Bunte Träume, tote Bäume und eine Losung der Luxusklasse: forget berlin
24. Februar 2008Es gab mal eine Zeit, da sah es in Westdeutschland aus wie in der DDR. Alle Häuser waren grau. Kein Wunder, daß wir damals immer so deprimiert waren.
Heute ist das Gegenteil der Fall. Die Träume der Sanierer sind nicht nur sauber und teuer, sondern auch bunt.

Demnächst werden wir uns wahrscheinlich nur noch vor lauter Farben-Freude tanzend durch die Straßen bewegen. Die Miesepeter, die sich nach schlichten, unaufdringlichen Grautönen sehnen, werden dann warten müssen, bis ihre Frühstücksmarmelade verschimmelt ist.
Noch schlechter als das Grau hat es in Berlin allerdings seit einiger Zeit das natürliche Grün. Obwohl gerade in dieser Stadt engagierte Bürger unermüdlich für Bäume und Sträucher kämpfen, häufen sich die Fälle plötzlichen Baumtods. Unlängst hat es mindestens 25 Bäume in einer Stichstraße der Kolonnenstraße erwischt, die laut Planung zur “Neuen Naumannstraße” ausgebaut werden soll.
Intensive Recherchen haben ergeben, daß diese Verluste nicht der Miniermotte angelastet werden können. Hier müssen größere Schädlinge am Werk gewesen sein. Aber wenigstens haben sie die kläglichen Überreste der Bäume z. T. fein säuberlich verschnürt.

Am Ende der Stichstraße befand sich bis vor kurzem ein Biotop (siehe Archivbild unten), entstanden durch langjähriges Inruhelassen seitens des Eigentümers Deutsche Bahn. Heute ist das ganze Gelände bis hinunter zum Bahnhof Südkreuz verbrannte Erde, durch Schilder als “VEOLIA Baustelle” kenntlich gemacht. Veolia ist nach eigener Aussage der “global leader in environmental solutions“. Die Website des Konzerns strotzt vor üppigem Grün. Mit der Baustelle an der Kolonnenstraße hatte das Unternehmen aber offenbar kein Glück. Da ist die dichte Busch- und Strauchvegetation komplett in die ewigen Jagdgründe eingegangen, wo sie vermutlich auf die grünen Kollegen von der anderen Seite der ICE-Trasse getroffen ist, die um den Schwerbelastungskörper herum ihr Leben lassen mußten. Auch der wird nämlich gerade “saniert“, und auch dort wurde die Vegetation durch Schilder ersetzt. Das größte ist überschrieben: “Stadtumbau“. Bei der Mentalität unserer Regierenden kann das wohl nur eine Drohung sein.

Wie um das Güllefaß zum Überlaufen zu bringen, hat unsere Elite aus Wirtschaft und Politik schließlich auch noch den neuen Werbespruch (neudeutsch: Slogan) publik werden lassen, an dem sie seit Monaten auf Steuerzahlerkosten gewerkelt hat. “be berlin” heißt der Spruch, der u. a. die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt befördern soll. Warum ausschließlich Berliner angelsächsischer Provenienz angesprochen werden, bleibt unklar. Dieselbe Botschaft in Türkisch wäre vielleicht sinnvoller gewesen.
Über die intellektuelle Dürftigkeit des Spruchs ist bereits viel geschrieben und auch aus kompetentem Mund gesagt worden. Was jedoch oft übersehen wird, ist, daß diese im Gewand holder Einfalt daherkommende Botschaft bzw. Forderung nicht nur wie andere Werbesprüche die unerträgliche Wichtigkeit des Scheins widerspiegelt, sondern durchaus auch einen tieferen Aspekt hat. Ihr liegt nämlich die Auffassung zugrunde, daß man Identitäten beliebig wechseln könne. Heute ist man Deutschland, morgen Berlin und übermorgen vielleicht eine lila Kuh, ein Audi XXL oder ein Bushido. Große Teile der Bevölkerung bemühen sich bereits jetzt, diese Vorstellung in den Rang einer Lebensphilosophie zu erheben. Und das ist gewollt, denn nur wer keine Persönlichkeit hat, wird immer wieder zur Freude der Wirtschaft auf alle neuen Moden aufspringen und ist so formbar, wie unsere Regierenden und die Werbeindustrie sich das wünschen.