Jetzt mit City-Guide

16. Juni 2008

Manche Menschen ziehen das Unglück magisch an. Wo strömen die 20 besoffenen Schüler aus Bietigheim-Bissingen in die ansonsten fast leere S-Bahn? Da, wo ich stehe. Aber eigentlich wollte ich von etwas anderem schreiben.

Wer heute nach einem Stadtplan von Berlin sucht, der hat schlechte Karten. Stadtpläne gibt es nämlich nicht mehr. Nur noch Citypläne. Dafür aber “jetzt mit City-Guide“.

Da auch Citypläne die für ihre Hersteller lukrative Angewohnheit haben, sich ziemlich schnell in ihre Einzelteile aufzulösen, müssen sie ab und zu ersetzt werden. Ich mußte mir kürzlich einen neuen Falkplan von Berlin zulegen (70. Auflage).

Der Falkplan von Berlin kommt mit einem Foto von der unsäglichen Reichstagskäseglocke von Sir Norman Foster auf der Vorderseite. Nun gut, mit dieser Scheußlichkeit auf immer und ewig identifiziert zu werden, damit wird sich Berlin wohl abfinden müssen.

Über die Straßennamen möchte ich mit Falk nicht streiten.

Was die Aktualität des Plans angeht, stelle ich fest, daß der S-Bahnhof Kolonnenstraße (den die DB aus reiner Bosheit “Julius-Leber-Brücke” nennt) noch fehlt, und neben der grotesken Kanzler-U-Bahn steht: “in Bau, fert. 2006“. Im ganzen Plan findet sich nirgends ein Hinweis auf den Redaktionsschluß oder wenigstens das Herstellungsdatum. So lassen sich veraltete Karten länger verkaufen.

Positiv ist zu vermerken, daß man sich bei Falk schon klar zur Schließung des Flughafens Tempelhof bekennt, und die “Anschutz-Arena” ist auch schon da.

Wenden wir uns nun dem “Berlin City-Guide” zu (oder dem “City-Guide Berlin“, wie es an anderer Stelle heißt). In dem läuft nämlich die Redaktion des Falk-Verlags aus 73751 Ostfildern zu ihrer wahren Größe auf. Er ist in mehrere Rubriken unterteilt. Sie sind überschrieben: “Sightseeing“, “Eat & Drink“, “Nightlife“, “Shopping“, “Culture“, “Wellness” und “Hotels“. (Nein, ich habe nicht versehentlich die englische Ausgabe gekauft.)

Unter “Sightseeing” erfreut uns ein Hinweis auf “nächtliches Skaten am Brandenburger Tor” mit dazu passender Fotomontage (echte Skater waren wahrscheinlich - wie meist - gerade weit und breit nicht zu sehen). Man erfährt, daß die Neue Synagoge “Symbol des jüdischen Berlins” und die Reichstagskuppel “das Symbol des ‘neuen Berlin’ schlechthin” ist. Am Bebelplatz “flogen” Werke von Schriftstellern ins Feuer, der Filmpark Babelsberg “bietet Ihnen viel“, z. B. ein “Showscan-Actionkino“, und in den Hackeschen Höfen sind Kunsthandwerker “unbestreitbar einer der Höhepunkte der Gegend“. Im Olympiastadion trägt der “Fußballclub Hertha BSC” - man höre und staune - “seine Heimspiele aus“, und im Sony-Center kann man “wetterunabhängig flanieren“.

Nach so vielen aufregenden Highlights bedürfen wir der körperlichen Stärkung. Also nichts wie reingeschaut in unseren Guide zu Eat & Drink. Wir erfahren, daß man in den Hackeschen Höfen “drinnen wie draußen” gut sitzt (auch wetterunabhängig?) und daß im Café Berio “keine Tasse leer” bleibt (dazu ein Foto einer leeren Tasse). Im Alten Zollhaus zu essen, “bedeutet Erholung pur“. Im Wasserwerk Wilmersdorf genießt man “Gerichte wie Chicken Saltimbocca, Tandoori Pasta oder Lamb Oriental.” Unverständlich, wieso hier nicht auch die Reibekuchen-Sushi oder das Eisbein vom Viktoria-Barsch erwähnt werden.

