Die Hirnriß-Strategie

26. November 2009

Wie die meisten sicher inzwischen gehört oder gelesen haben, wurde am Dienstag das Haus in der Brunnenstraße, in dem sich der Umsonstladen befand, von 600 Polizisten ”geräumt”. Anschließend wurden sämtliche Fenster (mit Rahmen) herausgebrochen, um das Gebäude unbewohnbar zu machen.

Unabhängig von der Frage, ob diese Aktion rechtswidrig war - wie der Anwalt der (ehemaligen) Bewohner beteuert - ist wohl auf jeden Fall die hier verfolgte Strategie bemerkenswert: um die (angeblich) widerrechtliche Nutzung einer Sache zu verhindern, wird diese teilweise zerstört.

Warum eigentlich wird diese geniale Strategie nicht viel öfter angewandt? Warum ist z. B. die Nofretete im Neuen Museum kostspielig durch Alarmanlagen und Wachschutz gesichert, wenn man ihr doch auch einfach die Nase abschlagen könnte? Eine Nofretete mit abgeschlagener Nase würde sicher niemand klauen. Und in unserer kranken Gesellschaft ist doch sonst keine Idee zu krank, um auch tatsächlich umgesetzt zu werden.

Kommentare

  1. Ostprinzessin

    Es war ein martialischer Akt: Im Flutlicht, welches das Haus und den gegenüberliegenden Weinbergspark, in dem sich Ratlose und Empörte einfanden, grell erleuchtete, wurden die Fenster auf jeder Etage herausgebrochen. Der Park war zur Straße hin gesperrt. Polizei in militärisch anmutender Kluft sicherte die eilig gezogenen Grenzen mit Schäferhunden. Vom Himmel her dröhnte der Lärm eines Helikopters. Die Fensterbalken knackten. Einige Zivilpolizisten flachsten. Gelegentlich heulten die Sirenen eines der immerhin siebzig bis achtzig Einsatzfahrzeuge.

    War etwa die dritte Generation der RAF aufgepürt worden? Diejenigen, die vor etwa zwanzig Jahren einen Siemens-Manager, einen Deutsche-Bank-Chef und einen Chef der ”Treuhand” ins Jenseits befördert hatten? Nein. Die Polizei selbst gab später zu, dass lediglich zwanzig vollkommen unverdächtige Personen friedlich aus einem Haus zu führen waren, in dem sie bis zu diesem Akt gewohnt hatten.

    Am Rosenthaler Platz handelte ich mir auf dem Bürgersteig einen mündlichen Platzverweis wegen ”Diskutieren” ein. Das war nun schon der zweite in diesem Jahr, den ich tatsächlich unter dieser Begründung und ohne irgendeine Aktion meinerseits auf einem Bürgersteig erhielt. Sollte man sich wohl dran gewöhnen...

    Der Schubs der handfesten Staatsgewalt, der mich sogleich fünf Meter weiter beförderte, erhöhte zwar mein Denkvermögen, ließ mich aber auch besonders intensiv an jene Vermögenden denken, denen ich diesen zu verdanken haben mochte.

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