68 ./. 08/15

6. Mai 2008

68er

Das Arsenal zeigt bis Juli Filme aus der Zeit um 1968. Das war die Zeit, als der deutsche Nachkriegsfilm (jedenfalls der westdeutsche) endlich ein eigenes Profil bekam. Sehr populär sind diese Neuen Deutschen Filme aber bis heute nicht, wie die Zuschauerzahlen im Arsenal zeigen.

In Tätowierung von Johannes Schaaf spielt das spätere RAF-Mitglied Christof Wackernagel den 16jährigen Adoptivsohn eines Westberliner Fabrikanten, der sich durch die übertrieben verständnisvolle Fürsorge der Adoptiveltern erdrückt fühlt. Schließlich genügen ein paar Frust-Erlebnisse, um den “Befreiungsschlag” auszulösen, der aber natürlich nicht in die Freiheit, sondern ins Gefängnis führt. Die Mauer, die direkt hinter der Fabrik des Vaters vorbeiführt, verleiht dem Gefühl des Eingeengtseins optisch Ausdruck. (Wiederholung am 18. 5.)

Ganz anders als Tätowierung ist der Dokumentarfilm “Herbst der Gammler” von Peter Fleischmann, der am Sonntag in Anwesenheit des Regisseurs gezeigt wurde. (Wiederholung am 27. 7.) Bestürzend, wie offen über 20 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs auf Münchner Straßen von den “ehrbaren Bürgern” vor laufender Kamera Nazi-Parolen verbreitet wurden. Nach Meinung der Bürger gehörten die “Gammler” ins Arbeitslager. Würde man sie zu ordentlicher Arbeit zwingen, bräuchte man auch keine “Gastarbeiter” mehr.

Die meisten “Gammler” hingegen wirken reifer und erwachsener, als man aufgrund ihres Alters (14 - 16) aus heutiger Sicht erwarten würde. Natürlich albern sie manchmal herum. Aber oft zeigen sie auch großen Ernst und mehr Verständnis für das, was auf der Welt geschieht, als die Generation ihrer Eltern. Und sie sind mit ihrem radikalen Konsumverzicht (bis auf Drogen natürlich) und ihrer Oppositionshaltung zur bürgerlichen Gesellschaft so ziemlich das genaue Gegenteil der heutigen Jugend.

Bei dem Gespräch im Anschluß an die Filmvorführung wurde deutlich, daß Peter Fleischmann sich auch heute nicht scheut, die Dinge beim Namen zu nennen. So kritisierte er gleich zu Anfang die Projektionsqualität im Arsenal. Seine Ansprüche sind hoch - auch in technischer Hinsicht - und hier war das Bild zu flau und Bild und Ton waren nicht exakt synchron. (Dieser Fehler war mir allerdings noch deutlicher auch schon bei “Tätowierung” aufgefallen. Vielleicht sollte man da wirklich etwas nachjustieren.)

Die späteren prägnanten Bemerkungen Fleischmanns zum heutigen Zustand unserer Gesellschaft - der fast noch stärker nach Widerstand schreit als damals, 1967/68 - hätten es verdient, mitgeschnitten und hier wörtlich zitiert zu werden.

Vergleicht man Menschen wie Peter Fleischmann oder die in seinem Film gezeigten Jugendlichen mit der Masse der heute Lebenden, dann begreift man, was heute den meisten fehlt: Authentizität. Herrschte damals ein fast schon übertriebener Wunsch, man selbst zu sein, so scheinen jetzt alle nur noch bestrebt, Starlets aus Glotze, Hollywood-Film und Werbung nachzuahmen. Alles ist nur noch Fassade und Schein. Selbstdarstellung ohne Persönlichkeit. Auch die Sprache ist dermaßen mit inhaltsleeren, modischen Floskeln durchsetzt, daß man sich oft nur noch super verarscht vorkommt.

Volksbühne

08er

In einem Cartoon von OL über die “Mütter vom Kollwitzplatz” heißt es: “Wir müssen reden, laß uns ins Kino gehen.

