Wenn der Think Tank überläuft

18. August 2008

Mit nahezu identischen Worthülsen haben die etablierten Medien in den letzten Tagen über die geplante Gründung eines “Global Energy Institute” in Berlin berichtet (auch wir berichteten). Bezeichnungen wie “Energie-Universität“, “Energie-Hochschule” oder “Hochschule für Energieforschung” erweckten dabei den Eindruck, es handle sich bei dem Projekt um eine wissenschaftliche Hochschule, ja sogar eine im Privat- (also “Elite“-)Segment. Stimmt dieser Eindruck?

Wir von Neues vom Glöckner sind der Frage nachgegangen - irgend jemand muß ja schließlich die Arbeit der Medien machen (ohne dafür bezahlt zu werden) - und haben die geplante Hochschule einem ersten Ranking unterzogen.

Wie der Tagesspiegel erschöpfend (kleiner Scherz!) darstellte, geht das Projekt “Energie-Universität” auf “die Initiative” (!) zurück, deren “Sprecher” ein gewisser Wolfgang Stock ist. Von Beruf ist Dr. Wolfgang Stock laut WikipediaJournalist, Autor, Professor und Berater“. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er bei der Springer-Zeitung “Die Welt“, von wo er sich schnell bis zu FAZ, Berliner Zeitung, Focus und schließlich sogar “Welt am Sonntag” (!) hocharbeitete.

Außerdem arbeitete der auf “Krisenkommunikation“, d. h. Meinungsmache zur Abwehr von Imageschäden, spezialisierte Wissenschaftler an führender Stelle in einem Unternehmen für “Kommunikations- und Reputationsmanagement” namens Medien Tenor (heute: “Media Tenor“), welches immer wieder durch durchaus kreative Geschäftspraktiken von sich reden machte (hier ein Bericht dazu aus der Zeit, als Stock bei dieser Firma tätig war). “Krisenkommunikation” ist zum Beispiel dann vonnöten, wenn einem Energiekonzern die Rohstoffe auszugehen drohen und/oder er durch erklärte Klimaschutzziele unter Druck zu geraten droht. Auch gute Beziehungen zur Politik sind in solch einem Fall von Vorteil.

Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja. Heute arbeitet Stock zufällig als geschäftsführender Gesellschafter bei der Firma, die den Video-Podcast der Bundeskanzlerin (der allgemein als glanzvoller Höhepunkt der Medienlandschaft gilt) produziert. Er arbeitet also, um mit den Worten des betreffenden Unternehmens zu sprechen, “an der Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“, also da, wo “strategisches Management von Entscheidungsprozessen in unserer Mediengesellschaft“, also die Beeinflussung der öffentlichen Meinung, “immer wichtiger” wird. Damit kommen wir “den Idealen der Demokratie ein Stück näher,” erklärt Stock, denn Demokratie besteht bekanntlich darin, daß jemand dem Volk erzählt, was Sache ist.

Darüber hinaus ist Stock seit 2001 “ordentlicher Universitäts-Professor” an einer Hochschule in Weilheim-Bierbronnen mit 34 Studenten, zu deren Gründervätern Papst Joseph Ratzinger gehört und die sich der “Vermittlung der abendländischen Wertvorstellungen, die aus der Durchdringung von griechischer Metaphysik und christlichem Offenbarungsgut als Voraussetzung von Naturwissenschaft und Technik entstanden sind“, der “Kritik der nihilistischen Züge des Zeitgeistes” und der Überwindung der “vielfach sogar unbewussten marxistischen / neomarxistischen Gedankengänge” verschrieben hat. “Albrecht von Brandenstein-Zeppelin” und “Alma von Stockhausen” sind die klangvollen Namen der Leiter dieser Institution. Dekan ist Prof. Dr. Reinhold Ortner (Veröffentlichungen u. a. “Die Finsternis trägt den Namen Luzifer - Die geleugnete Realität: das zerstörerische Wirken Satans. Symptome, Ursachen, Diagnose, Fallbeispiele.“, 2002, “Auf den Spuren des Bösen“, 1991, “Die Berge werden erbeben“, 1985). (Das ist kein Witz.) An dieser staatlich anerkannten wissenschaftlichen Hochschule bildet Prof. Dr. Wolfgang Stock aber nun nicht etwa Wissenschaftler aus, die zwecks Bewahrung der Schöpfung nach Lösungen der Energie- und Klimaprobleme suchen, sondern Journalisten. Sicherlich keine leichte Aufgabe, denn daß es nicht einfach sein kann, von der christlichen Lehre geprägte junge Menschen zu Journalisten nach Art des Hauses Springer oder des Hauses Medien Tenor zu machen, liegt wohl auf der Hand.

