BerLin .. GeiL

15. Juli 2007

Im Mai 2007 sind knapp 715 000 Hotelgäste nach Berlin gekommen, meldet die Berlin Tourismus Marketing GmbH. Das ist ungefähr so, als wäre die gesamte Einwohnerschaft von Remscheid, Herne, Zwickau, Bonn und Donauwörth in diesem einen Monat nach Berlin gereist. Oder die gesamte Einwohnerschaft von Dortmund zuzüglich der Hälfte aller Einwohner von Bolton (Lancashire). (Auch die andere Hälfte wird sich sicher gerne an dieses denkwürdige Ereignis erinnern.)

Was machen nun all diese Touristen in Berlin? Viele Berliner sagen: “Sie stehen im Weg herum.” Aber das ist natürlich nicht alles. Wir wollten es genauer wissen.

Abends gegen 22 Uhr im nördlichen Abschnitt der Friedrichstraße. In unendlicher Folge halten in zweiter Reihe die Busse, blockieren die Straßenbahngleise und spucken ihre Ladung aus. Die Ladung besteht aus jeweils ca. 40 Damen oder Herren ab 50, Bewohnern der umliegenden Hotels der gehobenen Preisklasse. Im Rudel schlendern sie die Friedrichstraße hinunter und unterhalten sich dabei in fremden Sprachen wie Spanisch oder Bayrisch über ihren letzten Städteurlaub in Kapstadt. Ab und zu wirft jemand einen kurzen Blick nach rechts oder links in die Auslagen der Geschäfte.

Szenenwechsel. In der Großbeerenstraße wankt ein Jugendlicher in die Mitte der Straße, knöpft seinen Hosenstall auf und uriniert. Drei oder vier weitere Jugendliche verfolgen das Schauspiel gröhlend vom Straßenrand aus. Das sind die - oft englischsprachigen - Gäste der nahe gelegenen Meininger-Jugendhotels. Manchmal kippen auch Jugendliche einfach mal neben irgendeinem Strauch um und schlafen ihren Rausch aus. Diese sind den Anwohnern noch die Liebsten.

Und was machen die Touristen, auf die diese Stadt so stolz ist, tagsüber? Dazu befragen wir am besten jemanden, der es wissen muß, nämlich die Touristen selbst. Das Internet als Informationsbörse erspart uns glücklicherweise den persönlichen Kontakt.

Sabine (16) - alias Fucking Pain - aus Rheinland-Pfalz berichtet in ihrem Blog von ihrer Klassenfahrt nach Berlin. Aus diesem interessant geschriebenen Artikel möchte ich - auch auf die Gefahr hin, demnächst in ihrer “Hate”-Liste als Spaßbremse zu erscheinen - gern zum Zwecke der Erkenntnisgewinnung ein wenig zitieren. (Die “Urlaubsfotos”, die ich zur Illustration verwende, sind allerdings meine eigenen.)

“Boah, AbschLussfahrt 07 BerLin .. GeiL xD”, beginnt Fucking Pain ihren Bericht über die Fahrt, und obwohl diese “hammer anstrengend” war und die Autorin seitdem noch “totaL verpeiLt” ist, war sie doch “auch ziemLich GeniaL ;D”, die Reise. “BerLin ist jedenfalls totaL toll ! <3"

Montag
Der ICE von Köln hatte natürlich Verspätung (“War ja maL wieder kLar ey .__.”), aber nach 6 - 7 Stunden Herumsitzen im Zug (“War voll heftig ey”) kam die Gruppe dann doch noch in “BerLin Hauptbahnhof !” an. “-grins & freu- Yeah <3" auf Seiten der Besucher.

Im Jugendhotel in Schöneberg - ich nehme mal an, daß Fucking Pain mit der S-Bahn und nicht, wie sie schreibt, mit der Straßenbahn dahin gefahren ist, denn die Straßenbahn fährt schon lange nicht mehr nach Schöneberg - gab es dann erstmal “voll Stress wegen der ZimmeraufteiLung”, dessen ausführliche Darstellung ich hier überspringen möchte. Jedenfalls konnten die Probleme letztendlich wohl doch noch zur Zufriedenheit aller gelöst werden (“-ganz dolle freu- <3").

Sony-CenterUnd nun die erste Preisfrage: wohin gehen Berlin-Besucher als erstes, wenn sie frisch in Berlin angekommen sind? - Zum Sony-Center. “Das Sony-Center war totaL CooL : D Wir haben dort auch direkt maL was getrunken & so. Voll GeniaL <3". (Anmerkung Glöckner: daß man im Sony-Center etwas trinken kann, ohne daß einem dort allein schon wegen der Aussicht schlecht wird, war mir neu.)

Dienstag
Vormittags: Stadtrundfahrt, von der es offenbar nichts Besonderes zu berichten gibt. Dann: “ein
bisschen Freizeit, die Anna, Lisa & ich dazu genutzt haben, um ins Arcaden Center zu fahren & uns dort ein bisschen umzuschauen.”

