Wenn Bürger aufbegehren gegen willkürliche, unsinnige, vielleicht sogar menschenverachtende, die Lebensqualität vieler beeinträchtigende Entscheidungen und Pläne der Politiker und sich beispielsweise in Bürgerinitiativen zusammenschließen, ist das meist zu begrüßen. Der Kampf gegen solche unerträglichen Planungen kostet viel Zeit und Kraft, und früher oder später wird sich die Frage nach dem Erfolg der Bemühungen stellen.
Mindestens zwei Berliner Initiativen hatten in letzter Zeit Erfolge zu verzeichnen. Die Initiative Mediaspree versenken! konnte in einem Bürgerentscheid 87 % der Abstimmenden gegen die wahnwitzigen Pläne eines “Spree-Manhattan” mobilisieren, die Bürgerinitiative Gasometer konnte die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Medien auf die dubiosen Machenschaften im Dunstkreis des Gasometerprojekts lenken. Beide Initiativen haben Spekulanten und Profiteuren erfolgreich Sand ins Getriebe gestreut. Die Investoren müssen nun ihre Fahrt verlangsamen, vielleicht von ihren Lakaien den Sand aus dem Getriebe spülen lassen oder - im für die Bürger günstigsten Fall - sogar aussteigen und ihre Fahrt in einem anderen Rolls-Royce fortsetzen. Die Frage, die ich mir dabei - auch auf die Gefahr hin, mich wieder unbeliebt zu machen - stelle, lautet: reicht das?
Uneingeschränkt bejahen kann man diese Frage wohl nur, wenn man über die Gabe der selektiven Wahrnehmung verfügt oder nur seinen eigenen, eng umgrenzten Interessenbereich betrachtet. Zwar zeigt die arrogant aggressive, die Bürger offen diffamierende Art, wie Politiker wie Junge-Reyer, Sarrazin oder Baldow (alle SPD) sich derzeit in der Öffentlichkeit gebärden, daß sie sich in die Enge getrieben fühlen. Aber: die Fahrt geht in derselben Richtung weiter, von Einsicht keine Spur, und bei Gegenwind treten die Vermarkter des Lebens und der Welt nur umso kräftiger aufs Gaspedal.
Nehmen wir zum Beispiel diese Meldung aus der Berliner Morgenpost. “Berlin bekommt eine Energie-Universität,” heißt es da, “doch das [am Schöneberger Gasometer] geplante Projekt ‘Europäisches Energie Forum’ steht auf der Kippe.” Scheinbar eine gute Nachricht, zumindest für diejenigen, die einen weiteren Potsdamer Platz am Gasometer verhindern wollen.
In Wirklichkeit handelt es sich um eine verheerende Nachricht. Nicht, daß das Hirngespinst “Europäisches Energieforum” auf der Kippe steht, ist nämlich das Wesentliche, sondern daß hier ein gigantischer Lobbyisten-Brutkasten der Energiewirtschaft aufgebaut wird, mit potentiell verheerenden Folgen für die Opfer der daraus resultierenden Politik, die Menschen. Wo dieser Brutkasten entsteht, ob am Schöneberger Gasometer, an der Spree, auf einer Müllkippe in Brandenburg (wo er vielleicht noch am ehesten hingehört) oder sonstwo, ist dabei völlig sekundär.
“Global Energy Institute” soll die Privatuniversität heißen, denn auch noch Deutsch zu lernen, dazu hat die crème de la crème der heutigen Akademikerschaft nun wirklich keine Zeit. “Hinter dem ambitionierten Projekt steht die Hamburger ‘Zeit’-Stiftung,” die “geistige Elite” unserer Gesellschaft also. “Die Bundesregierung unterstützt das Projekt, vor allem Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) haben Interesse an einer solchen Einrichtung, die auch als Denkfabrik und Politik-Beratung zu diesem Zukunftsthema fungieren soll.” Gedanken als Fabrikware? Im Fall von Steinmeier und Schavan ist dieses Outsourcing von Fließbanddenken der Eigenleistung vielleicht tatsächlich vorzuziehen. Als Sponsoren sollen die Automobilindustrie, Energieversorger und Ölkonzerne fungieren, also diejenigen, die die Energievorräte der Erde am schamlosesten ausgebeutet und vernichtet haben und die absolut null Interesse an Verzicht auf Energieverschwendung haben. Und das “Ziel ist, Studenten zu Energiegestaltern für Führungspositionen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik auszubilden.”
Das interessanteste Wort in diesem letzten Satz ist “Energiegestalter“. Wer solch ein Wort, wie es wohl nur aus der Buchstabensuppe eines Gehirnamputierten geschöpft worden sein kann, ohne Anführungszeichen verwendet, verrät dadurch mehr über seinen eigenen Geisteszustand, als ihm lieb sein kann. Und damit sind wir schon beim eigentlichen Thema.
Um angesichts des Erfolgs von Bürgerprotesten nämlich insgesamt optimistisch gestimmt zu sein, genügt es nicht, konstatieren zu können, daß den Mitverantwortlichen für eine negative Entwicklung Sand ins Getriebe gestreut wurde. Es muß zumindest eine negative Entwicklung in eine positive verkehrt worden sein. Man darf nicht mehr den Akteuren - um Korrekturen feilschend - immer verzweifelter in die verkehrte Richtung hinterherlaufen müssen, sondern die Fahrt muß - wie langsam auch immer - jetzt in die richtige Richtung gehen. Und der Hydra dürfen nicht für jeden abgeschlagenen Kopf zehn neue nachwachsen. Ein solcher Zustand läßt sich nach meiner Überzeugung aber nur durch ein radikales Umdenken in der gesamten Gesellschaft erreichen, das auch die Politiker zur Umkehr zwingt. Und von diesem Umdenken sind wir, wie der obige Morgenpost-Artikel stellvertretend für nahezu alle Medienberichte zeigt, weiter entfernt denn je.
