Archiv der Rubrik “Kultur”

Bunte Witwen und andere schräge Vögel

Sonntag, den 29. Juni 2008

Hans Kollhoff, Schöpfer einfühlsamer Architektur, dürfte den Lesern dieses Blogs bereits aus anderem Zusammenhang bekannt sein. Gestern saß er nun sonnen- und/oder solariumsgebräunt und akkurat frisiert beim “sommerfest der berliner festspiele” (man beachte die revolutionäre Kleinschreibung) auf dem Podium und talkte mit dem Patron und ehemaligen CDU-Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer, der heute Vorstandsmitglied von Reinhard Müllers Stiftung Denkmalschutz Berlin und etlicher weiterer stadtbildbestimmender Stiftungen und Vereine ist. (Als “Patrons” werden bei den Berliner Festspielen - vermutlich seit der Rosinenbomberzeit - die “materiellen und ideellen” Förderer bezeichnet, und ihre Talks gelten als “feine Gesprächskunst“.)

Visionsplanung” war das erste Wort, das dem Berichterstatter, der mit leichter Verspätung zu dem Event hinzustieß, zu ungläubigen Ohren kam. Zu diesem Zeitpunkt wußte er noch nicht, daß dieses Wort das größte Kunstwerk dieses Tages bleiben sollte.

Hassemer und Kollhoff waren sich im Prinzip einig, daß Berlin heute nicht rücksichtslos genug entwickelt und vermarktet wird. Auch die Kunst floriert ja in Berlin nicht deshalb, weil hier Künstler erschwinglichen Wohnraum vorfinden, sondern weil immer mehr Reiche hierher kommen, um Berlin zu kaufen - äh, in Berlin zu kaufen. “Eure Armut kotzt mich an” ist der Satz, der mir beim Hören der hier dargebotenen, schwer erträglichen Stadterbeuterplatitüden immer wieder unwillkürlich einfiel.

Unter dem Beifall der zahlreich erschienenen Wilmersdorfer Witwen sprach sich Kollhoff im Gegensatz zu Hassemer für den orginalgetreuen Wiederaufbau des Stadtschlosses aus. Wie die Bertelsmann-Stiftung müsse das aussehen, nur ohne die moderne Verunstaltung auf der Rückseite.


Die Bertelsmann-Stiftung, auch ein Hort der zweckgerichteten Sprücheklopferei

Überhaupt konnte Kollhoff beim Publikum immer punkten, wenn er den Westen gegen den Osten ausspielte.

Nach seinem bedeutendsten Werk gefragt, mußte er lange nachdenken. Schließlich nannte er ein privates Wohnhaus am Vierwaldstättersee mit Grandhotel-Anmutung, bei dem man sich frage: “Wie ist so etwas möglich.

Zum Schluß verkaufte Kollhoff den Wilmersdorfer Witwen noch ein paar Heizdecken. (Nein, das ist natürlich ein Witz.)


Volker Hassemer (links), Hans Kollhoff

Nach Hassemer und Kollhoff talkte der Schauspieler Ulrich Matthes mit dem Patron Gesine Schwan. Matthes, wir erinnern uns, ist jener Schauspieler, der sich erst vor wenigen Tagen in einer anderen rauschenden Ballnacht zu Lobeshymnen auf den netten Menschen Horst Köhler hinreißen ließ.

Gesine Schwan variierte das bekannte Thema “Bankrotterklärung der Politik”. In einer “globalisierten Welt” sei die Politik nicht mehr in der Lage, etwas Positives zu bewirken. Man habe lediglich die Wahl zwischen unterschiedlich schlechten Alternativen.

Was, wie immer bei solchen Gelegenheiten, unbeantwortet blieb, war die sich daraus zwangsläufig für mich ergebende Frage, wieso die Politiker nicht wenigstens zurücktreten und die neoliberale Umgestaltung des Untergangs vollends den Selbstbereicherungskünstlern überlassen, statt ihren Frust in Vorschriften zu Wohnzimmerbeleuchtung und Eßgewohnheiten auszuleben.

Vor und neben dem Haus der Festspiele, das übrigens völlig zu recht als absoluter Höhepunkt architektonischer Einfallslosigkeit der 60er Jahre unter Denkmalschutz steht, hatte das Künstlerkollektiv “united catering services (ucs)” eine Duftkomposition aus Bratwurst, Hüftsteak und Holzkohle geschaffen. “Les sons et les parfums tournent dans l’air du soir.” (Dieses Baudelaire-Zitat stellt den verzweifelten Versuch dar, etwas Kultur ins Spiel zu bringen.) Die Bratwurst war allerdings zu weich, um wirklich in Extase zu versetzen, und das Bier zu teuer.

In der “Kassenhalle” veranstaltete ein Vortänzer mit Migrationshintergrund einen Bauchtanzkurs. Den DJ forderte er mehrfach auf, die Musik noch ein bißchen lauter zu stellen, was dazu führte, daß das Gedudel aus der Kassenhalle bald alle anderen Performances auf dem Gelände übertönte. Bei den meisten war das nicht besonders schlimm.

Der im Prinzip recht witzige Auftritt von Katharina Linder & Band krankte ein wenig daran, daß amerikanischer Rock’n'Roll selbst dann noch unerträglich klingt, wenn er - wie hier - mit einem ironischen Augenzwinkern dargeboten wird.

