Die Enthüllung
5. April 2008
Berliner Zeitung vom 21. März 2003
Am 28./29. März 2008 taten sie es wieder. Die Fachorgane des Axel-Springer-Verlags für brutalstmögliche Aufklärung bis hin zum Selbstmord oder Mordversuch (alles Kollateralschäden, versteht sich) enthüllten.
"Der Weg eines Stasi-Agenten in die Redaktionsspitze" lautete am 29. 3. die Überschrift eines Artikels in der Berliner Morgenpost, der am Vortag bereits online bei der Welt veröffentlicht worden war. Gemeint war natürlich die Redaktionsspitze der auflagenstärkeren Konkurrenz, der "ehemaligen SED-Bezirkszeitung" Berliner Zeitung.
Der "Stasi-Agent" war Thomas Leinkauf, Chef bei der Konkurrenz für deren "Seite 3" und die Samstagsbeilage "Magazin", wo "die Verhältnisse in der zweiten deutschen Diktatur" laut Morgenpost "immer wieder nostalgisch verklärt" werden. Der Vorwurf: der brutalstmögliche Verklärer Leinkauf war vor mehr als 30 Jahren während seiner Studentenzeit zwei Jahre lang informeller Mitarbeiter (IM) der Stasi gewesen. Studiert hatte er damals natürlich "marxistisch-leninistische Philosophie". Was sonst.
Laut Morgenpost handelte es sich bei der plötzlichen Entdeckung der Stasi-Akte Leinkaufs um einen "Überraschungsfund". Dem war allerdings überraschenderweise der Abdruck eines längeren, ziemlich kritischen Artikels über Hubertus Knabe in dem von Leinkauf zu verantwortenden Teil der BLZ vorausgegangen.
Knabe, muß man wissen, ist einer von den Guten. Er gehört - wie übrigens auch die CDU - zur Fraktion der brutalstmöglichen Aufklärer, ist Direktor der "Gedenkstätte für Stasi-Opfer" Hohenschönhausen und Autor mehrerer Bücher, die im damals zu Springer gehörenden Propyläen-Verlag erschienen sind und in denen u. a. die Kritiker der Springer-Presse in den sechziger Jahren als stasiunterwandert hingestellt werden.
Nächster Tag: 30. März 2008. Die Morgenpost stört den sonntäglichen Frieden mit einer Fortsetzung ihrer Enthüllungskampagne, diesmal unter der überraschenden Überschrift: "Hubertus Knabe: Stasi-Spitzel bei Berliner Zeitung nicht tragbar." Zu enthüllen gibt es zwar offenbar nichts Neues, aber Knabe, der Experte, erhält in gebührendem Umfang Gelegenheit, seine Vorstellungen davon hinauszupoltern, was für die BLZ "tragbar" zu sein habe und was nicht.
Am 31. März und 1. April schließlich faßt die Morgenpost ihre beiden Artikel vom 29. und 30. für diejenigen MoPo-Leser, die immer noch nicht verstanden haben, noch einmal zusammen und kann immerhin noch enthüllen, daß sich ein weiterer Redakteur der BLZ als ehemaliger 'IM' geoutet habe.
Wollen wir nun den "Skandal" aus der Sicht eines BLZ-Lesers betrachten, so müssen wir das Rad der Geschichte wohl noch etwas weiter zurückdrehen.
2005 wurde die Berliner Zeitung von dem Medienzaren mit Boulevard-Hintergrund David Montgomery übernommen. Belegschaft und Leserschaft wehrten sich erbittert, denn sie befürchteten Qualitätseinbußen. Die Kritiker wurden beschwichtigt, der neue Chefredakteur Josef Depenbrock lieferte ein paar zwar unbeholfen formulierte aber dafür immerhin links angehauchte Beiträge ab, der Qualitätsverlust blieb ansonsten zunächst aus und immer mehr Leser verliehen ihrer Dankbarkeit dafür in Leserbriefen überschwenglich Ausdruck.
Was zeigt uns das? Zunächst einmal, wie naiv Leser sein können. Denn daß es nicht schlagartig zu einem radikalen Bruch kommen würde, war doch wohl zu erwarten gewesen. Kein Käufer eines Verlages würde riskieren, von einem Tag auf den anderen alle seine Leser zu verlieren. Und hatte nicht gerade erst Holtzbrinck mit der Übernahme der Zeit vorgemacht, wie behutsam sich ein Übergang vom "Gewissen der Nation" zum neoliberalen Sprachrohr unter Josef Joffe und Michael Naumann bewerkstelligen läßt?
