Archiv der Rubrik “Wissenschaft”

Wenn der Think Tank überläuft

Montag, den 18. August 2008

Mit nahezu identischen Worthülsen haben die etablierten Medien in den letzten Tagen über die geplante Gründung eines “Global Energy Institute” in Berlin berichtet (auch wir berichteten). Bezeichnungen wie “Energie-Universität“, “Energie-Hochschule” oder “Hochschule für Energieforschung” erweckten dabei den Eindruck, es handle sich bei dem Projekt um eine wissenschaftliche Hochschule, ja sogar eine im Privat- (also “Elite“-)Segment. Stimmt dieser Eindruck?

Wir von Neues vom Glöckner sind der Frage nachgegangen - irgend jemand muß ja schließlich die Arbeit der Medien machen (ohne dafür bezahlt zu werden) - und haben die geplante Hochschule einem ersten Ranking unterzogen.

Wie der Tagesspiegel erschöpfend (kleiner Scherz!) darstellte, geht das Projekt “Energie-Universität” auf “die Initiative” (!) zurück, deren “Sprecher” ein gewisser Wolfgang Stock ist. Von Beruf ist Dr. Wolfgang Stock laut WikipediaJournalist, Autor, Professor und Berater“. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er bei der Springer-Zeitung “Die Welt“, von wo er sich schnell bis zu FAZ, Berliner Zeitung, Focus und schließlich sogar “Welt am Sonntag” (!) hocharbeitete.

Außerdem arbeitete der auf “Krisenkommunikation“, d. h. Meinungsmache zur Abwehr von Imageschäden, spezialisierte Wissenschaftler an führender Stelle in einem Unternehmen für “Kommunikations- und Reputationsmanagement” namens Medien Tenor (heute: “Media Tenor“), welches immer wieder durch durchaus kreative Geschäftspraktiken von sich reden machte (hier ein Bericht dazu aus der Zeit, als Stock bei dieser Firma tätig war). “Krisenkommunikation” ist zum Beispiel dann vonnöten, wenn einem Energiekonzern die Rohstoffe auszugehen drohen und/oder er durch erklärte Klimaschutzziele unter Druck zu geraten droht. Auch gute Beziehungen zur Politik sind in solch einem Fall von Vorteil.

Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja. Heute arbeitet Stock zufällig als geschäftsführender Gesellschafter bei der Firma, die den Video-Podcast der Bundeskanzlerin (der allgemein als glanzvoller Höhepunkt der Medienlandschaft gilt) produziert. Er arbeitet also, um mit den Worten des betreffenden Unternehmens zu sprechen, “an der Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“, also da, wo “strategisches Management von Entscheidungsprozessen in unserer Mediengesellschaft“, also die Beeinflussung der öffentlichen Meinung, “immer wichtiger” wird. Damit kommen wir “den Idealen der Demokratie ein Stück näher,” erklärt Stock, denn Demokratie besteht bekanntlich darin, daß jemand dem Volk erzählt, was Sache ist.

Darüber hinaus ist Stock seit 2001 “ordentlicher Universitäts-Professor” an einer Hochschule in Weilheim-Bierbronnen mit 34 Studenten, zu deren Gründervätern Papst Joseph Ratzinger gehört und die sich der “Vermittlung der abendländischen Wertvorstellungen, die aus der Durchdringung von griechischer Metaphysik und christlichem Offenbarungsgut als Voraussetzung von Naturwissenschaft und Technik entstanden sind“, der “Kritik der nihilistischen Züge des Zeitgeistes” und der Überwindung der “vielfach sogar unbewussten marxistischen / neomarxistischen Gedankengänge” verschrieben hat. “Albrecht von Brandenstein-Zeppelin” und “Alma von Stockhausen” sind die klangvollen Namen der Leiter dieser Institution. Dekan ist Prof. Dr. Reinhold Ortner (Veröffentlichungen u. a. “Die Finsternis trägt den Namen Luzifer - Die geleugnete Realität: das zerstörerische Wirken Satans. Symptome, Ursachen, Diagnose, Fallbeispiele.“, 2002, “Auf den Spuren des Bösen“, 1991, “Die Berge werden erbeben“, 1985). (Das ist kein Witz.) An dieser staatlich anerkannten wissenschaftlichen Hochschule bildet Prof. Dr. Wolfgang Stock aber nun nicht etwa Wissenschaftler aus, die zwecks Bewahrung der Schöpfung nach Lösungen der Energie- und Klimaprobleme suchen, sondern Journalisten. Sicherlich keine leichte Aufgabe, denn daß es nicht einfach sein kann, von der christlichen Lehre geprägte junge Menschen zu Journalisten nach Art des Hauses Springer oder des Hauses Medien Tenor zu machen, liegt wohl auf der Hand.