Ein kleiner Höhepunkt war gegen Ende schließlich noch die Darbietung von Wolfgang Krause Zwieback mit dem hervorragenden Felix Kroll hinter dem Akkordeon. So ausdrucksvoll zerrissene Akkordeon- bzw. Bandoneonmusik habe ich zuletzt von einem Straßenmusiker in Buenos Aires gehört.

Ich möchte diesen kleinen Reigen unwesentlicher Impressionen nicht beschließen, ohne auch die tapferen Türsteherinnen erwähnt zu haben. Konsequent nach dem Vorbild von Lara Croft gecastet, hatte man sie in die obligatorischen weinroten Westen gesteckt, die an die Pagenkluft eines Drei- oder Viersternehotels aus den 60er Jahren erinnern. Dieselbe Kluft erfreut uns übrigens auch immer in der Akademie der Künste, die ja ebenfalls eine Einrichtung des Bundes ist.

Die “Headsets“, über die die Damen permanent Anweisungen zu geben oder zu empfangen scheinen, gemahnen an die Telefonzentrale eines Taxiunternehmens, wäre da nicht auch die schwere Bewaffnung um die Hüften (Laserpistole? Taser?), die dann doch wieder den Bogen zu Lara Croft schlägt.

Entmenscht

Donnerstag, den 26. Juni 2008

Von den Medien hysterisiert, von den Politikern nationalsozialisiert, absurd bemalt und verkleidet als die Deppen, die sie sind: so sehen Sieger aus. Die letzte Hirnzelle im Fusel ertränkt, das Artikulationsvermögen auf zwei Silben beschränkt: Deuts-Land. Der Rest sind dumpfe Urlaute, Bellen, Brüllen, Blöcken, die als “tierisch” zu bezeichnen mir die Achtung vor der intelligenteren, nicht-menschlichen Kreatur verbietet.

Während die Meute manisch hupend die letzten Ressourcen verfährt, klaut ihr der Staat zu Hause im Auftrag der Reichen die letzten Ersparnisse. Sie wird es nicht merken.

Kein Problem, das alles, wenn man Fenster und Türen mit Brettern vernagelt und zu Hause bleibt. Etwas anders sieht es aus, wenn man z. B. nach einem Theaterbesuch…

…plötzlich ins Zentrum des Geschehens geworfen wird. So ähnlich müssen sich die Judenpogrome angefühlt haben.

Den Heimweg traten wir notgedrungen zu Fuß an. Die öffentlichen Verkehrsmittel waren unbenutzbar. Dabei wären wir beinahe noch im Dunkeln in einen Haufen Deuts-Land getreten.

So sehen Sieger aus! Sieg Heil! Ho-ho!

 
Weitere Informationen zu diesem wichtigen Spiel:

Igitt, Fußball! Igitt, Deutsche!
Dümmste Anzunehmende Fußball-Fans
Neues aus dem Land der Fußball-Kanzlerin

480 Stunden Neukölln im Zeitraffer

Mittwoch, den 18. Juni 2008

Am Freitag beginnt in Neukölln das zehnte Kunst- und Kulturfestival “48 Stunden Neukölln“.

Was aus dem offiziellen Programm allerdings nicht hervorgeht: auch der Glöckner wird sich an diesem Event beteiligen.

An einem unbekannten Ort wird er innerhalb von 48 Minuten zehn Förmchen mit Schneckenscheiße füllen. Dabei wird er mit einer Videokamera gefilmt, die den kreativen Akt simultan auf die Garagenwand von Bauer Hempel projiziert.

Das Besondere an dieser Aktion ist, daß sie ohne Zuschauer stattfindet.

Anschließend wird die Schneckenscheiße mit einer Moulinex Vaporette aus dem Jahre 1971 unter Beimischung von etwas Chanel No. 5 gequirlt und in leere Coca-Cola-Flaschen gefüllt. Diese können dann in verschiedenen Supermärkten käuflich erworben werden.

Mit seiner Kunst-Aktion will der Glöckner zum Nachdenken über die Utopie von Sinn und Sein im Spannungsfeld von performativer Transformation und konstruktierter Wirklichkeit anregen.

Die Dalai Lama Show

Dienstag, den 20. Mai 2008

Wie es sich für einen Freund des CDU-Politikers Roland Koch gehört, war der Dalai Lama gestern in Tempelhof gelandet und im Adlon abgestiegen. Am Nachmittag sollte er auf der Bühne der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor sprechen.

Auf dem Pariser Platz wurden die in großer Zahl dem Friedensnobelpreisträger Zuströmenden zunächst mit dem Anblick von Einsatzkräften in Kampfanzügen konfrontiert. Ein irritierender Anblick bei diesem Anlaß.

Polizei beim Dalai-Lama-Besuch

Hinter der Bühne auf der Westseite des Brandenburger Tors dominierten Herren mit schwarzen Sonnenbrillen, die, anders als es auf dem Foto vielleicht den Anschein hat, auch nicht durchweg vertrauenswürdig aussahen.

Bodyguards des Dalai Lama

Vor der Bühne dominierten zwei Gerüste, die mit Dutzenden von Fernsehkameras bestückt waren, und ebensoviele Übertragungswagen parkten in den angrenzenden Straßen.

Der Moderator - ein Schauspieler namens Ralf Bauer, wie berichtet wurde - trug seine schwarze Sonnenbrille lässig im Haar. Zunächst ließ er vom Publikum die Begrüßungsworte für den Dalai Lama üben. Dann begann das musikalische Rahmenprogramm. Es bestand aus seichten Schnulzen mit peinlichen Texten, die selbst dem hartgesottensten Roy-Black-Fan die Schuhe ausziehen mußten. Auch Friedbert Pflüger (CDU) und Martin Lindner (FDP) waren vertreten und versuchten unverzüglich erfolglos, das Event in eine Wahlveranstaltung zu verwandeln.