Auch bei der Berliner Zeitung vollzog sich der Wandel schleichend, aber stetig. Viele der ehemals bekannten Mitarbeiternamen sucht man heute vergeblich. 16 Spitzenjournalisten sollen die Zeitung inzwischen verlassen haben, schreibt der Guardian. Ersetzt wurden sie - so scheint es zumindest - durch Praktikanten und Nachwuchskräfte, die vornehmlich über den Inhalt ihres WG-Kühlschranks schreiben, über ihre Absacker in irgendwelchen Clubs oder darüber, daß ihre Katze aktuell die Nahrung verweigert. Die längeren Artikel einer Ausgabe stammen oft alle von denselben zwei oder drei Autoren, und das sind zumeist gerade die, von denen man lieber nichts lesen möchte (ich denke da z. B. an die Pro-Tempelhof-Berichterstattung von Richter/Neumann).
Auch die Optik hat sich verändert: kleinteiliger, mehr Firlefanz und vor allem mehr Werbung. Es gibt "Themenseiten", ja ganze "Themenbeilagen", also Werbung im redaktionellen Gewand, und oft werden Teile des Blattes komplett von "externen Redaktionsdienstleistern" zugekauft - denselben übrigens, die auch für die Morgenpost und viele andere Tageszeitungen arbeiten. So entstehen Zeitungen, die immer weniger aktuelle Berichterstattung enthalten und dafür immer mehr vorgefertigte Standardbeiträge, die zu jedem beliebigen Zeitpunkt aus der Schublade gezogen werden können und deren Inhalte letztlich meist auf eine Verdummung des Rezipienten hinauslaufen. "Verbraucherjournalismus" nennen die Macher das.
Anderen BLZ-Lesern ist dieser Qualitätsverlust natürlich ebenfalls aufgefallen (obwohl wieder andere das Gegenteil bemerken zu können glauben), und auch die Redaktion der Zeitung selbst hat sich drei Jahre nach der Übernahme durch Montgomery noch keineswegs mit der Entwicklung arrangiert. Im Februar forderte sie den ehemaligen BILD-Mitarbeiter Josef Depenbrock, der heute gleichzeitig Chefredakteur, Geschäftsführer und Anteilseigner der Berliner Zeitung ist, zum Rücktritt auf und reichte sogar Klage gegen den eigenen Chef ein.
Am 1. April griff Depenbrock nun in seiner Zeitung selbst zur Feder. Allerdings nicht, um Stellung zu nehmen zu den Vorwürfen seiner Untergebenen, sondern um an der Seite der MoPo brutalstmöglich in den eigenen Reihen aufzuräumen. "Glaubwürdigkeit als höchstes Gut" ist sein Tränendrüsendrücker überschrieben, "zwei Stasi-Bekenntnisse schockieren Leser und Redaktion der Berliner Zeitung und ziehen eine Untersuchung nach sich." Wir erfahren, daß bei der morgendlichen Redaktionskonferenz des Blattes, bei der Depenbrock ausnahmsweise mal nicht alleine war, alle Teilnehmer quasi unter Schock standen, daß sie betroffen die Köpfe senkten und mit den Tränen kämpften und daß sie jetzt eine "externe, unabhängige Analyse" ihrer journalistischen Arbeit zu gewärtigen haben, bei der "die Arbeit jedes einzelnen Journalisten dieser Redaktion" überprüft werden wird. Etwas Besseres als diese Stasi-Enthüllung hätte Josef Depenbrock in seiner gegenwärtigen Situation also kaum passieren können, bietet sie ihm doch, nachdem er gerade erst den langjährigen Personalleiter entlassen hat, eine willkommene Möglichkeit, seine widerspenstigen Untergebenen wieder auf Linie zu bringen und zu sortieren.
