Still Life
17. April 2008Jia Zhang-Ke (*1970) ist ohne Zweifel einer der bedeutendsten lebenden Regisseure. In Platform (2000) begleitete er die Mitglieder einer kleinen Theatertruppe aus der chinesischen Provinz auf dem langen und deprimierenden Weg vom Kommunismus zum Staatskapitalismus. Für mich als Westler wirkte der Film stilistisch wie aus einer anderen Zeit. Die Farben blaustichig und ausgeblichen, der Rhythmus langsam, die Bilder statisch und entrückt wie durch ein verkehrt herum gehaltenes Fernglas, die Handlung unspektakulär, die Botschaft - wie gesagt - wenig erbaulich. Jia Zhang-Ke filmt kompromisslos an den Erwartungen zumindest westlicher, hollywood- und TV-geprägter Zuschauer vorbei. Darin ist er vielleicht noch am ehesten Tarkowskij vergleichbar.
Auf Platform folgten Unknown Pleasures (2002) und The World (2004), in denen das Ergebnis der Umwälzungen an der Gegenwart demonstriert wird: Menschen, deren Leben der Sinn abhanden gekommen ist, entwurzelte, arbeitslose Jugendliche in Unknown Pleasures, die ausgebeuteten, zur Ware degradierten Angestellten eines disneylandartigen Pekinger Vergnügungsparks in The World. Depression findet jetzt in bunt statt.
Mit Still Life (2006) ist Jia Zhang-Ke ein Stück weit zu seinen Anfängen zurückgekehrt: dieselben ausgeblichenen Farben, derselbe langsame Rhythmus. Gleich mit den ersten Bildern werden wir in eine Welt hineingesogen, die uns fremd erscheint. Langsam, sehr langsam gleitet die Kamera über die Gesichter einer Gruppe von Menschen. Es sind ausdruckslose Gesichter, zum Teil vielleicht nachdenkliche oder sogar zufriedene Gesichter, aber jedenfalls die Gesichter von Menschen, die außerhalb der Zeit zu leben scheinen, die einfach nur existieren - im Hier und Jetzt, die nirgendwo hin und von nirgendwo weg zu wollen scheinen - und die sich dabei doch auf einer Fähre befinden.
Kurz bevor die Fähre anlegt, hören wir eine Lautsprecherstimme, die den Umsiedlern erklärt, wo sie sich zu melden haben. Den Menschen, die durch den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms, mit dem sich auch deutsche Konzerne eine goldene Nase verdienen, Wohnung und Heimat verloren haben.
Genau wie die früheren Filme Jias zeigt auch Still Life eine kaputte Welt. Kaputte Landschaft - die Ufer des Jangtsekiang sehen aus wie die spanische Mittelmeerküste, nur nicht so sonnig - kaputte Häuser, kaputte Menschen, kaputte Beziehungen. Selbst die Handlungsstruktur dieses Films ist “kaputt”, denn die beiden Handlungsstränge werden, anders als wir es von vergleichbaren Filmen gewohnt sind, nicht zusammengeführt. Und zu der statischen, entwicklungslosen Tristesse paßt schließlich auch noch, daß der Regisseur uns nicht einmal ein richtiges “End” gönnt. Weder ein “Happy End” noch ein “Unhappy” solches.
Die Menschen im Film wirken freudlos und fremd, manchmal grundlos aggressiv, manchmal unendlich leidensfähig, meistens stoisch. Sogar ihr Umgang mit den Errungenschaften der westlichen Zivilisation scheint seltsam, etwa, wenn sie sich mit dem Handy in der Hand gegenübersitzen, sich gegenseitig anrufen und dann den Klingeltönen lauschen statt hysterisch umherzurennen und dabei Banalitäten ins Handy zu plärren, wie das nach unseren Maßstäben der Fall sein müßte.
Parallelen zu unserer deutschen Gegenwart zeigen sich aber auch manchmal. So zum Beispiel, wenn bei der Party auf der Aussichtsterrasse jemand (ein Bauunternehmer?) zum Handy greift und vom Elektrizitätswerk verlangt, man möge endlich die Brückenbeleuchtung einschalten, da man schließlich Gäste habe, und wenn wenige Sekunden später die riesige Bogenbrücke über den Jangtsekiang in unvorstellbarem Glanz erstrahlt. Da ahnt man, wer im heutigen China das Sagen hat, und denkt unwillkürlich an Reinhard Müller oder Klaus Groth, die sich aber ihres Reichtums doch etwas zu schämen scheinen, denn ihre Weihnachtsbeleuchtung am Gasometer in Berlin fiel wesentlich bescheidener aus.

Gibt es in diesem Film auch Lichtblicke? Ja, ich empfinde die surrealen Momente, in denen reine Fantasie die Realität aufbricht, als solche. Etwa, wenn das skurrile Denkmal plötzlich zur Rakete wird und davon fliegt oder wenn ein Seiltänzer zwischen zwei Abbruch-Hochhäusern sein Können demonstriert. Flucht in die Fantasie ist Freiheit, die einem niemand nehmen kann.
Wie kommt es übrigens, daß Filme wie dieser in China nicht der Zensur zum Opfer fallen? Die ist offenbar nicht so streng wie man denkt. Nur finanzielle Unterstützung erfährt Jia Zhang-Ke in China nicht. Ohne die großzügige Hilfe von Takeshi Kitano wären seine Filme wahrscheinlich nicht möglich gewesen.
Still Life läuft noch einmal am Montag, dem 21. 4. um 19:30 Uhr im Arsenal 2 am Potsdamer Platz.