Dalai Lama

Etwa eineinviertel Stunden später erschien der Dalai Lama selbst. Sympathisch wie immer repetierte er in seinem bekannten, ziemlich heftig gebrochenen Englisch die bekannten sympathischen Worte über Tibet und China und die Wichtigkeit von Liebe, Mitgefühl und Verständnis. Während der Dolmetscher seine Ausführungen ins Deutsche übertrug, alberte er mit dem Publikum herum. Es wäre vielleicht ein Zeichen der Höflichkeit gewesen, dies zu unterlassen. Die unkonventionelle und erfrischend unverkrampfte Art, die den Dalai Lama so gründlich etwa von Würdenträgern der katholischen Kirche unterscheidet, ist ja einer der Hauptgründe, weshalb ihm die Herzen der Menschen zufliegen. Man kann es aber m. E. auch übertreiben.

Der Verfasser dieser Zeilen hat sich über einen gewissen Zeitraum hinweg mit der überaus komplexen Philosophie des Buddhismus beschäftigt, aber natürlich viel zu kurz, um sich auch nur annähernd als Kenner der Materie bezeichnen zu dürfen. Immerhin weiß er, daß es sich dabei um eine Philosophie handelt, die in noch größerem Gegensatz zu Kapitalismus, Konsumwahn und Egozentrik steht als das Christentum der Bergpredigt. Das absolute Tötungsverbot (das sich im Buddhismus nicht nur auf Menschen bezieht), das Gebot, “Armen und Bedürftigen zu geben“, “Wahrhaftigkeit und Rechtschaffenheit“, Verzicht auf “Zwietracht-Säen“, das Gebot, nicht nach materiellem Besitz zu streben oder an ihm zu hängen - sind das ethische Werte, bei denen einem spontan Namen wie Roland Koch, Friedbert Pflüger, Martin Lindner oder gar George Bush einfallen?

Mein Interesse am tibetischen Buddhismus erkaltete 2003, nachdem ich mehrere Monate vergeblich darauf gewartet hatte, daß der Dalai Lama ähnlich deutliche Worte über den Einmarsch der USA in den Irak finden möge, wie selbst der Papst sie damals fand.

Ich weiß, ich selbst werde nie ein guter Buddhist sein. Der Verzicht auf grobe, verletzende Worte zum Beispiel fällt mir schwer. Aber auch der Dalai Lama vermehrt das Leiden in der Welt, wenn er sich vor den Karren von Politikern wie George Bush oder Roland Koch spannen läßt und sie damit in den Augen der Öffentlichkeit reinwäscht. Nicht die Spendenhöhe oder der eventuelle Nutzen des eigenen Volkes darf bei einem geistigen Führer dieser Bedeutung das Kriterium für Freundschaft sein.

Zum Schluß übte man am Brandenburger Tor gemeinsam das Loslassen am Beispiel von Luftballons, die sich daraufhin in den Kronen der Tiergartenbäume verfingen, nachdem sie vorher die ganze Zeit den Blick auf die Bühne behindert hatten.

Alles in allem war das ein Spektakel, das leider am ehesten dazu angetan war, den großen spirituellen Lehrmeister zu entzaubern. Ich meine, der Dalai Lama sollte sich seine Berater und Freunde besser aussuchen und sich auch nicht zum Stargast eines Show-Programms machen lassen. Sonst könnte er vielleicht bald ein Glaubwürdigkeitsproblem bekommen.

Ein besserer Bericht über die Veranstaltung findet sich übrigens hier.

68 ./. 08/15

Dienstag, den 6. Mai 2008

68er

Das Arsenal zeigt bis Juli Filme aus der Zeit um 1968. Das war die Zeit, als der deutsche Nachkriegsfilm (jedenfalls der westdeutsche) endlich ein eigenes Profil bekam. Sehr populär sind diese Neuen Deutschen Filme aber bis heute nicht, wie die Zuschauerzahlen im Arsenal zeigen.

In Tätowierung von Johannes Schaaf spielt das spätere RAF-Mitglied Christof Wackernagel den 16jährigen Adoptivsohn eines Westberliner Fabrikanten, der sich durch die übertrieben verständnisvolle Fürsorge der Adoptiveltern erdrückt fühlt. Schließlich genügen ein paar Frust-Erlebnisse, um den “Befreiungsschlag” auszulösen, der aber natürlich nicht in die Freiheit, sondern ins Gefängnis führt. Die Mauer, die direkt hinter der Fabrik des Vaters vorbeiführt, verleiht dem Gefühl des Eingeengtseins optisch Ausdruck. (Wiederholung am 18. 5.)

Ganz anders als Tätowierung ist der Dokumentarfilm “Herbst der Gammler” von Peter Fleischmann, der am Sonntag in Anwesenheit des Regisseurs gezeigt wurde. (Wiederholung am 27. 7.) Bestürzend, wie offen über 20 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs auf Münchner Straßen von den “ehrbaren Bürgern” vor laufender Kamera Nazi-Parolen verbreitet wurden. Nach Meinung der Bürger gehörten die “Gammler” ins Arbeitslager. Würde man sie zu ordentlicher Arbeit zwingen, bräuchte man auch keine “Gastarbeiter” mehr.

