Fragen über Fragen

2. Oktober 2008

Warum denken wir nicht daran, das größte Solarkraftwerk in Tegel zu bauen?” fragt Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Ja, warum eigentlich nicht? Warum denken wir nicht daran, dort das seichteste Nichtschwimmerbecken Europas zu bauen, das größte Fitness-Center des Universums oder die abgefahrenste Gedenkstätte für die Opfer der Hunnenkriege? Was geht eigentlich in den Köpfen von Politikern vor, wenn sie nicht merken, daß sie in einer verkehrten Welt leben?

Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: die Schließung der innerstädtischen Berliner Flughäfen ist richtig und notwendig. Nur wer sich noch nie die Mühe gemacht hat, sich mal anzuhören, wie es in der Leinestraße klingt, wenn in Tempelhof bei Westwind eine Maschine landet, oder wer so menschenverachtend egoistisch denkt, daß es ihm egal ist, wenn andere gefoltert werden, kann ernsthaft ihre Offenhaltung fordern. Die Fragen, die Ingeborg Junge-Reyer und ihre Visionärskollegen bei der “Standortkonferenz zur Nachnutzung Tegels” stellten, und ihr Geschwafel vom “Potenzial für ganz große Ereignisse” zeigen aber, daß es für die dann frei werdenden Flächen und Gebäude derzeit keinen konkreten Nutzungsbedarf gibt.

Was tut nun der vernunftbegabte Mensch mit einer Fläche, für die er keinen Bedarf hat? Nichts, denn er braucht sie ja nicht. Niemand, der im traditionellen Sinne geistig gesund ist, würde sich mehr Essen auf den Teller laden als er verzehren kann, nur um es zu vernichten, oder? Der vernunftbegabte Politiker würde sich also freuen, eine solche Fläche der Natur, die sie dringend benötigt, überlassen zu können, und sich gegebenenfalls wieder an sie erinnern, wenn ein Bedarf vorhanden ist.

Politikerhirne allerdings kennen die menschliche Logik nicht. Sie folgen nahezu ausnahmslos der kranken Logik des Kapitalismus, nach der a) alles “vermarktet”, also ausgebeutet werden muß und b) wo kein Bedarf ist, einer geweckt werden muß. Das ist die Logik eines Menschen, der sich eine Querflöte kauft und sich dann überlegt, ob er sie als Fernrohr oder zum Umrühren seines Müslis verwenden soll, und die Logik eines Systems, in dem Unternehmer nicht nach dem Produkt suchen, das die Bedürfnisse möglicher Kunden befriedigt, sondern nach Möglichkeiten, Kunden Bedürfnisse einzureden, die zu ihrem Produkt passen.

Am meisten Spaß macht es natürlich, ein Produkt zu vermarkten, das einem gar nicht gehört (sondern, wie in diesem Fall, der Allgemeinheit). Dann kann man leichten Herzens besonders großzügige Sonderrabatte einräumen, um den entsprechenden Bedarf zu schaffen. Vermutlich deshalb regte der Spandauer Baustadtrat Carsten-Michael Röding (CDU) auch an, “in Tegel eine Sonderwirtschaftszone einzurichten, in der die Firmen von der Grundsteuer befreit werden.

Ingeborg Junge-Reyer hat in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, daß sie den Mut hat, dem gesunden Menschenverstand in Gestalt öffentlich geäußerter Kritik zu trotzen. Wo ist aber der Politiker, der den Mut hat, dem gesunden Menschenverstand zu folgen und zu sagen: “Ich verplane diese Flächen jetzt nicht, denn es gibt keinen Bedarf für sie“?

Ein Kommentar zu “Fragen über Fragen”

  1. Tante Mili

    So, jetzt is es aber, nach Wochen stillen “Konsums”, mal endlich Zeit, Dir, lieber Glöckner, mitzuteilen, dass ich mir voller Genuss regelmäßig die Arbeits-Nachmittagsstunden versüße, indem ich Deine wunderbar respektlosen und ebenso treffenden Zeilen lese. Auch dieses Mal wieder ein gelungener Beitrag. Vielen Dank!

    Und: niemals aufgeben!

    Deine Tante Mili

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