“Nachdem wir ein bissL shoppen waren, sind wir dann ins Checkpoint CharLie Museum gefahren. Das war allerdings ziemLich langweiLig für uns alle.. Irgendwie hat es keinen interessiert & wir sind bLoß lustlos darin rumgeLaufen & waren froh, aLs wir wieder draußen waren .__.” Mit diesem Urteil beweist Fucking Pain allerdings mehr Verstand als der Lehrer, der sie dorthin geführt hat, denn das private Propagandamuseum von Alexandra Hildebrand ist schon ein seltsamer Höhepunkt des zweiten Besuchstages.
Am Abend wieder Freizeit: “Die ganze Klasse hat sich abgesprochen & wir sind alle zusammen in so ne Bar gefahren, ein bisschen was trinken ;D -grins- Das ‘Play-Off’ in BerLin ist echt der Hammer xD War totaL witzig dort & am Ende waren alle gut drauf, wenn ihr versteht was ich meine! -lach- :D”

Mittwoch
Am Mittwoch steht das Programm tagsüber wieder ganz im Zeichen konservativer “Wertevermittlung”. Die Schüler müssen sich einen Vortrag im Kriegsministerium Verteidigungsministerium anhören (“ganz interessant”). Von dort geht’s auf direktem Weg zu den “Überresten der BerLiner Mauer (“ziemLich eindrucksvoll”). Das Nachmittagsprogramm wird etwas eloquenter beschrieben, denn da war Fucking Pain “dann sogar im KaDeWe [Kaufhaus des Westens - größtes Kaufhaus Europas!] Und ich kann euch sagen: Es ist wirkLich riesig! o.o Naya, nur leider auch extrem teuer.. -seufz- Aber schon CooL, das maL gesehen zu haben! <3".
Am Abend waren alle sehr müde, aber das hat sie “nicht davon abgebracht, alle zusammen Abends noch ins CineMaxX (Kino) zu fahren! :D” Berlin quillt über vor unvergleichlichen Kinos mit hervorragendem Programm - Lichtblick, Sputnik, Babylon, Cinema, Delphi, Eiszeit, Filmrauschpalast, Regenbogen, Xenon, Odeon und wie sie alle heißen - aber Fucking Pain und ihre Klassenkameraden gehen ins CinemaxX! Und was sehen sie sich da an? Einen Hollywood-Film, wie er in jeder Provinzstadt auch läuft!
Anschließend im Hotel wie jeden Abend “noch Süßigkeiten gefressen & geLabert usw. xD Voll GeiL <3"

Donnerstag
Telekom WinterfeldtstraßeLetzter Tag und damit Zeit für einen weiteren Höhepunkt: das Stasi-Gefängnis. Anders als beim Checkpoint-Charlie-Museum, hat es diesmal offenbar geklappt: “Das ganze.. man kann es nicht in Worte fassen, wie grausam & krank das damaLs war. Und so etwas sollte jeder wissen, damit es nie wieder vorkommt. Echt teiLweise extrem heftig..” (Anmerkung: das Foto links zeigt allerdings nicht das Stasi-Gefängnis, sondern den Blick aus einem Schöneberger Hinterhof auf ein Gebäude der Telekom.)
Anschließend gab’s einen “Fototermin vorm Reichstag, dann ein “Gespräch mit Sabine Bätzing [Drogenbeauftragte der Bundesregierung]“, und schließlich nehmen die Schüler sogar an einer Plenarsitzung teil!
Nun ist ja manches, was in der Politik heutzutage so passiert, grausam & krank und echt teilweise extrem heftig, aber das war bei dieser Sitzung Gott sei Dank nicht der Fall. So war dieser Besuch “TotaL GeniaL irgendwie <3" und “sehr CooL & so !”
Natürlich durfte auch die Kuppel nicht fehlen (“Wahnsinn, wie groß dort alles ist… bLoß am Anfang die Sicherheitskontrollen sind voll nervig. [...] Aber das muss eben sein.”
“Tjoa & dann war’s schon ziemLich spät & wir sind noch alle zusammen in so ne Disco gegangen. Das war aber eher bLöd weiL das extra so ne Disco für SchüLer war, die eben für ne Klassenfahrt oder so nach BerLin kamen. Und genauso gammeLig wie es sich schon anhört, war es leider auch -.- Aber was soll’s - die Nacht war dank ein paar Klassenkameraden, noch lange nicht vorbei. Wir haben uns nämLich alle gedacht: ‘Der letzte Abend in BerLin soll so gammLig enden ?! - Das geht nicht!’ Und dann hat sich die haLbe Klasse auf nem Zimmer von den MädeLs getroffen, wir haben heimLich in so nem 24 h Laden Absinth, Wodka, Bier usw. gekauft - und haben eine heimLiche Mini-Party aufm Zimmer veranstaLtet xD War echt hammer GeniaL <3 So ist der letzte Abend auf unserer AbschLussfahrt noch lustig geworden! -grins- Sehr lustig sogar.. -an Sarah denk- xD".
“Wir haben in der letzten Nacht alle nicht geschLafen und waren am Ende wirkLich totaL am Arsch xD”. Am nächsten Morgen hatte der “Scheiß Zug” natürlich Verspätung, und der Anschlußzug “stand dann über eine Stunde rum, weiL irgendein Opa da zusammengekLappt ist & die nen Krankenwagen rufen mussten -.-“. Daß diese alten Säcke auch immer dann umkippen müssen, wenn man es am wenigsten brauchen kann… “Man war das Scheiße ey.. [...] Allgemein war die Abschlussfahrt aber wirkLich ganz CooL & ich bin froh das wir nach BerLin gefahren sind =)”.

