wahre freunde
Samstag, den 6. September 2008wahre freunde
reichen dir
ne zigarette
wenn du an lungenkrebs krepierst
wahre freunde
geben dir
einen aus
wenn du am alkohol krepierst
wahre freunde
helfen dir
von der brücke zu springen

wahre freunde
reichen dir
ne zigarette
wenn du an lungenkrebs krepierst
wahre freunde
geben dir
einen aus
wenn du am alkohol krepierst
wahre freunde
helfen dir
von der brücke zu springen


Personen:
Frieder Fiedler, ein Rentner
Waldemar (genannt Waldi), sein Dackel
Carola Bendler-Block, Ministerialbeamtin
Hansklaus Hartung, ranghoher Offizier
Stimme von Flugkapitän Ehlers
Resi, eine Art Kopilotin
Stimme von Fluglotse Hülsenpfennig
Frauenstimme
Musik. Rolltext: “Im Jahr 2050 waren 300 Millionen Menschen täglich weltweit auf der Flucht. Damit einige ihr Ziel erreichen konnten, mußten andere geopfert werden. Flugkapitän Ehlers war einer von den letzteren.”
Frieder und Waldi, die einzigen Überlebenden des Flugzeugabsturzes vom 8. März 2008, gehen im Wiesenmeer spazieren. Beiden fehlt je ca. 1 Bein. Waldi, der vorausgeeilt war, bleibt plötzlich stehen und wedelt mit dem Schwanz. Im Gras vor ihm liegt ein schwarzer Kasten, etwa so groß wie eine Autobatterie.
Frieder:
Mensch Waldi. Dit is ja n voice recoda. Dit is n voice recoda, wat wa da jefun ham. Wahnsinn, wa? Waldi, Mensch.
Frieder und Waldi tanzen vor Freude eine Weile auf ihren verbliebenen Beinen um den Kasten herum. Dann bückt sich Frieder und hebt den Kasten vorsichtig auf. Nahaufnahme des Kastens. Auf dem Deckel steht: “BLACK BOX. Diese Black Box ist Eigentum der Republik der Groszdeutschen Bank und im Findungsfall unverzueglich abzugeben beim Ministerium fuer Bevoelkerungsmarketing und Informationsmanagement, Groszbuttmannstrasze 243 - 319.”
Frieder hebt langsam den Kopf und blickt angstvoll in die Kamera.
Schnitt
Zoom auf ein Straßenschild: “Groszbuttmannstrasze 243 - 319″
Schnitt
In ihrem gläsernen Büro im 45. Stock sitzen Carola Bendler-Block und General Hartung vor einem Bildschirm. An der Wand hinter ihnen hängt im Goldrahmen ein Hologramm, das Informationsminister Wieland Schäuble mit einem Kopfverband zeigt. Carola öffnet behutsam die Black Box, nimmt die HDD-DVD heraus und schiebt sie in das Laufwerk ihres PCs. Musik ertönt (Rammstein: “Ich bin die Stimme aus Deinem Kissen”). Dann meldet sich eine weibliche Frauenstimme.
Stimme:
Wir freuen uns, daß Sie sich für Ultimux 24.0 aus dem Hause µSoft entscheiden mußten. Klicken Sie auf “Doit!”, um die Dekodierung zu starten, oder ziehen Sie eine Ereigniskarte.
Carola und General Hartung suchen angestrengt auf dem Bildschirm. Schließlich klickt Carola irgendwo hin.
Aus dem Lautsprecher ertönt die bekannte Stimme von Fluglotse Hülsenpfennig:
Fliegen Sie 30° 17′ Süd-Südost. Wenn sie die graue Fläche sehen, fertigmachen zum Absturz.
Stimme von Flugkapitän Ehlers:
Das können Sie doch nicht machen, Hülsenberg. Okay, es sind nur Schüler. Aber denken Sie doch mal an die drei Tonnen lupenreines Erdgas aus Sibirien, die ich im Frachtraum hab’. Ist das etwa nichts? Hallo? Hülsenberg, hören Sie mich? Hallo? Antworten Sie!
Mist, jetzt ist auch noch die Funkverbindung abgebrochen. Was soll ich bloß machen, Resi.