Gleichzeitig druckt die Berliner Zeitung, in der seit Jahren praktisch keine Leserbriefe mehr erschienen waren, die das Blatt selbst zu kritisieren wagten, massenweise Leserbriefe, in denen Leser sich plötzlich betrogen, bestürzt, betäubt und belämmert fühlen und fordern, daß die Stasi-Bestien mindestens geteert und gefedert werden. Eine der wenigen Ausnahmen ist bezeichnenderweise der Leserbrief eines der Opfer Leinkaufs, eines der Menschen, die Leinkauf damals wegen Verbreitung "trotzkistischer Theorien" an die Stasi verraten hat oder haben soll. In diesem Brief heißt es:
Was die Staatssicherheit als "trotzkistische Theorien" bezeichnete, war der damalige von sechs Personen organisierte Versuch, einen Weg zur sozialistischen Demokratisierung der DDR zu finden. Es waren verwandte kritische Fragen, die sich zur gleichen Zeit der Student Thomas Leinkauf stellte und die 1977 obendrein zum Abbruch seiner Beziehungen zum MfS führten. Wir haben uns vor und nach 1989 längst darüber ausgesprochen - das erschien mir damals und erscheint mit heute als der entscheidende Punkt. Ich konnte mich immer auf seine persönliche Lauterkeit verlassen, obwohl wir oft nicht dieselben politischen Auffassungen vertraten. Wer noch weiß, welchen Wert solche klaren Beziehungen für einen Oppositionellen im Kraftfeld der damaligen Gesellschaft hatten, wird das nicht vergessen wollen. Dagegen halte ich die modisch gewordene Anklägerei auf Grund von schlecht gelesenen Stasi-Akten für durchaus unlauter.
Die größte Lachnummer aus Depenbrocks Erklärung vom 1. April wurde aber noch gar nicht erwähnt. Er behauptet nämlich: "Seit der Wende gilt nun, wie in Stein gemeißelt, die Regel des unabhängigen Journalismus. Die Redakteure des Blattes sollten nie mehr wirtschaftlichen oder politischen Einflüssen unterliegen, sollten nur der Wahrhaftigkeit verpflichtet sein."
Das schreibt ein Chefredakteur, der statutswidrig die Trennung von inhaltlicher und wirtschaftlicher Verantwortung in seinem Blatt aufgehoben hat? Der wie kein zweiter die Qualität des Blattes auf dem Altar des Profits geopfert hat? Ausgerechnet in einer Gesellschaft, die sich selbst so gründlich verkauft hat, daß selbst die Politik nurmehr ein Anhängsel und Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft ist, soll es ein Wirtschaftsunternehmen namens "Zeitung" geben, das frei von wirtschaftlichen und politischen Einflüssen arbeitet?
Von einem Chefredakteur, der es fertigbringt, seinen Lesern im heutigen Deutschland eine solche freie Presse vorzugaukeln, dürfte mit Sicherheit eine größere Gefahr sowohl für die Glaubwürdigkeit des eigenen Produkts als auch für die Allgemeinheit ausgehen als von einem Redakteur, der vor 30 Jahren mal Kontakte mit der Stasi hatte. Diese, seine Unfähigkeit, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu erkennen und - wenn schon nicht zu bekämpfen - so doch wenigstens nicht zu vertuschen, sollte Herr Depenbrock unverzüglich zum Gegenstand brutalstmöglicher Aufklärung machen. Oder gehört zu seiner Vorstellung von Aufklärung lediglich, den Beitrag über Hubertus Knabe vom 12. Januar 2008 ("Von einem, der auszog, das Fürchten zu lehren") aus dem Web-Archiv seiner Zeitung zu löschen und nur noch die Leserbriefe dazu und die Gegendarstellung von Knabes Anwalt online verfügbar zu halten?
Was die von der Springer-Presse erhobenen Vorwürfe einer "Verklärung" der DDR durch die Berliner Zeitung anbelangt, so ist im Übrigen richtig, daß die BLZ eines der wenigen deutschen Blätter war, die sich zuweilen um eine etwas differenziertere Betrachtungsweise bezüglich der DDR-Vergangenheit bemühten. Das war manchen offenbar schon zuviel, und die jetzige Kampagne wird vielleicht Abhilfe schaffen. Sehen wir also mit Freuden der vollendeten Gleichschaltung unserer ach so freien Presse entgegen.
Siehe auch:
Leinkauf, Knabe und die Welt (WIR & SIE)
"So nicht, Herr Depenbrock!" (taz)
Witch hunt, in 19th year, raises questions about Germany
Stasi kills the Nazi-Star (la queja)
Am 5. April 2008 um 16:40 Uhr
Also mal ganz im Vertrauen. Ich finde Herrn Deppendingsbums klasse. Irgendwie muss den Journalisten doch klargemacht werden wo der Hammer hängt. Noch glauben die alle, der Kelch würde an ihnen vorbeigehen, wenn sie schön still halten und die Texte so schreiben wie ihr Chef sie haben will.