Stock ist des weiteren Autor von Büchern gegen den Kommunismus und für u. a. Angela Merkel, Roman Herzog und die “vergessenen Opfer der DDR“, die er z. T. zusammen mit dem heutigen BILD-Chefredakteur Kai Diekmann schrieb. Auf der Website des Brüsewitz-Zentrums, einer Vereinigung, die auf der Selbstverbrennung des gleichnamigen Pfarrers ihr antikommunistisches Süppchen kochte und deren Vorsitzender Stock heute ist, tritt dieser auch noch in seiner Eigenschaft als “Major der Reserve, beordert als Pressestabsoffizier beim Einsatzführungskommando der Bundeswehr” in Erscheinung.

Die Bundeswehr hilft Stock dafür zuweilen bei der Bewältigung seiner schwierigen Lehramtsaufgaben, so daß seine Studenten an der Gustav-Siewerth-Akademie ihre “Erkenntnisse” auch manchmal in der “Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation in Strausberg” oder beim “4. Bataillon des Luftwaffen-Ausbildungsregimentes 1gewinnen können. Böse Zungen behaupten, dies sei Bestandteil einer gezielten Beeinflussungsstrategie seitens der Bundeswehr-Akademie für Information und Kommunikation auf die Medien, bei der sogar Geheimdienstmethoden und Methoden der psychologischen Kriegführung zur Anwendung kämen, oder sehen die Gustav-Siewerth-Akademie, an der Stock unterrichtet, als Bestandteil eines “rechtsklerikalen Sumpfes“. Dafür bleibt den Studenten an diesem Institut aber auch einiges Unangenehme erspart. Zum Beispiel die Anerkennung der Evolutionstheorie, jener “Kombination von Urdummheit plus Urbrutalität“, wie es in einem sicherlich beglückenden, von den Leitern der Hochschule herausgegebenen Buch (”Herkunft und Zukunft des Menschen“) heißt.

Mit diesem beeindruckenden akademischen Hintergrund erzielt Stock in unserem Ranking für das “Global Energy Institute” 98 Punkte. Um 99 Punkte zu erreichen, hätte er auch noch selbst bei BILD und für 100 Punkte bei BILD und BILD am Sonntag arbeiten müssen und der Panzerkreuzritter*) hätte es mindestens zum Oberstleutnant der Reserve bringen müssen.

*)

Ein “Think Tank“, wie er zusammen mit dem Global Energy Institute in Berlin entstehen wird, ist nämlich nicht etwa ein “Behälter” voller guter Ideen. Der Begriff ist militärischen Ursprungs und bezeichnet quasi einen Panzer (engl. “tank“), der die Menschen mit Meinung beschießen und überrollen soll.

 
Während Wolfgang Stock als “Sprecher” der ominösen Initiatoren der “Energie-Universität” fungiert, tritt Dr. Markus Baumanns von der Zeit-Stiftung in den Medien als ihr “Berater” auf. Bei der Stiftung (Motto: Wissen fördern, Kultur bereichern, Chancen eröffnen, Phrasen dreschen) des “rechten LiberalenGerd Bucerius, der Aktionär der Bertelsmann AG und verantwortlich für die Übernahme seiner Wochenzeitung “Die Zeit” durch den Holtzbrinck-Konzern war, ist Baumanns Mitglied des “Teams Vorstand II“. Zuvor hatte er verschiedene Funktionen beim Bund bekleidet, zu dem er als Zuschläger Helmut Kohls gestoßen war. Im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung war er mit “außenpolitischen Fragestellungen beim Aufbau der Internetpräsenz der Bundesregierung” befaßt (was immer diese haben sein mögen).

