Peter Lilienthal ist heute notwendiger denn je

23. April 2008

Peter Lilienthal, der Name erinnert mich an meine Jugendzeit. Genauer gesagt, an das Jahr 1971. In den Kinos lief damals Schulmädchenreport. Aber die wirklich verstörenden Filme kamen im Fernsehen. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, versteht sich, denn die kommerziellen Massenverblödungsmaschinen, nach deren Vorbild dann schließlich auch die Öffentlichen zu Quotensklaven wurden, waren noch nicht zugelassen.

Gesendet wurden die Filme, die mich faszinierten, immer zu später Stunde - vermutlich, um die werktätige Bevölkerung nicht zu erschrecken - und eine sogenannte “Ansagerin” warnte vorher vor der schwer verdaulichen Kost. (”Ansagerinnen”, für die Jüngeren unter meinen Lesern, waren Damen aus Fleisch und Blut, die zwischen den Sendungen ein paar überleitende oder einführende, oft nicht ganz dumme Worte sprachen und als Vorläufer der heutigen Jingles und Werbespots und der gelegentlich auftretenden geilen Moderatorinnen aus der Werkstatt des Klonschafs Dolly gelten können.)

Einer dieser verstörenden Filme hieß “Die Sonne angreifen“. “Eine interessante, schwer zu entschlüsselnde Parabel über Verantwortung und politisches Engagement,” wird der Film hier beschrieben, und der offenbar immer schon oberschlaue Spiegel sprach vom “Stammeln eines Konfuzius“. Daß ich diese gestammelte Parabel damals als Schüler richtig entschlüsseln konnte, bezweifele ich heute, aber einige Bilder haben sich mir unauslöschlich eingeprägt.

Da waren in vielen Wohnzimmern gerade erst die Buntfernseher auf die Häkeldeckchen gestellt worden, und hier wagte einer, dem Film die Farbe zu nehmen. Blaustichige, fahle, von weißem Licht durchflutete Bilder und merkwürdig “freie” und unkonventionelle Menschen, die die Tür zu einer neuen Welt aufzustoßen schienen, sind das, woran ich mich (hoffentlich richtig) erinnere.

Am Sonntag, dem 20. 4. 2008, habe ich nun den Autor dieses Films, Peter Lilienthal, zum ersten Mal live erlebt, bei der Vorstellung seines neuesten Films “Camilo - Der lange Weg zum Ungehorsam” im Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz (von mir intern gerne “Perverser Platz” genannt). Und bei dem Stichwort “Akademie der Künste” muß ich schon wieder abschweifen.

Berlin ist bekanntlich nicht arm an mißlungener moderner Architektur. Es gibt aber nur wenige Bauten, die - wie der Neubau der Akademie - nur noch durch Komplettabriß gerettet werden könnten. Dieses Gebilde ist offenbar die Verzweiflungstat eines Menschenhassers. Alles an ihm ist anti-ergonomisch. Schiefe Ebenen, die zu steil zum Beschreiten und zu flach zum Erklettern sind, Treppen, deren Stufen zu niedrig sind für den aufrechten Gang, Glasflächen, die einen ins Leere fallen lassen, nichts, was dem Auge Halt geben könnte. Günter Behnisch heißt der Mann, der dies alles verbrochen geschaffen hat. Den Aufzug habe ich gemieden, denn in einem Gebäude wie diesem würde er wohl nur abwärts fahren, und in der Toilette auf Ebene “-1“, wo es im Übrigen drei Jahre nach der Eröffnung immer noch aussieht wie im Rohbau einer Tiefgarage, steht man folgerichtig mit nassen Händen vor dem Handtuchspender und grübelt, in welcher Sprache man ihn wohl ansprechen muß, damit er noch etwas Handtuch spende.

Pariser Platz von Akademie der Künste

Dafür entgleitet der Blick dann aus den oberen Etagen durch die Glaswand hinunter auf den Pariser Platz mit seinen urigen Wiener Fiakern, den indischen Reklame-Rikschas, den Touristentrauben, der französischen Botschaft, die an Häßlichkeit die britische und die neue US-amerikanische noch überbietet, und über die Dächer gespickt mit Deutschland- und Allianzversicherungsfahnen hinüber zum deutschen Big Ben: der Reichstagskuppel. Die Adlon-Portiers um die Ecke im historischen Südstaaten-Outfit muß man sich dazu denken.

Nach elf Jahren in der Akademie der Künste (Berlin) bin ich - sehr spektakulär, was nicht meinem Charakter entspricht - weggelaufen. Die wollten wieder die Restauration. Neue Akademie am Brandenburger Tor. Ausstellen, vorstellen, prominent sein und so weiter. Ich habe gesagt, wir treten ein in das Zeitalter der Nomaden. Wir brauchen kein neues Haus. Wir brauchen Zelte, Wohnwagen, und an dieser Stelle vor dem Brandenburger Tor ist mir lieber ein neues Las Vegas, ein Kinderspielplatz, oder sonst irgendwas, aber keine neue Akademie. Sie haben eine Dreihundertjahrfeier gemacht. Ich muss das nur schnell sagen, weil es alles mit Kultur zu tun hat, mit der Kultur des Dialogs. Ich habe ihnen gesagt: “Da mache ich nicht mit. Ich würde gerne eine Retrospektive von all denen machen, die nicht aufgenommen wurden in der Akademie. Der Rest, das waren Arschkriecher der Monarchen” und so weiter. Die Nachkriegsgeneration hat das nicht begriffen. Die sitzen da wieder am Brandenburger Tor, am Ort des Verbrechens, und feiern Dreihundertjahrfeier mit irgendwelchen Gipsbüsten.

