Berlin, Stadt meiner Zäune

20. Mai 2007

Was ist das Typische oder Einmalige an Berlin?

Für den einen ist es der Reichstag, für den anderen das Brandenburger Tor oder das KaDeWe. Reichstage, Brandenburger Tore und KaDeWes gibt es aber überall auf der Welt, nur heißen sie da vielleicht anders.

Was es hingegen nur in Berlin gibt, ist die schier unendliche Zahl von Zäunen. In keiner anderen Stadt der Welt kann man so lange und so weit an Zäunen entlanggehen wie hier.

Zaun Alte Jakobstraße

Prinzipiell unterscheiden wir zwei Arten von Zäunen: den temporären (siehe oben) und den permanenten Zaun, wobei ersterer in Berlin häufig einen semi-permanenten Charakter annimmt.

Der permanente Zaun ist fest im Boden verankert und in der Regel grün, vermutlich, weil der Betrachter ihn für ein Stück Natur halten soll.

Zaun Nähe Rungestraße

Daneben gibt es noch Sonderformen wie den Hundezaun, der, etwa Knie- bis Hüfthoch, in Parks, wie beispielsweise dem Kleistpark, die Vierbeiner in die Schranken weist.

Was veranlaßt nun die Väter dieser Stadt, ein solches Füllhorn schöner Zäune über Bewohner und Touristen gleichermaßen auszuschütten? Dazu gibt es unterschiedliche Theorien. Die einen sagen, es handele sich hier um den Versuch, einen nachhaltigen Zauntourismus zu etablieren, da in der gegenwärtigen Konkurrenzsituation zwischen den Städten man zunehmend nach Alleinstellungsmerkmalen suchen müsse. Hier könnte allerdings der Stadt Berlin mit Heiligendamm sehr schnell ein ernstzunehmender Konkurrent erwachsen, da dort derzeit tourismusfördernde Zäune im Hochpreissegment angeboten werden.

Ein anderer Erklärungsversuch besagt, die Zäune seien Ausdruck einer tief wurzelnden Phobie im Herzen der Berliner. Bekanntlich wurden ja vor allem die Westberliner durch den Fall der Mauer aufs Schwerste traumatisiert. Mit einem Mal konnte man überall hin, und alle konnten zu einem kommen. Das verkraften die wenigsten. Die Zäune wären dann der Versuch, die verlorengegangene Gemütlichkeit eines behüteten Daseins im Schatten der Mauer ein Stück weit wiederherzustellen.

Zaun Nähe Köpenicker Straße

Auffallend ist jedoch, daß viele Zäune aufgeschnitten, umgeworfen oder sonstwie mutwillig beschädigt sind. Es scheint also etliche Berliner zu geben, die sich doch nicht so gerne zum Dackel machen lassen.

Ein Kommentar zu “Berlin, Stadt meiner Zäune”

  1. Jochen Hoff

    Der Zaun an sich zeigt das es Grenzen gibt. Grenzen wollen überwunden werden. Überwundene Grenzen erfordern neue Zäune für neue Grenzen.

    Freiheitsdrang muss trainiert werden. Ohne Zäune also keine Freiheit.

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