Glaswerk StralauDamit endet der Bericht von Fucking Pain, die nun Berlin kennt wie ihre Westentasche. Wir möchten noch ergänzen, daß sich der Deutschlehrer der Klasse auf der Rückfahrt in der Zugtoilette erhängte und sich der Kunstlehrer im Speisewagen mit einer Scherbe seines Weinglases, das er zuvor in der Hand zerdrückt hatte, die Pulsadern aufschnitt. Nur der Geschichtslehrer lachte sich ins Fäustchen, denn sein Konzept war aufgegangen: Berlin als die Story vom Sieg des glorreichen Kapitalismus über die kommunistische Diktatur darzustellen. Wenn ich einen solchen Lehrer gehabt hätte, hätte ich mich auf Klassenfahrten wahrscheinlich auch nur besoffen.

Was Berlin anbelangt, so nahm die Zahl der Touristen, die die Stadt besuchten, im Laufe der Jahre immer mehr zu. 2017 waren etwa 50 % der Besucher über 70 und 48 % jünger als 10. 2024 war Berlin dann fast ganz verschwunden, und die Touristen beobachteten sich nur noch gegenseitig. Als auch das langweilig geworden war, blieben sie weg. Dann wuchs Gras über die Stadt, und Berlin wurde wieder so wie es mal war.

2 Kommentare zu “BerLin .. GeiL”

  1. tobi

    alles nachvollziehbar,
    aber was erwartest du? hast du das mit 16 anders gemacht?
    in london, paris, rom oder wo auch immer man auf klassenfahrt war?
    bei aller wertschätzung für deinen artikel: in dieser stadt gibts schlimmeres als saufende und desinteressierte schüler, die hier ihre aufschlussfahrt verbringen.

  2. Ostprinzessin

    Man sollte immer viel erwarten.

    Ich denke, dass Klassenfahrten durchaus Schlüsselerlebnisse sind. Und es ist ja wirklich bemerkenswert, mit wieviel ideologischem Elan manche Lehrkraft ein solches Erlebnis zu gestalten versucht. Aber - und das sei hier auch bemerkt: Ich würde es wohl genauso versuchen.

    Als ich vor 8 Jahren erstmals von einer West-Ost-Sternschnuppe nach Berlin getragen wurde - das war lang vor meinem Amtsantritt als Ostprinzessin - da durften wir dank Günter (unserem Wirtschaftslehrer) eine ganz andere Perspektive als die von Fucking-Pain-Sabine einnehmen: Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland, gar die strukturelle - das war unser Thema im Leistungskurs Wirtschaft. Das führte zu einem erklärenden Termin im Arbeitsamt und zu einem Ausflug nach Adlershof, wo gerade die Planungen für “das größte Entwicklungszentrum Europas” das realistische Maß überstiegen und der gezeigte Investoren-Propagandafilm auch beim geneigtesten Kapitalisten unter uns einem schalen Nachgeschmack hinterließ.

    Aber eigentlich begann es anders: Am Bahnhof Friedrichstraße angekommen, mit den Koffern draußen stehend, lief uns zunächst ein junger, berlinernder Punk mit Hund über den Weg. Von irgendwo in der Nähe wehten ein paar bunte Federboas. Die Love Parade stand bevor, aber das wusste ich gar nicht. Unsere Unterkunft übrigens lag in Wannsee, im Gästehaus der Friedrich-Ebert-Stiftung, wo Leute arbeiteten, die das Ende der traditionellen Arbeitsgesellschaft genauso herbeisehnten wie auch ich damals schon. Der Fußweg zum Gästehaus führte durch ein exklusives Villenviertel. Zu den geplanten Ausflügen zählten ein Abend in der Vagantenbühne, wo Shakespeares gesammelte Werke in 90 Minuten zur Aufführung kamen, und ein Abend im Renaissance-Theater bescherrte uns einen einprägsam verwirrenden Eindruck von zwischengeschlechtlicher, britischer Schauspielkunst. Günter bestand außerdem darauf, uns sein Lieblingslokal in der Oranienburger Straße zu zeigen, von wo aus wir staunend den Prostituierten zusahen - und dass das Niemanden zu kümmern schien.

    Es gab viel freie Zeit und keine Kontrollen. So konnte ich mutterseelenallein Ausflüge in die “berühmte” Motzstraße machen, um schwule Luft zu schnuppern, und abenteuerliche Begehungen von wundervoll schäbigen Häusern in der Spandauer Vorstadt erleben. Der Gruppenausflug ins nagelneue IMAX-Kino am Potsdamer Platz wurde zwar weniger erfüllend, aber bildete doch einen geeigneten Kontrast.

    Im Nachhinein muss ich nun vor Glück wirklich weinen. Das versteht ihr, oder?

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