Die Rubrik Nightlife enthält genügend Vorschläge, um “bis zum Morgengrauen abzuhotten“. In der Victoria Bar z. B. kann man “Schöneberger Medienschaffende und Geschäftsleute mit Sinn für Whisky und Mixgetränke” bewundern. Medienschaffende und Geschäftsleute mit Sinn für Whisky, Mixgetränke und überdimensionale Fotos nackter Frauen treffen sich dagegen in der Newton Bar. Und Medienschaffende und Geschäftsleute ohne Sinn und Verstand finden sich wohl in jedem der im Guide erwähnten Etablissements. Auch das ist das neue Berlin schlechthin.

Kommen wir nun zum so wichtigen Thema Shopping. “Schweißarmbänder” gibt es bei Adidas - “für Fashionvictims ein Paradies“. Bei Niketown, dem “größten Shop in Berlin“, können Trikots “mit Namen und Nummern beflockt” werden. Wer “140 Marken” sucht, wird im B5 Designer Outlet fündig, nur wenige Autokilometer vor den Toren der Stadt. Bei Mâitre Philippe können sich, eine gruselige Vorstellung, “über 50 Käsesorten [...] im ganzen Verkaufsraum [...] bestens entfalten“.

Von Kostbarkeiten wie diesen ist es zur Culture nicht mehr weit. “Das Berliner Ensemble diente lange der Erbepflege des großen Meisters Bertolt Brecht, doch jetzt gibt’s Modernes, und Claus Peymann bringt endlich frischen Wind“, lautet die fachkundige Analyse aus Ostfildern, die sicherlich bei nicht wenigen Theaterbesuchern zu nachhaltigen Lachkrämpfen führen dürfte. Erwähnt wird außer dem BE noch das Hebbel am Ufer. Schaubühne, Volksbühne, Deutsches Theater, Deutsche Oper, ja selbst die Staatsoper fehlen, von kleineren Theatern natürlich ganz zu schweigen.

Das Pergamon-Museum macht durch die Nachbildungen berühmter Bauten aus dem Altertum von sich reden.” Oder hat etwa irgend jemand den Pergamon-Altar für echt gehalten?

Das Sony-Center, das ja in allen Rubriken vertreten ist, darf natürlich auch unter Culture nicht fehlen. Die Gründe bleiben ein Rätsel.

Wer wissen will, wie wo die Duschen gestylt sind, wo man ein großes Handtuch mitbringen muß, wo es so Berlin-typische Angebote wie Biokosmetik von Dr. Hauschka oder ayurvedische Ganzkörpermassage gibt, der konsultiere die Rubrik Wellness.

Die letzte Rubrik im City-Guide Berlin schließlich ist Hotels überschrieben. Da ließ sich wohl eine auch im Deutschen verständliche Überschrift nicht ganz vermeiden.

Nun ist Berlin ja voll von guten, oft originell gestalteten Hotels, und ein Stadtplan ist kein Hotelführer. Die Auswahl, die hier getroffen wurde, finde ich aber dennoch leicht befremdlich. Als Beispiel möchte ich zwei Hotels anführen, die ich zufällig kenne.

Im City-Guide enthalten (und auch im Kartenteil eigens gekennzeichnet) ist das Hotel Schöneberg. Eines der vielen nicht enthaltenen Hotels ist das Hotel Bogotá in der Schlüterstraße.

Ruhiges Haus des gehobenen Geschmacks - mitten in Berlin. Freundliche und persönliche Atmosphäre. Parks, Kultureinrichtungen und eine große Auswahl an Restaurants in der Umgebung“, wird das Hotel Schöneberg beschrieben.