Journalismus by Duckmäusertum. Je eher die anderen erkennen müssen, das es nichts nutzt sich wie die Hasen in die Furche zu drücken, weil der Gegner mit Infrarot-Zielvorrichtungen jagd, desto eher werden sie über die andere Alternative nachdenken.
Wer nichts mehr verlieren kann, kann eine ehrliche Zeitung machen. Gefeuert wird er so oder so. Aber wenn die Jungs zusammen halten, können sie einiges aufhalten oder gar neue und ehrliche Zeitungen gründen. Ich hätte gerne eine Zeitung auf die ich mich täglich freuen kann. Nur den Berliner Dreck den ich hier bekommen könnte, den brauche ich nicht.
Am 5. April 2008 um 22:43 Uhr
Vielen Dank für diese sehr präzise Zusammenfassung der Vorfälle und die Einordnung!
Was die vermeintliche Besserung der journalistischen Qualität der BLZ angeht, siehe Link zum Hauptstadtblog, so habe ich in letzter Zeit immer stärker das Gefühl, dass die BLZ von den Berliner Tageszeitungen im Lokalteil ein sehr breites Themenspektrum hat. Vor allem der Tagesspiegel hat hier in letzter Zeit zu stark abgebaut und setzt nur noch auf vermeintlich große Themen. Die Morgenpost hat auch noch viele Themen, allerdings stören mich inzwischen die tendentiösen Interpretation doch sehr.
Dass man Journalismus besser machen kann, möchte ich gar nicht bestreiten. Von einem Optimum sind wir auch in Berlin weit entfernt.
Am 6. April 2008 um 23:21 Uhr
Nachtrag:
Qualität nach Depenbrock hat auch einen Namen: Oliver Tom Röhricht.
Wer glaubt, auf diesem Foto einen drittklassigen Hollywood-Schauspieler zu erkennen, der irrt. Der Herr ist Journalist. Er lernte bei dem großen Axel Springer, war Redakteur bei "BILD" und "BILD der FRAU", dann Nachrichten-Chef bei "BILD am SONNTAG" und schließlich Leitender Redakteur der "BILD am SONNTAG".
Seit März 2008 ist er Stellvertreter des Chefredakteurs bei der Berliner Zeitung.
Gibt es in solchen Fällen ein Recht auf vorzeitige Kündigung des Abos?
Am 7. April 2008 um 11:46 Uhr
Da haben Sie wieder was ausgesprochen lesenswertes in die Tastatur geklopft.
Oliver Tom Röhricht passt zu der Zeitung, die Josef Depenbrock vorschwebt.
Nur: Wofür braucht man diese Zeitung?
Am 8. April 2008 um 13:04 Uhr
interessant zu sehen, wie hier recht gezielt an der sache vorbeigeschrieben wird:
der gute herr leinkauf hat ja nicht als heldenhafter kundschafter die stellungen der nato-bomber in der brd ausgeforscht, sondern schäbig seine kommilitonen und professoren bespitzelt und berichte über sie verfasst, ihr vertrauen missbraucht. nun wissen wir, dass auf diese art in der ddr karrieren verunmöglicht und biographien geknickt wurden. ob die bespitzelungen im falle leinkaufs dazu geführt haben oder nicht, ob er jemand geschädigt hat oder nicht, ist unerheblich: ganz offensichtlich hat er dies in kauf genommen. deshalb ist es wohl nicht der untergang des abendlandes, wenn nun auch leinkaufs karriere auch etwas leiden sollte.
Am 16. April 2008 um 08:39 Uhr
Oliver Tom Röhricht - das Gesicht musste ich sehen, um zu wissen, warum wir vor zwei Jahren das Abo der BLZ aufgekündigt haben. Und ich warte auf den Tag, wo Herr Montgomery beschließt, Sky Dumont zum Chefredakteur zu machen; das kommt dann noch etwas professioneller in der Außendarstellung.
Am 11. September 2008 um 00:44 Uhr
[...] Blog Neues vom Glöckner machte dankenswerterweise darauf aufmerksam, daß die Berliner Zeitung den Artikel “Von [...]