Die meisten “Gammler” hingegen wirken reifer und erwachsener, als man aufgrund ihres Alters (14 - 16) aus heutiger Sicht erwarten würde. Natürlich albern sie manchmal herum. Aber oft zeigen sie auch großen Ernst und mehr Verständnis für das, was auf der Welt geschieht, als die Generation ihrer Eltern. Und sie sind mit ihrem radikalen Konsumverzicht (bis auf Drogen natürlich) und ihrer Oppositionshaltung zur bürgerlichen Gesellschaft so ziemlich das genaue Gegenteil der heutigen Jugend.

Bei dem Gespräch im Anschluß an die Filmvorführung wurde deutlich, daß Peter Fleischmann sich auch heute nicht scheut, die Dinge beim Namen zu nennen. So kritisierte er gleich zu Anfang die Projektionsqualität im Arsenal. Seine Ansprüche sind hoch - auch in technischer Hinsicht - und hier war das Bild zu flau und Bild und Ton waren nicht exakt synchron. (Dieser Fehler war mir allerdings noch deutlicher auch schon bei “Tätowierung” aufgefallen. Vielleicht sollte man da wirklich etwas nachjustieren.)

Die späteren prägnanten Bemerkungen Fleischmanns zum heutigen Zustand unserer Gesellschaft - der fast noch stärker nach Widerstand schreit als damals, 1967/68 - hätten es verdient, mitgeschnitten und hier wörtlich zitiert zu werden.

Vergleicht man Menschen wie Peter Fleischmann oder die in seinem Film gezeigten Jugendlichen mit der Masse der heute Lebenden, dann begreift man, was heute den meisten fehlt: Authentizität. Herrschte damals ein fast schon übertriebener Wunsch, man selbst zu sein, so scheinen jetzt alle nur noch bestrebt, Starlets aus Glotze, Hollywood-Film und Werbung nachzuahmen. Alles ist nur noch Fassade und Schein. Selbstdarstellung ohne Persönlichkeit. Auch die Sprache ist dermaßen mit inhaltsleeren, modischen Floskeln durchsetzt, daß man sich oft nur noch super verarscht vorkommt.

Volksbühne

08er

In einem Cartoon von OL über die “Mütter vom Kollwitzplatz” heißt es: “Wir müssen reden, laß uns ins Kino gehen.

Ich war am 25. 4. nicht im Kino, sondern im Theater. Wie ’s war? Keine Ahnung. Ich weiß nur, daß die Vorstellung ca. drei Stunden dauerte (ohne Pause, wie praktisch immer bei Castorf - warum gönnt der Mann uns seine leckeren Pausenbouletten nicht?) und daß sich nahezu die ganze Zeit über zwei jugendliche Schönheiten (im Folgenden “die Schnepfen” genannt) zwei Reihen hinter mir lebhaft austauschten. Da konnte auf der Bühne gestorben, gequält, gemordet und geträumt werden - egal, der eigene Klatsch und Tratsch war wichtiger.

Sicher, ich hätte etwas sagen können. Aber erst wartete ich voller Hoffnung darauf, daß sich die beiden doch noch von selbst beruhigen würden, und dann war es zu spät. Da war ich schon so geladen, daß eine einigermaßen dezente Auseinandersetzung ohne Einbeziehung aller übrigen Anwesenden einschließlich der Schauspieler auf der Bühne nicht mehr möglich schien.

Deshalb beschränkte ich mich darauf, mir vorzustellen, was ich tun würde, wenn die beiden Schnepfen neben mir säßen. Ich würde ihnen, etwa bei der Textstelle “das Töten ist eine Wissenschaft und muß gelernt werden“, mein Klappmesser in den Leib rammen und ein paar Mal kräftig umrühren. Für dieses Gefühl hätte ich sogar einen späteren Rentenabzug aufgrund der durch meine Tat noch ungünstigeren Alterspyramide in Kauf genommen.

Ganz stimmt es natürlich nicht, daß ich von der Vorstellung nichts mitbekommen habe. Ich kann zumindest soviel sagen: die herablassenden Kritiken, mit denen Castorfs Maßnahme/Mauser in der Presse (z. B. taz) bedacht wurde, waren nicht gerechtfertigt. Dies ist nicht eine der schlechtesten Castorf-Inszenierungen, eher im Gegenteil. Richtig ist, daß Castorfs Brecht und Müller weniger “modern” wirken als etwa seine Dostojewski-Interpretationen. Aber der Volksbühnen-Chor und die Musik von Eisler zum Beispiel waren - auch wenn man die großen Volksbühnenschauspieler-Persönlichkeiten wie Wuttke und Schütz immer noch vermißt - überwältigend, und die Inszenierung enthält gleich mehrere jener magischen Momente, in denen das Geschehen auf der Bühne einzufrieren scheint, die Darsteller nur noch ratlos herumstehen oder sitzen und sich eine tragische Verlorenheit breit macht, die so stark anrührt, wie das fast nur noch die Volksbühne kann.

Andererseits, da hat Ulrich Seidler recht, weist insbesondere der Heiner-Müller-Teil und Meg Stuarts Choreographie auch Längen auf. Pina Bausch hatte bekanntlich die Angewohnheit, noch Monate nach einer Uraufführung weiter an ihren Stücken zu feilen und sie zu straffen. Diese Arbeitsweise sollten Frank Castorf und Meg Stuart sich vielleicht zu eigen machen?

