Alles normal?
8. Juli 2008Fotografen kennen das Phänomen: je näher man ein entferntes Objekt heran zoomt, um so größer, aber auch unschärfer erscheint es. So geht es mir momentan mit dem Schöneberger Gasometer.
Im April 2007 meldete die Berliner Zeitung, das Industriedenkmal sei an einen privaten Investor verkauft worden. Lars Oberg von der SPD enthüllte wenig später die Identität des Käufers und berichtete über dessen Pläne.
Bei den Anwohnern machte sich Entsetzen breit. Die “Bürgerinitiative Gasometer” wurde gegründet.
Nun hat Alexander Ziemann, einer der Vertreter dieser BI, durch einen beherzten Blick ins Grundbuch festgestellt (oder feststellen lassen), daß Reinhard Müller zumindest das Kernstück des Geländes, den Teil, auf dem der Gasometer steht, gar nicht gekauft hat. Nicht einmal eine Auflassungsvormerkung besteht. Das Gelände gehört nach wie vor der GASAG.
Man muß wohl Grundstücksverschiebungs-Professional sein, um es normal zu finden, wie hier über ein Jahr lang die Öffentlichkeit von Eigentümer, Investor, Politik und/oder Medien in die Irre geführt wurde.
Im Februar 2008 legte das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg den Entwurf eines Bebauungsplans vor, der bis ins Detail die Wünsche des angeblichen Käufers widerspiegelt. Auch in diesem Plan heißt es, ein “Projektentwickler” habe das Gelände “teilweise im Februar 2007 erworben.” 218 Anwohner erhoben Einspruch gegen den Bebauungsplan. So viele Einsprüche kann die Behörde natürlich unmöglich bearbeiten. Sie beauftragte deshalb ein privates Planungsbüro mit der Auswertung. Bezahlt wurde diese vom “Projektentwickler” (Alexander Ziemann: “Das ist so üblich und wird mittlerweile fast ausnahmslos so gemacht.“). Ich schlage vor, daß der Investor auch noch das Einwohnermelderegister übernimmt, dann könnte man das Bezirksamt nämlich ganz schließen.
Nichts desto trotz kann diese personell am Boden liegende Verwaltung, wenn es darauf ankommt, aber auch Berge versetzen, zum Beispiel in Form von zuständigen Mitarbeiterinnen.
Die “Abwägung” der Einsprüche durch das von Projektentwickler Reinhard Müller bezahlte Planungsbüro ist entsprechend. Die meisten werden abgeschmettert, einige als “Anregung” aufgenommen oder gar “an den Projektentwickler weitergereicht“. Hin und wieder wird der Projektentwickler auch “aufgefordert“, weitere Untersuchungen und Messungen “zu veranlassen“, also die Daten zu produzieren, die einer Genehmigung seiner Pläne förderlich sind, etwa wenn es darum geht, den Abriß des denkmalgeschützten “Hauses 11” mit einer notwendigen “Sanierung der Bodenbelastungen” zu begründen. Und manchmal sind die Gegenargumente der “Abwägungsbeauftragten” einfach nur drollig, etwa wenn die zu erwartende Rundumüberwachung der Anwohner mit Kameras als begrüßenswerte Maßnahme zur Eindämmung der Kriminalität verkauft wird oder wenn die Planer sich blauäugig zu dem Glauben bekennen, durch einen “freiraumplanerischen Wettbewerb unter Landschaftsarchitekten” könne die “hochwertige Gestaltung der Außenanlagen gewährleistet werden“. Daß auch in diesem Dokument behauptet wird, “der private Investor” habe “das Gelände von der GASAG erworben“, sei hier nur nebenbei erwähnt.
Interessante Einwände kamen von einigen der zum Bebauungsplanentwurf befragten Behörden.
Das Landesdenkmalamt z. B. schreibt:
Die Planungsabsicht stößt nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten auf grundsätzliche Ablehnung.
Sowohl gegenüber den Denkmalen der Gasversorgung als auch gegenüber den umliegenden Altbauquartieren stellt der geplante Maßstabssprung eine unerträgliche Beeinträchtigung für die historische Stadttopografie dar.
Überdimensionierte Bauvorhaben, die die Baudenkmale “verzwergen”, stoßen nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten auf grundsätzliche Ablehnung, weil hierdurch ihre Wahrnehmung verstellt und zerstört wird.
Der Verlust von Denkmalsubstanz ist nicht hinnehmbar.
Nach dem Bebauungsplanentwurf sollen Baugruben für den Neubau von Tiefgaragen direkt bis vor die Außenwände der Baudenkmale ausgehoben werden. Die Beschädigung der Denkmalsubstanz durch Senkungen ist damit vorprogrammiert.
Besonders bemerkenswert und deutlich ist die Feststellung:
Übergeordnete Interessen, die eine Zurückstellung konservatorischer Interessen erforderlich machen könnten, sind nicht erkennbar. Die Verwertungsinteressen des potenziellen Investors an einer höchstmöglichen Ausnutzung des Grundstücks sind kein öffentliches Interesse, das gegenüber dem Interesse der Allgemeinheit an der Denkmalerhaltung Vorrang verlangt.
Die Antwort der “Auswertungsbeauftragten”: man nehme die Bedenken zur Kenntnis und suche die Abstimmung in bilateralen Gesprächen (= Kuhhandel).
Ähnlich lautet die Antwort auch auf einen anderen interessanten Einwand, diesmal von der “Wehrbereichsverwaltung Ost“:
Das Planungsgebiet liegt in einer Entfernung von weniger als 3 km zur Luftverteidigungsanlage Tempelhof.
In den Bereichen der Gebäude, die in der Radarsicht (oberhalb von ca. 50 m über Grund) sind, ist eine nicht unerhebliche Belastung sich dort aufhaltender Personen zu erwarten, da die Radaranlage den HF-Impuls mit 25 kW abstrahlt.
Daß sich die Bewohner Schönebergs so massiv in der Schußlinie der Verteidiger des Landes befinden, war mir bis dato nicht bekannt. Es könnte erklären, wieso es im Bereich des Flughafens Tempelhof so viele Brummtongeschädigte gibt. (Ja, ich weiß, die Radarstrahlung ist unterhalb der genannten 50 m völlig unschädlich, schon allein, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.)
Zum weiter oben genannten Aspekt des Denkmalschutzes sollte vielleicht noch erwähnt werden, daß die beim Bezirk angesiedelte und dem Initiator des Bebauungsplans, Baustadtrat Bernd Krömer (CDU), zugeordnete “Untere Denkmalschutzbehörde“, mit deren Mitarbeiterinnen Krömer zum Teil sogar verheiratet ist, den Bebauungsplanentwurf ganz anders einschätzt als das Landesdenkmalamt. Sie kriegt sich vor lauter Loben, Begrüßen und positiv Beurteilen gar nicht mehr ein. Selbst das Verfüllen des Gasometers mit einem Neubau wird von ihr “unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten für möglich gehalten, wenn der geplante Baukörper das Erscheinungsbild des ursprünglich vorhandenen Druckausgleichsbehälters aufnimmt und zeitgemäß interpretiert.” Die zeitgemäße Interpretation eines Druckausgleichsbehälters ist natürlich ein Bürohochhaus.

