Schrankenlos
9. Dezember 2008”Handystrahlung schwächt Gedächtnis,” steht heute auf der Wissenschaftsseite der Berliner Zeitung. Die Forscher vermuten, ”dass Handystrahlen die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger machen, die das Gehirn normalerweise vor vielen schädlichen Substanzen schützt.”
Das vermuten die wenigen Forscher, die sich ihre Forschung nicht von der Industrie bezahlen lassen, allerdings schon seit den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Es war nur den Journalisten offenbar entfallen.
”Wird die Handy-Generation verblöden?”, hatten sich ja besorgte Schweizer schon nach der Veröffentlichung einer anderen Studie der Universität Lund 2003 gefragt. Eine Frage, die sich inzwischen natürlich erledigt hat. Heute dürfte uns allenfalls noch interessieren, was wohl zuerst da war: das Huhn oder das Ei. Hat die fortschreitende Verblödung zu exzessivem Handy-Gebrauch geführt, oder der exzessive Handy-Gebrauch zu fortschreitender Verblödung? Die Handy-Generation wird es uns nicht mehr sagen können.
Nicht bekannt ist auch, ob Energiesparlampen ebenfalls die Blut-Hirn-Schranke der Beleuchteten mit den bekannten Konsequenzen durchlässiger gestalten. Das würde zumindest erklären, wieso in einem weiteren Artikel der heutigen Berliner Zeitung wieder einmal die Mär aufgetischt wird, bei der ”Glühbirne” verpufften 95 Prozent des Stroms als Wärme. Bei mir verpufft kein einziges Prozent. Meine Glühlampen unterstützen lediglich die arme Heizung bei dem Versuch, die Zimmertemperatur etwas erträglicher zu machen, und ich denke, das dürfte bei anderen Bewohnern eines vergleichbaren Breitengrads genauso sein.
Auf den Denkfehler (oder die Lüge?), der/die den Elogen auf die Energiesparlampe zugrunde liegt, hatte ich übrigens hier schon vor längerer Zeit aufmerksam gemacht. Ich bin aber gerne bereit, mich für die Handy-Generation noch etwa 5000 mal zu wiederholen.
Und da wir gerade bei der Zahl 5000 sind: ”5000 Arbeitsplätze werden geschaffen,” auf dem ehemaligen Gasag-Gelände in Schöneberg, und zwar ”CO2-neutral!”, schreibt BILD. ”Eine Energie-Universität und 5000 Arbeitsplätze ’im ersten CO2-neutralen Büroviertel Europas’” sollen entstehen, schreiben der Tagesspiegel und die Potsdamer Neuesten Nachrichten. ”Insgesamt sollen 5000 Arbeitsplätze entstehen,” meint der Berliner Kurier. ”5000 Arbeitsplätze”, das meint auch die Berliner Morgenpost. Die RBB-Abendschau sagt: ”Insgesamt sollen rund 5000 Arbeitsplätze geschaffen” werden, und zeigt dazu eine Computer-Animation aus der Werkstatt des Projektentwicklers. Und die Berliner Zeitung druckt Fotos von riesigen Glas- und Betonklötzen aus der Werkstatt des Projektentwicklers und schreibt dazu: ”Leicht und transparent sollen die Häuser wirken.”
Was sind das nun für 5000 Arbeitsplätze? Garantiert die wer? Wer prüft, ob sie entstehen? Wie kommt die Zahl zustande? Wo kommen diese Arbeitsplätze her?
Von diesen Fragen können wir - auch nach sorgfältiger Lektüre der genannten wertvollen Presseerzeugnisse - leider nur die letzte beantworten. Sie kommen aus einer Pressemitteilung des Immobilienentwicklers. Reine Phantasie also. Aber wenigstens abschreiben können die Damen und Herren Journalisten der Handy-Generation offenbar noch.
Am 10. Dezember 2008 um 13:51 Uhr
Ich muss mich wohl outen, wie man heute sagt, als ich mein erstes Autotelefon bekam, das war so um 1991, war in der Gebrauchsanleitung zu lesen: man solle das Telefon nicht zu dicht ans Ohr halten... und an Tankstellen solle man das Telefon ausschalten.
