Das Hohelied des Mittelstands

18. Februar 2008

Managergehälter in Millionenhöhe, während Normalsterbliche ihre Vollzeit-Arbeitseinkünfte mit Sozialhilfe aufstocken müssen? Rekordgewinne durch Massenentlassungen? Manager, die von einem Bestechungs- und Steuerhinterziehungsskandal in den nächsten taumeln? Solcherlei Nachrichten müssen irgendwann ihren Weg selbst unter die Schlafmütze des deutschen Michel und in die etablierten Medien finden. Der Michel ist entsetzt über die plötzliche Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, die Medien und Politiker sind entsetzt über den Michel und den “Linksruck”, den sie in der öffentlichen Meinung ausmachen zu können glauben. Und die Wirtschaft? Die bemüht sich um Schadensbegrenzung, indem sie ihre ehrenwerten Vertreter von Talkshow zu Talkshow schickt, wie beispielsweise den ex-IBM-Manager, ex-BDI-Vorsitzenden und bekannten Scharfmacher Hans-Olaf Henkel ins ZDF-Nachtstudio oder Patrick Adenauer, den Präsidenten des Verbandes “Die Familienunternehmer - ASU“, zum Geplauder mit der Vorstandsvorsitzendengattin Maybrit Illner.

Die “Argumente”, die die Herren da vortragen, sind immer dieselben. Das heißt, eigentlich ist es überhaupt nur eines: die Wirtschaftsbosse, die sich da möglicherweise schamlos verhalten haben und dadurch möglicherweise zu recht das Mißfallen der Öffentlichkeit auf sich gezogen haben, sind absolute Ausnahmen, sind sozusagen die schwarzen Schafe im großen Teich der gutmütigen Wirtschafts-Karpfen. Brutal-Kapitalismus, den gibt es - wenn überhaupt - dann nämlich nur bei einigen der ganz großen, börsennotierten DAX-Konzerne. Die weitaus meisten Unternehmen hierzulande sind aber mittelständische Unternehmen und damit die Guten.

“Mittelständisches Unternehmen”, das klingt für die Michel zu Hause an den Bildschirmen nach einem etwas größeren Handwerksbetrieb, wo der Chef morgens als erster im Blaumann das Werkstor aufschließt und abends als letzter das Licht ausmacht. Da wird ihnen warm ums Herz, denn das sind die Unternehmer, die es zu unterstützen gilt, denn sie haben es schwer, gebeutelt von einer übermächtigen Steuer- und Abgabenlast wie sie nun mal sind.

Die Wirklichkeit sieht allerdings etwas anders aus. Als “mittelständisch” bezeichnen sich nämlich praktischerweise auch international operierende Konzerne mit Milliardenumsätzen, Millionengewinnen im dreistelligen Bereich, zig-tausend Beschäftigten (überwiegend im Ausland natürlich) und Niederlassungen in aller Herren Ländern. Die haben zwar alle einmal als kleiner Familienbetrieb angefangen, aber das war vor über 100 Jahren. Heute trifft die Bezeichnung “mittelständisch” bestenfalls noch auf jede einzelne der zahllosen Firmen zu, in die sie sich mittlerweile aus Steuer- oder ähnlichen Gründen aufgespalten haben.

Die Anteilseigner dieser Unternehmen sitzen auf den Bahamas und warten dort auf die Überweisungen aus Deutschland. Es sind die Kinder oder Enkel der letzten Unternehmer, die sich noch persönlich vor Ort um das Wohl ihrer Firma gekümmert und selbst etwas geleistet haben. Die Drecksarbeit lassen die heutigen Gesellschafter von Geschäftsführern machen, deren Wohl und Wehe, genau wie bei den DAX-Unternehmen, von den Gewinnen abhängt, die sie “erwirtschaften”. Auch mittelständische Unternehmen haben deshalb schon beinahe jahrzehntelang Personal reduziert bis der Arzt kommt, haben Unternehmensteile ausgegliedert, um Tarifverträge aushebeln zu können, haben alle sich bietenden Steuerschlupflöcher genutzt, Festangestellte durch schlechter bezahlte Leiharbeiter ersetzt, Arbeitnehmer zu Lohnverzicht und unbezahlten Überstunden genötigt und durch Streichung von Sonderzahlungen etc. Lohndumping betrieben.

Bis der deutsche Michel aber kapiert, daß auch die mittelständischen Unternehmen nicht das Gelbe vom Ei sind und das eigentliche Problem nicht der einzelne psychische Defekt einer individuellen Unternehmer”persönlichkeit” ist, werden wahrscheinlich noch ein paar Jahrzehnte mehr vergehen, und bis dahin haben wir sicher längst noch viel größere Probleme.

Der Mittelstand feiert (1)Der Mittelstand feiert (2)
Manager eines “mittelständischen” schwäbischen Unternehmens - hier unschwer als Angehörige der geistigen Elite des Landes erkennbar - feiern ihren Erfolg

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