Große und kleine Probleme der BVG
14. November 2008Eines ihrer größten Probleme, so meinen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), ist der Vandalismus. Unermüdlich arbeiten hochrangige Führungskräfte des Unternehmens daran, diesen zu bekämpfen. Jetzt haben sie festgestellt, daß man dem Scratching, also dem Zerkratzen der Scheiben von Bussen und Bahnen, am besten dadurch begegnet, daß man den anderen Vandalen zuvorkommt und die Scheiben gleich selbst zerkratzt. Dies geschieht kostengünstig durch Aufbringen einer Folie, die werksseitig in Zerkratzt-Optik geliefert wird.
Ein Unterschied zwischen dem natürlichen Scratching und der Folie, von der das Stadtbahn-Blog zu berichten weiß, daß sie ”einen soliden Eindruck” mache und mit dem ”Brandenburger Tor-Icon” ”ornamentiert” sei, ist allerdings, daß ersteres die Scheiben ungleichmäßig überzieht, während das BVG-Muster von geradezu nervtötender Monotonie ist. Die BVG besinnt sich also mit dieser Lösung wieder auf ihr eigentliches Kerngeschäft, nämlich die Kunden maximal zu nerven.
In dieser Disziplin kann das Unternehmen auf eine lange Tradition zurückblicken. Ich erinnere hier nur an die Einfälle, Graffiti-Schmierereien dadurch zu verhindern, daß man die Fahrzeuge (einschließlich der Scheiben) mit Werbung beschmiert, oder kriminellen Gesindels in den U-Bahnhöfen dadurch Herr zu werden, daß man es zusammen mit den zahlenden Fahrgästen durch Gedudel aus den Lautsprechern in den Wahnsinn treibt. (Letztere Idee wurde dann allerdings aus unbekannten Gründen zunächst wieder fallengelassen. Vielleicht hatten sich ihre Urheber einem Selbsttest unterzogen?)
Gleichzeitig mit der Einführung der neuen Anti-Scratching-Maßnahme ließ die BVG wissen, daß es keine Kritik an ihr seitens der Fahrgäste gegeben habe. Neues vom Glöckner wollte dies überprüfen. Die erste BVG-Kundin, die wir nach ihrer Meinung fragten, äußerte sich dabei wie folgt:
”Man hat den Eindruck, daß heute an den Stellen, wo Entscheidungen getroffen werden, keiner mehr sitzt, der noch halbwegs normal ist. Die haben alle mehr Gel in den Haaren als Schmalz im Hirn.”
100 % der übrigen befragten Fahrgäste schlossen sich dieser Aussage an.

Neben so essentiellen Problemen wie dem Scratching, das die BVG angeblich 960 000 Euro im Jahr kostet, müssen andere Probleme natürlich verblassen. So hat sich das Unternehmen z. B. am US-amerikanischen Finanzmarkt verzockt. Da geht es zwar um 157 Millionen, aber vernachlässigbar ist das Problem dennoch, denn schließlich befindet sich die BVG im direkten Zugriff auf die Geldbörsen von Millionen Berlinern, an denen sie sich immer weiter durch überhöhte Beförderungspreise schadlos halten kann.
Am 16. November 2008 um 16:51 Uhr
Echtes Interesse an einer Bekämpfung dieser allseitigen Erfreuung an jugendlichem Fähigkeitsbeweis (”Ey, isch kann meinen Namen schreiben, toll, wa?”) sähe natürlich anders aus.
In Irland wird z.B. das Rauchen in Rauchverbotszohnen mit 5000€ belohnt. Erfolg: keiner raucht dort, wo er nicht darf. In Deutschland sind das 15€, den Erfolg können wir auf U-Bahnhöfen bewundern.
Wenn die Familie 2 Jahre nicht in den Urlaub fahren kann, weil Sohnemann einen U-Bahnzug neu möblieren muß, würde dieser Spuk schnell wieder vorbei sein.