Ich war am 25. 4. nicht im Kino, sondern im Theater. Wie ’s war? Keine Ahnung. Ich weiß nur, daß die Vorstellung ca. drei Stunden dauerte (ohne Pause, wie praktisch immer bei Castorf - warum gönnt der Mann uns seine leckeren Pausenbouletten nicht?) und daß sich nahezu die ganze Zeit über zwei jugendliche Schönheiten (im Folgenden “die Schnepfen” genannt) zwei Reihen hinter mir lebhaft austauschten. Da konnte auf der Bühne gestorben, gequält, gemordet und geträumt werden - egal, der eigene Klatsch und Tratsch war wichtiger.

Sicher, ich hätte etwas sagen können. Aber erst wartete ich voller Hoffnung darauf, daß sich die beiden doch noch von selbst beruhigen würden, und dann war es zu spät. Da war ich schon so geladen, daß eine einigermaßen dezente Auseinandersetzung ohne Einbeziehung aller übrigen Anwesenden einschließlich der Schauspieler auf der Bühne nicht mehr möglich schien.

Deshalb beschränkte ich mich darauf, mir vorzustellen, was ich tun würde, wenn die beiden Schnepfen neben mir säßen. Ich würde ihnen, etwa bei der Textstelle “das Töten ist eine Wissenschaft und muß gelernt werden“, mein Klappmesser in den Leib rammen und ein paar Mal kräftig umrühren. Für dieses Gefühl hätte ich sogar einen späteren Rentenabzug aufgrund der durch meine Tat noch ungünstigeren Alterspyramide in Kauf genommen.

Ganz stimmt es natürlich nicht, daß ich von der Vorstellung nichts mitbekommen habe. Ich kann zumindest soviel sagen: die herablassenden Kritiken, mit denen Castorfs Maßnahme/Mauser in der Presse (z. B. taz) bedacht wurde, waren nicht gerechtfertigt. Dies ist nicht eine der schlechtesten Castorf-Inszenierungen, eher im Gegenteil. Richtig ist, daß Castorfs Brecht und Müller weniger “modern” wirken als etwa seine Dostojewski-Interpretationen. Aber der Volksbühnen-Chor und die Musik von Eisler zum Beispiel waren - auch wenn man die großen Volksbühnenschauspieler-Persönlichkeiten wie Wuttke und Schütz immer noch vermißt - überwältigend, und die Inszenierung enthält gleich mehrere jener magischen Momente, in denen das Geschehen auf der Bühne einzufrieren scheint, die Darsteller nur noch ratlos herumstehen oder sitzen und sich eine tragische Verlorenheit breit macht, die so stark anrührt, wie das fast nur noch die Volksbühne kann.

Andererseits, da hat Ulrich Seidler recht, weist insbesondere der Heiner-Müller-Teil und Meg Stuarts Choreographie auch Längen auf. Pina Bausch hatte bekanntlich die Angewohnheit, noch Monate nach einer Uraufführung weiter an ihren Stücken zu feilen und sie zu straffen. Diese Arbeitsweise sollten Frank Castorf und Meg Stuart sich vielleicht zu eigen machen?

Die Jugend könnten sie mit solchen Inszenierungen aber natürlich dennoch nicht erreichen. Drei - oder auch nur zwei - Stunden Konzentration auf das Geschehen auf der Bühne statt auf das eigene Handy-Display, das ist mit ihr nicht machbar, und mit Zurückhaltung aus Rücksicht auf die anderen ist bei ihr auch nicht zu rechnen, denn die anderen kommen im ego-zentrierten Universum heutiger Jugendlicher ja nur als Publikum für den eigenen großen Auftritt vor.

Volksbühne

Ein Kommentar zu “68 ./. 08/15”

  1. Sleep

    Und ich dachte schon, ich wäre der einzige, der schwatzende, knisternde, telefonierende, schlürfende, schmatzende, durch die Gegend laufende, seine Knie dem Vordermann ins Kreuz drückende Typen magisch anzieht :-)

    Der Gedanke an frühere Psycho-Sessions dieser Art, die es während der Vorstellung still zu erdulden gilt, vergällt mir seit Monaten, wieder mal ins Cubix zu gehen. Wenn dort die Brandenburger Landjugend einrückt, öffnet sich für 90 Minuten plus Werbung die Hölle.

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