Das sagte Peter Lilienthal im Jahr 2000. Am Sonntag wurde nun, wie schon erwähnt, der neue Film des heute 78jährigen in der Akademie der Künste vorgestellt, und zwar nicht am Hanseatenweg, sondern auf der selbstgestrickten Leinwand (so sieht sie jedenfalls an den Rändern aus) in eben diesem Neubau am Perversen Platz. Es ist schon eine bizarre Idee, eine Filmvorführung in einem Saal zu veranstalten, der sich nicht einmal verdunkeln läßt.

“Camilo” von Peter Lilienthal in der Akademie der Künste

Über den Film selbst möchte ich nicht allzu viel sagen. Was er mit Bildern ausdrückt, läßt sich kaum in Worte fassen. Nur so viel: es handelt sich um einen Dokumentarfilm, aber nicht um einen im Stil eines Michael Moore. Camilo ist leiser und wirkungsvoller zugleich. Statt plakativer Provokation setzt er auf emotionale Wirkung mit künstlerischen Mitteln. Statt zerfetzter Fleischreste auf irakischen Schlachtfeldern zeigt er die Menschen hinter dem Elend, läßt sie für sich selbst sprechen und macht dadurch den Wahnsinn der menschenverachtenden US-Politik um so deutlicher spürbar.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion saßen sich - man möge mir die polemische Zuspitzung verzeihen - drei engagierte Verfechter von Menschlichkeit, Wahrheitsliebe und Verantwortung und ein Politiker gegenüber. Der Politiker war Reinhold Robbe (SPD), der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags. Gleich mit seiner ersten Stellungnahme schaffte er es, mir einen kalten Schauer den Rücken hinunter zu jagen, denn zweimal glaubte ich, ihn die Worte “unsere amerikanischen Freunde” artikulieren zu hören. Andere Zuhörer bestätigten mir später, daß er das tatsächlich gesagt habe, und sogar dreimal. Wie ist es möglich, daß jemand den Dokumentarfilm “Camilo - Der lange Weg zum Ungehorsam” von Peter Lilienthal sieht und direkt im Anschluß daran von “unseren amerikanischen Freunden” spricht? Wissen Politiker nicht mehr, was sie sagen? Müssen Politiker heute eine Gehirnwäsche durchgemacht haben, um in der Öffentlichkeit auftreten zu dürfen? Hatte Robbe den ganzen Film über geschlafen?

Andreas Zumach leitete die Diskussion überaus kompetent und stellte genau die richtigen Fragen. Er war also so ziemlich das genaue Gegenteil der Anne Wills und Maybrit Illners aus der Glotze (die natürlich, im Gegensatz zu ihm, auch auf der Basis profunder Sach-Unkenntnis agieren müssen).

Helmuth Prieß stellte den Bezug zwischen dem Film und unserer bundesrepublikanischen Wirklichkeit her, indem er unter anderem die zunehmende Verstrickung der Bundeswehr in Kriege und andere völkerrechtswidrige Aktivitäten der USA, die indirekte Unterstützung auch des Irak-Kriegs durch die Bundesrepublik und besorgniserregende Entwicklungen ähnlich den in Lilienthals Film gezeigten auch in der Bundeswehr anprangerte und darauf hinwies, daß etwa die Tätigkeit des KSK in Afghanistan kaum parlamentarisch kontrolliert und damit demokratisch legitimiert erfolge, was von Robbe natürlich alles entschieden dementiert wurde. Robbes Ausführungen veranlaßten eine Zuhörerin in der ersten Reihe zu dem lauten und entrüsteten Zwischenruf “Sie wollen uns hier verarschen,” dem ich persönlich nichts hinzuzufügen habe. (Siehe dazu z. B. auch diesen Bericht, der zufällig einen Tag nach der Veranstaltung in der Berliner Zeitung erschien.)

Kurz zuvor hatte Robbe noch von einem Besuch in einer US-Klinik in Landshut erzählt, wo Soldaten mit abgerissenen Gliedmaßen behandelt würden, die sich nichts sehnlicher wünschten als an die Front zurückzukehren.

Peter Lilienthal selbst erwies sich als ungemein liebenswürdiger und bescheidener Zeitgenosse. Sein Film blieb natürlich der stärkste Beitrag zu dieser Veranstaltung, und Jutta Brückner wünschte sich in ihrem schönen Schlußwort sinngemäß, er möge zum Pflichtprogramm an Schulen und für die Mitglieder des Bundestags werden, damit insbesondere letztere ihre Geschichtskenntnisse nicht immer nur aus Spielfilmen im Hollywood-Stil beziehen müßten, eine deutliche Anspielung, wie ich meine, auf “Das Leben der Anderen“, den Schmarrn, dessen Besuch die CDU bundesweit zur Pflicht für Mitglieder und Anhänger ihrer Partei gemacht hat und am liebsten für das ganze Volk machen würde.

Morgen soll “Camilo - Der lange Weg zum Ungehorsam” in die Kinos kommen. Es ist ein notwendiger Film.

Material über Peter Lilienthal (PDF-Datei, 88 Seiten)

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