Mit Reinhard Müller in eine rostige Zukunft

2. April 2009

Vorgestern zeigte die RBB-Werbesendung namens ”Abendschau” neben einem Spot über das ”Nivea-Haus” der Beiersdorf AG auch einen Video-Clip über ein neues Produkt der Erlebnis Sightseeing GmbH, 83112 Frasdorf, welches diese zusammen mit dem EUREF-Institut anbietet. Für umgerechnet 29,95 EUR können ”Berlinerinnen und Berliner, Berlin-Kenner, Besucher, Touristen” und ”liebe Gäste” ”Zeuge der Entstehung eines CO2-neutralen Büroviertels” werden, indem sie die 456 Stufen eines erkennbar rostigen Industriedenkmals hinaufsteigen, an dem CO2-neutrale Großflächenleuchtreklame hängt, und dann von oben auf die CO2-neutralen Baumaschinen hinunterblicken. Auch in anderen Medien wurde die Werbung geschaltet.

Wie Neues vom Glöckner exclusiv erfuhr, erklärt sich der Preis des Produkts dadurch, daß die Besteigung von Reinhold Messner geführt und von den Berliner Philharmonikern begleitet wird. Außerdem erwarte die Teilnehmer auf dem obersten Gasometerring ein warmes Buffet aus der Hand von Paul Bocuse, welcher mit einem eigens für diesen Anlaß entwickelten CO2-neutralen Hubschrauber eingeflogen werde. Umweltminister Gabriel wird die Laudatio auf die sonnengebräunten Poulardenbrüstchen mit kandierten Trüffeln an leichter Mousse von zweierlei Kaviar halten.

Man gehe davon aus, daß mindestens drei ver(w)irrte Alpinisten das Angebot der Erlebnis Sightseeing GmbH mit Sitz in Bayern und geschäftsführender Gesellschafterin (Nadine Zache) aus Potsdam, deren einziges Produkt die Gasometerbesteigung im übrigen zu sein scheint, wahrnehmen werden. Der Erlös der Aktion werde in die Sanierung des Gasometers fließen, welche spätestens in zehn Jahren beginnen soll, sofern nichts dazwischenkommt.

Am Platz der Luftbrücke wird derweil auf einem Werbeplakat der Firma Ströer für Werbung am Gasometer geworben. Sollte es trotz dieses Krampfs nicht gelingen, Werbekunden für den Gasometer-Nightscreen zu interessieren, und sollten auch die Einnahmen aus dem Climbing hinter den Erwartungen zurückbleiben, bliebe als letzte Option angesichts der Tatsache, daß sich die Pläne für eine weitere Lobby-Universität ohne Bedarf und ein weiteres Hotel ohne Bedarf durch die Wirtschaftskrise inzwischen zerschlagen haben, immer noch, den Gasometer einfach verfallen zu lassen. Hierbei orientiere man sich an der Lösung, die die Deutsche Bahn AG für die Yorckbrücken gefunden habe. Dort habe die DB AG exemplarisch deutlich gemacht, wie eine kreative Auslegung des Grundgesetzartikels vom Eigentum, welches verpflichte, heute schon aussehen kann, erklärte Denkmalschützer Reinhard Müller ausgewählten Journalisten. Und beim Gasometer sei man zudem in der glücklichen Lage, die Schuld am weiteren Verfall des Denkmals später den Verhinderern von der Bürgerinitiative in die Schuhe schieben zu können.


Die Yorckbrücken als Vorbild

Kommentare

  1. ABRISSBERLIN » Blog Archiv » Wer will guten Kuchen backen

    [...] und: Ein Motiv. [...]

  2. Neues vom Glöckner » Blog Archiv » Wirklich gut gelungen…

    [...] vom Glöckner « Mit Reinhard Müller in eine rostige Zukunft [...]

  3. Neues vom Glöckner » Blog Archiv » Brille auch includiert?

    [...] GmbH in den auf willfährige Vervielfältigung von Pressemitteilungen spezialisierten Medien (wir berichteten) traf bei der Zielgruppe, den klassischen Konsumenten hirnschonender Zerstreuungsprodukte, auf [...]

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