Aber dann hätten BVG und S-Bahn ja keine Ausreden, um per Fahrpreiserhöhung ihr nutzloses und überteuertes Management zu vergolden...
Am 17. November 2008 um 15:21 Uhr
@.rhavin
Wie wär’s gleich mit der Todesstrafe? Dann kann die Familie nämlich trotzdem in Urlaub fahren.
Härtere Strafen ersetzen schon immer ziemlich effektiv vernünftige Sozialpolitik. Jedenfalls in bestimmten Köpfen.
Gruß,
Tante Mili
Am 17. November 2008 um 16:43 Uhr
@Tante Mili
Totaler Unfug. Härte Strafen bei Delikten, die evtl. aus Not begangen werden (z.B. Diebstahl im Supermarkt) sind natürlich Unsinn. Dagegen ist es dringend erforderlich, Delikte, welche aus purem Egoismus (Scratching, Rauchen in Rauchverbotszonen, Müll-in-den-Wald-Kippen u.Ä.) begangen werden, *sehr* hoch zu bestrafen.
Das ”sehr hoch” keine Folter, oder ähnliches beinhaltet, sollte man Menschen mit IQ über Raumtemperatur allerdings nicht erst erklären müssen;-)
Am 17. November 2008 um 17:15 Uhr
Die Unterscheidung, die Du machst, finde ich tatsächlich sinnvoll, zumidest wenn man sie nicht allzu kategorsich anzuwenden versucht.
Denn ich stehe immer noch auf dem altmodischen Standpunkt, dass bei Menschen, die ”randalieren” (und hier muss man wohl wiederum zwischen Rauchen und Scratchen unterscheiden), noch etwas mehr im argen liegt, als ein ausgeprägter Egoismus. Ihnen fehlt es vielleicht an sinnvoller Betätigung (was ja nicht zwangsläufig Erwerbsabeit sein muss), Anerkennung und Ausgeglicheneit. Die Bekämpfung der Ursachen für diesen Zustand wirkt sicherlich wesentlich nachhaltiger als harte Strafen.
Das ist zumindest Tante Milis Meinung (die übrigens Energie zu sparen versucht, weshalb ihre Raumtemperatur sehr wahrscheinlich unter der durchschnittlichen liegt).
Am 18. November 2008 um 02:38 Uhr
Falls die Ursache ”Ich zeig Euch mal, das ich mir das erlauben kann.” ist, gibt’s leider wenig Spielraum - außer dem Beweis des Gegenteils. Wer in eine Scheibe ein Hakenkreuz ritzt, dem mag man mit Argumenten (und etwas Glück) gerade noch den rechten Stirnlappen wieder geraderücken können (sofern der nicht schon gefranzjosefwagnert wurde), aber beim ”Scratching” geht’s nicht um das, was sich hinter dem dt. Wort ”Anerkennung” verbirgt, sondern eher ums Austesten gesellschaftlicher Grenzen; und da wird man wohl Grenzen ziehen müssen, die man nicht einfach so ignorieren kann.
Aber ich entschuldige mich für eine evtl. verstandene Beleidigung hinter der aus bestimmten Köpfen erwärmten Raumtemperatur;-)
Am 18. November 2008 um 15:49 Uhr
Für solche Sachen wie Scratching gibt es wahrscheinlich alle möglichen Gründe. In manchen Kulturkreisen soll es ja z. B. eine Art ”horror vacui” geben. Da sind dann ganze Moscheen mit ”Tags” geradezu übersät.
Die meisten Menschen haben wohl irgendwie das Bedürfnis, ihrer Umgebung ihren Stempel aufzudrücken. Manche hängen ihr Logo an irgendein prominentes Bauwerk (siehe z. B. Reinhard Müller), andere müssen sich andere Möglichkeiten suchen. Die werden dann etwa durch das Bepflanzen von Baumscheiben kriminell. Verfolgt wird das aber nur, wenn die Ästhetik nicht dem Spießer-Kanon entspricht und wenn man es ohne Gewinnabsicht und nicht in ganz großem Stil betreibt. Die BVG weiß schon, wie man es machen muß.