Stock ist des weiteren Autor von Büchern gegen den Kommunismus und für u. a. Angela Merkel, Roman Herzog und die “vergessenen Opfer der DDR“, die er z. T. zusammen mit dem heutigen BILD-Chefredakteur Kai Diekmann schrieb. Auf der Website des Brüsewitz-Zentrums, einer Vereinigung, die auf der Selbstverbrennung des gleichnamigen Pfarrers ihr antikommunistisches Süppchen kochte und deren Vorsitzender Stock heute ist, tritt dieser auch noch in seiner Eigenschaft als “Major der Reserve, beordert als Pressestabsoffizier beim Einsatzführungskommando der Bundeswehr” in Erscheinung.

Die Bundeswehr hilft Stock dafür zuweilen bei der Bewältigung seiner schwierigen Lehramtsaufgaben, so daß seine Studenten an der Gustav-Siewerth-Akademie ihre “Erkenntnisse” auch manchmal in der “Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation in Strausberg” oder beim “4. Bataillon des Luftwaffen-Ausbildungsregimentes 1gewinnen können. Böse Zungen behaupten, dies sei Bestandteil einer gezielten Beeinflussungsstrategie seitens der Bundeswehr-Akademie für Information und Kommunikation auf die Medien, bei der sogar Geheimdienstmethoden und Methoden der psychologischen Kriegführung zur Anwendung kämen, oder sehen die Gustav-Siewerth-Akademie, an der Stock unterrichtet, als Bestandteil eines “rechtsklerikalen Sumpfes“. Dafür bleibt den Studenten an diesem Institut aber auch einiges Unangenehme erspart. Zum Beispiel die Anerkennung der Evolutionstheorie, jener “Kombination von Urdummheit plus Urbrutalität“, wie es in einem sicherlich beglückenden, von den Leitern der Hochschule herausgegebenen Buch (”Herkunft und Zukunft des Menschen“) heißt.

Mit diesem beeindruckenden akademischen Hintergrund erzielt Stock in unserem Ranking für das “Global Energy Institute” 98 Punkte. Um 99 Punkte zu erreichen, hätte er auch noch selbst bei BILD und für 100 Punkte bei BILD und BILD am Sonntag arbeiten müssen und der Panzerkreuzritter*) hätte es mindestens zum Oberstleutnant der Reserve bringen müssen.

*)

Ein “Think Tank“, wie er zusammen mit dem Global Energy Institute in Berlin entstehen wird, ist nämlich nicht etwa ein “Behälter” voller guter Ideen. Der Begriff ist militärischen Ursprungs und bezeichnet quasi einen Panzer (engl. “tank“), der die Menschen mit Meinung beschießen und überrollen soll.

 
Während Wolfgang Stock als “Sprecher” der ominösen Initiatoren der “Energie-Universität” fungiert, tritt Dr. Markus Baumanns von der Zeit-Stiftung in den Medien als ihr “Berater” auf. Bei der Stiftung (Motto: Wissen fördern, Kultur bereichern, Chancen eröffnen, Phrasen dreschen) des “rechten LiberalenGerd Bucerius, der Aktionär der Bertelsmann AG und verantwortlich für die Übernahme seiner Wochenzeitung “Die Zeit” durch den Holtzbrinck-Konzern war, ist Baumanns Mitglied des “Teams Vorstand II“. Zuvor hatte er verschiedene Funktionen beim Bund bekleidet, zu dem er als Zuschläger Helmut Kohls gestoßen war. Im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung war er mit “außenpolitischen Fragestellungen beim Aufbau der Internetpräsenz der Bundesregierung” befaßt (was immer diese haben sein mögen).