Die Jugend könnten sie mit solchen Inszenierungen aber natürlich dennoch nicht erreichen. Drei - oder auch nur zwei - Stunden Konzentration auf das Geschehen auf der Bühne statt auf das eigene Handy-Display, das ist mit ihr nicht machbar, und mit Zurückhaltung aus Rücksicht auf die anderen ist bei ihr auch nicht zu rechnen, denn die anderen kommen im ego-zentrierten Universum heutiger Jugendlicher ja nur als Publikum für den eigenen großen Auftritt vor.

Volksbühne

Peter Lilienthal ist heute notwendiger denn je

Mittwoch, den 23. April 2008

Peter Lilienthal, der Name erinnert mich an meine Jugendzeit. Genauer gesagt, an das Jahr 1971. In den Kinos lief damals Schulmädchenreport. Aber die wirklich verstörenden Filme kamen im Fernsehen. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, versteht sich, denn die kommerziellen Massenverblödungsmaschinen, nach deren Vorbild dann schließlich auch die Öffentlichen zu Quotensklaven wurden, waren noch nicht zugelassen.

Gesendet wurden die Filme, die mich faszinierten, immer zu später Stunde - vermutlich, um die werktätige Bevölkerung nicht zu erschrecken - und eine sogenannte “Ansagerin” warnte vorher vor der schwer verdaulichen Kost. (”Ansagerinnen”, für die Jüngeren unter meinen Lesern, waren Damen aus Fleisch und Blut, die zwischen den Sendungen ein paar überleitende oder einführende, oft nicht ganz dumme Worte sprachen und als Vorläufer der heutigen Jingles und Werbespots und der gelegentlich auftretenden geilen Moderatorinnen aus der Werkstatt des Klonschafs Dolly gelten können.)

Einer dieser verstörenden Filme hieß “Die Sonne angreifen“. “Eine interessante, schwer zu entschlüsselnde Parabel über Verantwortung und politisches Engagement,” wird der Film hier beschrieben, und der offenbar immer schon oberschlaue Spiegel sprach vom “Stammeln eines Konfuzius“. Daß ich diese gestammelte Parabel damals als Schüler richtig entschlüsseln konnte, bezweifele ich heute, aber einige Bilder haben sich mir unauslöschlich eingeprägt.

Da waren in vielen Wohnzimmern gerade erst die Buntfernseher auf die Häkeldeckchen gestellt worden, und hier wagte einer, dem Film die Farbe zu nehmen. Blaustichige, fahle, von weißem Licht durchflutete Bilder und merkwürdig “freie” und unkonventionelle Menschen, die die Tür zu einer neuen Welt aufzustoßen schienen, sind das, woran ich mich (hoffentlich richtig) erinnere.

Am Sonntag, dem 20. 4. 2008, habe ich nun den Autor dieses Films, Peter Lilienthal, zum ersten Mal live erlebt, bei der Vorstellung seines neuesten Films “Camilo - Der lange Weg zum Ungehorsam” im Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz (von mir intern gerne “Perverser Platz” genannt). Und bei dem Stichwort “Akademie der Künste” muß ich schon wieder abschweifen.

Berlin ist bekanntlich nicht arm an mißlungener moderner Architektur. Es gibt aber nur wenige Bauten, die - wie der Neubau der Akademie - nur noch durch Komplettabriß gerettet werden könnten. Dieses Gebilde ist offenbar die Verzweiflungstat eines Menschenhassers. Alles an ihm ist anti-ergonomisch. Schiefe Ebenen, die zu steil zum Beschreiten und zu flach zum Erklettern sind, Treppen, deren Stufen zu niedrig sind für den aufrechten Gang, Glasflächen, die einen ins Leere fallen lassen, nichts, was dem Auge Halt geben könnte. Günter Behnisch heißt der Mann, der dies alles verbrochen geschaffen hat. Den Aufzug habe ich gemieden, denn in einem Gebäude wie diesem würde er wohl nur abwärts fahren, und in der Toilette auf Ebene “-1“, wo es im Übrigen drei Jahre nach der Eröffnung immer noch aussieht wie im Rohbau einer Tiefgarage, steht man folgerichtig mit nassen Händen vor dem Handtuchspender und grübelt, in welcher Sprache man ihn wohl ansprechen muß, damit er noch etwas Handtuch spende.

Pariser Platz von Akademie der Künste

Dafür entgleitet der Blick dann aus den oberen Etagen durch die Glaswand hinunter auf den Pariser Platz mit seinen urigen Wiener Fiakern, den indischen Reklame-Rikschas, den Touristentrauben, der französischen Botschaft, die an Häßlichkeit die britische und die neue US-amerikanische noch überbietet, und über die Dächer gespickt mit Deutschland- und Allianzversicherungsfahnen hinüber zum deutschen Big Ben: der Reichstagskuppel. Die Adlon-Portiers um die Ecke im historischen Südstaaten-Outfit muß man sich dazu denken.

