Berlin Babylon

20. Juni 2008

Während am Donnerstag abend die meisten Berliner den Sieg der Teutonen über die armen, melancholischen Portugiesen feierten, hatten sich im Zeughauskino eine Handvoll Leute eingefunden, um einen Film zu sehen, der eigentlich zum Pflichtprogramm für jeden Bürger gehören sollte, denn er zeigt, wie dieses Land und seine Hauptstadt tickt.

Berlin Babylon erzählt die Geschichte der Baumeister des “Neuen Berlin“, deren “Sprache” sich “verwirrt” hat. Es ist eine Art Berliner Koyaanisqatsi.

Mit rasender Geschwindigkeit jagt die Kamera über Felder und Dörfer auf eine Stadt zu, die schließlich am Fernsehturm zu erkennen ist. In ihr angekommen, blicken wir in schwindelerregende Abgründe, auf anonyme Menschenmassen, über den Himmel jagende schwarze Wolken, prachtvolle Bauten, die gesprengt werden, um neue, noch höhere Türme zu Babel bauen zu können. Das alles zur Musik von Einstürzende Neubauten.

Das Schaurigste in diesem Film sind aber die Protagonisten. Sie heißen Axel Schultes, Barbara Jakubeit, Claus Bachmann, Wolfgang Nagel, Hans Stimmann, Hans Kollhoff, Helmut Jahn, Meinhard von Gerkan, Hans Grothe, Karsten Klingbeil, Josef P. Kleihues, Renzo Piano, Norman Foster, Günter Behnisch. Diese Dame und diese Herren werden von Regisseur Hubertus Siegert nicht interviewt, sondern bei Gesprächen untereinander quasi “belauscht”. Statt also dem Zuschauer mit salbungsvollen Worten ein X für ein U vormachen zu können, entlarven sie sich selbst in ihrer ganzen Arroganz, Skrupellosigkeit und, ja, kleingeistigen Dummheit. Bei Grundsteinlegungen erbitten sie Gottes Segen für ihre menschenverachtenden Kathedralen des Geldes und der Macht. Einzig Thomas Flierl, damals Baustadtrat von Mitte, versucht, sich dem Trend ein wenig zu widersetzen.

Nur einmal werden die zynischen Dialoge und die Bilderfolgen von Bau und Zerstörung - oder Zerstörung durch Bauen - durch einen Kommentar ergänzt:

Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

Berlin Babylon ist ein Film über Größenwahn und Maßlosigkeit, und darüber, wie eine Stadt verkauft wurde. Zum Abspann singt Blixa Bargeld das Lied von der “Befindlichkeit des Landes“. Was mich anbelangt, ist sie, nachdem ich einen solchen Film gesehen habe, immer schlecht.

Ein Kommentar zu “Berlin Babylon”

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