Volk meets Fuhrer (III)

27. Juli 2008

Warum Barack Obama bei seiner legendären Rede am Donnerstag in Berlin immer nach links oder rechts guckte, aber fast nie geradeaus, das wissen wir. Links und rechts vom Rednerpult standen die Teleprompter.

Inzwischen wissen wir aber auch, warum er trotz des immensen Jubels, der ihm aus dem Publikum entgegenschlug, so wenig relaxed wirkte und sein Lächeln so verkrampft: die fähnchenschwingende, jubelnde Masse, der er da gegenüber stand - das waren Republikaner.

Und deren Rechnung ist offenbar aufgegangen. Eine Suche nach “Obama Berlin” in Google Blog Search ergibt 24.790 Treffer für die ersten zwei Tage ab dem 24.07.08. Das ist eine gewaltige Zahl von Bloggern (selbst wenn man bedenkt, daß etwa 23.000 der Fundstellen natürlich nur der übliche Google-Schrott sind), und ein Großteil der Mitglieder dieser schmierenden Zunft meint: wer bei den Berlinern ankommt, der kann kein guter Amerikaner sein.

Tonight I speak to you [...] as a [...] proud citizen of the United States and a fellow citizen of the world,” so hatte Obama seine Berliner Rede begonnen. Wie kann man stolz sein, Bürger eines Landes zu sein, das so viele Kriege angefangen, so viele Verbrechen begangen und so viele Menschen weltweit ins Unglück gestürzt oder ermordet hat wie kein zweites seit dem zweiten Weltkrieg? Das ist die Frage, die man sich als halbwegs informierter und nicht emotional verkrüppelter Mensch bei einem solchen Satz zwangsläufig stellt. Auch unsere amerikanischen Freunde haben Probleme mit diesem Satz. Nur nicht mit seinem ersten Teil. Sie fragen sich, wie man es wagen kann, sich als “Weltbürger” zu bezeichnen, wenn man doch eine US-Wahl gewinnen will (Beispiel, Beispiel, Beispiel, Beispiel). Selbst die “Volk ohne Raum”-Nummer wird dabei abgezogen (bei 31 Einwohnern pro km2 gegenüber 230 in Deutschland).

Ein weiterer Punkt, der die Gemüter unserer amerikanischen Freunde erregte, war neben Obamas als unerhört und linksradikal empfundenem Lippenbekenntnis zu mehr Gerechtigkeit, Verantwortung und Rücksichtnahme auf der Welt die Tatsache, daß er dem größten amerikanischen Militärkrankenhaus außerhalb der USA keinen Besuch abstattete. (In Landstuhl werden die Opfer der amerikanischen Kriege so weit es geht wieder zusammengeflickt - nur die der eigenen Seite, versteht sich - und fit gemacht für den nächsten Überfall auf ein anderes Land.)

Und daß der Kommunist, Sozialist, Extremist, Marxist und Antichrist Obama auch noch einen Klimawandel erfindet, nur um sich bei den alten Europäern einzuschmeicheln, das werden die US-Amerikaner dem zukünftigen Präsidentschaftskandidaten nie verzeihen.

Ein Blick auf die US-amerikanische Volksseele, wie sie sich auch in den oben verlinkten Blogs widerspiegelt, ist natürlich fast immer auch ein Blick in einen Abgrund, der einen erschaudern läßt. In Bezug auf Barack Obamas Rede in Berlin hat er allerdings noch einen weiteren Effekt: es erscheint plötzlich bewundernswert und ziemlich mutig von dem Bewerber um die Präsidentschaft, einen für uns so einfachen und selbstverständlichen Satz gesagt zu haben wie: “mein Land hat Fehler gemacht“. Und manches, was uns an seinem Auftritt vorher hölzern und banal vorkam, erscheint uns plötzlich hochintelligent.

Ein Kommentar zu “Volk meets Fuhrer (III)”

  1. admin

    Unmittelbar nach Veröffentlichung des obigen Artikels erreichte uns folgende Richtigstellung aus dem Hause Obama zu den Motiven der jubelnden Menschenmassen in Berlin:

    “What this shows is that the world is hungry for leadership from America.”

    Aufgrund dieser Richtigstellung nehmen wir unsere Aussage, Obama erscheine - relativ gesehen - hochintelligent, hiermit zurück.

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