Resi sitzt neben Ehlers auf dem Sitz des schon vor langer Zeit eingesparten Kopiloten. Sie ist ein kleines Äffchen. Ehlers hatte sie einmal, als er bei einer Zwischenlandung in Managua seine Maschine wartete, hinter einer Landeklappe gefunden. Jetzt blickt sie nur mit weit aufgerissenen Augen auf die Zeiger im Armaturenbrett, die sich immer schneller drehen.
Ehlers:
Also gut, es hat keinen Zweck. Ich geb’ auf.
(Ins Mikro:) Hier spricht Flugkapitän Ehlers. Wir stürzen in Kürze ab.
Jemand hämmert mit den Fäusten von außen gegen die Cockpit-Tür.
Ehlers (laut Richtung Tür):
Nein, jetzt gibt es keine Bionade. Kapitän Ehlers hat ein Problem.
(Dann wieder ins Mikro:) Vierzig Jahre lang habe ich mir für die Gravity Air den Arsch aufgerissen. Und was hab’ ich dafür bekommen? Nicht sooo viel. Aber irgendwann ist Schluß. Ich mach’ nicht mehr mit. Ich grüße meine Tante Leuna aus Bitterfeld, die immer so gute Quarkkeilchen gebacken hat, und meine Nichten Yasmyn und Trevira. Außerdem möchte ich noch Frau Max aus Sommerrhoe grüßen und meine Nachbarin Frau Winterfeldt, die immer, wenn ich unterwegs war, meinen Ficus benjamini gegossen hat, sowie Frau…
Lauter Knall
Carola Bendler-Block klickt auf “Stopit!”
Carola:
Wieder nichts Brauchbares dabei. Da müssen Sie wohl wieder selber ‘ran, General.
General Hartung murmelt etwas wie “War ja zu erwarten” und greift mißmutig zum Mikro.
Hartung:
Hier spricht Kapitän Ehlers. Ich stürze ab, aber ich tue es gern, denn ich weiß, ich tue es für mein Land. Was könnte es Schöneres und Ehrenvolleres geben als für die Freiheit und das Wohlergehen eines Volkes sein Leben zu lassen, das einen Gottschalk, ja einen Jauch hervorgebracht hat, das im Angesicht des Bösen nicht kapitu… (langsam ausblenden)
Schnitt
(wieder aufblenden) … und so möchte ich nun danken all den Menschen da draußen an den Bildschirmen und auch zu Hause, die mit ihrem Gleichmut mit dazu beigetragen haben, daß diese weisen Entscheidungen getroffen werden konnten. Ganz besonders bedanke ich mich bei meinem lieben Fluglotsen Heiko Hülsenpfennig, bei dem unfehlbaren und umsichtigen Blast-Master und natürlich bei unserer hochverehrten, klugen und gütigen Kanzlerin Angela Schröder-Kohl, ohne die dies alles nicht möglich gewesen wäre. Lassen Sie uns nun gemeinsam die Hymne unseres Vaterlandes anstimmen. Ich danke Ihnen! (Singt mit kräftiger Stimme:) Wie die mutige Gazelle, wie der Wachhund auf der Hut, wollen wir den Feind verbellen, der uns’ Land bedrohen tut…
Abspann


Personen:
Erhard Ehlers, ein Flugkapitän
Heiko Hülsenpfennig, ein Fluglotse
Noch ein Fluglotse
Der Blast-Master
Dumpf brodelnde Musik. Dazu Rolltext:
“Im Jahr 2050 waren 300 Millionen Menschen täglich weltweit auf der Flucht. Die Himmel waren schwarz vor Flugzeugen. Damit einige ihr Ziel erreichen konnten, mußten andere geopfert werden. So entstand der Beruf des Blast-Masters.”
Im Cockpit einer Maschine der Gravity Air. Flugkapitän Ehlers spricht in sein Mikro.
Ehlers:
Hallo ScumControl, hören Sie mich? Hier spricht Kapitän Ehlers von Flug Gravity Air 575 aus Beirut. Wir haben einen Triebwerksschaden. Alle Triebwerke sind ausgefallen. Erbitte Landeerlaubnis auf dem Wiesenmeer da unten gleich hinter dem Mehringdamm. Over.
Tower:
Das ist verstanden, Kapitän Ehlers. Ich verbinde.