Baumanns trommelt vor allem für private “Elite”-Universitäten, wobei die selbsternannte Elite seltsamerweise meist bereits bei dem Versuch, den Begriff “Elite” zu definieren, kläglich scheitert, was aber wiederum von den Politikern, die ihr mit offenen Mündern lauschen, kaum einen stört.

Bei der Beurteilung des wissenschaftlichen Rangs Baumanns’ können wir uns auf ein Interview des Deutschlandfunks stützen, auf das ich dankenswerterweise durch das BIGasometer-Blog aufmerksam gemacht wurde und aus dem ich im Folgenden zitieren möchte. Lesen Sie selbst.

Frage: Wie spruchreif ist das Projekt “Energie-Hochschule”?

Spruchreif ist, daß die Planungen zur Zeit auf Hochtouren laufen, wir haben ein Konzept, auch ein Konzept, was mit wissenschaftlichen universitären Mitspielern, um das mal so auszudrücken, bereits abgecheckt ist, so daß das im Grunde von der Theorie her sehr gut steht.

Bemerkenswert ist hier zunächst die feinsinnige Auslegung des Wortes “spruchreif“. Auch wenn man noch kein Ergebnis vorweisen kann, kann man schließlich schon mal darüber sprechen.

Auch der Satz “Wir haben ein Konzept” kommt in der heutigen Zeit, die glücklicherweise dem visionären Potential den Vorzug gibt gegenüber der pedantisch ausgearbeiteten Lösung, sehr gut rüber.

Innovativ kann die Verwendung eines Bildes aus der Hochpreis-Automobilistik (”auf Hochtouren laufen“) in Zusammenhang mit der hier angeblich angepeilten Lösung der Energieprobleme genannt werden.

Daß die Energieversorgung eigentlich ein Spiel ist, wurde durch die Verwendung des Begriffs “Mitspieler” sehr gut herausgearbeitet, und daß diese Mitspieler sowohl wissenschaftlich als auch universitär sind und das Konzept bereits gegenseitig geprüft und abgehakt haben, übertrifft alle Erwartungen.

Im Grunde von der Theorie her” ist eine Wendung von geradezu mustergültiger wissenschaftlicher Präzision. Schon allein die Tatsache, daß der Begriff Theorie hier überhaupt angezogen wird, weist, um das mal so auszudrücken, in höchstem Maße auf Wissenschaftlichkeit hin.

Die Formulierung “daß das … sehr gut steht” schließlich läßt darauf hoffen, daß auch der Sex-Appeal der Wissenschaft an dieser Hochschule nicht zu kurz kommen wird.

Hundert Punkte also für Ideenreichtum, wissenschaftliche Präzision und die Elite-Tauglichkeit der Aufbereitung bei dieser ersten Antwort.

Frage: Warum ausgerechnet Berlin?

Das Spannende an Berlin ist, ähm, oder zunächst, die Hochschule selber ist ja eine europäische Hochschule, das heißt, es geht hier nicht nur um Deutschland, wobei sehr viele führende Technologieinstitute gerade ja in Deutschland sind, das trifft sich gut, mit denen wird eng zusammengearbeitet, aber zum anderen Berlin ein hoch attraktiver Standort ist für die anderen europäischen Länder, die involviert sein werden, die Europäischen Institutionen und, was ihre Geldgeber angeht, auch europäische Energieunternehmen.

Sehr schön, der Hinweis darauf, daß andere Länder es natürlich hoch attraktiv finden werden, eine Einrichtung von internationaler Bedeutung in einem anderen Land als dem eigenen angesiedelt zu sehen. Besser konnte man dem absurden Gedanken, bei dieser Standortentscheidung könnte die von Lobbyisten geschätzte Nähe zur Bundesregierung eine Rolle gespielt haben, nicht begegnen.

Einen kleinen Punktabzug müssen wir allerdings dafür vornehmen, daß Baumanns sich hier verplappert hat und versehentlich die Geldgeber der Europäischen Institutionen erwähnt. 99 Punkte also bei dieser Antwort für taktisches Geschick.

