Willkommen, Neofaschismus!
11. September 2008Es begann mit einer als Provokation empfundenen Verzögerung durch die Polizei. Am Kotti wollte man die Demo gegen die Eröffnung der O2-Arena nicht losziehen lassen. Wahrscheinlich waren noch nicht alle Teilnehmer ausgiebig genug gefilmt und fotografiert.
Und es endete - für mich jedenfalls - mit der Erkenntnis, daß der Neofaschismus nun endgültig im Zentrum Berlins angekommen ist.
Ein cooles Programm, projiziert auf die Fassade der O2-World, gefolgt von einem Feuerwerk, und ein großes Fest auf dem Platz vor der Halle für alle Berliner waren versprochen worden.
Für die Teilnehmer der Demo war 300 m vor dem Ziel an einer Polizeisperre Schluß. Da mußte umgesteuert werden.

Die Halle selbst sieht aus wie eine gestrandete Untertasse voller Scheiße. Sie war durch zwei Reihen Absperrgitter gesichert, dazwischen ein Todesstreifen wie zu DDR-Zeiten, nur mit einer höheren Polizeikonzentration.
Als RBB begann, vom gegenüberliegenden Spreeufer aus zu filmen, wurde auf der “Medienfassade” kurz Werbung für den Kreditkartenhändler VISA eingespielt (s. o.). Das dürfte vor allem die eingeladenen Hartz-IV-Empfänger begeistert haben. (Oder waren die bei der Einladung “aller” Berliner nicht mit gemeint gewesen?)
Die Beschallung erfolgte durch Spreeradio, zumindest so lange, bis ein paar Demonstranten die Bühne enterten, um die Hörer darüber aufzuklären, daß die heile O2-Welt, die vorher dort beschworen worden war, nur im Dudelfunk existiert. Sie wurden von herbeieilenden Freunden und Helfern nicht, wie Karin Schmidl und Marin Majica in der Berliner Zeitung und A. Conrad, B. Matthies und J. Hasselmann im Tagesspiegel schreiben, “zurückgedrängt“, sondern getreten und brutal von der Bühne heruntergestoßen. Aber Spreeradio packte zusammen.
Daß draußen mindestens zu zwei Dritteln nicht Fans der O2-World versammelt waren, mußte sich wohl bis ins Innere der Untertasse herumgesprochen haben, denn fast das gesamte Programm für das Umsonst-und-Draußen-Publikum wurde gekippt, und keine Promi-Nase ließ sich blicken. Erst mit einstündiger Verspätung hoppelten ein paar grob gerasterte Sprüche zu Donnergrollen und bombastischem Sound aus riesigen Lautsprechern über die Fassade. Die aber hatten es in sich. Sprüche wie “PLATZ FÜR HELDEN” und “RAUM FÜR SIEGER” mit dieser Art von musikalischer Untermalung - das war Faschismus pur. Auch Rammstein wurde mißbraucht. Falls dies mit dem Einverständnis der Band geschah, können auch die sich ihr individualistisch-provokatives Image abschminken. Sie wären dann nur noch armselige Marionetten der Mächtigen.
An die Adresse von Klaus Wowereit (SPD) und Harald Wolf (Die Linke) gerichtet, muß ich leider sagen: Ihre Gedenksteinchen für die Opfer des Faschismus, die Sie ständig überall in der Stadt verstreuen, können Sie sich, mit Verlaub gesagt, sonstwohin stecken, wenn Sie nicht erkennen können oder aber bewußt gutheißen, daß hier eine neue Form von Faschismus ihr Gesäß erhebt, die zwar nicht auf rassistisch begründeten Herrenmenschenvorstellungen beruht, sondern auf wirtschaftlichen, aber ansonsten dieselben elitär-autoritären Züge trägt. Die ekelhafte Gesinnung, die sich in dieser Performance (und auch in dieser Architektur) ausdrückt, nicht nur durch Ihr politisches Handeln ermöglicht, sondern auch durch Ihre Anwesenheit und Ihre Verteidigungsreden bei der Eröffnung geadelt zu haben, das ist der eigentliche Skandal dieses Abends.
Und dasselbe gilt auch für den Dalai Lama, wenn er im Oktober wieder einmal Liebe und Mitgefühl predigt in einer Halle finanzkräftiger “Freunde”, die offen das Gegenteil praktizieren und predigen.

Am 12. September 2008 um 14:16 Uhr
Das lebensgefährdende Hinunterwerfen von Demonstrierenden durch Polizeikräfte - von der Spreeradio-Bühne vor der O2 World - hat ein Abriss Activist gefilmt. Leider ist das Video zu groß für die üblichen Portale, aber wir suchen nach Möglichkeiten.
Am 12. September 2008 um 15:03 Uhr
Auf der Website von Spreeradio gab es (gestern zumindest) auch ein Video. Da fehlt aber der schöne Anfang (Mikrofonübernahme und Durchsage), und bevor die Polizei richtig zur Sache kommt, blendet das Video dezent aus.
Am 15. September 2008 um 19:41 Uhr
Bei sprüchen wie »PLATZ FÜR HELDEN« oder »RAUM FÜR SIEGER« bleibt zu befürchten, daß der verarschismus der letzten jahre in faschismus umkippt. Tatsächlich kann die O2-welt nur besuchen, wer zumindest im alltag soweit gesiegt hat, daß er noch über ausreichend kleingeld verfügt und hirngewaschen genug ist, die verkommerzialisierung sämtlicher lebensbereiche zu akzeptieren.
Ansonsten fällt mir zu O2Welt nichts weiter ein als dort gibt es nur sauerstoff - und bekloppte wesen!
Am 16. September 2008 um 17:34 Uhr
Angeblich soll da nicht “RAUM FÜR SIEGER”, sondern “RAUM FÜR SIEGE” gestanden haben. Das wäre dann einen Tick weniger katastrophal. Ich habe es anders gelesen, aber wenn man sehr dicht davor stand, war die Schrift kaum zu entziffern.