Warteschleifenmusik (”Dalai Lama” von Rammstein).
Einige Minuten später:
Tower:
Hier ScumControl. Hülsenpfennig mein Name. Was kann ich für Sie tun?
Ehlers:
Hier Kapitän Ehlers von Flug Gravity Air 575. Unsere Maschine brennt. Wir müssen dringend da unten notlanden. Mayday, Herr Hülsenberg. Mayday.
Hülsenpfennig:
Ja, ja, Ehlers.
Hülsenpfennig wendet sich um zum Blast-Master, der im Hintergrund des Towers im Halbdunkel Solitaire spielt.
Hülsenpfennig:
Chef? Ein Notfall über Tempelhof.
Blast-Master:
Ladung?
Hülsenpfennig:
518 Schüler aus Tremough, Cornwall.
Blast-Master steht auf und schlendert zu Hülsenpfennigs Desk.
Blast-Master:
Okay Ehlers, hier Blast-Master. Sie können da jetzt nicht notlanden. Sie haben ausschließlich Youth-Hostel-Gäste an Bord. Im Wiesenmeer landet in drei Minuten eine Emirates aus Liechtenstein Not. Da sind zwar nur zehn Passagiere drin, aber mindestens drei davon sind Adlon-Gäste.
Zwischenschnitt 1: Anthony Smith-Wesson liest Pfeife rauchend in der Financial Times.
Zwischenschnitt 2: Henry O’Hio hält in der Rechten einen Becher Whiskey-Soda und greift mit der Linken einer Stewardess unter den Rock.
Zwischenschnitt 3: Hartmut Mehdorn jr. bohrt sich in der Nase und liest Kicker.
Ehlers:
Aber das ist doch…
Blast-Master:
Keine Widerrede, Ehlers! Sie kennen die Vorschriften! Fliegen Sie immer rechts rum - äh - nach Steuerbord und erwarten Sie weitere Anweisungen! Over!
Blast-Master und Hülsenpfennig gehen zu einer Wand mit einem großen, von hinten beleuchteten Stadtplan. Blast-Master zeigt mit dem Finger auf eine graue Fläche.
Blast-Master:
Was ist das hier?
Hülsenpfennig:
Ein Supermarkt. Da könnte eine werdende Mutter drin sein.
Blast-Master:
Und das?
Hülsenpfennig:
Eine Kaderschmiede für Webdesigner. Vom Senat gerade erst neu angesiedelt.
Blast-Master:
Und das da?
Hülsenpfennig:
Ein Altenheim. 67 % über 50, 93 % Alkoholiker.
Blast-Master:
Gut. Bringen Sie ihn da runter.
Hülsenpfennig (ins Mikro):
Kapitän Ehlers, hören Sie mich? Fliegen Sie 30° 17′ Süd-Südost. Wenn sie die graue Fläche sehen, fertigmachen zum Absturz.
Wenig später fällt Gravity Air Flug 575 in einem riesigen Feuerball auf das Altenheim. Schüler, Alte und Flugkapitän Ehlers vermischen sich in der Luft. Der Blast-Master zieht sich einen Kaffee am Automaten.
Abspann.

Am Tag als der Stadtmond starb
Schaukelte auf der Kinderschaukel im Mauerpark
Ein Mann oder eine Frau.
Aus einer Plastiktüte
- kompostierbar wie alles zu der Zeit -
ragte ein Brotmesser.
Weiße Zähne senkten sich in graues Brot.
Dann folgte ein Schuß mit Phenobarbital.
Das war nicht verboten zu der Zeit
Denn es war tödlich.
Am nächsten Tag
Kam ein Bagger und räumte die Reste weg.

Personen:
Willy Maschke, ein Bauer, so um die 60
Marcel Maschke, sein Sohn, so um die 40
Kommissar Faulhaber
Vater und Sohn sitzen an einem großen Holztisch in der niedrigen Bauernstube. Auf dem Tisch stehen eine große Schüssel mit Hähnchenschlegeln und zwei Teller Suppe.
Willy:
Würdest Du bitte Deine Stiefel aus meiner Suppe nehmen?
