3 x 0 - die große Vorher/Nachher-Show (oder: Rekapitulieren kommt vor dem Kapitulieren)
8. Februar 2009Neulich habe ich mal nachgesehen, wie es mit diesem Blog eigentlich anfing. Es begann am 25. März 2007 mit einem Artikel über die Zerstörung der Natur in Schöneberg. Das war der eigentliche Antrieb für das Unterfangen: Trauer und Wut darüber, wie die Politiker und ihre Erfüllungsgehilfen Stück für Stück all das vernichten, was diese Stadt so einzigartig macht und sie von anderen Großstädten (und erst recht natürlich von der Provinz) unterscheidet. Zum Beispiel die nicht ausgebeuteten Flächen, die sogenannten ”Brachen”, von denen Claude Lanzmann unlängst in einem Vortrag meinte, sie seien ”Erinnerungs-Lücken”, die es zu bewahren gelte.
Und was habe ich in diesen knapp zwei Jahren, die ich hier schreibe, nun erreicht? - Nichts. Ich finde, das ist ein respektables Ergebnis. Andere, wie z. B. die AG Gleisdreieck, haben 15 oder 20 Jahre gebraucht, um dasselbe zu erreichen, und wieder andere, wie die Initiative MediaSpree versenken! oder die Bürgerinitiative Gasometer, arbeiten noch daran.
Lassen wir noch einmal vor unserem geistigen Auge Revue passieren, was sich in letzter Zeit in städtebaulicher Hinsicht so bei uns auf einer Fläche von wenigen Quadratkilometern getan hat.
Da ist zunächst der ”Geschichtsparcours Papestraße”. Am 22. Januar wurde er eingeweiht. Es handelt sich dabei um eine Ansammlung von Blechschildern, die vor dem Maschendrahtzaun entlang der ICE-Strecke aufgestellt wurden, um eine Geschichtsträchtigkeit des Geländes zu postulieren, die in der Praxis nicht mehr spürbar ist. Das ist immer so. Erst zerstört man die Aura des Alten durch Abriß oder Kaputtsanierung, dann stellt man Schilder auf, die an das Zerstörte erinnern sollen, oder errichtet Kopien, die es wieder herbeilügen sollen (siehe Stadtschloß).
Erste Amtshandlung beim Bau des ”Geschichtsparcours” war die Zerstörung nahezu der gesamten Vegetation. Sie wurde durch in gleichmäßigen Abständen in einer Reihe gepflanzte Bäume ersetzt, unter denen - da verwette ich meinen Hut - sicherlich Zierrasen gesät wird. So wie ja Symmetrie als die ”Kunst des kleinen Mannes” gilt, sind ebenmäßige Baumreihen auf Zierrasen die Gartenbaukunst des kleinen Mannes.

Der ebenfalls von jeglicher umgebenden Vegetation befreite ”Schwerbelastungskörper” wurde ”saniert” - ein Vorgang von besonderer Symbolkraft, wie ich meine. Denn hätte man diesen massiven Betonblock einfach verwittern und verfallen lassen, dann hätte man dem Betrachter nicht nur das Erleben eines Prozesses von großem ästhetischen Reiz ermöglicht (denn Verfall - das sollte den Kleinbürgern da draußen an den Schreibtischen endlich mal jemand ins Stammbuch schreiben - gehört zum Leben dazu, und wer den Anblick von Verfall nicht ertragen kann, ist lebensfeindlich), sondern man hätte auch inhaltlich ein Zeichen gesetzt, das Zeichen nämlich, daß krankhafter Größenwahn, wie er in diesem Bauwerk zum Ausdruck kommt, keinen Bestand hat. Die - noch dazu stümperhaft ausgeführte - Restaurierung dagegen, nach der der Klotz mit seinen weiß verfüllten Rissen aussieht wie ein Schwerathlet mit Gipsbein, wirkt wie der Versuch, den Größenwahn der Nazis zu rehabilitieren bzw. in der Gegenwart fortzuschreiben.
Inzwischen ist neben dem Schwerbelastungskörper auch noch ein ”Aussichtsturm” aus Metall errichtet worden, der den Blick hinunter aufs Nichts ermöglicht. Mich erinnert er irgendwie an den Wachtturm eines KZs, nur daß es sich hier um ein Original handelt, welches das Deutschland des Jahres 2009 repräsentiert.

