Bunte Witwen und andere schräge Vögel
29. Juni 2008Hans Kollhoff, Schöpfer einfühlsamer Architektur, dürfte den Lesern dieses Blogs bereits aus anderem Zusammenhang bekannt sein. Gestern saß er nun sonnen- und/oder solariumsgebräunt und akkurat frisiert beim “sommerfest der berliner festspiele” (man beachte die revolutionäre Kleinschreibung) auf dem Podium und talkte mit dem Patron und ehemaligen CDU-Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer, der heute Vorstandsmitglied von Reinhard Müllers Stiftung Denkmalschutz Berlin und etlicher weiterer stadtbildbestimmender Stiftungen und Vereine ist. (Als “Patrons” werden bei den Berliner Festspielen - vermutlich seit der Rosinenbomberzeit - die “materiellen und ideellen” Förderer bezeichnet, und ihre Talks gelten als “feine Gesprächskunst“.)
“Visionsplanung” war das erste Wort, das dem Berichterstatter, der mit leichter Verspätung zu dem Event hinzustieß, zu ungläubigen Ohren kam. Zu diesem Zeitpunkt wußte er noch nicht, daß dieses Wort das größte Kunstwerk dieses Tages bleiben sollte.
Hassemer und Kollhoff waren sich im Prinzip einig, daß Berlin heute nicht rücksichtslos genug entwickelt und vermarktet wird. Auch die Kunst floriert ja in Berlin nicht deshalb, weil hier Künstler erschwinglichen Wohnraum vorfinden, sondern weil immer mehr Reiche hierher kommen, um Berlin zu kaufen - äh, in Berlin zu kaufen. “Eure Armut kotzt mich an” ist der Satz, der mir beim Hören der hier dargebotenen, schwer erträglichen Stadterbeuterplatitüden immer wieder unwillkürlich einfiel.
Unter dem Beifall der zahlreich erschienenen Wilmersdorfer Witwen sprach sich Kollhoff im Gegensatz zu Hassemer für den orginalgetreuen Wiederaufbau des Stadtschlosses aus. Wie die Bertelsmann-Stiftung müsse das aussehen, nur ohne die moderne Verunstaltung auf der Rückseite.

Die Bertelsmann-Stiftung, auch ein Hort der zweckgerichteten Sprücheklopferei
Überhaupt konnte Kollhoff beim Publikum immer punkten, wenn er den Westen gegen den Osten ausspielte.
Nach seinem bedeutendsten Werk gefragt, mußte er lange nachdenken. Schließlich nannte er ein privates Wohnhaus am Vierwaldstättersee mit Grandhotel-Anmutung, bei dem man sich frage: “Wie ist so etwas möglich.”
Zum Schluß verkaufte Kollhoff den Wilmersdorfer Witwen noch ein paar Heizdecken. (Nein, das ist natürlich ein Witz.)

Volker Hassemer (links), Hans Kollhoff
Nach Hassemer und Kollhoff talkte der Schauspieler Ulrich Matthes mit dem Patron Gesine Schwan. Matthes, wir erinnern uns, ist jener Schauspieler, der sich erst vor wenigen Tagen in einer anderen rauschenden Ballnacht zu Lobeshymnen auf den netten Menschen Horst Köhler hinreißen ließ.
Gesine Schwan variierte das bekannte Thema “Bankrotterklärung der Politik”. In einer “globalisierten Welt” sei die Politik nicht mehr in der Lage, etwas Positives zu bewirken. Man habe lediglich die Wahl zwischen unterschiedlich schlechten Alternativen.
Was, wie immer bei solchen Gelegenheiten, unbeantwortet blieb, war die sich daraus zwangsläufig für mich ergebende Frage, wieso die Politiker nicht wenigstens zurücktreten und die neoliberale Umgestaltung des Untergangs vollends den Selbstbereicherungskünstlern überlassen, statt ihren Frust in Vorschriften zu Wohnzimmerbeleuchtung und Eßgewohnheiten auszuleben.
Vor und neben dem Haus der Festspiele, das übrigens völlig zu recht als absoluter Höhepunkt architektonischer Einfallslosigkeit der 60er Jahre unter Denkmalschutz steht, hatte das Künstlerkollektiv “united catering services (ucs)” eine Duftkomposition aus Bratwurst, Hüftsteak und Holzkohle geschaffen. “Les sons et les parfums tournent dans l’air du soir.” (Dieses Baudelaire-Zitat stellt den verzweifelten Versuch dar, etwas Kultur ins Spiel zu bringen.) Die Bratwurst war allerdings zu weich, um wirklich in Extase zu versetzen, und das Bier zu teuer.
In der “Kassenhalle” veranstaltete ein Vortänzer mit Migrationshintergrund einen Bauchtanzkurs. Den DJ forderte er mehrfach auf, die Musik noch ein bißchen lauter zu stellen, was dazu führte, daß das Gedudel aus der Kassenhalle bald alle anderen Performances auf dem Gelände übertönte. Bei den meisten war das nicht besonders schlimm.
Der im Prinzip recht witzige Auftritt von Katharina Linder & Band krankte ein wenig daran, daß amerikanischer Rock’n'Roll selbst dann noch unerträglich klingt, wenn er - wie hier - mit einem ironischen Augenzwinkern dargeboten wird.
Ein kleiner Höhepunkt war gegen Ende schließlich noch die Darbietung von Wolfgang Krause Zwieback mit dem hervorragenden Felix Kroll hinter dem Akkordeon. So ausdrucksvoll zerrissene Akkordeon- bzw. Bandoneonmusik habe ich zuletzt von einem Straßenmusiker in Buenos Aires gehört.
Ich möchte diesen kleinen Reigen unwesentlicher Impressionen nicht beschließen, ohne auch die tapferen Türsteherinnen erwähnt zu haben. Konsequent nach dem Vorbild von Lara Croft gecastet, hatte man sie in die obligatorischen weinroten Westen gesteckt, die an die Pagenkluft eines Drei- oder Viersternehotels aus den 60er Jahren erinnern. Dieselbe Kluft erfreut uns übrigens auch immer in der Akademie der Künste, die ja ebenfalls eine Einrichtung des Bundes ist.
Die “Headsets“, über die die Damen permanent Anweisungen zu geben oder zu empfangen scheinen, gemahnen an die Telefonzentrale eines Taxiunternehmens, wäre da nicht auch die schwere Bewaffnung um die Hüften (Laserpistole? Taser?), die dann doch wieder den Bogen zu Lara Croft schlägt.
Am 2. Juli 2008 um 19:15 Uhr
[...] der “hochkarätig besetzten Fachjury“, der die Entscheidung zu verdanken ist, Volker Hassemer, der hier in seiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zukunft Berlin in [...]