Marcel:
Ich denke gar nicht daran. Du bist es schließlich, der mein Leben zerstört hat. Hast Du das schon vergessen? Wärst du und Charlotte nicht abgehauen damals, dann wäre ich in Golzow zur Welt gekommen und nicht in diesem scheiß Büttgen. Ich wäre mit den anderen Kindern durch die verschneite Winterlandschaft zur Schule geradelt, statt im Regen mit dem scheiß Mofa alleine nach Holzbüttgen fahren zu müssen und mir das Mofa da von dem scheiß Üzal auch noch abnehmen lassen zu müssen. Und in der Schule hätte mir die Lehrerin liebevoll übers Haar gestrichen, statt mir eine zu scheuern, weil ich nicht weiß, was eine mündelsichere Anlage ist. Ich hätte die Jugendweihe mitmachen können, statt diese beschissene Kommunion. Und nach der Schule hätte man mich gefragt, was ich werden will, und mir die verschiedenen Berufe liebevoll erklärt. Ich wäre Chemielaborant im Reizgas-Kombinat geworden. Und heute wäre ich glücklich geschieden und hätte nicht die Maria in der Jauchegrube versenken müssen, verdammt.
Willy:
Aber das wäre doch eh alles nur noch von kurzer Dauer gewesen…
Marcel wirft wütend den Löffel auf den Tisch.
Marcel:
Halt doch den Mund, verdammt nochmal. Ich bin noch nicht fertig. Glaubst Du vielleicht, es hat Spaß gemacht, mich bei der Bundeswehr als “Kamerad” beschimpfen zu lassen wie ein Nazi, während die Kinder von Golzow bei der NVA mit “Genosse” angeredet wurden? Und glaubst Du, es macht Spaß, hier in dieser gottverdammten scheiß Hütte mit diesen beschissenen Hähnchenschlegeln zu sitzen, während die Kinder von Golzow alle im Fernsehen sind und in schicken, schneeweißen Einfamilienhäusern wohnen?
Willy will etwas sagen, aber Marcel greift sich eine Hähnchenkeule und rammt sie Willy in den offenen Mund. Willy fällt röchelnd vom Stuhl.
Schnitt.
Kommissar Faulhaber zieht Willy die Hähnchenkeule aus dem Hals.
Kommissar:
Bringen Sie das in die Pathologie. Es war Notwehr.
(Alternativ: … ein Unfall.)
Abspann.


Personen:
Maische Groß, eine Mutter
Börek Groß, ihr Kind
Zwei Polizisten
Lasse Salzig, ein Kunde
Stimme des Marktleiters
Maische steht in der Schlange an der Kasse des Supermarkts, vor sich den Kinderwagen, in dem der kleine Börek sitzt.
Maische (zu Börek):
Bleibst Du mal eben in der Schlange stehn? Ich hab noch was vergessen.
Keine Reaktion von Börek. Maische geht weg. Dumpfe Streichermusik.
Kamera schwenkt zur Decke des Supermarkts.
Plötzlich ein Schrei.
Maische:
Börek! Börek! Oh Gott!
Zoom mit der Handkamera in das verzerrte Gesicht der Mutter, dann Reißschwenk auf den leeren Kinderwagen.
Maische:
Polizei! Polizei! Warum ruft denn niemand die Polizei!
Zwei Polizisten in Uniform stürmen herein, entsichern ihre Waffen und gehen auf Lasse Salzig zu, der hinter der Mutter in der Schlange stand.
Polizist 1:
Wo waren Sie gestern zwischen 15 und 15 Uhr?
Lasse:
Im Bett.
Polizist 2:
Gibt es dafür Zeugen?
Lasse:
Ja, mein Meerschweinchen.
(Alternativ: Nein, ich war allein.)
Laute männliche Stimme aus dem Off:
Hallo? Könnse ma eben auf Ihr Kind aufpassen? Das räumt hier grade die Regale leer.
Polizist 1 (zu Lasse):
Sie sind vorläufig lockergenommen!
Close-up auf Handschellen, die in der Hosentasche von Polizist 2 verschwinden.
Maische nimmt Börek an der Hand und verläßt schnell den Supermarkt.
Überglücklich, ihr Kind wiedergefunden zu haben, kauft sie Klein-Börek einen Döner. Schwenk mit der Handkamera auf die strahlenden Augen von Börek. Streichermusik. Börek schüttet sich den Döner auf die Jacke und reicht der Mutter das fettige Papier.
