Archiv der Rubrik “Wirtschaft”

Für Jakob Schlandt muß das Rad erst noch erfunden werden

Montag, den 9. Juni 2008

Die Weltwirtschaft ist bedroht. Es grassiert die Angst vor einer globalen Rezession. Eine dramatische Verteuerung des Rohöls hat weltweit Entsetzen ausgelöst. “Das ist ein Schock“, meint der US-Energieminister. Und der die Bürde auf sich genommen hat, uns diese Hiobsbotschaft zu überbringen, ist kein Geringerer als Jakob Schlandt von der Berliner (Bild-)Zeitung, der unermüdliche Kämpfer für die Idee, Umweltzerstörung müsse bezahlbar bleiben.

Kein Problem, sagt dagegen der Chef des US-Konzerns Chevron. “Die großen Ölkonzerne sehen bislang keine Knappheit.” Allerdings “müßten die weitgehend nationalisierten Ölvorkommen stärker den Ölmultis zugänglich gemacht werden.” Im Klartext: die Staaten, die unverschämterweise auf den Ölvorkommen sitzen, gehören enteignet und ihr Eigentum zu unserem Wohl den Ölmultis überschrieben. Wie’s gehen müßte, hat schließlich der Irakkrieg gezeigt.

In einem zweiten, versehentlich “Analyse” überschriebenen Artikel zum selben sensationellen Thema erläutert Schlandt, daß es “vor allem in der Mobilität derzeit noch keine Alternative zum Öl” gebe. Alternativen zur Mobilität, Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe der Wohnungen, Wohnungen in der Nähe der Arbeitsplätze, Abschiednehmen von dem Wahn, immer woanders sein zu wollen als da, wo man gerade ist - alles derzeit nicht machbar. Und auch das Fahrrad müßte für Schlandt erst noch erfunden werden.

Aber fürchtet Euch nicht - Jakob Schlandt hat auch eine Vision. “Der enorm hohe Ölpreis könnte den Startschuß geben für eine noch nie da gewesene Welle technischer Innovationen im Energie- und Umweltbereich.” Das Perpetuum Mobile steht vor der Tür.

Jakob Schlandts Ideen auf dem Prüfstand

Crash-Kurs “Sponsoring”

Mittwoch, den 14. Mai 2008

53 % der Deutschen glauben, der Euro sei schuld daran, daß sie immer weniger in der Tasche haben. Man bräuchte den Euro nur wieder umzutaufen in Mark, und alle Probleme seien behoben.

Mindestens ebenso vielen Deutschen stehen Tränen der Rührung und Dankbarkeit in den Augen, wenn ein Sponsor wieder einmal in die Tasche greift und ein paar Millionen - Euro oder was auch immer, das ist bei dieser Größenordnung egal - seines schwer und ehrlich erarbeiteten Geldes unter das Volk streut.

Ja, es gibt sie noch, die guten Reichen. Hier ein paar Millionen für eine Schule, eine Universität sogar, da ein paar Millionen für ein Museum oder Theater, für den Sport sowieso, und schon liegen ihnen die Politiker aller Couleur winselnd vor Glück zu Füßen, und die Bevölkerung gibt für die nächsten zehn Jahre wieder bereitwillig ihren Restgeist auf.

Auch mir kommen bei solchen Gelegenheiten immer die Tränen. Tränen der Trauer und der ohnmächtigen Wut über die 53 und mehr Prozent.

Deshalb heute ein kleiner Nachhilfekurs zu diesem Thema. (Keine Angst, mein Crash-Kurs ist zwar hart, aber fair. Hier braucht man kein Diplom einer Elite-Universität in Volksverdummung. Hier reicht ein bißchen gesunder Menschenverstand, wie ihn früher jeder Bauer besaß, der auf seinen Feldern Lebensmittel anpflanzte statt den Sprit, den sein Traktor auf der Fahrt zum Supermarkt verbraucht.)

Erste Frage: Sponsoren geben freiwillig Millionen und Abermillionen für öffentliche Aufgaben aus. Was zeigt uns das? Daß diese Menschen ein gutes Herz haben?
Falsch. Es zeigt, daß sie sogar nach ihren eigenen, sicherlich nicht sehr bescheidenen Maßstäben Geld übrig haben.

Wieso haben sie so viel Geld übrig?
Weil sie gemessen an ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit zu wenig Steuern zahlen.

Warum ist die “öffentliche Hand”, also der “Staat”, heute nicht mehr in der Lage, die Leistungen für die Allgemeinheit zu erbringen, die früher selbstverständlich waren?
Weil die Spitzenverdiener und Konzerne heute, gemessen an ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit, zu wenig Steuern zahlen.

