auch auf Seminaren nahebringt. Dort erfahren die Verwalter dann das, was auch Herr Schnedelbach und die Feuerwehren wissen, nämlich, daß "nur in 36 Prozent der deutschen Haushalte" ein Rauchmelder existiert und daß Amerika - JA!!! AMERIKA!!!!! - schon viel weiter ist. Und daß die ista "parallel zur Produkteinführung ein rundes Dienstleistungspaket [anbietet], das sowohl die Montage als auch die vorgeschriebene jährliche Wartung der Rauchmelder beinhaltet," wobei die Kosten selbstverständlich nicht der Auftraggeber zu zahlen hat, sondern die Eigentümer, die sie dann auf ihre Mieter abwälzen.

Was die Verwalter nicht erfahren (und was auch Herr Schnedelbach zu erwähnen vergißt), ist, daß in AMERIKA trotz der dort herrschenden Rauchmelderpflicht prozentual mehr als dreimal so viele Menschen bei Bränden ums Leben kommen wie bei uns. Seltsam.

Und seltsam ist auch, daß im Internet Tausende von Seiten herumschwirren, auf denen Nachrichtenmedien, Feuerwehren, Hausverwaltungen etc. mit nahezu identischen Worten die Rauchmelder preisen. Eine Erklärung für dieses Phänomen habe ich möglicherweise hier gefunden:

"Im Jahr 2000 interessierte sich niemand in Deutschland für das Thema Rauchmelder. Viel Geld wurde in klassische Werbekampagnen investiert, die wenig Effekt zeigten. Vor diesem ungünstigen Hintergrund entwickelte eobiont eine integrierte Marketingkampagne für eine Kooperation aus Interessensverbänden. Die Ergebnisse waren spektakulär: Fünf Jahre später, nach kontinuierlich wachsenden Umsatzzahlen und umfassender Medienpräsenz, wurden in fünf Bundesländern gesetzliche Regelungen zur Installation von Rauchmeldern verabschiedet und weitere werden folgen."

Neben den Herstellern von Brandschutzsystemen zählt eobiont u. a. auch den Deutschen Feuerwehrverband, die Berliner Feuerwehr und das Bundesministerium des Inneren zu seinen Kunden. Die Wege, wie hierzulande aus Netzwerken gesellschaftliche Realitäten und selbst Gesetze zusammengestrickt werden, sind eben immer wieder wunderbar.

Die "jährliche Wartung" übrigens, die die Geschäftemacher mit der Angst anbieten, beinhaltet natürlich vor allem auch den regelmäßig notwendigen Batteriewechsel. Aber wenn uns die Altbatterien mal irgendwann bis zum Halse stehen, dann kaufen wir uns halt einfach einen neuen Planeten. Am besten von der ista, sofern uns das Bundesministerium des Inneren keinen anderen Anbieter empfiehlt.

P.S.: Braucht vielleicht noch jemand einen Taser? Die werden sicher demnächst von der Polizei für jeden Bürger empfohlen, und bald darauf per Gesetz zur Pflicht. Amerika ist jedenfalls schon weiter.

2 Kommentare zu “Geschäft mit der Angst”

  1. master

    Ach ja Amerika. Rammstein hat dazu die passende Musik.

    (LINK)

  2. admin

    Ja, das trifft es ziemlich gut.

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