Maische (streng):
Nein, Du wartest, bis ein Papierkorb kommt, und wirfst das Papier dann da rein!
Börek bleibt stehen und wartet. Maische entfernt sich mit dem leeren Kinderwagen und verschwindet in einem Nail-Studio.
Abspann.

Als K. vom alten Lokschuppen zurückkehrte, war es schon dunkel. An den Straßenlaternen baumelten die Intelligenten. An einem Laternenmast lehnte eine laszive Schönheit mit langen Haaren und wirrem Blick. “Optimiert für 1600 x 1200 Pixel,” hatte man ihr auf die Stirn tätowiert. In einem dunklen Hauseingang auf der anderen Straßenseite wartete ihr “Beschützer”.
Als K. vorbeiging, streckte sie die Hand aus und lallte, daß sie ihr Handy verloren habe und Geld brauche. K. deutete nur wortlos auf die Reklamefolie mit der Aufschrift “Geiz ist geil“, die auf das Trottoir geklebt war.
Er bog in die Straße ein, die Michael Naumann gesponsert hatte, und dachte an den Lokschuppen. Carlos hatte sich am Fuß verletzt und gemeint, man werde wohl aufgeben müssen. Mißler hatte nur die ganze Zeit stumm auf seinem Schrotthaufen gesessen und mit weit aufgerissenen, aber leblosen Augen in die zunehmende Dunkelheit gestarrt.
K. schloß die Haustür auf und betrat das Haus. Auf der Treppe hörte er hinter sich Schritte. Jemand mußte ihm gefolgt sein und nach ihm durch die Tür geschlüpft sein, bevor diese wieder ins Schloß fiel. Vor seiner Wohnungstür blieb K. stehen und drehte sich um. Ein dicklicher, etwas aufgedunsener Mann um die 30 mit Stoppelbart stürmte die Treppe herauf. Als er sah, daß K. ihn anblickte, wandte er das Gesicht ab und hastete grußlos an K. vorbei weiter nach oben. K. betrat die Wohnung und schloß hinter sich die Tür. Er hörte, wie der Mann auf der Treppe kehrt machte und wieder hinunter lief, dann das Haus verließ und sich auf der Straße entfernte. Vermutlich, um Bericht zu erstatten.

Als K. das Zimmer betrat, stand sie beim Fenster. In der linken Hand hielt sie einen kleinen Spiegel. Mit der rechten versuchte sie, um ihre Oberlippe mittels eines Lippenstifts eine scharfe Begrenzungslinie zu ziehen, wobei sie sich bemühte, die Lippe in der Mitte, also da, wo sie sich am stärksten nach oben wölbt, also etwa unterhalb der Nase, noch etwas höher und spitzer erscheinen zu lassen als sie wirklich war. Ihre Lippen waren sehr rot.
Ihre Wangen dagegen fast weiß, und nur da, wo sie am höchsten sind, also da, wo die Wangenknochen links und rechts der Nase besonders weit hervorstehen, war ein leichter Anflug von rot zu sehen, was ihrem Gesicht einen porzellanartigen, beinahe transparenten Ausdruck verlieh, der in merkwürdigem Kontrast zu den großen, braunen Augen stand.
K. fragte sie, wo sie die ganze letzte Woche gewesen sei.
“In Erlangen,” sagte sie.
Auf dem Tisch lag eine Rechnung des Nuklearmedizinischen Instituts der Universität Osnabrück.
“Und das hier?” K. wedelte mit der Rechnung in der Luft herum.
“Ja, Du hast recht, ich habe mir etwas Plutonium spritzen lassen,” sagte sie gequält.
“Bist Du verrückt?” fragte K. entsetzt.
“Ich war anschließend in Erlangen, und die Messungen waren kaum erhöht,” versuchte sie zu beschwichtigen. “Und Erlangen hatte doch immer die höchsten Werte gemessen.”
“Warum machst Du das?” schrie K. sie beinahe fassungslos an. “Weißt Du eigentlich, was Du da tust?”
“Ich wollte doch nur wissen, wie sich das anfühlt, Radioaktivität,” sagte sie leise. In ihren Augen standen Tränen.