Die Dalai Lama Show

20. Mai 2008

Wie es sich für einen Freund des CDU-Politikers Roland Koch gehört, war der Dalai Lama gestern in Tempelhof gelandet und im Adlon abgestiegen. Am Nachmittag sollte er auf der Bühne der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor sprechen.

Auf dem Pariser Platz wurden die in großer Zahl dem Friedensnobelpreisträger Zuströmenden zunächst mit dem Anblick von Einsatzkräften in Kampfanzügen konfrontiert. Ein irritierender Anblick bei diesem Anlaß.

Polizei beim Dalai-Lama-Besuch

Hinter der Bühne auf der Westseite des Brandenburger Tors dominierten Herren mit schwarzen Sonnenbrillen, die, anders als es auf dem Foto vielleicht den Anschein hat, auch nicht durchweg vertrauenswürdig aussahen.

Bodyguards des Dalai Lama

Vor der Bühne dominierten zwei Gerüste, die mit Dutzenden von Fernsehkameras bestückt waren, und ebensoviele Übertragungswagen parkten in den angrenzenden Straßen.

Der Moderator - ein Schauspieler namens Ralf Bauer, wie berichtet wurde - trug seine schwarze Sonnenbrille lässig im Haar. Zunächst ließ er vom Publikum die Begrüßungsworte für den Dalai Lama üben. Dann begann das musikalische Rahmenprogramm. Es bestand aus seichten Schnulzen mit peinlichen Texten, die selbst dem hartgesottensten Roy-Black-Fan die Schuhe ausziehen mußten. Auch Friedbert Pflüger (CDU) und Martin Lindner (FDP) waren vertreten und versuchten unverzüglich erfolglos, das Event in eine Wahlveranstaltung zu verwandeln.

Dalai Lama

Etwa eineinviertel Stunden später erschien der Dalai Lama selbst. Sympathisch wie immer repetierte er in seinem bekannten, ziemlich heftig gebrochenen Englisch die bekannten sympathischen Worte über Tibet und China und die Wichtigkeit von Liebe, Mitgefühl und Verständnis. Während der Dolmetscher seine Ausführungen ins Deutsche übertrug, alberte er mit dem Publikum herum. Es wäre vielleicht ein Zeichen der Höflichkeit gewesen, dies zu unterlassen. Die unkonventionelle und erfrischend unverkrampfte Art, die den Dalai Lama so gründlich etwa von Würdenträgern der katholischen Kirche unterscheidet, ist ja einer der Hauptgründe, weshalb ihm die Herzen der Menschen zufliegen. Man kann es aber m. E. auch übertreiben.

Der Verfasser dieser Zeilen hat sich über einen gewissen Zeitraum hinweg mit der überaus komplexen Philosophie des Buddhismus beschäftigt, aber natürlich viel zu kurz, um sich auch nur annähernd als Kenner der Materie bezeichnen zu dürfen. Immerhin weiß er, daß es sich dabei um eine Philosophie handelt, die in noch größerem Gegensatz zu Kapitalismus, Konsumwahn und Egozentrik steht als das Christentum der Bergpredigt. Das absolute Tötungsverbot (das sich im Buddhismus nicht nur auf Menschen bezieht), das Gebot, “Armen und Bedürftigen zu geben“, “Wahrhaftigkeit und Rechtschaffenheit“, Verzicht auf “Zwietracht-Säen“, das Gebot, nicht nach materiellem Besitz zu streben oder an ihm zu hängen - sind das ethische Werte, bei denen einem spontan Namen wie Roland Koch, Friedbert Pflüger, Martin Lindner oder gar George Bush einfallen?

Mein Interesse am tibetischen Buddhismus erkaltete 2003, nachdem ich mehrere Monate vergeblich darauf gewartet hatte, daß der Dalai Lama ähnlich deutliche Worte über den Einmarsch der USA in den Irak finden möge, wie selbst der Papst sie damals fand.