Nach elf Jahren in der Akademie der Künste (Berlin) bin ich - sehr spektakulär, was nicht meinem Charakter entspricht - weggelaufen. Die wollten wieder die Restauration. Neue Akademie am Brandenburger Tor. Ausstellen, vorstellen, prominent sein und so weiter. Ich habe gesagt, wir treten ein in das Zeitalter der Nomaden. Wir brauchen kein neues Haus. Wir brauchen Zelte, Wohnwagen, und an dieser Stelle vor dem Brandenburger Tor ist mir lieber ein neues Las Vegas, ein Kinderspielplatz, oder sonst irgendwas, aber keine neue Akademie. Sie haben eine Dreihundertjahrfeier gemacht. Ich muss das nur schnell sagen, weil es alles mit Kultur zu tun hat, mit der Kultur des Dialogs. Ich habe ihnen gesagt: “Da mache ich nicht mit. Ich würde gerne eine Retrospektive von all denen machen, die nicht aufgenommen wurden in der Akademie. Der Rest, das waren Arschkriecher der Monarchen” und so weiter. Die Nachkriegsgeneration hat das nicht begriffen. Die sitzen da wieder am Brandenburger Tor, am Ort des Verbrechens, und feiern Dreihundertjahrfeier mit irgendwelchen Gipsbüsten.

Das sagte Peter Lilienthal im Jahr 2000. Am Sonntag wurde nun, wie schon erwähnt, der neue Film des heute 78jährigen in der Akademie der Künste vorgestellt, und zwar nicht am Hanseatenweg, sondern auf der selbstgestrickten Leinwand (so sieht sie jedenfalls an den Rändern aus) in eben diesem Neubau am Perversen Platz. Es ist schon eine bizarre Idee, eine Filmvorführung in einem Saal zu veranstalten, der sich nicht einmal verdunkeln läßt.

“Camilo” von Peter Lilienthal in der Akademie der Künste

Über den Film selbst möchte ich nicht allzu viel sagen. Was er mit Bildern ausdrückt, läßt sich kaum in Worte fassen. Nur so viel: es handelt sich um einen Dokumentarfilm, aber nicht um einen im Stil eines Michael Moore. Camilo ist leiser und wirkungsvoller zugleich. Statt plakativer Provokation setzt er auf emotionale Wirkung mit künstlerischen Mitteln. Statt zerfetzter Fleischreste auf irakischen Schlachtfeldern zeigt er die Menschen hinter dem Elend, läßt sie für sich selbst sprechen und macht dadurch den Wahnsinn der menschenverachtenden US-Politik um so deutlicher spürbar.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion saßen sich - man möge mir die polemische Zuspitzung verzeihen - drei engagierte Verfechter von Menschlichkeit, Wahrheitsliebe und Verantwortung und ein Politiker gegenüber. Der Politiker war Reinhold Robbe (SPD), der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags. Gleich mit seiner ersten Stellungnahme schaffte er es, mir einen kalten Schauer den Rücken hinunter zu jagen, denn zweimal glaubte ich, ihn die Worte “unsere amerikanischen Freunde” artikulieren zu hören. Andere Zuhörer bestätigten mir später, daß er das tatsächlich gesagt habe, und sogar dreimal. Wie ist es möglich, daß jemand den Dokumentarfilm “Camilo - Der lange Weg zum Ungehorsam” von Peter Lilienthal sieht und direkt im Anschluß daran von “unseren amerikanischen Freunden” spricht? Wissen Politiker nicht mehr, was sie sagen? Müssen Politiker heute eine Gehirnwäsche durchgemacht haben, um in der Öffentlichkeit auftreten zu dürfen? Hatte Robbe den ganzen Film über geschlafen?

Andreas Zumach leitete die Diskussion überaus kompetent und stellte genau die richtigen Fragen. Er war also so ziemlich das genaue Gegenteil der Anne Wills und Maybrit Illners aus der Glotze (die natürlich, im Gegensatz zu ihm, auch auf der Basis profunder Sach-Unkenntnis agieren müssen).

Helmuth Prieß stellte den Bezug zwischen dem Film und unserer bundesrepublikanischen Wirklichkeit her, indem er unter anderem die zunehmende Verstrickung der Bundeswehr in Kriege und andere völkerrechtswidrige Aktivitäten der USA, die indirekte Unterstützung auch des Irak-Kriegs durch die Bundesrepublik und besorgniserregende Entwicklungen ähnlich den in Lilienthals Film gezeigten auch in der Bundeswehr anprangerte und darauf hinwies, daß etwa die Tätigkeit des KSK in Afghanistan kaum parlamentarisch kontrolliert und damit demokratisch legitimiert erfolge, was von Robbe natürlich alles entschieden dementiert wurde. Robbes Ausführungen veranlaßten eine Zuhörerin in der ersten Reihe zu dem lauten und entrüsteten Zwischenruf “Sie wollen uns hier verarschen,” dem ich persönlich nichts hinzuzufügen habe. (Siehe dazu z. B. auch diesen Bericht, der zufällig einen Tag nach der Veranstaltung in der Berliner Zeitung erschien.)

Kurz zuvor hatte Robbe noch von einem Besuch in einer US-Klinik in Landshut erzählt, wo Soldaten mit abgerissenen Gliedmaßen behandelt würden, die sich nichts sehnlicher wünschten als an die Front zurückzukehren.

Peter Lilienthal selbst erwies sich als ungemein liebenswürdiger und bescheidener Zeitgenosse. Sein Film blieb natürlich der stärkste Beitrag zu dieser Veranstaltung, und Jutta Brückner wünschte sich in ihrem schönen Schlußwort sinngemäß, er möge zum Pflichtprogramm an Schulen und für die Mitglieder des Bundestags werden, damit insbesondere letztere ihre Geschichtskenntnisse nicht immer nur aus Spielfilmen im Hollywood-Stil beziehen müßten, eine deutliche Anspielung, wie ich meine, auf “Das Leben der Anderen“, den Schmarrn, dessen Besuch die CDU bundesweit zur Pflicht für Mitglieder und Anhänger ihrer Partei gemacht hat und am liebsten für das ganze Volk machen würde.