Warum macht das nach Meinung der Politiker nichts?
Weil die Spitzenverdiener und Konzerne einen Teil ihrer Steuerersparnisse dafür verwenden, öffentliche Aufgaben zu übernehmen.

Warum übernehmen die Spitzenverdiener und Konzerne freiwillig öffentliche Aufgaben?
a) Weil es ihr Image verbessert und den Druck nach Veränderung abschwächt.
b) Weil sie so selbst bestimmen können, wofür in unserer Gesellschaft Geld ausgegeben wird und was für Aktivitäten gefördert oder verhindert werden. Weil sie also Macht übernehmen können.

Warum nehmen die Politiker die teilweise Machtübernahme durch die Privatwirtschaft bereitwillig hin?
Weil sie dadurch weniger Arbeit haben. Sie brauchen die Erbringung der öffentlichen Leistungen nicht mehr selbst zu organisieren und können sich wichtigeren Themen, wie z. B. dem Rauchverbot in Gaststätten, zuwenden.

Auf welche andere Weise könnten Politiker noch von dieser jetzigen Regelung profitieren?
Diese Frage stelle ich meinen Lesern als Hausaufgabe.

Zusammenfassung des bisher Gelernten:

“Sponsoring” ist die werbewirksame teilweise Rückzahlung vorenthaltener Steuern bei gleichzeitiger partieller Machtübernahme im Staat.

Stiftung Tote Stadt

Freitag, den 2. Mai 2008

Ströer - Platz der Luftbrücke

Es ist kaum zu übersehen: die Werbetafeln schießen aus dem Berliner Betonboden wie die Giftpilze. Was aber dem kritischen und in Fragen der Ästhetik nicht ganz gehandicapten Bürger wie letzte Zuckungen eines agonisierenden Gemeinwesens anmutet, ist in Wirklichkeit von langer Politikerhand geplante “Belebung” einer Stadt.

Deregulierung” heißt das neoliberale Zauberwort, das Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) in Berlin mit Leben erfüllte, als sie 2005 die neue Bauordnung verabschieden ließ, die neben anderen Greueltaten, wie etwa der Verstrahlung der Bevölkerung durch Mobilfunkantennen, auch das Werben im öffentlichen Raum erleichterte.

Bereits zwei Jahre zuvor hatte ihr Vorgänger im Amt, Peter Strieder, den Kurs mit dieser Präsentation vorgegeben, die heruntergewirtschaftete öffentliche Bedürfnisanstalten den schönen neuen Werbeträgern von Wall und Ströer gegenüberstellt. Die Botschaft scheint klar: man muß öffentliche Einrichtungen nur lange genug verkommen lassen, dann wird sich die Bevölkerung schon irgendwann alle zehn Finger nach ihrer Kommerzialisierung lecken.

Werbung Yorckstraße

Gehalten hat Strieder seinen Vortrag damals auf einem Symposium der “Stiftung Lebendige Stadt“. In dieser gemeinnützigen und damit steuerbegünstigten, “selbstlos tätigen” Stiftung haben sich “renommierte Vertreter aus Verwaltung und Politik, Kulturschaffende, Wissenschaftler und Vorstände von Unternehmen” zusammengeschlossen, um das Erscheinungsbild der Städte nach ihrem Gusto zu gestalten. Es handelt sich damit also um eines jener klassischen “Netzwerke”, die heute als soziale Hängematte der Reichen und Superreichen gelten können und dafür sorgen, daß Macht zu Geld kommt (oder umgekehrt). Nur Werbetafeln und Einkaufszentren sind in den letzten Jahren in noch größerer Zahl aus dem Boden gestampft worden als derartige “Stiftungen”.

Die Stiftung Lebendige Stadt wurde im Jahr 2000 völlig selbstlos von Alexander Otto, dem Mann mit dem Haifisch-Lachen, gegründet. Alexander Otto ist zufällig der Sohn von Werner Otto, dem Gründer des Otto-Versands, und zufällig mit seiner Firma ECE auch Herrscher über eine Vielzahl von Bürohochhäusern und anderen Immobilien sowie insgesamt 82 Einkaufszentren, von denen sieben in Berlin stehen.

Und zufällig auch versammelt seine Stiftung ausgerechnet Architekten, Planer, Gutachter und die die Objekte genehmigenden Politiker um ihre runden Tische.

Die gemeinnützige Stiftung, dieses Feigenblatt für Einkaufszentren mit stadtzerstörerischer Wirkung, organisiert ein vielfältiges Netzwerk, in dem Politik, Stiftung und ECE verflochten sind,” schrieb die Süddeutschen Zeitung 2006. “Im Stiftungsrat sitzt auch der Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts GfK Prisma, das einen großen Teil der ‘Verträglichkeitsgutachten’ erstellt, die für die Genehmigungsfähigkeit von Einkaufszentren erforderlich sind.

