Das Leben der Inge

24. November 2009

Als Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer seinerzeit die Pläne für den stillgelegten Flughafen Tempelhof vorstellte - Randbebauung für Besserverdienende und in der Mitte die Rasenfläche Wiesenmeer® - dachten viele, die sich mit Berlin noch nicht so gut auskennen, das sei schon der größte aller anzunehmenden Unfälle. Alte Berliner Hasen aber wissen: Schlimmer geht immer! Jetzt soll auf dem Gelände die Internationale Gartenbauausstellung (IGA) 2017 stattfinden.

Das bedeutet: acht Jahre lang wird die Fläche zur Großbaustelle mit all den verheerenden Folgen einer solchen für die Umwelt. Danach werden sämtliche Kegel- und Gesangvereine der Welt in Bussen nach Berlin gekarrt, nur damit sie sich hier davon überzeugen können, daß die Petunien doch nirgendwo bunter blühen als daheim in Groß-Gerau.

Die wahren Hintergründe des ganzen Unterfangens aber wird man, wie üblich, nie erfahren. Sonst müßte nämlich eines Tages in den Zeitungen stehen: Evangelische Landpfarrerin vergewaltigt 250 ha potentielle Natur. (”Für den Spaß kann man schon mal 112,5 Millionen, die einem nicht gehören, lockermachen”, soll Ingeborg Junge-Reyer dazu in einem Interview mit dem Glöckner lachend gesagt haben.)

Eingang zur IGA 2017

Eingang zur IGA 2017

Nun, das alles liegt wohl noch vor uns. Was aber macht Ingeborg Junge-Reyer heute? Auch das haben wir herausgefunden.

Zur Zeit läuft sie jeden Tag ein paar Runden im Tiergarten Amok. Dort, hat sie festgestellt, sind die Wege nämlich teilweise so verschlungen, daß es dem einfacher gestrickten, eiligen Touristen kaum möglich ist, den ganzen Angstraum mit einem Blick zu erfassen. Deshalb muß jetzt das überflüssige Grün fachgerecht entsorgt und die Breite der Wege an die der Start- und Landebahnen auf dem zukünftigen IGA-Gelände angepaßt werden.

Zum Teil noch unübersichtlich: der Tiergarten

Zum Teil noch unübersichtlich: der Tiergarten

Im östlichen Teil des Tiergartens ist das Werk schon seit langem vollbracht. Da, wo die komasaufenden Fußballfans und Rucksacktouristen im Wiedervereinigungsdelirium regelmäßig auf die geschniegelten Volksvertreter, Banker und Lobbyisten treffen, herrscht die Brache, machtvoll überhöht durch eines der grandiosesten Kunstwerke unserer Zeit: das ”Global Stone Project”.

Was könnte den Segen der Globalisierung sinnfälliger ins Bild setzen als dieses Projekt des Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld, bei dem dieser 30 t schwere Felsbrocken eigenhändig und nur von Kuehne + Nagel, DB Cargo, Hapag-Lloyd, Hochtief und etwa zwanzig weiteren Speditionen und Bauunternehmen gesponsort per Schiff, Autokran und sonstigen umweltfreundlichen Transportmitteln im Namen von ”Love”, ”Hope”, ”Foregiveness”, ”Awakening” und ”Peace” von einem Kontinent zum anderen verfrachten läßt, weil er die ”Anschauungen des katastrophalen Zustands unserer Erde nicht einfach abhaken”, die allgegenwärtige Umweltzerstörung nicht tolerieren kann?

Global Stone Project im Tiergarten Berlin

Der gedankliche Hintergrund des globalen Kunstwerks ist übrigens zu komplex, um den Felsbrocken wirklich angesehen werden zu können, weshalb er auf einer großen Schrifttafel, die heute des östlichen Tiergartens vornehmste Zierde darstellt, größtenteils in Globaldeutsch beschrieben ist. Er sei hier wie folgt zusammengefaßt:

Die Steine in den fuenf Kontinenten liegen mit ihrer Spiegelflaeche in einem Winkel zur Sonne, so dass sie am 21. Juni das Licht zurueck zur Sonne reflektieren und es in einer Frequenz von 16 Minuten um die Erde zu ihren Schwestersteinen nach Berlin senden. Dort liegen die Steine aus den fuenf Kontinenten im Kreis. Ihre spiegelnden Flaechen zu einander sind so ausgerichtet, dass zwischen den Steinen fuenf unsichtbare Linien aus Licht entstehen.” Eine davon wird, eine Umgebungstemperatur von 16,5° bei 73 % Luftfeuchtigkeit vorausgesetzt, auch in die Behausung des Herrn Kraker fallen, wo sie auf das unsichtbare Auge seines Kanarienvogels treffen wird, welcher, von dem Lichtstrahl nichtsdestotrotz geblendet, daraufhin dergestalt mit dem Schnabel gegen den in seinem Käfig aufgehängten Spiegel stoßen wird, daß letzterer den Strahl umlenken wird auf die Glatze eines buddhistischen Mönchs im tibetischen Hochland, von der er mit einer Frequenz von 92 atü zurückgeworfen wird auf Ingeborg Junge-Reyer in Berlin, die, urplötzlich erleuchtet, schnell ihren Schreibtisch räumen und sich aufmachen wird in das höchstgelegene Kloster Bhutans, ”Teufelsnest” geheißen, um allda die Buchhaltung zu übernehmen. ”Es ist dem Betrachter ueberlassen sie durch seine aktive Imagination zu verbinden und somit ein Symbol der geeinten Menschheit zu formen.

Kommentare

  1. Naturzerstörung im Namen von Tourismus und Denkmalschutz « Landwehrkanal-Blog

    [...] ist für die „Erschließung“ des Tempelhofer Felds zu gewärtigen. [Siehe auch hier.] Das [...]

  2. Inge Ingelburg

    Der Spuk mit der Ingeborg nimmt kein Ende.

    Heute hat mir ein Bekannter einen Albtraum aus seiner vergangenen Nacht geschildert:

    ”Ich habe vergangene Nacht geträumt, dass statt meiner gewohnten Nachbarin Junge-Reyers Tochter dort wohnen würde und Inge selbst würde dann auf einmal am Balkon stehen.”

  3. admin

    So etwas ähnliches kenne ich auch. Ich bin in so einem modernen Park. Da kommt plötzlich ein Politiker vom anderen Ende auf mich zu, und es ist kein Busch oder Strauch mehr da, der sich aufopferungsvoll in die Sichtachse werfen und mir den Anblick ersparen könnte. Deshalb sind diese modernen Parks Angsträume für mich.

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