Auf der dem ”Geschichtsparcours” gegenüberliegenden Seite der Bahnlinie entsteht der ”Grünzug”. Er wurde schon in der Ära Ziemer (Die Grünen) von einem der Dank des guten Steuergelderdüngers pilzartig aus dem Boden schießenden Planungsbüros entworfen, die ihre Visionen am Laptop zusammenzuklicken pflegen und sie dann unter ”Ah”- und ”Oh”-Rufen der Politiker als Powerpoint-Präsentationen an irgendwelche Rathauswände werfen. Dieses Projekt kann man seit längerem beim Stagnieren beobachten. Das fertiggestellte südliche Ende gibt jedoch einen Vorgeschmack darauf, was wir zu erwarten haben: in gleichmäßigem Abstand gepflanzte Bäume mit Zierrasen darunter.
Vorher:

Nachher:

Wenige Meter weiter wird an der ”Neuen Naumannstraße” gewerkelt. Erste sichtbare Ergebnisse sind ein plattgewalztes und umgepflügtes Biotop ...

(vorher)

(nachher)
... und ein Neubau der Havelland-Schule, die ja jetzt die Schüler der Schwielowseeschule zum Teil mit aufnehmen muß. Gebaut wird hier nach den Plänen von augustinundfrankarchitekten, einem Büro, das vor Kreativität schier zerplatzt, wiedernameschonandeutet.

Auch hier standen mal Bäume
Etwas weiter westlich, im Cherusker-Park, retten der Immobilien”entwickler” Reinhard Müller und der Bezirk Tempelhof-Schöneberg gerade mit vereinten Kräften die Umwelt durch den Bau jener Privat-Universität, ohne die die Menschheit es natürlich nie in den ”weichen Faktor” Birne kriegen würde, daß ein ”Umsteuern” nötig ist. Sie tun dies unter Zuhilfenahme von Planierraupen und Baggern. Auch der Cherusker-Park war allerdings schon früher unter Federführung der Grünen im Sinne einer familienfreundlichen Nutzwertsteigerung für die Kinder vom Bahnhof Südkreuz ”zivilisiert” worden. Das Ergebnis auch damals: Baumreihen und Zierrasen.

Umsteuern in action: alles für die Umwelt
Die größte Katastrophe der letzten Jahre ist aber die Zerstörung des Gleisdreiecks. Sie ist ein Verbrechen an der Natur, das berlinweit seinesgleichen sucht. Die Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck hat den Verlauf des Trauerspiels dokumentiert. Die Ergebnisse jahrelangen bürgerschaftlichen Engagements hat ein entsetzter Anwohner in diesen Panoramafotos festgehalten. Sie bedürfen keines weiteren Kommentars. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und ihre scheinbar auf die Beseitigung von Grün spezialisierte Grün Berlin GmbH werfen der AG Gleisdreieck nun vor, Sachverhalte ”unrichtig”, ”polemisch” und ”verfälschend” darzustellen, und verweigern die Herausgabe weiterer Informationen über beabsichtigte Fällungen. Der Vorwurf von Senatsverwaltung und Grün Berlin ist einfach grotesk angesichts der Tatsache, daß deren verheerende Arbeitsergebnisse am Gleisdreieck für jedermann ersichtlich sind. Vielleicht sollte den Bürgern in Zukunft behördlicherseits das Tragen von Augenklappen auferlegt werden.

Der Silberstreif am Horizont täuscht.
Die riesige Freifläche des ehemaligen Flughafens Tempelhof könnte einen Ausgleich für den Gleisdreieck-Frevel schaffen, wenn man sie denn ließe. Aber die ersten Entwurfszeichnungen des Senats für diese Fläche zeigten außer Behausungen für gehobenes Vegetieren nur Baumreihen mit Zierrasen, und das einzige bereits konkret Geplante ist ein neuer, zusätzlicher Zaun, der wahrscheinlich verhindern soll, daß jemand den Machern der Modemesse Bread and Butter die Butter vom Brot klaut.
Wer ist verantwortlich für den ganzen Schlamassel?
Nun, zunächst jene Senatorin, die den Gedanken des ”law and order” unter Vermeidung jeglichen Ideenreichtums in Botanik umzusetzen weiß. Dann die Pendants dieser Dame in den Bezirken, und als dritte Nummer in dieser Show natürlich die Wähler, die diese Politiker immer wieder aufs Neue wählen. Sie alle bedienen sich Erfüllungsgehilfen wie der Grün Berlin GmbH, die das zerstörerische Wollen mit Brachialgewalt umsetzen.
Und was sind die Motive der Herrschaften und ihre Beweggründe?