Baumanns trommelt vor allem für private “Elite”-Universitäten, wobei die selbsternannte Elite seltsamerweise meist bereits bei dem Versuch, den Begriff “Elite” zu definieren, kläglich scheitert, was aber wiederum von den Politikern, die ihr mit offenen Mündern lauschen, kaum einen stört.

Bei der Beurteilung des wissenschaftlichen Rangs Baumanns’ können wir uns auf ein Interview des Deutschlandfunks stützen, auf das ich dankenswerterweise durch das BIGasometer-Blog aufmerksam gemacht wurde und aus dem ich im Folgenden zitieren möchte. Lesen Sie selbst.

Frage: Wie spruchreif ist das Projekt “Energie-Hochschule”?

Spruchreif ist, daß die Planungen zur Zeit auf Hochtouren laufen, wir haben ein Konzept, auch ein Konzept, was mit wissenschaftlichen universitären Mitspielern, um das mal so auszudrücken, bereits abgecheckt ist, so daß das im Grunde von der Theorie her sehr gut steht.

Bemerkenswert ist hier zunächst die feinsinnige Auslegung des Wortes “spruchreif“. Auch wenn man noch kein Ergebnis vorweisen kann, kann man schließlich schon mal darüber sprechen.

Auch der Satz “Wir haben ein Konzept” kommt in der heutigen Zeit, die glücklicherweise dem visionären Potential den Vorzug gibt gegenüber der pedantisch ausgearbeiteten Lösung, sehr gut rüber.

Innovativ kann die Verwendung eines Bildes aus der Hochpreis-Automobilistik (”auf Hochtouren laufen“) in Zusammenhang mit der hier angeblich angepeilten Lösung der Energieprobleme genannt werden.

Daß die Energieversorgung eigentlich ein Spiel ist, wurde durch die Verwendung des Begriffs “Mitspieler” sehr gut herausgearbeitet, und daß diese Mitspieler sowohl wissenschaftlich als auch universitär sind und das Konzept bereits gegenseitig geprüft und abgehakt haben, übertrifft alle Erwartungen.

Im Grunde von der Theorie her” ist eine Wendung von geradezu mustergültiger wissenschaftlicher Präzision. Schon allein die Tatsache, daß der Begriff Theorie hier überhaupt angezogen wird, weist, um das mal so auszudrücken, in höchstem Maße auf Wissenschaftlichkeit hin.

Die Formulierung “daß das … sehr gut steht” schließlich läßt darauf hoffen, daß auch der Sex-Appeal der Wissenschaft an dieser Hochschule nicht zu kurz kommen wird.

Hundert Punkte also für Ideenreichtum, wissenschaftliche Präzision und die Elite-Tauglichkeit der Aufbereitung bei dieser ersten Antwort.

Frage: Warum ausgerechnet Berlin?

Das Spannende an Berlin ist, ähm, oder zunächst, die Hochschule selber ist ja eine europäische Hochschule, das heißt, es geht hier nicht nur um Deutschland, wobei sehr viele führende Technologieinstitute gerade ja in Deutschland sind, das trifft sich gut, mit denen wird eng zusammengearbeitet, aber zum anderen Berlin ein hoch attraktiver Standort ist für die anderen europäischen Länder, die involviert sein werden, die Europäischen Institutionen und, was ihre Geldgeber angeht, auch europäische Energieunternehmen.

