Stiftung Tote Stadt
2. Mai 2008
Es ist kaum zu übersehen: die Werbetafeln schießen aus dem Berliner Betonboden wie die Giftpilze. Was aber dem kritischen und in Fragen der Ästhetik nicht ganz gehandicapten Bürger wie letzte Zuckungen eines agonisierenden Gemeinwesens anmutet, ist in Wirklichkeit von langer Politikerhand geplante ”Belebung” einer Stadt.
”Deregulierung” heißt das neoliberale Zauberwort, das Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) in Berlin mit Leben erfüllte, als sie 2005 die neue Bauordnung verabschieden ließ, die neben anderen Greueltaten, wie etwa der Verstrahlung der Bevölkerung durch Mobilfunkantennen, auch das Werben im öffentlichen Raum erleichterte.
Bereits zwei Jahre zuvor hatte ihr Vorgänger im Amt, Peter Strieder, den Kurs mit dieser Präsentation vorgegeben, die heruntergewirtschaftete öffentliche Bedürfnisanstalten den schönen neuen Werbeträgern von Wall und Ströer gegenüberstellt. Die Botschaft scheint klar: man muß öffentliche Einrichtungen nur lange genug verkommen lassen, dann wird sich die Bevölkerung schon irgendwann alle zehn Finger nach ihrer Kommerzialisierung lecken.

Gehalten hat Strieder seinen Vortrag damals auf einem Symposium der ”Stiftung Lebendige Stadt”. In dieser gemeinnützigen und damit steuerbegünstigten, ”selbstlos tätigen” Stiftung haben sich ”renommierte Vertreter aus Verwaltung und Politik, Kulturschaffende, Wissenschaftler und Vorstände von Unternehmen” zusammengeschlossen, um das Erscheinungsbild der Städte nach ihrem Gusto zu gestalten. Es handelt sich damit also um eines jener klassischen ”Netzwerke”, die heute als soziale Hängematte der Reichen und Superreichen gelten können und dafür sorgen, daß Macht zu Geld kommt (oder umgekehrt). Nur Werbetafeln und Einkaufszentren sind in den letzten Jahren in noch größerer Zahl aus dem Boden gestampft worden als derartige ”Stiftungen”.
Die Stiftung Lebendige Stadt wurde im Jahr 2000 völlig selbstlos von Alexander Otto, dem Mann mit dem Haifisch-Lachen, gegründet. Alexander Otto ist zufällig der Sohn von Werner Otto, dem Gründer des Otto-Versands, und zufällig mit seiner Firma ECE auch Herrscher über eine Vielzahl von Bürohochhäusern und anderen Immobilien sowie insgesamt 82 Einkaufszentren, von denen sieben in Berlin stehen.
Und zufällig auch versammelt seine Stiftung ausgerechnet Architekten, Planer, Gutachter und die die Objekte genehmigenden Politiker um ihre runden Tische.
”Die gemeinnützige Stiftung, dieses Feigenblatt für Einkaufszentren mit stadtzerstörerischer Wirkung, organisiert ein vielfältiges Netzwerk, in dem Politik, Stiftung und ECE verflochten sind,” schrieb die Süddeutschen Zeitung 2006. ”Im Stiftungsrat sitzt auch der Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts GfK Prisma, das einen großen Teil der ’Verträglichkeitsgutachten’ erstellt, die für die Genehmigungsfähigkeit von Einkaufszentren erforderlich sind.”
Auch in Berlin war die GfK GeoMarketing in beträchtlichem Umfang sowohl für private Investoren als auch öffentliche Auftraggeber tätig, im Jahr 2003 (dem Jahr, als Peter Strieder bei der Stifung Lebendige Stadt seinen Vortrag hielt) z. B. für die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Und das Ergebnis der ”Qualitätsgutachten” (die manche für etwas ganz anderes halten) waren allzu oft Einkaufszentren - mit verheerenden Folgen für die Stadt als Lebensraum.
[...] was hier geschieht, ist so etwas wie die schleichende Entmachtung der Bürger - mit deren Einverständnis, wohlgemerkt. Der ”Freiraum Stadt” wird zum Zweckraum degradiert. Öffentlicher Raum wird privatisiert und kontrolliert. Aufhalten darf man sich darin nur, solange man zahlungskräftig ist und Ruhe gibt. Früher machte Stadtluft frei. Diese Freiheit verspielen nun die Städte selbst.
Gert Kähler in der Süddeutschen Zeitung
Denn die Center besetzen nicht allein die geografische Mitte der Stadt und verändern sie so. Sie sind steingewordene Politik. Sie machen variablen öffentlichen Raum zu weitgehend uniformem privatem Raum; es gilt nicht mehr, was die Stadt will, es gilt, was der Eigentümer oder Vermieter will.
Rainer Frenkel in Die Zeit
Wäre also die europäische Stadt schon immer so durchrationalisiert, überwacht und aufpoliert wie die ECE-Center gewesen, unsere Welt sähe anders aus, ärmer und undemokratischer. Und diese Welt scheint nun zu drohen. Denn das Prinzip ECE greift mittlerweile auch dort, wo kein ECE ist. Hohe Sicherheit, keine Bettler, viel Eventzirkus, daran haben sich die Kunden gewöhnt. Daher versuchen nun die Innenstädte der Shopping-Center-Konkurrenz zu trotzen, indem sie diese imitieren. Die Citys werden gleichförmiger, kontrollierter, festivalisierter, überall verstellen kreischbunte Kunstbären, Kunstlöwen, Kunstwasserträger die Straßen. Hingegen wird der eigentliche Reiz des Urbanen, das Unvorhersehbare, das Freigesinnte, gern als Risiko betrachtet und an den Rand gedrängt. ”Stadtluft macht nicht mehr frei”, sagt der Soziologe Werner Sewing. ”Stadtluft macht Konsumenten und Touristen.”