Nun, einmal das Geld, das in Form von Fördermitteln, also Steuergeldern, zum Beispiel aus dem Stadtumbau West, ”abgegriffen”, also verplempert werden muß (ein schönes Beispiel für diese Mentalität aus dem Nachbarbezirk Kreuzberg findet sich in dieser Argumentation des SPD-Politikers Volker Härtig). Dann das Geld, das von sogenannten ”Investoren” zwecks Durchsetzung ihrer Profitinteressen in die vor Vorfreude zitternde Hand genommen wird, und drittens die Mentalität der Spießer, die Sterilität mit Schönheit verwechseln und Übersichtlichkeit mit Eleganz, die glauben, Übersichtlichkeit schaffe Sicherheit, und die Angst haben vor allem, was wächst, ohne sie um Erlaubnis gefragt zu haben, und Wut auf alles, was vergeht, ohne von ihnen selbst zerstört worden zu sein.
Die Vernichtung der Natur, wie sie hier an wenigen Beispielen beschrieben wurde, geschieht täglich und überall. Brandaktuell z. B. an diesem ganz normalen Spielplatz:

Hier war vor ein paar Jahren noch undurchdringliche Wildnis
Der Mörder ist immer der Gärtner. Bei mir bekommt er allerdings mildernde Umstände, denn jemand, der die Natur so haßt, daß er sie überall zerstören muß, kann eigentlich nur krank sein.
Und übrigens, was da so aufgeregt umherflattert, das sind die Vögel, die die Sträucher vom Vorjahr suchen, in denen sie auch dieses Jahr zu schlafen und zu brüten gedachten, und was da nachts zwischen geparkten Autos herumschleicht und einen mit verstörtem Blick anguckt, das sind die Füchse, die vom Gleisdreieck vertrieben wurden. Nur für den Fall, daß Sie, lieber Politiker, oder Sie, lieber Landschaftsplaner, das aus ihrem Dienst- bzw. Firmenwagen heraus nicht so genau erkennen können.
Am 9. Februar 2009 um 02:59 Uhr
In der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz verlies Gustav übrigens die Bühne und nahm neben ihrem Publikum Platz, während sie folgendes Lied zu Gehör brachte:
Ich bekenne mich schuldig,
die welt tut mir weh.
Drum zieh ich die schlüsse
wenn ich schlüssel seh
Wenn innen wie aussen
so blind sind wie wir
Dann hilft nur das warten
das trinken von bier.
Ja auch ich unterschreibe
nun die petition
ich bin für mehr logik
für mehr konzentration.
Rebelliere im stillen
diskutiere banal
wenn man vieles verliert
ist dir vieles egal
ich habe beschlossen
ich gehe konform
ich stelle mich richtig
und entspreche der norm
ich wollte viel ändern
und die jahre sie vergehn
und ich hab nichts bewirkt
und es blieb alles stehn
drum zieh ich die schlüsse
wenn ich schlüssel seh
ich wähl den weg des geringsten
denn der andere tut so weh
so weh so weh
drum singet ihr vögel
tschiep tschipe tscharip
drum singet ihr vögel
denn ich sing jetzt mit
tschip tschip tscharip
(tschip tschip tscharip)
Am 9. Februar 2009 um 07:43 Uhr
die konzentrierte Zusammenstellung von Zerstörung durch Gestaltung ist gelungen. Beim Gleisdreieck empfinde ich es als besonders bedrückend wie ein über Jahrzehnte mitten in einer Stadt gewachsenes Biotop in kürzester Zeit zerstört wird. Mit guten Absichten und viel Planung...aber am Ende steht eine übersichtliche Grünfläche nach Norm. Friedhofsarchitektur.
Am 9. Februar 2009 um 08:14 Uhr
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Am 9. Februar 2009 um 18:11 Uhr
Da hast Du die richtigen Worte gefunden. Ich guck’ schon garnicht mehr hin, wenn ich z. B. durch die Yorckstraße am Gleisdreieck vorbeifahre. Da krieg’ ich schon ’ne echte Wut, wenn ich sehe, wie die sich dort ausgetobt haben. Und ein Ende der Abholzaktionen ist auch noch nicht abzusehen, was ich über einen Newsletter erfahren habe. 13 Millionen Euro (so heißt es) werden für diesen Mist ausgegeben. Ich frage mich: Wofür eigentlich? Das müssen ja riesige Personalkosten, Honorare und Abräumkosten sein, die aus diesem Topf bezahlt werden. Denn dort ein paar Büsche und Bäumchen hinzustellen und Rasen anzusäen, das wird bestimmt nicht die Welt kosten. Teuer wird es aber noch werden, die neue innerstädtische Gruselfläche Gleisdreieck als Non-plus-ultra moderner Garten- und Landschaftsarchitektur zu verkaufen. Da werden bestimmt schon einige Leute d’ran arbeiten.