Auch in Berlin war die GfK GeoMarketing in beträchtlichem Umfang sowohl für private Investoren als auch öffentliche Auftraggeber tätig, im Jahr 2003 (dem Jahr, als Peter Strieder bei der Stifung Lebendige Stadt seinen Vortrag hielt) z. B. für die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Und das Ergebnis der “Qualitätsgutachten” (die manche für etwas ganz anderes halten) waren allzu oft Einkaufszentren - mit verheerenden Folgen für die Stadt als Lebensraum.

[...] was hier geschieht, ist so etwas wie die schleichende Entmachtung der Bürger - mit deren Einverständnis, wohlgemerkt. Der “Freiraum Stadt” wird zum Zweckraum degradiert. Öffentlicher Raum wird privatisiert und kontrolliert. Aufhalten darf man sich darin nur, solange man zahlungskräftig ist und Ruhe gibt. Früher machte Stadtluft frei. Diese Freiheit verspielen nun die Städte selbst.

Gert Kähler in der Süddeutschen Zeitung

Denn die Center besetzen nicht allein die geografische Mitte der Stadt und verändern sie so. Sie sind steingewordene Politik. Sie machen variablen öffentlichen Raum zu weitgehend uniformem privatem Raum; es gilt nicht mehr, was die Stadt will, es gilt, was der Eigentümer oder Vermieter will.

Rainer Frenkel in Die Zeit

Wäre also die europäische Stadt schon immer so durchrationalisiert, überwacht und aufpoliert wie die ECE-Center gewesen,­ unsere Welt sähe anders aus, ärmer und undemokratischer. Und diese Welt scheint nun zu drohen. Denn das Prinzip ECE greift mittlerweile auch dort, wo kein ECE ist. Hohe Sicherheit, keine Bettler, viel Eventzirkus, daran haben sich die Kunden gewöhnt. Daher versuchen nun die Innenstädte der Shopping-Center-Konkurrenz zu trotzen, indem sie diese imitieren. Die Citys werden gleichförmiger, kontrollierter, festivalisierter, überall verstellen kreischbunte Kunstbären, Kunstlöwen, Kunstwasserträger die Straßen. Hingegen wird der eigentliche Reiz des Urbanen, das Unvorhersehbare, das Freigesinnte, gern als Risiko betrachtet und an den Rand gedrängt. “Stadtluft macht nicht mehr frei”, sagt der Soziologe Werner Sewing. “Stadtluft macht Konsumenten und Touristen.”

Hanno Rauterberg in Die Zeit

Das klingt fatal nach einer Beschreibung des Zustands unserer Hauptstadt, denn auch in der ist der “Eventzirkus” längst Dauergast.

Die Spezialisten für Events sitzen, man ahnt es schon, im Stiftungsrat und Vorstand der Stiftung Lebendige Stadt. Zum Beispiel Michael Batz. Er ist Beleuchter - Verzeihung: “Lichtkünstler“. Ganze Städte hat er schon in sein buntes, alles gleichmachendes Theaterkulissen-Kitsch-Kunstlicht getaucht, in Berlin den Reichstag und das Schloß Bellevue illuminiert, gerne auch mit dem Philips-Konzern im Rücken (dessen Deutschland-Zentrale zufällig von ECE gebaut wurde), und wenn man ihn ließe, würde er sicher auch noch die Kanzlerin auf dem Klo anstrahlen (eine angemessene Vergütung vorausgesetzt).

Demnächst erwartet die “Bürgerinnen und Bürger” von Berlin sogar ein “ganz besonderes Geschenk“: die “dauerhafte Gesamtillumination” des Reichstagsgebäudes, größtherzig überreicht von der Stiftung “Lebendige Stadt”, der Stiftung “Zukunft Berlin” und der Sparkassen-Finanzgruppe. Die laufenden Stromkosten sollen “bei unter zwei Euro pro Betriebsstunde” liegen, was natürlich super-günstig ist. Nur Menschen arbeiten schließlich zum Teil für weniger. Zudem soll die Illumination laut Dr. Volker Hassemer (CDU), dem Berliner Bausenator a. D. und Vorstandsvorsitzenden des zweiten gemeinnützigen Lobbyisten-Netzwerks Stiftung Zukunft Berlin, “beispielgebend für effizienten und verantwortungsvollen Umgang mit Energie sein und die Bevölkerung für den schonenden Umgang mit Ressourcen sensibilisieren“, und wie ginge das besser als durch ein abschreckendes Beispiel, das sicher nur rein zufällig ganz nebenbei dem Stiftungsmitglied Vattenfall als Lieferanten der verschwendeten Energie wohl nicht ganz ungelegen kommen dürfte?

