Der Mini-Krimi zum Ausschneiden und Sammeln. 
Folge 2: Das Kind von Büttgen

27. Februar 2008

Schnittmuster
Personen:
Willy Maschke, ein Bauer, so um die 60
Marcel Maschke, sein Sohn, so um die 40
Kommissar Faulhaber

Vater und Sohn sitzen an einem großen Holztisch in der niedrigen Bauernstube. Auf dem Tisch stehen eine große Schüssel mit Hähnchenschlegeln und zwei Teller Suppe.

Willy:
Würdest Du bitte Deine Stiefel aus meiner Suppe nehmen?

Marcel:
Ich denke gar nicht daran. Du bist es schließlich, der mein Leben zerstört hat. Hast Du das schon vergessen? Wärst du und Charlotte nicht abgehauen damals, dann wäre ich in Golzow zur Welt gekommen und nicht in diesem scheiß Büttgen. Ich wäre mit den anderen Kindern durch die verschneite Winterlandschaft zur Schule geradelt, statt im Regen mit dem scheiß Mofa alleine nach Holzbüttgen fahren zu müssen und mir das Mofa da von dem scheiß Üzal auch noch abnehmen lassen zu müssen. Und in der Schule hätte mir die Lehrerin liebevoll übers Haar gestrichen, statt mir eine zu scheuern, weil ich nicht weiß, was eine mündelsichere Anlage ist. Ich hätte die Jugendweihe mitmachen können, statt diese beschissene Kommunion. Und nach der Schule hätte man mich gefragt, was ich werden will, und mir die verschiedenen Berufe liebevoll erklärt. Ich wäre Chemielaborant im Reizgas-Kombinat geworden. Und heute wäre ich glücklich geschieden und hätte nicht die Maria in der Jauchegrube versenken müssen, verdammt.

Willy:
Aber das wäre doch eh alles nur noch von kurzer Dauer gewesen…

Marcel wirft wütend den Löffel auf den Tisch.

Marcel:
Halt doch den Mund, verdammt nochmal. Ich bin noch nicht fertig. Glaubst Du vielleicht, es hat Spaß gemacht, mich bei der Bundeswehr als “Kamerad” beschimpfen zu lassen wie ein Nazi, während die Kinder von Golzow bei der NVA mit “Genosse” angeredet wurden? Und glaubst Du, es macht Spaß, hier in dieser gottverdammten scheiß Hütte mit diesen beschissenen Hähnchenschlegeln zu sitzen, während die Kinder von Golzow alle im Fernsehen sind und in schicken, schneeweißen Einfamilienhäusern wohnen?

Willy will etwas sagen, aber Marcel greift sich eine Hähnchenkeule und rammt sie Willy in den offenen Mund. Willy fällt röchelnd vom Stuhl.

Schnitt.

Kommissar Faulhaber zieht Willy die Hähnchenkeule aus dem Hals.

Kommissar:
Bringen Sie das in die Pathologie. Es war Notwehr.
(Alternativ: … ein Unfall.)

Abspann.
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