Ruhiges Haus” - dazu muß man wissen: das Hotel Schöneberg liegt an der sechsspurigen Hauptstraße.

Gehobener Geschmack” - das trifft in hohem Maße auf die Fassade zu. Das Hotel belegt aber nur zwei oder drei Etagen in dem schönen Jugendstilbau, und eingerichtet ist es im zeitlos modernen bürgerlichen Standard-Mövenpick-Edelholzfurnier-Chic.

Mitten in Berlin” - na ja, das Bogotá liegt sogar Nähe Kudamm.

Freundliche und persönliche Atmosphäre” - ja, freundlich sind sie, die Angestellten im Schöneberg. Das sind sie auch im Bogotá. Und da wohnt der Besitzer mit seiner ganzen Familie sogar selbst im Haus. Im Schöneberg haben sie dagegen nicht mal einen Nachtportier, und den könnte man dort manchmal ganz gut gebrauchen…

Parks” - da kann wohl nur der Heinrich-Lassen-Park gemeint sein. Dort gibt es eine Rasenfläche und ein paar Klettergerüste für die Kinder.

Daß es in der Nähe des Schönebergeine große Auswahl an Restaurants” gibt, wird niemand bestreiten wollen. Von den angesagten “Kultureinrichtungen” der Hauptstadt aber ist das Hotel doch ziemlich weit entfernt.

Natürlich weiß ich nicht, ob der Besitzer des bei Falk durchs Raster gefallenen Hotels Bogotá auch heute noch bei der berühmten Yva unter dem Dach wohnt, ob der freundliche libanesische Frühstückskellner noch da ist, mit dem ich so gerne über Gott und die Welt diskutiert habe, ob das Klavier noch seine melancholischen Weisen durch die des Abends leeren Hallen schickt, die Tasten ohne Anwesenheit eines Pianisten wie von Geisterhand bewegt…

Von außen erkennen kann man, daß da, wo früher der Eingang zum Nachtclub im Keller war und wo gemütliche Türsteher spät heimkehrende Hotelgäste manchmal humorvoll zu animieren versuchten, heute das riesige Schaufensterloch eines Designer-Ladens im Mauerwerk des ehrwürdigen Altbaus klafft. Was dort verkauft wird, erschließt sich meinem ungeübten Blick im Vorbeiradeln nicht. Nur, daß es teuer sein muß, sieht man auf Anhieb.

Und neben dem Bogotá, wo noch vor wenigen Jahren ein kleines Restaurant und auf dem Kudamm um die Ecke eine vielbesuchte Bar war, protzt heute ein riesiges Gucci-Outlet mit seinem Glitzer-Tand. Auch der Kudamm befindet sich nämlich auf derselben Reise wie der Rest der Stadt: hin zur globalisierten Gesichtslosigkeit der Neureichen.

Zum Schluß vielleicht noch ein paar Worte zur Bezeichnung “City-Guide“. Warum haben die Ostfilderner ihr Werk nicht “Stadtführer” genannt? - Ganz einfach! Bei “Stadtführer” denkt man an Qualität, Recherche und fundiertes Wissen. Bei “City-Guide” hingegen wird sich wohl niemand darüber beschweren, daß da, wo Scheiße drauf stand, auch Scheiße drin ist.


Neues Berlin

2 Kommentare zu “Jetzt mit City-Guide”

  1. sliqq

    Du weißt gar nicht, wie sehr mich das aus ganz egoistischen Gründen freut. Solange Druckerzeugnisse solchen Tand veröffentlichen - und in Berlin hinken sie zudem der Realität immer hinterher -, werden wenigstens noch Stadtführer aus Fleisch und Blut gebraucht :)

  2. sliqq’s fairy tales » Blog Archive » Logisch konsequent

    [...] (Auf den Welt-Artikel aufmerksam wurde ich durch den Glöckner.)  [...]

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