Insgesamt kann man sagen, daß Peter Strieders Visionen von der “lebendigen Stadt” vier Jahre nach seiner Amtsübergabe an Ingeborg Junge-Reyer weitgehend verwirklicht sind: die Stadt erstickt in Werbung und Show- und Unterhaltungskitsch, die Einkaufszentren und Bürohochhäuser sprießen, und auch die Vision vom Umbau des Schöneberger Gasometers zur Mammut-Litfaßsäule wird bald wieder Wirklichkeit. Mit Werbung verhüllt war der Gasometer ja schon einmal, damals mit der Genehmigung von Bezirksstadträtin Elisabeth Ziemer (Bündnis 90 / Grüne). Diesmal wird die Werbeaktion als Kunstvorhaben getarnt und von Wirtschaftssenator Harald Wolf (Die Linke) gefördert.

Und übrigens: im Stiftungsrat der Stiftung Lebendige Stadt sitzt zufällig auch noch Dr. Eckart John von Freyend, der Chef-Lobbyist der Immobilienbranche, Aufsichtsratsvorsitzende von Reinhard Müllers Gasometer-Entwicklungsfirma KONZEPTplus und frühere Vorstandsvorsitzende von Müllers engem Geschäftspartner IVG Immobilien AG.

Daß auch die Berliner Senatorin für Stadtentwicklung im Stiftungsrat von Alexander Ottos Stiftung sitzt, braucht wohl nicht eigens erwähnt zu werden.

Die Politiker machen Städte, die in 1000 Jahren entstanden sind, in wenigen Jahren kaputt“, sagt der Autor des Buchs “Angriff auf die City”, der Düsseldorfer Stadtplaner und Architekt Walter Brune. Hauptsache, die Kasse stimmt. Das tut sie aber nur für einige wenige. Für international tätige Investoren “spielten Zahlungen von ein paar Millionen Dollar durch Mittelsmänner überbracht an Abgeordnete, Politiker, Journalisten großer Zeitungen oder sonstige positiv zu stimmende Personen keine Rolle“, wird Brune, der selbst einige Einkaufszentren baute, in der Zeit zitiert. Die breite Masse hingegen wundert sich nur, wieso plötzlich kein Geld mehr da sein soll, ein paar Bedürfnisanstalten unter städtischer Regie zu betreiben, oder wieso die Renten plötzlich nicht mehr finanzierbar sein sollen und die Jungen gegen die Alten aufgehetzt werden müssen, damit nicht beide gemeinsam gegen diejenigen aufstehen, die der Gemeinschaft mit Unterstützung der Politiker das meiste Geld entziehen.

ALLE MACHT GEHT VOM VOLKE AUS!

Mittwoch, den 23. April 2008

Flughafen Tempelhof

FREIHEIT FÜR
   Michael Diekmann
   Dr. Mathias Döpfner
   Dr. Jürgen Hambrecht
   Dieter Zetsche
   Hartmut Mehdorn
   René Obermann
   Dr. August Oetker
   Dr. Herbert Walter
   Peter Dussmann
   Dr. Eckhard Cordes
   Dr. Wendelin Wiedeking
   Dr. Thomas Guth
   Dr. Jürgen Großmann
   Peter Löscher
   Professor Dieter Stolte
   Dr. Ekkehard Schulz
   Dr. Michael Frenzel
   Dr. Mathias Wissmann
   Prof. Dr. Martin Winterkorn
   Daniel Wall

KOMMANDO FRIEDBERT PFLÜGER

Das Hohelied des Mittelstands

Montag, den 18. Februar 2008

Managergehälter in Millionenhöhe, während Normalsterbliche ihre Vollzeit-Arbeitseinkünfte mit Sozialhilfe aufstocken müssen? Rekordgewinne durch Massenentlassungen? Manager, die von einem Bestechungs- und Steuerhinterziehungsskandal in den nächsten taumeln? Solcherlei Nachrichten müssen irgendwann ihren Weg selbst unter die Schlafmütze des deutschen Michel und in die etablierten Medien finden. Der Michel ist entsetzt über die plötzliche Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, die Medien und Politiker sind entsetzt über den Michel und den “Linksruck”, den sie in der öffentlichen Meinung ausmachen zu können glauben. Und die Wirtschaft? Die bemüht sich um Schadensbegrenzung, indem sie ihre ehrenwerten Vertreter von Talkshow zu Talkshow schickt, wie beispielsweise den ex-IBM-Manager, ex-BDI-Vorsitzenden und bekannten Scharfmacher Hans-Olaf Henkel ins ZDF-Nachtstudio oder Patrick Adenauer, den Präsidenten des Verbandes “Die Familienunternehmer - ASU“, zum Geplauder mit der Vorstandsvorsitzendengattin Maybrit Illner.

