Karl-Marx-Allee revisited
28. Mai 2008Einige Gebäude an der Karl-Marx-Allee sind inzwischen komplett erneuert. Über ihre neuen Bewohner wurde vor kurzem in der Berliner Zeitung berichtet. Überwiegend scheint es sich bei ihnen um zukunftsträchtige Jungunternehmer zu handeln, die da, wo früher beispielsweise Bücher in den Regalen standen, nunmehr heiße Luft verkaufen.
In einem der luxussanierten, oftmals auch kameragespickten und wachschutzbewachten ehemaligen “Arbeiterpaläste“, die zwischenzeitlich selbstverständlich den rechtmäßigen Besitzern von Palästen übereignet wurden, genauer gesagt im Frankfurter Tor Nr. 1, residiert heute Reinhard Müllers private Stiftung Denkmalschutz Berlin, der die Politiker laut Landesrechnungshof gern großzügig und unbürokratisch zu Einnahmen verhelfen und wo seinerzeit Lothar de Maizière (CDU) bei der Frage des RBB zur finanziellen Abwicklung der Projekte so merkwürdig nervös wurde. Ganz können die zarten Blattgold-Applikationen an den Geländern aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß man zusätzlich zu “Mr. Bauqualität” vielleicht auch noch einen Mr. Geschmacksqualität hätte zu Rate ziehen sollen, denn der Anstrich des fünften Stocks ist ein paar Ticks zu hell, so daß sich die Säulen kaum mehr vom Hintergrund abheben.
Der luxusverheißenden Stiftung direkt gegenüber befindet sich, umgeben von Kandelabern der Marke “Siegreicher Kapitalismus”…

… das KaDeOh, das (Humana-)Kaufhaus des Ostens. Auf vier Etagen…

… findet man dort neben Möbeln, Büchern, Trödel und einem Filmprojektor aus der Frühzeit des Heimkinos vor allem Kleidung, meist zu fünf Euro das Stück, die nicht nur von den Kinderhänden ihrer Hersteller in der Dritten Welt erzählen kann, sondern auch von früheren TrägerInnen.

Die “Werbeplakate” an den Pfeilern sind in liebevoller Handarbeit selbst gebastelte Kollagen. So sieht “Werbung” aus, die gefällt.

Andere Gebäude an der Karl-Marx-Allee und Frankfurter Allee sowie die meisten Kandelaber legen beredtes Zeugnis davon ab, wie fürsorglich der freiheitliche Kapitalismus, der doch die Ossis bei der Wende so rührend unter seine Fittiche nahm, sich auch um deren Eigentum gekümmert hat. Achtzehn Jahre lang hat er es schlicht und einfach immer weiter verkommen lassen. Der Grund dafür ist klar. Durch die Ausführung notwendiger Reparaturen hätte man zwar den Verfall aufhalten können, das ganz große Geld aber verdient man nur durch eine Komplettsanierung, denn nur sie erlaubt das vollständige und langfristige Einwickeln der Objekte in Werbedreck.

Davon können bereits heute die Anwohner des Strausberger Platzes ein Liedchen singen. Zwar mögen zu DDR-Zeiten bei Militärparaden manchmal - wie im Film Good Bye Lenin gezeigt - auf der Karl-Marx-Allee die Scheiben geklirrt haben, aber den ganz großen Schlag in die Fresse, den kriegen die ehemaligen DDR-Bürger - falls dort noch welche wohnen - erst heute ab, und zwar in Form von direkt vor ihrer Nase aufgebauten Riesenpostern.
Und wer bezahlt diesen gigantischen Werbedreckhaufen? Die Firma NIKE? Ha, ha. Falsch! Den bezahlen die vielen bedauernswerten Käufer der aufgeschäumten Plaste-Artikel dieser Firma. Sofern sie in der Nähe des Strausberger Platzes wohnen oder häufig dort vorbeikommen, bezahlen sie also selbst den Schlag ins Gesicht, den sie sich dort regelmäßig abzuholen haben. Ja, so funktioniert Freiheit. Noch Fragen?
Ein Stück weiter die Karl-Marx-Allee hinunter Richtung Alexanderplatz werden bereits die neuen Kopien der alten Kandelaber aufgestellt. Ein hübscher Einfall, neue Lampen aufzustellen, die den alten etwas ähnlich sehen. Daß zum Erscheinungsbild einer Straßenlaterne aber auch das Leuchtmittel gehört, haben die Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung natürlich nicht ahnen können. Und so kommt es, daß jetzt dort Lampen stehen, die etwa dreimal so hell leuchten wie ihre Vorgänger und deshalb in Betrieb einfach ekelhaft anzusehen sind. An einigen Stellen mußten sie offenbar bereits mit einem Blendschutz versehen werden, damit die Anwohner nicht die ganze Nacht senkrecht in ihren Betten stehen.
Neuer Kandelaber mit “Blendschutz”
Aber das sind natürlich Feinheiten, die jemanden, der sich täglich seinen Sehschaden an Berliner Verkehrsampeln abholt, kaum erschüttern können. Denn auch die leuchten, seit ihr Betrieb von Ingeborg Junge-Reyer (SPD) voller Stolz an Nuon outgesourced wurde, zum Wohle des Fortschritts etwa dreimal so hell wie früher. Wann werden endlich auch die Politiker dreimal so helle sein?
Am 29. Mai 2008 um 10:32 Uhr
Eine Woche nach dem Artikel druckte die Berliner Zeitung drei wütende Leserbriefe ab. Der übliche positive Leserbrief fehlte. Es müssen sich also ziemlich viele Leser beschwert haben. Zu recht, denn der Artikel las sich so, als ob die Autorin Sabine Rennefanz in den Galerien mit kleinen Gratispröbchen belohnt worden wäre.
In fünf Jahren ist der Spuk vorbei. Fragt sich nur, was bis dahin passieren wird. Die Läden sind ja denkmalgeschützt. Ob sich einer dieser Jungdynamiker davor scheut, mal eben ein Echtholzregal herauszureißen, um Platz für irgendwas zu schaffen? Wenn er dann ohnehin pleite ist, kann ihm egal sein, ob hinter ihm die Trümmer rauchen.
Am 11. November 2008 um 13:05 Uhr
[...] Zusammenarbeit mit Reinhard Müller bei der berühmt-berüchtigten Stiftung Denkmalschutz Berlin bekannt, als Geschäftsführer der “Euref Institut gGmbH” vorgestellt, und Albert Speer jun. [...]