”Du bist ein Schandfleck”, sagte die Augenweide

21. April 2009

Die nicht zu langen Haare malerisch verwuschelt, aber nicht zu sehr, die leicht gebräunte Haut so makellos wie die Krawatte und sicherlich die Seele, das charmante, manchmal fast spitzbübische Jungenlächeln - so sieht er aus, der Traum von einem Schwiegersohn, wie ihn wohl jede bessere Frohnauer Hausfrau und jeder Zehlendorfer Banker träumt.

Und die richtige Einstellung transportiert er zudem auch noch: einen gesunden Abscheu gegenüber allem Häßlichen und Bösen, das er allabendlich aufspürt in Berlin und geißelt in einer Sendung namens Abendschau eines öffentlich-rechtlichen Senders namens RBB, welcher klar erkannt hat, daß es in Zeiten des globalen Wettbewerbs nicht reicht, nur nüchtern Fakten zu referieren, sondern daß gerade ein spießbürgerliches, von der Bildzeitung verwöhntes Publikum wie das hier angepeilte ein Recht darauf hat, auch vor dem Fernseher emotional entflammt zu werden, damit es spürt, daß in ihm noch etwas lebt.

Gestern nun hat Sascha Hingst, denn um niemand Geringeren handelt es sich hier, seinen spitzen Finger pflichtschuldigst und mit gewohnter Emphase in die Wunde des Urbanhafens gelegt, wo das Theaterschiff TAU - ein ”SCHANDFLECK!” - seit neun Jahren ”vor sich hin rottet” und damit Kreuzberger Spaziergängern wie auch den Patienten des nahen Urban-Krankenhauses mit seinem schieren Anblick unsägliche Schmerzen zufügt.

Das Theaterschiff TAU ist quasi das Wahrzeichen des Urbanhafens. Über seine Geschichte kann man in der Kreuzberger Chronik einiges nachlesen. Außerdem straft es all diejenigen Lügen, die immer behaupten, die Kritiker des Stadtumbaus zum Wohle von Investoren und Profiteuren seien generell Feinde des natürlichen Wandels. Denn das Theaterschiff verkörpert den Wandel selbst. Gestern noch mit Fenstern, heute schon ohne, und immer wieder neu gewandet - jedes Mal, wann man nach einiger Zeit wieder an dem Schiff vorbeikommt, sieht es ein klein wenig anders aus. Ein faszinierender Organismus, dessen Entwicklung weiter zu verfolgen natürlich unterbunden werden muß, denn sie ist nicht gesteuert und bringt niemandem Geld.

Deshalb soll es dem Theaterschiff jetzt auch an den Kragen gehen, wie die Abendschau und auch der marode Tagesspiegel unisono über den ”mit Graffiti beschmierten, fensterlosen Schandfleck” berichteten. Die Abendschau hat noch zwei Dreizehnjährige aufgetrieben, die vor der Kamera von ”ihrem” Schiffswrack schwärmen, aber die hatten die Sendung wahrscheinlich noch nie gesehen und konnten deshalb nicht ahnen, daß sie nur als abschreckende Beispiele vorgeführt werden sollten.

Wie eine saubere Alternative zu dem ”Schandfleck” aussieht, eine, die vor dem nach Ästhetik lechzenden, hochgeistigen Auge von Tagesspiegel, Abendschau und Durchschnittsspießer sicherlich bestehen kann, zeigt das neben dem Theaterschiff im Urbanhafen ankernde Boot der Reederei Riedel: wie ein schwimmender Hochsicherheitstrakt.

Kommentare

  1. Lapidarium42

    also ich finde beide Exemplare gleich scheußlich, jedes auf seine Art.
    Nun muß ich nur noch meine Spießergruppe finden.

  2. FF

    kann mir jemand verraten wem dieses
    Theaterschiff gehört oder wer dafür verantwortlich ist?

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