Die “Argumente”, die die Herren da vortragen, sind immer dieselben. Das heißt, eigentlich ist es überhaupt nur eines: die Wirtschaftsbosse, die sich da möglicherweise schamlos verhalten haben und dadurch möglicherweise zu recht das Mißfallen der Öffentlichkeit auf sich gezogen haben, sind absolute Ausnahmen, sind sozusagen die schwarzen Schafe im großen Teich der gutmütigen Wirtschafts-Karpfen. Brutal-Kapitalismus, den gibt es - wenn überhaupt - dann nämlich nur bei einigen der ganz großen, börsennotierten DAX-Konzerne. Die weitaus meisten Unternehmen hierzulande sind aber mittelständische Unternehmen und damit die Guten.

“Mittelständisches Unternehmen”, das klingt für die Michel zu Hause an den Bildschirmen nach einem etwas größeren Handwerksbetrieb, wo der Chef morgens als erster im Blaumann das Werkstor aufschließt und abends als letzter das Licht ausmacht. Da wird ihnen warm ums Herz, denn das sind die Unternehmer, die es zu unterstützen gilt, denn sie haben es schwer, gebeutelt von einer übermächtigen Steuer- und Abgabenlast wie sie nun mal sind.

Die Wirklichkeit sieht allerdings etwas anders aus. Als “mittelständisch” bezeichnen sich nämlich praktischerweise auch international operierende Konzerne mit Milliardenumsätzen, Millionengewinnen im dreistelligen Bereich, zig-tausend Beschäftigten (überwiegend im Ausland natürlich) und Niederlassungen in aller Herren Ländern. Die haben zwar alle einmal als kleiner Familienbetrieb angefangen, aber das war vor über 100 Jahren. Heute trifft die Bezeichnung “mittelständisch” bestenfalls noch auf jede einzelne der zahllosen Firmen zu, in die sie sich mittlerweile aus Steuer- oder ähnlichen Gründen aufgespalten haben.

Die Anteilseigner dieser Unternehmen sitzen auf den Bahamas und warten dort auf die Überweisungen aus Deutschland. Es sind die Kinder oder Enkel der letzten Unternehmer, die sich noch persönlich vor Ort um das Wohl ihrer Firma gekümmert und selbst etwas geleistet haben. Die Drecksarbeit lassen die heutigen Gesellschafter von Geschäftsführern machen, deren Wohl und Wehe, genau wie bei den DAX-Unternehmen, von den Gewinnen abhängt, die sie “erwirtschaften”. Auch mittelständische Unternehmen haben deshalb schon beinahe jahrzehntelang Personal reduziert bis der Arzt kommt, haben Unternehmensteile ausgegliedert, um Tarifverträge aushebeln zu können, haben alle sich bietenden Steuerschlupflöcher genutzt, Festangestellte durch schlechter bezahlte Leiharbeiter ersetzt, Arbeitnehmer zu Lohnverzicht und unbezahlten Überstunden genötigt und durch Streichung von Sonderzahlungen etc. Lohndumping betrieben.

Bis der deutsche Michel aber kapiert, daß auch die mittelständischen Unternehmen nicht das Gelbe vom Ei sind und das eigentliche Problem nicht der einzelne psychische Defekt einer individuellen Unternehmer”persönlichkeit” ist, werden wahrscheinlich noch ein paar Jahrzehnte mehr vergehen, und bis dahin haben wir sicher längst noch viel größere Probleme.

Der Mittelstand feiert (1)Der Mittelstand feiert (2)
Manager eines “mittelständischen” schwäbischen Unternehmens - hier unschwer als Angehörige der geistigen Elite des Landes erkennbar - feiern ihren Erfolg

Der Brief

Freitag, den 18. Januar 2008

Gestern erhielt eine mir bekannte Person einen wichtigen Brief. Ausweislich des Poststempels war der Brief genau einen Monat zuvor, am 17. Dezember 2007, abgeschickt worden. Die Adresse war korrekt: Klaus-Zumwinkel-Str. 1. Unter dem Adressfeld klebte ein Aufkleber mit folgendem Text:

Sdg nachadressiert wg. unkorrekter Anschrift
Bitte Abs. verständigen! Deutsche Post

ermittelte Anschrift:

Klaus-Zumwinkel-Str. 1A

Dies warf empfängerseits zwei Fragen auf.