Übrigens erstaunlich, .rhavin, daß Du hier so für ”Law and Order” zu sprechen scheinst. Deine Site spricht doch da irgendwie eine andere Sprache, oder habe ich da was falsch verstanden?
Am 18. November 2008 um 18:07 Uhr
@Admin
> Übrigens erstaunlich, .rhavin, daß Du hier so für
> “Law and Order” zu sprechen scheinst.
Da kannst Du mal sehen, wie differenziert Meinungen seien können. Man kann das Willy-Brandt-Haus besetzen und trotzdem was gegen Hundescheiße auf den Gehwegen haben. Ich würd’ sogar anders übers Scratching/Tagging denken, wenn da irgendeine politische Dimension hinterstecken würde. An eine Wand ”Freiheit für Christian Klar” zu schreiben is z.B: was ganz anderes als seinen [en:]tag niederzukritzeln.
Am 18. November 2008 um 18:51 Uhr
Von differenzierten Meinungen bin ich immer beeindruckt.
Allerdings ist es auch so, daß hohe Strafen für geringfügige Vergehen mich an Länder und Systeme erinnern, in denen ich lieber nicht leben möchte. Das ist für mich die ”politische Dimension” dahinter.
Am 18. November 2008 um 19:15 Uhr
Lieber Glöckner,
Du verzeihst hoffentlich, dass ich an dieser Stelle etwas ”fachfremde” Fragen an rhavin stelle.
Hallo rhavin. Erstmal möchte ich Dir für Deine zahlreichen Aktionen (gewollt oder ungewollt) Respekt zollen (sieht geschrieben wirklich komisch aus, mir fällt gerade keine bessere Formulierung ein. Außer vielleicht ”echt cool”). Die Beschreibung des Malzbiererlebnisses ist Dir trefflich gelungen! Wie ist die Geschichte juristisch denn ausgegangen? Inwiefern hast Du damit Bekanntheit quer durch Deutschland erfahren?
Neugierig,
Tante Mili
Am 18. November 2008 um 19:50 Uhr
Ich hatte die Story gleich am nächsten Tag aufgeschrieben, und bei Indymedia und meiner Homepage gepostet. Zwei tage später lief die Story im Heise-News-ticker(!) und ich bekam Kiloweise mails. Mein Server zeigt mir auch an, wer mich von wo verlinkt, ... das wurde aufeinmal in -zig Foren gleichzeitig diskutiert; viele posteten das, weil sie es selber gerade gelesen hatten, nochmal woanders.
Mein Skript, was die Webseiten formatiert, hatte damals einen kleinen Bug, der zehn Zeilen pro Aufruf im Log meines Providers (damals berlikom, glaub ich) hinterließ. Der rief mich an, weil meine Seite die Logs um ”Gigabytes” anschwellen ließen.
Wenn Du damals bei Google ”Malzbier” eingegeben hast, und ”auf gut Glück” gewählt hast, warst Du schon auf meiner Seite. Die Story gabs dann auch auf english (http://shadowtec.de/HVMalzbier/TX/en)
Das juristische Nachspiel? 2 Jahre lang wurde der Verhandlungstermin immer wieder verschoben. Von den damaligen Besetzern des Willy-Brand-Hauses haben sich nur zwei bei der SPD danach *nicht* entschuldigt und dafür 30 Tage Strafarbeit bekommen (hab ich in einem Cafè für Ex-Alkoholkranke geleistet). Als das Malzbier endlich verhandelt wurde, war der Richter der Meinung: ich sei nach seiner Meinung für das WB-Haus zu hart bestraft worden und daher wird dieser Fall nach [irgendein Paragraf] eingestellt.
Rechtsmittel ausgeschlossen, Anwältin mußte ich selber zahlen...
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[...] wieder gibt es einen neuen Beitrag zur Langen Nacht der kranken Hirne. Und wieder macht uns die BVG das Vergnügen. Die hat nämlich festgestellt, daß es in einigen ihrer [...]
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