Morgen soll “Camilo - Der lange Weg zum Ungehorsam” in die Kinos kommen. Es ist ein notwendiger Film.

Material über Peter Lilienthal (PDF-Datei, 88 Seiten)

Still Life

Donnerstag, den 17. April 2008

Jia Zhang-Ke (*1970) ist ohne Zweifel einer der bedeutendsten lebenden Regisseure. In Platform (2000) begleitete er die Mitglieder einer kleinen Theatertruppe aus der chinesischen Provinz auf dem langen und deprimierenden Weg vom Kommunismus zum Staatskapitalismus. Für mich als Westler wirkte der Film stilistisch wie aus einer anderen Zeit. Die Farben blaustichig und ausgeblichen, der Rhythmus langsam, die Bilder statisch und entrückt wie durch ein verkehrt herum gehaltenes Fernglas, die Handlung unspektakulär, die Botschaft - wie gesagt - wenig erbaulich. Jia Zhang-Ke filmt kompromisslos an den Erwartungen zumindest westlicher, hollywood- und TV-geprägter Zuschauer vorbei. Darin ist er vielleicht noch am ehesten Tarkowskij vergleichbar.

Auf Platform folgten Unknown Pleasures (2002) und The World (2004), in denen das Ergebnis der Umwälzungen an der Gegenwart demonstriert wird: Menschen, deren Leben der Sinn abhanden gekommen ist, entwurzelte, arbeitslose Jugendliche in Unknown Pleasures, die ausgebeuteten, zur Ware degradierten Angestellten eines disneylandartigen Pekinger Vergnügungsparks in The World. Depression findet jetzt in bunt statt.

Mit Still Life (2006) ist Jia Zhang-Ke ein Stück weit zu seinen Anfängen zurückgekehrt: dieselben ausgeblichenen Farben, derselbe langsame Rhythmus. Gleich mit den ersten Bildern werden wir in eine Welt hineingesogen, die uns fremd erscheint. Langsam, sehr langsam gleitet die Kamera über die Gesichter einer Gruppe von Menschen. Es sind ausdruckslose Gesichter, zum Teil vielleicht nachdenkliche oder sogar zufriedene Gesichter, aber jedenfalls die Gesichter von Menschen, die außerhalb der Zeit zu leben scheinen, die einfach nur existieren - im Hier und Jetzt, die nirgendwo hin und von nirgendwo weg zu wollen scheinen - und die sich dabei doch auf einer Fähre befinden.

Kurz bevor die Fähre anlegt, hören wir eine Lautsprecherstimme, die den Umsiedlern erklärt, wo sie sich zu melden haben. Den Menschen, die durch den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms, mit dem sich auch deutsche Konzerne eine goldene Nase verdienen, Wohnung und Heimat verloren haben.

Genau wie die früheren Filme Jias zeigt auch Still Life eine kaputte Welt. Kaputte Landschaft - die Ufer des Jangtsekiang sehen aus wie die spanische Mittelmeerküste, nur nicht so sonnig - kaputte Häuser, kaputte Menschen, kaputte Beziehungen. Selbst die Handlungsstruktur dieses Films ist “kaputt”, denn die beiden Handlungsstränge werden, anders als wir es von vergleichbaren Filmen gewohnt sind, nicht zusammengeführt. Und zu der statischen, entwicklungslosen Tristesse paßt schließlich auch noch, daß der Regisseur uns nicht einmal ein richtiges “End” gönnt. Weder ein “Happy End” noch ein “Unhappy” solches.

Die Menschen im Film wirken freudlos und fremd, manchmal grundlos aggressiv, manchmal unendlich leidensfähig, meistens stoisch. Sogar ihr Umgang mit den Errungenschaften der westlichen Zivilisation scheint seltsam, etwa, wenn sie sich mit dem Handy in der Hand gegenübersitzen, sich gegenseitig anrufen und dann den Klingeltönen lauschen statt hysterisch umherzurennen und dabei Banalitäten ins Handy zu plärren, wie das nach unseren Maßstäben der Fall sein müßte.

Parallelen zu unserer deutschen Gegenwart zeigen sich aber auch manchmal. So zum Beispiel, wenn bei der Party auf der Aussichtsterrasse jemand (ein Bauunternehmer?) zum Handy greift und vom Elektrizitätswerk verlangt, man möge endlich die Brückenbeleuchtung einschalten, da man schließlich Gäste habe, und wenn wenige Sekunden später die riesige Bogenbrücke über den Jangtsekiang in unvorstellbarem Glanz erstrahlt. Da ahnt man, wer im heutigen China das Sagen hat, und denkt unwillkürlich an Reinhard Müller oder Klaus Groth, die sich aber ihres Reichtums doch etwas zu schämen scheinen, denn ihre Weihnachtsbeleuchtung am Gasometer in Berlin fiel wesentlich bescheidener aus.

Gasometer mit Weihnachtsbeleuchtung

Gibt es in diesem Film auch Lichtblicke? Ja, ich empfinde die surrealen Momente, in denen reine Fantasie die Realität aufbricht, als solche. Etwa, wenn das skurrile Denkmal plötzlich zur Rakete wird und davon fliegt oder wenn ein Seiltänzer zwischen zwei Abbruch-Hochhäusern sein Können demonstriert. Flucht in die Fantasie ist Freiheit, die einem niemand nehmen kann.