Erstens: wieso braucht die Post einen Monat, um eine falsche Anschrift zu “ermitteln”? Ich, beispielsweise, könnte falsche Anschriften praktisch im Sekundentakt “ermitteln”. Angela Merkel, Straße der sozialen Verantwortung 1, Wolfgang Schäuble, Große Freiheit 1A, Friedbert Pflüger, Platz der Muffkrücke, …

Zweitens: meint die Post das ernst, daß man nun alle Bekannten bitten soll, die Briefe zukünftig falsch zu adressieren, damit sie richtig ankommen?

Um diese Fragen zu klären, suchte die Person das Postamt ihres verlorenen Vertrauens auf. Am Schalter erklärte man ihr, alle dort tätigen Personen seien Bedienstete der Postbank und somit unzuständig. Briefe und sonstige Sendungen bearbeite man lediglich im Auftrag. Ein Auftrag, auch Reklamationen zu bearbeiten, liege aber nicht vor. Dafür befände sich im Vorraum ein Service-Telefon.

Im Hörer des Service-Telefons tutete es unentwegt. Keine Schnulzenschleife, keine Automatenstimme, nur Tut-Tut-Tut.

Science fiction? Nein, Ausverkauf Deutschlands.

Geschäft mit der Angst

Donnerstag, den 10. Januar 2008

Mit einem wunderschönen Werbe-Artikel für Rauchmelder hat Lutz Schnedelbach heute die Titelseite des Lokalteils der Berliner Zeitung gefüllt.

Sie könnten noch leben - ein 48-jähriger Mann aus Marzahn und eine 78-jährige Rentnerin aus Treptow. Die Feuerwehr ist sich ganz sicher. Sie hätten nur jeweils knapp fünf Euro in einen Rauchmelder investieren müssen. Dann wären sie, so argumentiert Feuerwehr-Chef Wilfried Gräfling, von einem durchdringenden Alarmton aufgeschreckt worden. So aber haben sie nicht bemerkt, dass - jeweils in der Küche - ein Feuer ausbrach, dass die Flammen den gesamten Sauerstoff in der Wohnung aufbrauchten, dass geruchloses Kohlenmonoxid durch die Wohnung waberte, das sie schwindelig und müde werden ließ. Schließlich sind sie erstickt.

Das ist wirklich gemein von dem Kohlenmonoxid, einfach so geruchlos wie Handy-Strahlung durch die Wohnung zu wabern und Menschen müde zu machen bis zum Exitus.

Zum Glück weiß Lutz Schnedelbach Abhilfe. Die weiß er von der Feuerwehr, und die Feuerwehr weiß so ziemlich genau dasselbe wie beispielsweise die Hausverwalter, von denen ich zumindest weiß, woher sie ihr Wissen haben, nämlich von den Anbietern der Rauchmelder, wie beispielsweise der ista, in Insiderkreisen auch als “Abzocker-Konzern” bekannt. Das Unternehmen pflegt ein sehr inniges Verhältnis zu den Verwaltern, die es in vielerlei Hinsicht fördert und denen es sein Angebot gerne u. a. auch auf Seminaren nahebringt. Dort erfahren die Verwalter dann das, was auch Herr Schnedelbach und die Feuerwehren wissen, nämlich, daß “nur in 36 Prozent der deutschen Haushalte” ein Rauchmelder existiert und daß Amerika - JA!!! AMERIKA!!!!! - schon viel weiter ist. Und daß die istaparallel zur Produkteinführung ein rundes Dienstleistungspaket [anbietet], das sowohl die Montage als auch die vorgeschriebene jährliche Wartung der Rauchmelder beinhaltet,” wobei die Kosten selbstverständlich nicht der Auftraggeber zu zahlen hat, sondern die Eigentümer, die sie dann auf ihre Mieter abwälzen.

Was die Verwalter nicht erfahren (und was auch Herr Schnedelbach zu erwähnen vergißt), ist, daß in AMERIKA trotz der dort herrschenden Rauchmelderpflicht prozentual mehr als dreimal so viele Menschen bei Bränden ums Leben kommen wie bei uns. Seltsam.

Und seltsam ist auch, daß im Internet Tausende von Seiten herumschwirren, auf denen Nachrichtenmedien, Feuerwehren, Hausverwaltungen etc. mit nahezu identischen Worten die Rauchmelder preisen. Eine Erklärung für dieses Phänomen habe ich möglicherweise hier gefunden:

Im Jahr 2000 interessierte sich niemand in Deutschland für das Thema Rauchmelder. Viel Geld wurde in klassische Werbekampagnen investiert, die wenig Effekt zeigten. Vor diesem ungünstigen Hintergrund entwickelte eobiont eine integrierte Marketingkampagne für eine Kooperation aus Interessensverbänden. Die Ergebnisse waren spektakulär: Fünf Jahre später, nach kontinuierlich wachsenden Umsatzzahlen und umfassender Medienpräsenz, wurden in fünf Bundesländern gesetzliche Regelungen zur Installation von Rauchmeldern verabschiedet und weitere werden folgen.