Ich weiß, ich selbst werde nie ein guter Buddhist sein. Der Verzicht auf grobe, verletzende Worte zum Beispiel fällt mir schwer. Aber auch der Dalai Lama vermehrt das Leiden in der Welt, wenn er sich vor den Karren von Politikern wie George Bush oder Roland Koch spannen läßt und sie damit in den Augen der Öffentlichkeit reinwäscht. Nicht die Spendenhöhe oder der eventuelle Nutzen des eigenen Volkes darf bei einem geistigen Führer dieser Bedeutung das Kriterium für Freundschaft sein.

Zum Schluß übte man am Brandenburger Tor gemeinsam das Loslassen am Beispiel von Luftballons, die sich daraufhin in den Kronen der Tiergartenbäume verfingen, nachdem sie vorher die ganze Zeit den Blick auf die Bühne behindert hatten.

Alles in allem war das ein Spektakel, das leider am ehesten dazu angetan war, den großen spirituellen Lehrmeister zu entzaubern. Ich meine, der Dalai Lama sollte sich seine Berater und Freunde besser aussuchen und sich auch nicht zum Stargast eines Show-Programms machen lassen. Sonst könnte er vielleicht bald ein Glaubwürdigkeitsproblem bekommen.

Ein besserer Bericht über die Veranstaltung findet sich übrigens hier.

6 Kommentare zu “Die Dalai Lama Show”

  1. Mediocre

    Der Dalai Lama in Berlin – Sympathiezwang als Strategie
    Man sollte ihn mögen müssen, den kleinen Mann dort oben auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor. Gestern war der Dalai Lama noch in Nürnberg aufgetreten, heute schon zu Besuch bei der Entwicklungshilfeministerin gewesen und dann warteten noch Tausende Berliner auf ihn, die sich alle mit ihm und Tibet solidarisieren wollten.

    Er kicherte, schäkerte mit einem kleinen Jungen in der ersten Reihe, kratzte sich ausgiebig am Hinterkopf und winkte ins Publikum – putzig mochte man rufen. Ehrwürdig oder erhaben war am Auftreten seiner Heiligkeit nichts.
    Seine Botschaft ist so einfach wie sein Verhalten aufrichtig scheint: „Gewaltlosigkeit macht attraktiv.“ Das verstehen die Zuhörer. Hätten sie vorher mal besser in den Spiegel geschaut.[…]

  2. Potsdam Blog

    hey jo, ich war vorgestern auch am brandenburger tor und habe ein paar fotos gemacht;-)

    http://nbwolf.blogspot.com/2008/05/dalai-lama-am-brandenburger-tor.html

  3. admin

    Ja, gute Fotos!

  4. creezy

    Sehr schön geschrieben! Ich schätze diese kleinen ironischen Eingaben ja sehr!

  5. azche24

    Zitat: Ich weiß, ich selbst werde nie ein guter Buddhist sein. Der Verzicht auf grobe, verletzende Worte zum Beispiel fällt mir schwer.

    Bemerkung: Obwohl meine Beschäftigung mit dem Buddhismus schon etwa dreißig Jahre her ist - gab es da nicht auch den kämpferischen, engagierten Buddhismus, der die Kampfkunst pflegt und auch die Hand erhebt, um die Armen, Alten und Schwachen zu schützen?

  6. admin

    creezy: Freut mich, wenn ich nicht nur “Beleidigte” als Leser haben sollte. ;-)

    Che: Engagierte Buddhisten (z. B. gegen Umweltzerstörung) gab und gibt es auf jeden Fall. Aber friedlich muß der Protest nach der buddhistischen Lehre wohl immer sein. Das mit der Kampfkunst (z. B. Bogenschießen) ist vielleicht auch/eher als eine Art Meditation/Konzentrationsübung zu sehen? (Denke ich mal so.)

Kommentar schreiben:

(Kein Cursor in Eingabefeldern? Bekannter Bug der Mozilla/Firefox-Browser. Die Texteingabe funktioniert, nur der Cursor ist nicht sichtbar.)