K. und die weibliche Radioaktivität
15. Januar 2008Als K. das Zimmer betrat, stand sie beim Fenster. In der linken Hand hielt sie einen kleinen Spiegel. Mit der rechten versuchte sie, um ihre Oberlippe mittels eines Lippenstifts eine scharfe Begrenzungslinie zu ziehen, wobei sie sich bemühte, die Lippe in der Mitte, also da, wo sie sich am stärksten nach oben wölbt, also etwa unterhalb der Nase, noch etwas höher und spitzer erscheinen zu lassen als sie wirklich war. Ihre Lippen waren sehr rot.
Ihre Wangen dagegen fast weiß, und nur da, wo sie am höchsten sind, also da, wo die Wangenknochen links und rechts der Nase besonders weit hervorstehen, war ein leichter Anflug von rot zu sehen, was ihrem Gesicht einen porzellanartigen, beinahe transparenten Ausdruck verlieh, der in merkwürdigem Kontrast zu den großen, braunen Augen stand.
K. fragte sie, wo sie die ganze letzte Woche gewesen sei.
“In Erlangen,” sagte sie.
Auf dem Tisch lag eine Rechnung des Nuklearmedizinischen Instituts der Universität Osnabrück.
“Und das hier?” K. wedelte mit der Rechnung in der Luft herum.
“Ja, Du hast recht, ich habe mir etwas Plutonium spritzen lassen,” sagte sie gequält.
“Bist Du verrückt?” fragte K. entsetzt.
“Ich war anschließend in Erlangen, und die Messungen waren kaum erhöht,” versuchte sie zu beschwichtigen. “Und Erlangen hatte doch immer die höchsten Werte gemessen.”
“Warum machst Du das?” schrie K. sie beinahe fassungslos an. “Weißt Du eigentlich, was Du da tust?”
“Ich wollte doch nur wissen, wie sich das anfühlt, Radioaktivität,” sagte sie leise. In ihren Augen standen Tränen.