Tempelhofer Kransterben

6. Oktober 2009

Als im April dieses Jahres das Einkaufszentrum am Tempelhofer Hafen eröffnet wurde, schwärmten die Medien in den höchsten Pressemitteilungstönen von der vorbildlichen Sanierung des alten Lagerhauses. Politiker- und Investorenhände schüttelten sich gegenseitig zum Wohle aller außer dem Volk, und niemand außer Neues vom Glöckner hielt es für nötig, die Tatsache zu thematisieren, daß gerade die Teile des Denkmalensembles, die am stärksten gefährdet waren, nämlich die alten Hafenkräne, entgegen der dreisten Lüge des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg, auch sie seien bereits vollständig und detailgetreu rekonstruiert worden, weiter verfielen.

Hafen Tempelhof - Portalkran
”Vollständig und detailgetreu rekonstruiert”

Der Grund für die Zurückhaltung des Investors, auch diesen Objekten die Pflege seines Mr. Bauqualität angedeihen zu lassen, liegt wohl auf der Hand: die Kräne entziehen sich weitgehend einer unmittelbaren finanziellen Ausbeutung. Weder kann man sie, wie den Schöneberger Gasometer, der Aussicht wegen von Besuchern für 30 Euro das Stück besteigen lassen, noch lassen sie sich so leicht und gewinnträchtig in Werbeplanen hüllen wie das Charlottenburger Tor oder die Kandelaber-Neubauten davor.

Hafen Tempelhof

Am 29. September ist nun einer dieser historischen Portalkräne auf dem von Sicherheitskräften bewachten Gelände ”aus ungeklärter Ursachein Brand geraten. Für Anwohner und Freunde alter Industriedenkmäler ergab sich daraufhin die spannende Frage, ob dieser Brand wohl ausreichen würde, das Denkmal jetzt als irreparabel beschädigt zu deklarieren und verschrotten zu lassen, oder ob man es vorher noch weiter verrotten lassen muß. Tatsächlich scheint der Brand aber relativ schnell gelöscht worden zu sein, denn die äußerlich erkennbaren Brandschäden stehen in keinem Verhältnis zu den Schäden, die durch die jahrzehntelange grundgesetzwidrige Vernachlässigung der Anlagen durch die jeweiligen Eigentümer verursacht wurden.

Hafen Tempelhof - Portalkran

Der Schöneberger Gasometer kann nicht brennen. Er kann nur rosten. Und das tut er - obwohl Mr. Bauqualität dort höchstselbst das Investorenzepter schwingt - nach Kräften. Gerade so, als wolle er beweisen, daß die Überführung wichtiger Denkmäler aus öffentlicher in private Hand doch keine so gute Idee ist.

Auch beim Gasometer waren die berühmten Hände geschüttelt worden, und das Ergebnis war ein Vertrag, der angeblich den Eigentümer verpflichtet, binnen neun Monaten mit der Sanierung zu beginnen. Das ist jetzt über ein Jahr her. Selbst Lars Oberg (SPD) (ja, der Lars Oberg, der bereits im Juni 2007 die Sanierung des Gasometers ”in den nächsten Monatenverkündet hatte) mußte sich vor der Bundestagswahl noch Sorgen machen. Ist Mr. Bauqualität insolvent? Oder wartet er, wie die Banker oder die Autoindustrie, einfach nur auf eine milliardenschwere Zuwendung aus dem Steuertopf?

Doch zurück zum Tempelhofer Hafen. ”Mediterranes Flair” war dort von den Investoren und ihren Sprachrohren, den Medien und Politikern, immer wieder versprochen worden. Von dem ist im Inneren des Einkaufszentrums allerdings nichts zu spüren. Kein Fenster öffnet sich zum Wasser und erlaubt dem nach Erholung lechzenden Auge mal einen kurzen Blick auf etwas anderes als die öden Produkte immer derselben Ketten. Aus dem historischen Lagerhaus ist ein gnadenlos einfallslos weiß gestrichener Bunker geworden, der, noch dazu auf drei Seiten umschlossen von klotzartigen Primitivst-Neubauten und einem Parkhaus, sicher nicht zur Entstehung eines ”lebendigen, bezirklichen Zentrums mit Ausstrahlungskraft weit über die Grenzen von Tempelhof hinaus” (Bernd Krömer, Bezirksbaustadtrat, CDU) beitragen wird, sondern lediglich ein weiterer trostloser Ort sein wird, an dem hirnlose Konsumenten sich bereitwillig manipulieren lassen, Angehörige eines Volkes, das heute schon zu Hunderttausenden am Tag der deutschen Einfalt riesigen Kitschfiguren zujubelt.

Tempelhofer Hafen - Media-Markt
”Mediterranes Flair”

Kommentare

  1. hansohneglueck

    Lieber Glöckner,
    es muss doch richtig schön sein, die Geschichten nicht erfinden zu müssen, die einen Blog interessant machen.

    Bleiben Sie dran.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr
    hansohneglueck

  2. azche24

    Recht hat er: Denkmale interessieren Müllers Mannen nicht ein bischen. Profit muss her und der Rost darf blühen wie die Gerüchte, dass Herr Krömer mit Hilfe von Müller und Ströer die umfangreiche CDU-Werbung in Charlottenburg besonders günstig für die CDU eingekauft hat.

    Das würde doch manches erklären.

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