Neben den Herstellern von Brandschutzsystemen zählt eobiont u. a. auch den Deutschen Feuerwehrverband, die Berliner Feuerwehr und das Bundesministerium des Inneren zu seinen Kunden. Die Wege, wie hierzulande aus Netzwerken gesellschaftliche Realitäten und selbst Gesetze zusammengestrickt werden, sind eben immer wieder wunderbar.

Die “jährliche Wartung” übrigens, die die Geschäftemacher mit der Angst anbieten, beinhaltet natürlich vor allem auch den regelmäßig notwendigen Batteriewechsel. Aber wenn uns die Altbatterien mal irgendwann bis zum Halse stehen, dann kaufen wir uns halt einfach einen neuen Planeten. Am besten von der ista, sofern uns das Bundesministerium des Inneren keinen anderen Anbieter empfiehlt.

P.S.: Braucht vielleicht noch jemand einen Taser? Die werden sicher demnächst von der Polizei für jeden Bürger empfohlen, und bald darauf per Gesetz zur Pflicht. Amerika ist jedenfalls schon weiter.

Effizient verblendet

Sonntag, den 6. Januar 2008

Hunderttausende von Jahren hat der Homo sapiens durch hartnäckiges Bekämpfen des technischen Fortschritts die Erde an den Rand des Kollaps manövriert, da erscheint plötzlich, wie durch ein Wunder, ein rettender Engel. Eine Naturwissenschaftlerin, eine Physikerin sogar, wagt endlich den Quantensprung auf die Spitze des Eisbergs, um das Steuer herumzureißen und die Weichen gerade noch rechtzeitig neu zu stellen. Angela Merkel!

Schon durch ihr mutiges Überfliegen der abschmelzenden Polkappen im Hubschrauber hat sie klar zu erkennen gegeben, daß sie weiß, worauf es beim Umweltschutz ankommt. Doch beim Hubschrauber bleibt sie nicht stehen, ist sie doch viel zu sehr Realist um zu glauben, daß wir alle durch Hubschrauberflüge das Klima retten könnten. Nein, dem Hartz-IV-Empfänger müssen andere Möglichkeiten geboten werden, seinen Beitrag zu leisten. Und da Frau Merkel eine Kultur des Hinsehens pflegt, weiß sie auch, welche.

6,5 Millionen Tonnen CO2-Emissionen” können wir Deutschen laut Angela Merkel “sparen“, wenn wir all unsere Glühlampen durch Energiesparlampen ersetzen. Hurra! Da jubelt die Welt, aber auch Bild, taz, BUND, NABU, Osram, Philips, Grüne und Otto, der Normalverbraucher, denn dieser Vorschlag bedeutet das Paradies auf Erden. Kaufen und sparen gleichzeitig, das war schon immer des Deutschen schönster Traum, und dann auch noch Emissionen in Tonnen und gleich 6,5 Millionen… In welchem Zeitraum eigentlich, woher hat Merkel diese Zahl, und warum wird hier nur CO2 betrachtet? Egal - wir lassen uns unsere Laune beim fröhlichen Emissionstonnenhandel nicht vermiesen.

Schade nur, daß der Eisbär auf seiner Scholle und die Oma auf Tuvalu, die demnächst wahrscheinlich leise weinend in den Fluten versinken, von unserem überwältigenden Umweltbewußtsein kaum etwas haben werden, denn die Rechnungen der Energiesparlampenprofiteure sind - vorsichtig ausgedrückt - fragwürdig.

Zunächst einmal ist festzuhalten, daß der Energieverbrauch der Haushalte weniger als 30 % des Gesamtenergieverbrauchs ausmacht, und von diesen 30 % wiederum entfallen laut Statistischem Bundesamt gerade mal 2 % auf Beleuchtung. Die Bemühungen unserer Bundes-Angela beziehen sich also auf einen Bereich, der einen kaum meßbaren Anteil am Gesamtenergieverbrauch hat.

Zweitens: die Notwendigkeit des Umstiegs auf Energiesparlampen wird in der Regel mit einer zu geringen Effizienz der herkömmlichen Glühlampe begründet. Bei der werden weniger als zehn Prozent der Energie in Licht umgewandelt, der Rest in Wärme, weiß das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU). Glühlampen sind eben des Teufels, und der braucht nun mal Wärme.

