Tolle Leistung!
15. Mai 2008In der Nacht zum Donnerstag wurde offenbar der neue S-Bahnhof “Julius-Leber-Brücke” (der leider nicht “Kolonnenstraße” heißt) durch Vandalismus beschädigt. Das melden RBB und diverse Tageszeitungen. Die Fotos auf dieser Site zeigen eingeschlagene Scheiben und Parolen wie “Schöneberg ist auch ohne Investor GEIL“.
Dazu auf die Schnelle nur soviel: wenn mit dieser seltsamen Aktion irgend etwas erreicht wurde, dann höchstens, legitime Kritik an der Berliner Stadtplanung im Allgemeinen und dem Gasometer-Projekt auf der Schöneberger Insel, auf das sich der zitierte Spruch offenbar bezieht, im Besonderen in Mißkredit zu bringen.
Auf den neuen S-Bahnhof haben die meisten Anwohner lange gewartet (auch wenn man über seine bauliche Ausführung streiten kann). Mit dem EUREF-Projekt des Reinhard Müller hat er nichts zu tun (das richtet sich ohnehin an Autofahrer). Und für die Medien, die Wirtschaft und Politik ist die Aktion ein gefundenes Fressen. Der S-Bahn-Chef und die Stadtentwicklungssenatorin zeigen sich “entsetzt“, als seien hier 20 tote Kinder in einer Tiefkühltruhe entdeckt worden, die Morgenpost schreibt gleich zweimal hintereinander von einem “grünen Industriefaserstift“, als sei solch ein Ding das Teufels-Tatwerkzeug per se, RBB weiß zu berichten, die Zerstörer seien “professionell” vorgegangen, denn sie “haben einen Hammer benutzt“, und die Linken sind wieder einmal die “Chaoten”, mit deren Argumenten man sich zum Glück nicht wirklich auseinanderzusetzen braucht.
Am 16. Mai 2008 um 11:52 Uhr
“Eine richtige Tat an falschem Orte”,
meint die Tante einer entfernten Bekannten der Halbschwester der Tochter des Gärtners meiner Großmutter.
Am 16. Mai 2008 um 15:12 Uhr
Vielleicht solltest Du mal die Großmutter wechseln.
Aber im Ernst: was ich befürchtet hatte, kann man inzwischen an den Kommentaren z. B. im Tagesspiegel oder auch im Gästebuch der BI-Gasometer-Site beobachten. Am Ende werden Reinhard Müller und seine Unterstützer vielleicht die einzigen sein, die von dieser Sache profitieren.
Eine Ergänzung muß ich noch zum RBB-Bericht machen: “professionell” war diese Tat sicher nicht. Wer wissen will, wie professionelle Zerstörung aussieht, der hätte das z. B. am Palast der Republik verfolgen können.
Am 16. Mai 2008 um 18:10 Uhr
Die Tante einer entfernten Bekannten der Halbschwester der Tochter des Gärtners meiner Oma meint, dass die Kommentierenden auf den Websites und beim Tagesspiegel (traditionell) ähnlich reaktionär handeln wie die, die statt eines Investorenprojekts oder einer politischen Einrichtung eine allgemein begrüßte S-Bahn-Station öffentlichkeitswirksam zurichten.
Ferner meint sie, dass sie die Hilflosigkeit der Tat nachvollziehen kann, jedoch würde sie z.B. ihrer Enkelin davon abraten und ihr mehr Mut zusprechen - und Verstand. Der “allgemeine” Aufschrei indes wäre vermutlich dennoch dem jetzigen ähnlich.
Eben grad gab sie noch zu bedenken, dass von den Normalanständigen nischt erwartet wird, von den motivierten, sich fehlleitenden Tätern aber, dass sie das richtige Ziel finden. Diese unterscheiden sich oft aber in ihrer Intelligenz kaum von den Normalanständigen und wählen daher ein falsches Ziel.
Wären alle Beteiligten brav zuhaus vorm Fernseher sitzen geblieben, wären die Normalanständigen jetzt rundum beruhigt und zufrieden und würden selbstverständlich weiterhin die Hände in den Schoß legen - und nicht einmal Protest gegen den Protest äußern. Das wird aber nicht kritisiert, denn das ist ja normalanständig - und normalanständig muss schon sein, wo kommen wir denn sonst hin. Nur brave, ruhige Bürgerlein sind gute Bürgerlein.
Alles Mögliche dient als Vorwand, einen Protest zu diskreditieren. Was würde denn geschehen, wenn jemand nach Feierabend eine Bombe im Berliner Sitz der Bertelsmann-Stiftung zündet? Begrüßenswert und legitim fänden das viele Menschen, aber was würde man von allen möglichen Seiten zu hören bekommen!? Es gäbe ein großes Terrorismus-Geschrei, es würde über “die Chaoten” und “die Linksextremen” hergezogen werden, im Tagesspiegel genauso wie auf den allermeisten Websites und beim rbb.
Aus diesen Gründen kümmern sie die dumpfen Reaktionen auf eine dumpfe Verzweiflungstat nicht besonders, so die Tante…, Helga heißt sie übrigens.
Am 23. Mai 2008 um 20:56 Uhr
Das letzte Bild von alexius.eu gefällt mir am besten:
http://www.alexius.eu/BauSBahnhofJuliusLeberBruecke/08-05-20.jpg
Am 24. Mai 2008 um 12:22 Uhr
Es hat allerdings nur ca. 1 Tag gedauert, bis die Ordnung auf der Wand wieder hergestellt war.
Am 25. Mai 2008 um 21:05 Uhr
Ich glaube der Laden daneben verkauft nicht nur Tinte, sondern auch Wandfarbe…
Die ist aber auch zu schön diese Wand, die fordert ja geradezu heraus sie mit wichtigen Nachrichten zu beschreiben.