Wie kommt es übrigens, daß Filme wie dieser in China nicht der Zensur zum Opfer fallen? Die ist offenbar nicht so streng wie man denkt. Nur finanzielle Unterstützung erfährt Jia Zhang-Ke in China nicht. Ohne die großzügige Hilfe von Takeshi Kitano wären seine Filme wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Still Life läuft noch einmal am Montag, dem 21. 4. um 19:30 Uhr im Arsenal 2 am Potsdamer Platz.

“Gott schütze unsere Kinder”

Dienstag, den 1. Januar 2008

Ich bin ja bekanntlich ein begeisterter Fan von VOLKES STIMME, und die erhebt sich derzeit mit Macht im Forum der Volksbühne. Frank Castorfs Inszenierung von “Emil und die Detektive” hat offenbar bei Jung und Alt einen Proteststurm entfacht, der schließlich in einer Tränengasattacke seinen vorläufigen Höhepunkt fand, wobei natürlich für die Journaille von vornherein klar war, daß das Tränengas nur aus der Requisite stammen konnte und nicht etwa aus der Sprühdose einer militanten Mutter im Zuschauerraum.

Hier einige Meinungen zu der Inszenierung:

Das erste Negative ist, dass die Schauspieler keine Headsets hatten. (Khalil Monzer)

Ich war mit meiner Klasse in der Volksbühne und habe Emil und die Detekive angeguckt und ich fande es scheiße .Weil die Oma war ein mann man hat es gehsehen an den Bart sonst ist ja eine oma eine frau und sie ist gewalttätich .sie hat mit ein basball schläger ein stuhl Kapput gemacht.Für jede folge ein stuhl das ist verschwendung .Und das marschingehwer ist so laut das meine ohren taub wurden .Und außer dem kommt das gahrnicht vor in den film .Und ich sage es kla und deudlich
ICH KOMME NIE MEHR IN DIE VOLKSBÜHNE
(Alexander.wolf)

die Geschichte ist in echt ganz anders (Haß , Federicia)

als Dienstag, Proffesor anrief, kam Proffesor rein und hatte noch nicht mal ein Handy bzw. ein Telefon in der Hand. [...] Ich hoffe, dass sie sich das zu Herzen nehmen und vielleicht ein paar Änderungen vornehmen z.B. Headsets für die Schauspieler. (Charly)

Ich fand Emil und die Detektive seh unrealistisch und unübersichtlich. [...] PS.Sie sollten den Schauspielern mal Mikros besorgen. (Maximilian Parl)

ich fande die Wortwahl hätte etwas Koltivierter sein müssen . und die schauspieler hättem wenigstens headsets tragen können (paul. bach)

Headset-Mikrofone weren besser gewesen. [...] die Ausdrücke waren auch nicht schön. (steven Petit-Jean)

Es wurden zu viele Ausdrücke verwendet. (maximilian)

Man hätte ihnen ruhig Headsets geben können, weil wenn man etwas verstanden hat, waren es Ausdrücke. [...] nur die Drehbühne war gut. (Yannick)

also herr Castoff, warum wurden die mikrofone eingespart? (mbischkopf)

Es war doof, dass die Schauspieler keine Mikros hatten. [...] man konnte nicht ganz verstehen wer gut oder böse ist. (Melanie Gudd)

Ihre Schauspieler hätten Headsets tragen sollen. [...] Außerdem hat man nicht gemerkt, wer gut und wer böse war. Alles in allem war ihr Stück scheeeeeeeeeiiiiiiiiiiße. (Sarah)

Was seid Ihr nur für Menschen, falls man euch überhaupt noch als solche bezeichnen kann!!!! [...] Gott schütze unsere Kinder. Diese Gewaltverherrlichung (und das auch noch zu Weihnachten) ist unterste Schublade. Mit einer Kalaschnikow auch noch in die Menge demonstrativ zu schießen, mit einem Baseballschläger Stühle zu “zerkloppen”, Ausdrücke unter der Gürtellinie…Kästner dreht sich gewiss im Grabe um. Das ganze hat mit Neuzeit nichts mehr zu tun. [...] Hoffentlich bekommen die kleinen Bürger (sowie die jungen Schauspieler), die für diese Version des Stückes “missbraucht” wurden, seelischen Beistand oder zumindest Aufklärung. (Jeannette)

Mich hat gewundert,daß nach gewaltverherrlichten Szenen die meisten Erwachsenen mit ihren Kindern auf den Stühlen sitzen blieben und dem Theaterstück fröhnten. (Sabine)

herr Castorf sie waren nch nett zu meiner mutter!!! (Frank)

Wie vor hundert Jahren ohne Headset ect. (Manuela)

Sie sollten sich schämen!!! (Jenny Haertel)

Kommentar Glöckner:

Ich finde es großartig, daß heute praktisch alle Schüler das Wort “Headset” fehlerfrei schreiben können und so hervorragend instruiert sind, worauf es beim Theater wirklich ankommt. Und ich finde es großartig, wie hier das Volk jeden Alters entschlossen aufsteht gegen Gewalt und Unübersichtlichkeit (auf der Bühne). Denn wie sollen die Kleinen sich denn noch unbeschwert im Alltag gegenseitig die Fresse polieren können, wenn ihnen die Fluchtmöglichkeit in eine heile Bühnenwelt genommen wird?

Gott schütze unsere Kinder (vor ihren Müttern und Lehrern)! Und Gott schütze unsere Gesellschaft (vor ihren Kindern)!