Baustellenimpressionen

26. September 2008

Seit etwa vier Stunden versucht eine junge Frau verzweifelt, das demontierte Gerüst von der Baustelle gegenüber auf ihren Lkw mit Anhänger zu laden. Allein. Obwohl jeder weiß (oder wissen sollte), daß dies von einer Person allein, die die Teile zusammenschnüren, die Schlingen anlegen, den Kran bedienen und gleichzeitig die schwere Last mit der Hand führen soll, praktisch nicht zu bewerkstelligen ist. Jedenfalls nicht auf sinnvolle, zumutbare und ungefährliche Weise.

Währenddessen trippeln auf dem Bürgersteig ein paar Dämchen in glitzernden Ballettschühchen vorbei, einen Prestige-Köter an einer Leine hinter sich her ziehend.

Ihnen folgt ein alter Mann, der drei große Plastiktüten schleppt. Im Vorbeigehen sammelt er die leeren Bierflaschen ein, die die Arbeiter auf den Fensterbrettern haben stehenlassen, und steckt sie in seine Tüten.

Niemand ist so weit unten, daß es nicht jemanden geben könnte, der noch weiter unten ist. Manche in diesem Land würden das Wort “könnte” in diesem letzten Satz durch “sollte” ersetzen.

In den Nächten zuvor sind die frisch renovierten Wohnungen von einer Putzfrau gereinigt worden. Die ganze Nacht hindurch. Auch sie war allein.

Heute stehen in einigen Fenstern schon die ersten Orchideen in edlen Vasen. Auf der Straße parken die schwarzen Cabrios. Die Kaltmiete der Wohnungen beträgt jetzt 9,50 Euro pro Quadratmeter. Laut Mietspiegel handelt es sich um eine “einfache” Wohnlage.

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