Widerstand gegen die Horribilie
20. Februar 2008Horribilie - was für ein Wort! Ein Wort, bei dem man unwillkürlich an Berlin denkt. Gefunden habe ich dieses wunderbare Wort in einem Artikel im Proll-Blog, der einen (natürlich ins Leere führenden) Link zu einer Site namens horribilie-dictu.de enthält (gemeint war vermutlich “horribile-dictu”).
In Schöneberg hat sich gestern eine Bürgerinitiative gegen eine solche geplante Horribilie gegründet: gegen den Müller-Bau im und um den Schöneberger Gasometer. In großer Zahl waren die Anwohner in den durch Energiesparlampen scheußlich beleuchteten Gemeindesaal an der Hauptstraße geströmt, um ihren Bedenken gegen die Bebauungspläne und die Art und Weise, wie der Bezirk sie offenbar durchzuziehen gedenkt, Ausdruck zu verleihen. Verschattung, Belästigung durch Leuchtreklame und vor allem mehr Verkehrslärm durch den neu zu bauenden Autobahnanschluß sind ihre Befürchtungen.
Ralf Kühne von den Grünen erläuterte ausführlich, für wen oder was Reinhard Müller da bauen will. Für ein Sammelsurium von Lobbyorganisationen der Energiewirtschaft (obwohl Kühne das negativ besetzte Wort “Lobbyismus” tunlichst (?) vermied).
Aus dem Auditorium kam gleich zu Anfang die in meinen Augen zentrale Frage: was können wir, also die Bürger, zum gegenwärtigen Zeitpunkt überhaupt noch erreichen. Die von Kühne wortreich und unter Aufbietung vieler aufschlußreicher Beispiele aus der Vergangenheit vorgetragene Antwort lautete (wenn ich sie nicht gründlich mißverstanden habe): “nichts”, oder jedenfalls “nicht viel”, eine Auskunft, die für den weiteren Verlauf des Abends jedoch erstaunlich folgenlos blieb.
Darüber, um wen es sich bei Reinhard Müller handelt, waren die Anwesenden offenbar recht gut unterrichtet. Nur ein Herr versuchte vergeblich, R. M. als großherzigen Denkmalschützer zu präsentieren.
Gegen Ende des allgemeinen Teils ging dann alles ziemlich schnell. Es wurde abgestimmt, ob eine Bürgerinitiative gegründet werden soll (ja), wie sie heißen soll (”Bürgerinitiative Gasometer“) und wann man sich wieder trifft (am 11. März im Rathaus Schöneberg). Bis dahin will ein engerer Kreis von z. T. sicherlich erfahrenen Engagierten konkrete Vorschläge über das weitere Vorgehen ausarbeiten.
So sehr ich mir einen Erfolg der Bürgerinitiative wünsche - allzu große Hoffnungen hege ich nicht. Fakt ist, daß die GASAG das Gelände an Reinhard Müller verkauft hat, und der wird es sicherlich nicht gekauft haben ohne die Sicherheit, auch bauen zu dürfen. Das bedeutet, daß das Denkmal “Gasometer” auf jeden Fall verloren ist, denn an seiner Stelle wird ein Büroturm erstehen, der den Gasometer lediglich als Fassaden-Deko integriert. Dann wird eine der beiden wichtigsten Sehenswürdigkeiten im Umfeld der Wannseebahn zwischen Potsdamer Platz und Ringbahn nicht mehr da sein. Die zweite Sehenswürdigkeit, die Yorckbrücken, wird gerade von der Deutschen Bahn unter dem wohlwollenden Blick der Politik auf deren “marktwirtschaftliches Denken” bis zur endgültigen Abbruchreife verkommen gelassen.
Eine der Initiatorinnen der Bürgerinitiative äußerte die Hoffnung, wenigstens einige Kompromisse bezüglich Bauausführung, Verkehrsführung etc. zugunsten der Anwohner im Einvernehmen mit dem Investor und dem Bezirk erreichen zu können.
Auch ich hoffe, daß wenigstens diese Minimalziele verwirklicht werden können, obwohl das eigentliche Ziel natürlich “Erhalt des Gasometers in seiner jetzigen Gestalt” lauten müßte.
Am 21. Februar 2008 um 02:46 Uhr
Ja! Ja! Ja!
Ich bin immer wieder platt ob der Tatsache, dass sich die ‘Müllers’ in dieser Gesellschaft so problemlos durchsetzen können.
Eine gewisse Skrupellosigkeit gepaart mit einer gewissen Kumpelhaftigkeit, gepaart mit einer gewissen Freigiebigkeit, gepaart mit einem seltsamen Humor, gepaart mit einer extremen Verschwiegenheit (aber nur, was die eigenen Geschäfte angeht) und schon öffnen sich scheinbar verschlossene Türen.
Dann bedarf es nur noch weniger, dafür aber entschlossener “Schritte” und man kann mit einem Ferrari auf dem Gelände am Gasometer vorfahren.
Ob es auch etwas damit zu tun, dass sich einige Entscheidungsträger dieser Stadt vorausschauend schwerlich vorstellen können, ihre Rente ohne Absprachen mit den “Müllers” geregelt zu bekommen?
Vielleicht sollte sich die Öffentlichkeit darum nicht nur den “Müllers” dieser Gesellschaft zuwenden, sondern auch denen, die die Arbeit der “Müller” unterstützen.
Am 8. Juli 2008 um 12:33 Uhr
[...] Bei den Anwohnern machte sich Entsetzen breit. Die “Bürgerinitiative Gasometer” wurde gegründet. [...]