Allerweltsstadt
7. September 2008Wenige Politiker haben sich um die Brache so verdient gemacht wie Oliver Schworck (SPD), der für Umwelt und Naturschutz zuständige Stadtrat des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Konsequent verwandelt seine Behörde ausufernde Vegetation in kahle Flächen, auf denen nur noch Sägespäne und ein paar aus dem Boden ragende Stöckchen von der vormaligen Anwesenheit von Pflanzen künden.
Besonders erstaunlich dabei ist, daß inzwischen selbst kleinste Fleckchen Land in den Genuß solch liebevoller Zuwendung kommen. Das östliche Ende der Langenscheidt-Brücke zum Beispiel. Dort kann man nach der Beseitigung der ekelhaft üppigen Büsche nun endlich wieder den Namen der Brücke auf dem Geländer lesen, der schließlich an das Unternehmen erinnert, das in so vorbildlicher Weise sein Berliner Werk geschlossen hat. Und auch der Altkleider-Container kommt erst jetzt in seiner ganzen Schönheit voll zur Geltung. (Danke, Oliver!)

Im Kleistpark macht unterdessen die Umwandlung zum Open-Air-Museum des schlechten Geschmacks weiter Fortschritte. Gleich am Eingang treffen wir auf einen massiven Grabstein für den "berüchtigten Volksgerichtshof". Niemand soll sagen, daß man nicht gedenke, und außerdem wissen die um jene Justiz Trauernden so endlich, wo sie ihre Kränze niederlegen können. Der Hundezaun wurde auf der Kolonnadenseite samt gnädig verhüllender Vegetation durch eine luftige Konstruktion ersetzt, die sicher den "großen Durchblick" symbolisiert. Links und rechts davon wurde der Hundezaun allerdings erhalten, und da auch er einst Steuergelder gekostet hat und der Steuerzahler schließlich ein Recht darauf hat zu sehen, wie seine Gelder von den gewählten Experten verbrannt wurden und werden, wird er ungeachtet seiner ästhetischen Qualitäten regelmäßig erbarmungslos freigeschnitten.

Links und rechts des Eingangs zum Kammergericht befanden sich früher filigrane Plastiken (Archivbild unten). Hat ihr Verschwinden etwas mit den derzeit attraktiven Metallpreisen zu tun? Sollen sie nach neuesten Erkenntnissen der bezirklichen Sichtachsenforschung an anderer Stelle wieder aufgebaut werden? Oder wurden sie in Zeiten wachsender Aufmüpfigkeit des Volkes schon mal zu Kanonenkugeln umgeschmolzen?

Daß das Metall auch in die neuen Kandelaber geflossen sein könnte, mag man kaum glauben, denn die sehen von der Optik her eher nach Plastikteilen aus dem Ikea-Gartensortiment aus. Durch die Plazierung der Zusammenschraubleuchte "Bullerbü" für den gehobenen Gartenbesitzer - bei der es sich laut Birgitt Eltzel ("Kleistpark ist wieder so schön wie einst") nebenbei bemerkt um den "Nachbau" eines alten Originals handeln soll - direkt neben den anderen im Park vertretenen Modellen wird hier übrigens nicht nur ein allerliebster Disneyland-Museumssammelsuriumseffekt fast wie im Gaslaternenmuseum erzeugt, sondern der Geschmacksverfall auch pädagogisch besonders wirkungsvoll illustriert. Und selbst die Lichtqualität wird in diese Illustration einbezogen. Während nämlich die alten Laternen gelb-orange leuchten, leuchten die neuen knallweiß.

Andere Bezirke versuchen verzweifelt, bei diesem Wettlauf der Geschmacksverirrten mitzuhalten. Der Bezirk Mitte versucht es zum Beispiel am Großen Stern. Dort stehen zwar auch noch alte Kandelaber, aber sie wurden mit neuen Reflektoren versehen, die offenbar verhindern sollen, daß die symmetrischen Laternen auch einen symmetrischen Lichtschein werfen. Dadurch entsteht eine absurde Schattenbildung in der Leuchte. Im Ergebnis sieht das ungefähr so aus wie ein Jugendlicher, dem die H&M-Hose halb über den Hintern gerutscht ist. Ein sehr schöner Effekt, zu dem wir nur sagen können: weiter so, be berlin! Es gibt noch viel zu "verschönern", und der Weg zur richtig modernen Allerweltsstadt ist noch weit!