Am 10. Dezember 2008 um 16:47 Uhr
Lieber Glöckner,
nach der Lektüre des Artikels, auf den Du mit dem Hinweis, dass du bereit bist, ihn 5000 Mal zu wiederholen, verweist, schließe ich mich Deinem Misstrauen im Allgemeinen und einigen Arguementen im Speziellen gegenüber den Energiesparlampen an. Insbesondere dem Hinweis, dass es sich um kleine Elektronik-Geräte handelt, die vollgestopft sind mit mehr oder weniger seltenen und mehr oder weniger schweren Metallen (wobei man fairerweise darauf hinweisen sollte, dass es inzwischen auch quecksilberfreie Energiesparlampen gibt), die rund um den Globus geschippert werden müssen, was allerdings für die verschiedenen Metallbestandteile der herkömmlichen Glühbirne ebenfalls gilt.
Aber in einem Punkt möchte ich Dir widersprechen, nämlich dem der angeblich nicht nachteiligen Abwärme. Zwar ist es natürlich richtig, dass die durch den schlechten Lichtwirkungsgrad bedingte Abwärme nicht ungenutzt verschwindet, sondern die heimische Heizung entlastet, allerdings muss die Glühbirne für diesen Teil Wärme kostbaren Strom aufwenden, die Heizung hätte das mit Gas/Öl/Holz und hoffentlich nicht mit Strom (Nachtspeicherheizungen) getan. Dieser Strom wird aber mit mäßigem Wirkungsgrad im Kraftwerk aus Gas/Kohle/Atom erzeugt, sodass für den kleinen Teil Lampenwärme letztendlich MEHR CO2 freigesetzt wird, als hätte die Heizung sie direkt zur Verfügung gestellt.
Das wollte ich nur kurz anmerken. Weiterhin ist es eine Freude, Dein Blog zu lesen.
Viele Grüße,
Deine Tante Mili
Am 10. Dezember 2008 um 17:50 Uhr
Hallo Knut, willkommen im Club (der einsamen und/oder wütenden Herzen). Zum Thema ”Handy” muß ich noch eine Anmerkung machen: ich hacke hier natürlich immer auf die Handys ein. Viel schlimmer sind aber die schnurlosen DECT-Telefone in den Wohnungen. Die strahlen nämlich nicht nur, wenn telefoniert wird, sondern rund um die Uhr. Wenn Du jemanden mit so einem Ding als Nachbarn hast (und wer hat das nicht), kannst Du Dich gleich aufhängen. (Oder besser ihn.)
Siehe dazu z. B. auch: http://www.verbraucherzentrale.it/8v19685d1646.html
Ich hab’s übrigens selbst nachgemessen, wie die strahlen.
Und, ja, ich weiß, es gibt auch strahlungsarme Alternativen. Die Frage ist nur, wozu man so ein Ding überhaupt braucht. Die Leute sind zu faul, ihren fetten Arsch mal zum Telefon zu bewegen, wenn es klingelt, und rennen dafür alle paar Tage ins Fitness-Studio. Das alles ist einfach nur noch grotesk.
Liebe Tante Milli, kann sein, daß Du recht hast, vielleicht aber auch nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, daß überhaupt alle Faktoren von der Suche und dem Abbau der Rohstoffe über den Transport und die Fertigung bis zur Benutzung und Entsorgung der Lampen korrekt erfaßt werden können. Da aber die Wohnungsbeleuchtung nur einen sehr geringen Anteil am Energieverbrauch hat, dürfte der Unterschied auf jeden Fall gering sein.
Wovon ich aber vor allem nach wie vor überzeugt bin, ist, daß es bei der Zwangseinführung der Energiesparlampen gar nicht um Energie- und Umweltfragen geht. Die Energiesparlampen sind einfach eine neue Pestbeule am Konsumhimmel, die den konsummüden Bewohnern der Überflußgesellschaften auf’s Auge gedrückt werden muß.
Und so lange hier auch nur ein einziges Werbeplakat die ganze Nacht sinnlos angestrahlt wird, werde ich mir meine konventionellen Glühlampen notfalls per Flugzeug im Handgepäck aus Indonesien holen.
Am 11. Dezember 2008 um 15:34 Uhr
Gut, dann bestell ich mir auch schon mal 150 Stück à 60 Watt in klar bei Dir
Womit wir beide unsere CO2-Bilanz für die nächsten 500 Jahre versaut hätten, was weniger an den Glühbirnen als viel mehr an Deinem Flug nach Indonesien liegt.
Am 11. Dezember 2008 um 16:34 Uhr
”Womit wir beide unsere CO2-Bilanz für die nächsten 500 Jahre versaut hätten”
Dann paßt unsere CO2-Bilanz wenigstens zum Rest der Welt.
Eine andere Lösung für die Zeit nach dem Verbot der Glühlampe habe ich übrigens hier
http://www.lichtbiologie.de/page9/page9.html
gefunden: Kerzen.