Nightmare Screen
19. Juli 2008Früher fuhren die Bauern auf ihren Treckern bis in die Neusser Innenstadt. Da brauchte niemand seinen Kappes im Laden zu kaufen. Man brauchte nur auf die Straße zu gehen und das aufzusammeln, was auf der Fahrt in die Sauerkrautfabrik von den schwer beladenen Anhängern heruntergefallen war.
Die Sauerkrautfabrik in der Kapitelstraße gibt es schon lange nicht mehr. Heute kommt unser Sauerkraut wahrscheinlich aus Rumänien oder China.
Trotzdem lebt die Stadt Neuss zumindest teilweise immer noch vom Kappes. Viele Rheinländer sind ja bekanntlich auch außerhalb der Karnevalszeit kleine oder große Büttenredner, und in Neuss sitzt eines der Unternehmen, die diese Fähigkeit vermarkten und den Kappes in seiner zweiten Bedeutung (Unsinn, Quatsch, dummes Gerede) zum Produkt erkoren haben: die Ströer MEGAPOSTER GmbH.
Ströer ist der ”größte Außenwerber in Deutschland”, und wenn uns auf der Straße schlecht wird, weil wieder jemand kübelweise seinen geistigen Dünnschiß in Form von Werbung über uns ausschüttet, dann stehen die Chancen nicht schlecht, daß dieses Unternehmen dabei seine Finger im Spiel hat.
Wer die Entwicklung der Werbung in den letzten Jahren verfolgt hat (und das haben wir wohl zwangsläufig alle), der wird festgestellt haben, daß Werbung im öffentlichen Raum nicht nur immer größer, dominanter und durch entsprechende Energieverschwendung leuchtender wird, sondern auch immer bewegter. Waren es früher Standbilder, an denen wir krampfhaft vorbeizugucken uns bemühten, so zeigen heutige Reklametafeln oft eine Abfolge unterschiedlicher Motive wie in einem Film.
Diese Art von Werbung ist besonders perfide. Sie benutzt den angeborenen Reflex des Menschen, immer dahin zu schauen, wo sich etwas bewegt. Dieser Reflex war in früheren Zeiten überlebensnotwendig und ist es noch heute. Er bewahrt uns vor der Gefahr, überfahren zu werden oder von Nachbars Rottweiler verspeist zu werden. Zappelwerbung pervertiert diesen Reflex, indem sie uns ablenkt von der Gefahr. Unter Ausnutzung des angeborenen Zwangs, auf Bewegung zu achten, erzwingt sie unsere Aufmerksamkeit und raubt uns so unseren freien Willen. Wir werden vergewaltigt.

Gerade im Segment der Zappelwerbung bereitet die Ströer MEGAPOSTER GmbH derzeit den ganz großen Coup vor - einen Quantensprung hinein in den mit Scheiße prall gefüllten Werbetopf, sozusagen. Der Spezialist für die ”Große Geste” (sic!) Denkmalverhüllung plant nämlich die Verhüllung des Denkmals ”Schöneberger Gasometer” mit der größten Leuchtreklametafel Europas, in der Sprache der coolen Insider ”Nightscreen” genannt. ”Ab 1.470 Euro Brutto kann eine KW mit einem 10-Sekünder bei Wiederholungen im Abstand von 2 Minuten gebucht werden,” lautet das verlockende Angebot. Versprochen wird ”pro Nacht ein Kontaktwert von 165.000 Bruttokontakten.” ”Bruttokontakte”, so nennt man in der Sprache der menschenverachtenden Werbefuzzis offenbar die Opfer dieser gigantischen Belästigung.
Ermöglicht wird der Coup durch die gewählten Vertreter dieses bemitleidenswerten Volkes. Die trafen sich am Mittwoch auf der Vollversammlung der Bezirksverordneten des Bezirks Tempelhof-Schöneberg, auf der Ralf Kühne von der Partei Die Grünen die Frage stellte, auf welcher Rechtsgrundlage die Verschandelung genehmigt worden sei. Die Antwort des zuständigen Bezirksstadtrats Bernd Krömer (CDU) lautete, es bestehe ein öffentliches Interesse an der Belästigung. Auch der brillante Rhetoriker und messerscharfe Analytiker Andreas Baldow (SPD) - Motto: ”Links führt der Weg in die Freiheit” der Investoren - meldete sich zu Wort. Er erzählte etwas von einer Karikatur, die eine Maus mit einem Schild ”Ich bin gegen alles” zeige, und bekannte im übrigen freimütig, von Kühnes Ausführungen nichts verstanden zu haben. Zuvor hatten sich sowohl Krömer als auch Baldow vorübergehend zu Beratungen mit dem früheren Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und jetzigen Mitarbeiter Reinhard Müllers Christian Kuhlo in die Investorenecke zurückgezogen.
Als die Öffentlichkeit angeekelt das Rathaus verließ, wurde neben dem Eingang gerade eine Gedenktafel angebracht, auf der zu lesen stand: ”Hier löscht das Geld das Denken aus.” Der Himmel war schmutzig violett, mit einem leichten schwefelgelben Schimmer etwa in Gasometer-Richtung. Vom Rudolph-Wilde-Park her näherte sich eine kleine, dicke Ratte. In der Hand trug sie ein weißes Fähnchen mit der Aufschrift: ”Nicht unterkriegen lassen!” Sie überquerte den grauen, regennassen John-F.-Kennedy-Platz und verschwand in einem Gully. Ihr folgten weitere Ratten, die ebenfalls weiße Fähnchen trugen, und wieder andere aus den umliegenden Büschen schlossen sich ihnen an. Immer breiter wurde so der Strom von Ratten, die alle demselben Gully zustrebten. Sie zwängten sich zwischen den Stäben des Deckels hindurch und fielen mit lautem Klatschen, die weißen Fähnchen hochhaltend, in die braune Brühe der Kanalisation. Bald war der ganze Platz erfüllt vom Quieken und Schreien der ertrinkenden Ratten.
Am ersten August nahmen Klaus Groth, Reinhard Müller und ihre einschlägigen Gehilfen den großen Nightscreen am Gasometer in Betrieb. Mit Hilfe des ”Projekts Zukunft”, einem Filzwerk - äh, Netzwerk - der ”Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen” des Senators Harald Wolf (Die Linke), und einer Vorgabe des Bezirks, 20 % der Inhalte müßten kultureller Natur sein, hatte man den Werbedreck durch Einsprengsel sogenannter ”Kunst” geadelt. Den werbenden Unternehmen jedoch brachte der Coup kein Glück. Sie erhielten täglich tausende von Beschwerdebriefen, und ihre Umsätze brachen ein. Der Inhalt der Briefe lautete:

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin ein großer Bewunderer Ihres Unternehmens und plane derzeit eine größere Investition, bei der die Berücksichtigung der von Ihnen angebotenen Produkte beabsichtigt ist.
Leider mußte ich nun feststellen, daß Ihr Unternehmen sich dazu hat überreden lasssen, auf dem von der Firma Ströer MEGAPOSTER GmbH am denkmalgeschützten Gasometer in Berlin-Schöneberg betriebenen ”Schirm der Umnachteten” (auch ”Nightscreen” genannt) Werbung zu schalten.
Ich wohne in der Nähe des besagten Schirms und fühle mich durch diese Werbung massiv belästigt.
Ich möchte Sie deshalb hiermit höflich bitten, die Belästigung schnellstmöglich einzustellen.
Sollten Sie sich dazu nicht in der Lage sehen, wäre ich leider gezwungen, von jeglichem zukünftigen Erwerb Ihrer Produkte Abstand zu nehmen. Auch könnte ich in meinem überaus großen Verwandten- und Bekanntenkreis die Angebote Ihres Hauses nicht mehr guten Gewissens empfehlen.
In der Hoffnung auf Ihre Einsicht verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen


Grünes Licht für Werbung am Gasometer
Am 20. Juli 2008 um 21:07 Uhr
[...] nicht mehr. Dabei wurden u.a. die feiernden Araber immer wieder als Begründung genannt. --- Nightmare Screen Früher fuhren die Bauern auf ihren Treckern bis in die Neusser Innenstadt. Da brauchte niemand [...]
Am 2. August 2008 um 17:05 Uhr
[...] untere Denkmalpflege zuständige Mitarbeiterin die skandalöse Außenwerbung am Gasometer (”Nightmare-Screen“) für drei Jahre unter strengen Auflagen und Bedingungen genehmigen. Ohne einen erkennbaren [...]
Am 2. September 2008 um 12:09 Uhr
[...] Zögerlich, schleppend und hässlich verlaufen bisher Testbetrieb und Betrieb der 660 Quadratmeter großen “Urban-Screen” LED-Werbung am Gasometer. Auf der Insel heißt diese Errungenschaft moderner Großstadt eigentlich nur Nightmare-Screen. [...]
Am 6. November 2008 um 19:11 Uhr
[...] roter Fliege. An den Schöneberger Gasometer hatte er zur Feier des Abends zusätzlich zum “Nightscreen” ein leuchtendes EUREF-Emblem hängen lassen, das wohl nicht nur im Kontext der Metamorphose [...]
Am 7. Dezember 2008 um 16:15 Uhr
[...] Schöneberg, die gußeiserne Brücke über die Gotenstraße und der Gebrauchtwagenhandel, den ich hier schon einmal fotografisch verewigt [...]
Am 14. Juni 2009 um 06:35 Uhr
[...] größter LED-Screen”, den unser Glöckner in der ihm eigenen Schärfe zum Nightmare-Screen umgetauft hatte, zu Europas größtem Finanzdesaster. Aber diesen Rang hat derzeit noch [...]
Am 28. August 2009 um 18:11 Uhr
[...] sondern für den Rocktreff auf dem “660 qm Nightscreen – buchen Sie jetzt” Nightmare-Screen Werbung für den Event [...]
Am 19. Juli 2010 um 08:20 Uhr
[...] – die vom Betreiber als “Nightscreen” und von Anwohnern spöttisch als “Nightmare-Screen” bezeichnete Lichtreklame an der zur Stadtautobahn blickenden südlichen Seite des Gasometers [...]