Sehr schön, der Hinweis darauf, daß andere Länder es natürlich hoch attraktiv finden werden, eine Einrichtung von internationaler Bedeutung in einem anderen Land als dem eigenen angesiedelt zu sehen. Besser konnte man dem absurden Gedanken, bei dieser Standortentscheidung könnte die von Lobbyisten geschätzte Nähe zur Bundesregierung eine Rolle gespielt haben, nicht begegnen.

Einen kleinen Punktabzug müssen wir allerdings dafür vornehmen, daß Baumanns sich hier verplappert hat und versehentlich die Geldgeber der Europäischen Institutionen erwähnt. 99 Punkte also bei dieser Antwort für taktisches Geschick.

Frage: Soll in der “Energie-Universität” nur gelehrt oder auch geforscht werden?

Ja. Also Forschung, Lehre und Weiterbildung und Denken in den Think Tanks sind da nicht voneinander zu trennen. Es geht in dem Hochschulteil in den drei Schools um Masterstudiengänge, in denen gelehrt wird. Ähm, es geht in dem Think Tank um das Denken und Forschen und es geht in den Schools natürlich auch um das Forschen. [...] Es geht nicht drum, hier etwas völlig Neues zu erfinden, sondern es geht drum, die bereits bestehenden Forschungsinstitute zusammenzubinden mit, äh, anderen Initiativen und eigener Kompetenz.

Hier spricht ein Meister des zirkulären Denkens. Und sein Ziel ist nichts Geringeres als alles zusammenzubinden, ohne dabei außen vor zu bleiben. Das verspricht, spannend zu werden. 100 Punkte für den mutigen ganzheitlichen Ansatz.

Frage: Könnte es einen Konflikt zwischen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Interessen geben?

Es wird eine Hochschule sein, zumindest so ist es in der Planung, die sich darum bemüht, staatlich anerkannt zu werden, daß heißt, die völlig unabhängig ist von den Geldgebern. Ganz unabhängig von der Hochschule nämlich agiert eine Stiftung, deren einziger Stiftungszweck die Förderung der Hochschule ist, die ansonsten aber keine direkte Mitwirkungsmöglichkeit hat innerhalb der Hochschule. Und die Hochschule, mit diesen drei Teilen, wird also sich auf übergeordnete Fragestellungen konzentrieren, und es ist eben nicht so, daß ein einzelnes Unternehmen, ähm, eine bestimmte Fragestellung in Auftrag geben kann und das nur ihm exklusiv zugänglich ist und nicht auch den anderen, jedenfalls soweit es nicht extra und zusätzlich bezahlt wird.

Einfach genial, wie man hier zweigleisig verfährt. Zum einen garantiert natürlich schon allein die Tatsache, daß diese Universität vom Staat anerkannt werden will, die Unabhängigkeit von Geldgebern. Ähm, ja. Nicht wahr?

Zum anderen wird das Geld der Sponsoren ja nicht an die Hochschule gezahlt, sondern an eine Stiftung, die es an die Hochschule zahlt. Dadurch ist diese Hochschule natürlich völlig unabhängig von diesem Geld, wie auch von der Stiftung und den Sponsoren. Genauso unabhängig übrigens, wie die Stiftung es ist von der Hochschule, dem Geld und den Sponsoren. Auch der normale Arbeitnehmer ist ja finanziell von seinem Arbeitgeber völlig unabhängig, denn er erhält ja seinen Lohn nicht von jenem, sondern von der Buchhaltung.

100 Punkte also für die Macher des Global Energy Institute auch in der Disziplin “logisches Denken”.

Der klare Sieger dieses Rankings ist das Team “Die Initiative“, vertreten durch die Pressesprecher und Trainer Wolfgang Stock und Markus Baumanns.

Ein Kommentar zu “Wenn der Think Tank überläuft”

  1. Neues vom Glöckner » Blog Archiv » Der Gott von Wolfgang Stock

    [...] mit seinem Einsatz für die Lobbyisten-Universität “Global Energy Institute” zu erwähnen nicht umhinkamen (wobei das Wort “Lobbyist” angesichts der Tatsache, daß diese Damen [...]

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