Das Dumme ist nur, daß in unseren Breiten während mindestens zwei Dritteln des Jahres auch von Nicht-Teufeln geheizt werden muß. Die meiste Zeit dürfte also der Energieverlust der Glühlampe ziemlich genau bei 0 % liegen, und wenn das BMU schreibt, die Lampe gebe den Strom “nutzlos” als Wärme ab, dann weiß ich nicht, auf welchem Wüstenstern diese Damen und Herren leben. Hinzu kommt, daß das verbleibende Drittel des Jahres die Zeit ist, wo auch die Tage am längsten sind und die Lampen, ob Glüh- oder Energiespar-, ohnehin kaum an sind.

Drittens empfehle ich dem geneigten Leser mal einen Blick auf den Aufbau einer Energiesparlampe, etwa in diesem Wikipedia-Artikel (der sich im übrigen liest, als sei er von der Industrie gesponsert. Da wird z. B. die Lebensdauer mit “zwischen 3.000 und 15.000 Betriebsstunden” angegeben und das “Einsparpotential” dann lustig auf der Basis von 15.000 Stunden errechnet, und offensichtliche Nachteile wie die mangelhafte Lichtqualität werden einfach als “Vorurteile” abgetan). Während die herkömmliche Glühlampe im Wesentlichen aus drei Teilen besteht, Glaskolben, Sockel und Glühfaden, besteht die Energiesparlampe aus Dutzenden von Teilen, die im Zeitalter der glorreichen Globalisierung wahrscheinlich aus Dutzenden von Ländern stammen. So fördert die Energiesparlampe den weltweiten Gütertourismus, der im Gegensatz zur Beleuchtung einen nicht unerheblichen Anteil am Klimawandel hat.

Viertens geben Energiesparlampen hochfrequente Strahlung ab (siehe auch hier). Diese liegt über den Grenzwerten, wie sie beispielsweise für PC-Monitore gelten. Vergleichbare Grenzwerte auch für die Lampen einzuführen, hat Angela Merkel in ihrem heiligen Kampf für die Profite der Industrie Umwelt aber bisher offenbar vergessen. Dieser Artikel beschreibt mögliche gesundheitliche Folgen (nicht nur der Strahlung).

Fünftens schließlich sind Energiesparlampen Sondermüll. Sie enthalten neben anderen Schwermetallen das hochgiftige Quecksilber. Der umweltbewußte, moderne Energiesparer wird also in dem (natürlich unwahrscheinlichen) Fall, daß seine Energiesparlampe mal den Geist aufgibt, sich ins (natürlich umweltfreundliche) Auto setzen und sie zur Sondermüllannahmestelle fahren. In der Praxis allerdings landen die Lampen im ganz normalen Haushaltsmüll und vergiften so die Umwelt und uns selbst.

Lebensdauervergleiche zwischen herkömmlicher Glühlampe und Energiesparlampe sind übrigens mit Vorsicht zu genießen. Zum einen weichen die Erfahrungen der Käufer z. T. erheblich von den Herstellerangaben ab, zum anderen hat der Prozeß, die Lebensdauer der Glühlampe künstlich zu verkürzen, offenbar bereits begonnen. Bei mir sind in den letzten Jahren nahezu alle Glühlampen des Hauses Osram innerhalb kürzester Zeit spontan verunfallt, indem sich der Glaskolben beim Einschalten mit leichtem Knall vom Sockel löste und auf dem Fußboden bzw. der Tischplatte zerschellte. Es scheint fast, als würde hier selbst eine Verletzungsgefahr in Kauf genommen, wenn nur der Umstieg auf das neuere und teurere Produkt beschleunigt werden kann.

Abschließend ist vielleicht noch interessant, daß unserer Regierung die wahren Ursachen des ständig steigenden Energieverbrauchs sehr wohl bekannt sind. Sie werden in einem “Hintergrundpapier” des Umweltbundesamts offen ausgesprochen. So wie die Autos zwar immer verbrauchsärmer werden, aber gleichzeitig immer mehr von ihnen auf den Straßen unterwegs sind, werden Elektrogeräte immer effizienter, aber die Aufrüstung der Haushalte mit schwachsinnigen Paraphernalia des Fortschritts nimmt zu. Deutsche Haushalte sehen heute aus wie ein GI im Irak: vor lauter Equipment ist kein Mensch mehr zu erkennen. Die Schlußfolgerungen, die hieraus zu ziehen wären, würde Vernunft in diesem Land regieren statt der vom Volk gewählten Marionetten der Industrie, liegen auf der Hand. Allein, sie werden nicht gezogen.