Fürchtet Euch nicht!
10. Oktober 2008Die Menschen in Schöneberg werden derzeit gebeutelt wie nie. Erst ist das ganze bei Lehman Brothers angelegte Geld futsch, dann trifft einen, während man gerade auf der sogenannten “Crellepromenade” steht und sich überlegt, in die Tiefe zu springen, auch noch ein Stromschlag. (Tagesspiegel und Berliner Zeitung berichteten.)
Mich haben diese Zeitungsmeldungen stark verunsichert. Warum habe ich diese Stromschläge nie gespürt?, frage ich mich. Warum gehöre ich nicht dazu?
Die Antwort kann wohl nur lauten: ich bin zu angepaßt. Die Stromschläge sind nämlich eine Folge elektrostatischer Aufladung, verursacht durch Reibung. Reibung etwa zwischen Schuhsohlen und den Hightech-Belägen moderner Brückenbauten, die ja zu 100 % aus recycleten Joghurtbechern in Echtholzoptik bestehen. Der kluge Bürger aber hat Reibung schon immer vermieden. Er paßt sich (und damit natürlich auch seine Gehweise) instinktiv den Gegebenheiten an. So hat er nichts zu befürchten.
Die Opfer der Stromschläge dürften die Unangepaßten gewesen sein. Die, denen Reibung womöglich noch Spaß macht. Und das sind genau die, die auch die Verluste auf den Finanzmärkten zu verantworten haben. Denn schließlich spricht man nicht umsonst von “Reibungsverlusten”.
Auch das Bezirksamt hat diese Sichtweise inzwischen bestätigt und zu den Stromschlägen Stellung genommen. Das Projekt befinde sich derzeit noch in einer Testphase, sagte der zuständige Stadtrat Oliver Schworck (”Monsieur 1000 Volt“). Erst zu einem späteren Zeitpunkt soll zusätzlich zur Spannung auch die Stromstärke erhöht werden. Dann brauche man die Unangepaßten nur noch einmal pro Tag von der Stadtreinigung wegfegen zu lassen, und der Kiez werde selbst für Mitglieder der geistigen Elite wie Bernd Matthies zu einem attraktiven Wohnumfeld.