In der Sprache spiegelt sich das Denken (oder eben das Fehlen desselben), und die Bereitschaft aller, nicht nur der Medien, die die herrschende Ideologie transportierenden und ansonsten inhaltsleeren Sprechblasen der Werbung (und heute ist alles Werbung) kritiklos unendlich zu vervielfältigen, nimmt nach meinem Eindruck trotz isolierter Erfolge einer Gegenbewegung unaufhörlich zu. Von einer allgemeinen Umkehr, einem Umdenken oder auch nur Hinterfragen, kann keine Rede sein. Selbst im Umfeld der Bürgerinitiativen ruft ein Begriff wie “Stadtumbau” kaum Gänsehaut hervor. Auch dort palavert man von “Aufwertung” der Flächen, die notwendig sei, und von “Nutzungskonzepten“, und man sagt “Brache” statt “Natur” und übernimmt damit die herrschenden Wertvorstellungen und die Terminologie der Ausbeuter, für die alles, auch Boden, Tier und Pflanze, nur dazu da ist, für eigene Zwecke mißbraucht und zu Geld gemacht zu werden.
Diese Haltung ist keine Minderheitsmeinung, und sie nimmt nicht nur nicht ab, sie wird von den meisten nicht einmal bekämpft oder als falsch erkannt.
Ein weiteres Beispiel: als das Hauptstadtblog eine Notiz zur Leuchtreklame am Gasometer brachte, dauerte es selbst an einem Sonntag mitten im Sommerloch nicht allzu lang, bis der erste Leserkommentar von dieser Qualität eintrudelte:
gaehn… typisch deutsche bedenkentraegerei [...] jetzt gab es eine testphase und keine beschwerden - reicht offenbar einigen querulanten immer noch nicht. berufsnoergler, was? [...] irgendwer hat immer etwas zu meckern. meinetwegen. schade, dass diesen leuten jedoch immer so viel raum eingeraeumt wird.
Auch solch ein Kommentar ist nicht das Ergebnis eines Unglücksfalls im Haushalt seines Verfassers. Auch er ist typisch für das “Denken” weitester Bevölkerungskreise (siehe auch hier). Und er ist, wie auch z. B. die inhaltlich vergleichbare Stellungnahme Ingeborg Junge-Reyers zu Mediaspree versenken, das Ergebnis jahrzehntelanger neoliberaler Gehirnwäsche, die nicht nur bei den Politikern, sondern auch bei der Mehrheit der Bevölkerung gegriffen hat.
Seit Helmut Schmidt ist dieses Land in der Hand der “Macher”. Es wäre höchste Zeit, den Machern das Zepter aus der Hand zu nehmen und es den “Denkern”, den “Bedenkenträgern”, “Querulanten” und “Berufsnörglern” von mir aus, wieder in die Hand zu geben. Das zu erreichen wäre die eigentliche Aufgabe. Aber es ist eine übermenschliche Aufgabe. Nicht nur, weil die Erreichung dieses Ziels in einer Demokratie die Einsichtsfähigkeit der Masse voraussetzen würde, einer Masse, der das Denken gerade über Jahrzehnte hinweg durch Glotze, Handy, MP3-Player, Sport, Internet und sonstige Kuchen und Spiele im Interesse der Reichen gezielt abtrainiert worden ist, sondern auch, weil es kaum noch Denker gibt. Und die, die es vielleicht noch gibt, die haben vermutlich inzwischen keine Lust mehr.

Nach so viel Bedenkenträgerei ist es nun Zeit für etwas Optimismus. In unserer “Rosa-Herzchen-Serie” holen wir uns den heute aus der Berliner Zeitung.
Die erste positive Meldung lautet: die SPD hat zwei neue Mitglieder. Louisa Tomayer (l.), 16, und Geraldine Richter, 16, sind den Jusos beigetreten. “Sozialismus ist halt schon ein krasses Ding,” werden sie in dem Blatt zitiert. “Besser wäre es, wenn man so ein gesundes Mittelding finden würde.”
Die zweite aufbauende Nachricht erreicht uns aus Afghanistan. Dort wurde mit über 100 000 US-Dollar das Projekt “Skateistan” ins Leben gerufen, das “im Lauf von zwölf Monaten 60 afghanischen Schülern und Schülerinnen die Grundlagen des Skateboardens, Lehrtechniken, das Management von Skate-Parks sowie englische Sprachkenntnisse vermitteln” soll. Und dies noch dazu in der wärmenden Obhut ausländischer Beschützer.
Diese Meldung stimmt gleich aus zweierlei Gründen fröhlich. Zum einen ist es einfach wundervoll, daß nun den afghanischen Jugendlichen das schwere Los unser aller Vorfahren erspart bleibt, die allesamt ohne Skateboard ihr armseliges Dasein fristen mußten, zum anderen ist es tröstlich zu wissen, daß wir Deutschen mit unserer überwiegend unterbelichteten Jugend nicht alleine dastehen.