Hanno Rauterberg in Die Zeit
Das klingt fatal nach einer Beschreibung des Zustands unserer Hauptstadt, denn auch in der ist der ”Eventzirkus” längst Dauergast.
Die Spezialisten für Events sitzen, man ahnt es schon, im Stiftungsrat und Vorstand der Stiftung Lebendige Stadt. Zum Beispiel Michael Batz. Er ist Beleuchter - Verzeihung: ”Lichtkünstler”. Ganze Städte hat er schon in sein buntes, alles gleichmachendes Theaterkulissen-Kitsch-Kunstlicht getaucht, in Berlin den Reichstag und das Schloß Bellevue illuminiert, gerne auch mit dem Philips-Konzern im Rücken (dessen Deutschland-Zentrale zufällig von ECE gebaut wurde), und wenn man ihn ließe, würde er sicher auch noch die Kanzlerin auf dem Klo anstrahlen (eine angemessene Vergütung vorausgesetzt).
Demnächst erwartet die ”Bürgerinnen und Bürger” von Berlin sogar ein ”ganz besonderes Geschenk”: die ”dauerhafte Gesamtillumination” des Reichstagsgebäudes, größtherzig überreicht von der Stiftung ”Lebendige Stadt”, der Stiftung ”Zukunft Berlin” und der Sparkassen-Finanzgruppe. Die laufenden Stromkosten sollen ”bei unter zwei Euro pro Betriebsstunde” liegen, was natürlich super-günstig ist. Nur Menschen arbeiten schließlich zum Teil für weniger. Zudem soll die Illumination laut Dr. Volker Hassemer (CDU), dem Berliner Bausenator a. D. und Vorstandsvorsitzenden des zweiten gemeinnützigen Lobbyisten-Netzwerks Stiftung Zukunft Berlin, ”beispielgebend für effizienten und verantwortungsvollen Umgang mit Energie sein und die Bevölkerung für den schonenden Umgang mit Ressourcen sensibilisieren”, und wie ginge das besser als durch ein abschreckendes Beispiel, das sicher nur rein zufällig ganz nebenbei dem Stiftungsmitglied Vattenfall als Lieferanten der verschwendeten Energie wohl nicht ganz ungelegen kommen dürfte?
Insgesamt kann man sagen, daß Peter Strieders Visionen von der ”lebendigen Stadt” vier Jahre nach seiner Amtsübergabe an Ingeborg Junge-Reyer weitgehend verwirklicht sind: die Stadt erstickt in Werbung und Show- und Unterhaltungskitsch, die Einkaufszentren und Bürohochhäuser sprießen, und auch die Vision vom Umbau des Schöneberger Gasometers zur Mammut-Litfaßsäule wird bald wieder Wirklichkeit. Mit Werbung verhüllt war der Gasometer ja schon einmal, damals mit der Genehmigung von Bezirksstadträtin Elisabeth Ziemer (Bündnis 90 / Grüne). Diesmal wird die Werbeaktion als Kunstvorhaben getarnt und von Wirtschaftssenator Harald Wolf (Die Linke) gefördert.
Und übrigens: im Stiftungsrat der Stiftung Lebendige Stadt sitzt zufällig auch noch Dr. Eckart John von Freyend, der Chef-Lobbyist der Immobilienbranche, Aufsichtsratsvorsitzende von Reinhard Müllers Gasometer-Entwicklungsfirma KONZEPTplus und frühere Vorstandsvorsitzende von Müllers engem Geschäftspartner IVG Immobilien AG.
Daß auch die Berliner Senatorin für Stadtentwicklung im Stiftungsrat von Alexander Ottos Stiftung sitzt, braucht wohl nicht eigens erwähnt zu werden.
”Die Politiker machen Städte, die in 1000 Jahren entstanden sind, in wenigen Jahren kaputt”, sagt der Autor des Buchs ”Angriff auf die City”, der Düsseldorfer Stadtplaner und Architekt Walter Brune. Hauptsache, die Kasse stimmt. Das tut sie aber nur für einige wenige. Für international tätige Investoren ”spielten Zahlungen von ein paar Millionen Dollar durch Mittelsmänner überbracht an Abgeordnete, Politiker, Journalisten großer Zeitungen oder sonstige positiv zu stimmende Personen keine Rolle”, wird Brune, der selbst einige Einkaufszentren baute, in der Zeit zitiert. Die breite Masse hingegen wundert sich nur, wieso plötzlich kein Geld mehr da sein soll, ein paar Bedürfnisanstalten unter städtischer Regie zu betreiben, oder wieso die Renten plötzlich nicht mehr finanzierbar sein sollen und die Jungen gegen die Alten aufgehetzt werden müssen, damit nicht beide gemeinsam gegen diejenigen aufstehen, die der Gemeinschaft mit Unterstützung der Politiker das meiste Geld entziehen.
Am 2. Juli 2008 um 16:25 Uhr
[...] Hamburger “Lichtkünstler” Michael Batz gewonnen. Batz dürfte den Lesern dieses Blogs kein Unbekannter sein, ebensowenig wie der Vorsitzende der “hochkarätig besetzten Fachjury“, der die [...]
Am 20. August 2009 um 16:28 Uhr
[...] in seinem Schloß im Grunewald seinen 100. Geburtstag feierte. Otto ist der Gründer der Firma ECE, die überall in Europa die Innenstädte mit unsäglich geschmacklosen Einkaufszentren zugebaut und [...]