Dabei ist das Gleisdreieck doch heute schon ein gutes Beispiel dafür, wie effektiv, phantasielos und ignorant eine Verwaltung auch arbeiten kann - wenn man sie lässt.
Und was das Protokoll dieser Grün Berlin zu den angeblichen Verfälschungen angeht: Der Mann, der das schrieb, scheint bestens dafür prädestiniert zu sein, genau das auszuführen, was ihm in’s Ohr geblasen wird. Ohne Rückendeckung macht der nichts.
Am 9. Februar 2009 um 22:13 Uhr
Nanu, wo ist denn unsere werte Senatorin, die wie eine ”evangelische Landpfarrerin” anmutet, geblieben!? Ist Ingeborg Junge-Reyer unter die Planierraupe geraten, zerhäckselt, püriert und als ”weicher Faktor” am Schwerbelastungskörper verfugt?
Ist sie gar als Zierrasendünger geendet? Oder wurde sie auf eine der abgebildeten Kabelrollen gewickelt, die Gleise entlanggerollt, im zugigen Gleisdreieck als Vogelscheuche zwischengenutzt, geteert und gefedert im Sony Center ausgestellt, die Leipziger Straße weitergeschleift, auf dem Schlossplatz nach historischem Vorbild gesteinigt und unter ”Ah”- und ”Oh”-Rufen in der Media-Spree versenkt, dann aber doch - aus ökologischen Gründen - geborgen und zur vollständigen Verwesung an eine der neuen, postmodernen Straßenlaternen am Alexanderplatz geknüpft? ... Man weiß es nicht.
Am 9. Februar 2009 um 23:11 Uhr
Na, na, da hat die Ostprinzessin aber Phantasien, die ich ihr garnicht zugetraut hätte! Böse. Böse.
Am 9. Februar 2009 um 23:32 Uhr
Sie ist eben eine OSTprinzessin. Du weißt doch - OSTler, das sind die, die immer ihre Kinder unter die Blumenerde mischen und dann in Blumentöpfe füllen.
Am 12. Februar 2009 um 22:40 Uhr
Dieser text beschreibt anhand einiger beispiele sehr gut, was mich in Berlin stört. In einem punkt muß ich allerdings widersprechen: der mörder ist nicht immer der gärtner, sondern auch mal der arbeitslose vermessungsingenieur, elektrotechniker, betonfacharbeiter (etc.).
Diese leute werden im rahmen sogenannter »fördermaßnahmen« in die grünanlagen gescheucht. Aber nicht, damit sie sich dort an der frischen luft klar werden, daß es ein glück ist, der mühsal entronnen zu sein, sich am vogelgesang erfreuen oder bier zu trinken. Sie sollen dort ihrem lärmend tagewerk nachgehen und aufräumen.
Es paßt nicht zur ideologie, mensch und natur ihrem schlendrian nachgehen zu lassen, beide müssen bezwungen werden, anders läßt sich aus ihnen kein kapital schlagen.
Am 5. März 2009 um 02:31 Uhr
Sehr gute zynische Zusammenfassung der entsetzlichen Anti-Natur-Politik in dieser Stadt. Übrigens egal von welcher Partei. - Auf den Bezirkseben sehen wir, dass letztlich alle dieselbe Politik machen.In Deutschland insgesamt ist es derselbe Müll. Siehe deutschlandweites Netzwerk
http://www.buerger-fuer-baeume.com/default.aspx
Man könnte den Eindruck gewinnen, Berlin/Deutschland sollte so schnell wie möglich Baumfrei und Grünflächenfrei gemacht werden. Ein Alptraum. Aber trotzdem müssen wir weiter kämpfen, weil die PolitikerInnen unser Lebensumfeld kaputt machen. Im Superwahljahr 2009 müssen wir die Profilierungssucht der Regierenden zu nutzen versuchen. Ich kann von unserem Einsatz für die Bäume am Landwehrkanal (www.baeume-am-landwehrkanal.de) in einem Mediationsverfahren, das eine reine Farce ist, auch nur sagen: Wir sind auf lange Sicht dabei, mit jahrelangem Einsatz am Ende tasächlich n i c h t s zu errreichen. Wie können wir bloß das Grün in dieser Stadt retten? Die bisherigen Wege funktionierten nur selten, wenn ich mich umsehe. (Die Bäume am ehemaligen Luisenstädtischen Kanal konnten wir als BI retten, das ist eine Ausnahme. Bis jetzt.)