Unterdessen vermarktet Reinhard Müller bereits die Immobilie, die ihm doch anscheinend noch gar nicht gehört. In einem der alten Backsteingebäude hat er einen “Showroom” eingerichtet, er sucht Mieter für sein (vermeintliches?) Eigentum und versaut den Gasometer, der ihm nicht gehört, mit Werbung, das heißt: aus dem Industriedenkmal macht er ein Gerüst für die Befestigung elektronischer Großplakate. Grundlage dafür soll ein recht merkwürdiger Vertrag mit dem Bezirksstadtrat Bernd Krömer sein, der Werbung für die Dauer von fünf Jahren vorsieht.

Für diejenigen, die immer noch nicht wissen, was die nachts penetrant blinkenden gelben Quadrate zu bedeuten haben: sie sind Werbung für die Werbefläche am Gasometer. Sie sollen potenziellen Interessenten signalisieren: hier könnte demnächst Ihre Werbung stehen!
Etwas glücklos operiert Projektentwickler Müller offenbar derzeit in anderen Bezirken. Beim Stadtbad Oderberger Straße hat der Senat ihm gerade erst die Subventionen gestrichen, für die Neuen Spreespeicher fehlen ihm unerklärlicherweise die Mieter und Interessenten, und seine Umweltverschmutzung und Volksverdummung durch Großflächenwerbung wird selbst im Goldgräberbezirk Mitte immer weniger als Kavaliersdelikt angesehen.

Auf der Schöneberger Insel sattelt etwa ein halbes Dutzend Bewohner nun um auf Verwaltungsrechtler, um mitspielen zu können in einem Spiel, bei dem die anderen die Regeln bestimmen. Das bedeutet zunächst einmal, die Terminologie zu lernen und die Abläufe zu erkunden, um sich dann abwatschen lassen zu können, wenn dennoch ein Wort falsch verwendet oder eine rechtliche Situation falsch eingeschätzt wurde.
Der Bezirk beginnt unterdessen mit der Verwertung der nächsten Schöneberger Freifläche, der sogenannten “Linse“, und im Bereich der geplanten “Neuen Naumannstraße” sucht die Deutsche Bahn Käufer für ein drittes riesiges Areal, das sie durch Beseitigung jeglicher Vegetation (bis auf ein paar Bäume) und Vertreibung der Laubenpieper schon baureif geschossen hat. Die Erkenntnis, daß all diese Entwicklungen in Zusammenhang mit dem einen großen Ausverkauf unserer Stadt zu sehen sind, scheint bei der Mehrzahl der BI-Mitglieder noch nicht angekommen.

Aber auch wenn die Bürgerinitiative ihre Kräfte ganz auf den Gasometer konzentriert, wird die Totenkopfflagge der Anwohner auf dem Denkmal wohl so bald nicht wehen.
Weitere Infos:
Rede von Knut G. Jeckstadt bei der Veranstaltung vom 12. 6. 08 im Schöneberger Rathaus
Rede von Cornelia Köster zum Thema “Werbung”