Frage: Soll in der “Energie-Universität” nur gelehrt oder auch geforscht werden?

Ja. Also Forschung, Lehre und Weiterbildung und Denken in den Think Tanks sind da nicht voneinander zu trennen. Es geht in dem Hochschulteil in den drei Schools um Masterstudiengänge, in denen gelehrt wird. Ähm, es geht in dem Think Tank um das Denken und Forschen und es geht in den Schools natürlich auch um das Forschen. [...] Es geht nicht drum, hier etwas völlig Neues zu erfinden, sondern es geht drum, die bereits bestehenden Forschungsinstitute zusammenzubinden mit, äh, anderen Initiativen und eigener Kompetenz.

Hier spricht ein Meister des zirkulären Denkens. Und sein Ziel ist nichts Geringeres als alles zusammenzubinden, ohne dabei außen vor zu bleiben. Das verspricht, spannend zu werden. 100 Punkte für den mutigen ganzheitlichen Ansatz.

Frage: Könnte es einen Konflikt zwischen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Interessen geben?

Es wird eine Hochschule sein, zumindest so ist es in der Planung, die sich darum bemüht, staatlich anerkannt zu werden, daß heißt, die völlig unabhängig ist von den Geldgebern. Ganz unabhängig von der Hochschule nämlich agiert eine Stiftung, deren einziger Stiftungszweck die Förderung der Hochschule ist, die ansonsten aber keine direkte Mitwirkungsmöglichkeit hat innerhalb der Hochschule. Und die Hochschule, mit diesen drei Teilen, wird also sich auf übergeordnete Fragestellungen konzentrieren, und es ist eben nicht so, daß ein einzelnes Unternehmen, ähm, eine bestimmte Fragestellung in Auftrag geben kann und das nur ihm exklusiv zugänglich ist und nicht auch den anderen, jedenfalls soweit es nicht extra und zusätzlich bezahlt wird.

Einfach genial, wie man hier zweigleisig verfährt. Zum einen garantiert natürlich schon allein die Tatsache, daß diese Universität vom Staat anerkannt werden will, die Unabhängigkeit von Geldgebern. Ähm, ja. Nicht wahr?

Zum anderen wird das Geld der Sponsoren ja nicht an die Hochschule gezahlt, sondern an eine Stiftung, die es an die Hochschule zahlt. Dadurch ist diese Hochschule natürlich völlig unabhängig von diesem Geld, wie auch von der Stiftung und den Sponsoren. Genauso unabhängig übrigens, wie die Stiftung es ist von der Hochschule, dem Geld und den Sponsoren. Auch der normale Arbeitnehmer ist ja finanziell von seinem Arbeitgeber völlig unabhängig, denn er erhält ja seinen Lohn nicht von jenem, sondern von der Buchhaltung.

100 Punkte also für die Macher des Global Energy Institute auch in der Disziplin “logisches Denken”.

Der klare Sieger dieses Rankings ist das Team “Die Initiative“, vertreten durch die Pressesprecher und Trainer Wolfgang Stock und Markus Baumanns.

Volk meets Fuhrer (II)

Freitag, den 25. Juli 2008

Es kommt sehr selten vor, dass auf einem wissenschaftlichen Kongress der gleiche Vortrag zweimal gehalten wird. Auf dem Weltkongress der Psychologie, der diese Woche in Berlin stattfindet, war das gestern der Fall: Philip Zimbardo, ein US-amerikanischer Sozialpsychologe, redete noch einmal in dem Saal, der tags zuvor wegen Überfüllung geschlossen worden war. Insgesamt waren es um die zweitausend Psychologen, die Zimbardo zuhörten, und viele von ihnen standen nach dem Vortrag auf, um ihm zu applaudieren - der 75-Jährige war der unbestrittene Star des Berliner Kongresses.” (Berliner Zeitung vom 25.07.08)

Der Mann, der hier die Standing Ovations seiner Wissenschaftlerkollegen entgegennahm, war 1971 durch das “Stanford Prison Experiment” berühmt geworden. Er teilte damals seine Studenten ein in Wärter und Gefangene und ließ sie im Keller der Universität “Gefängnis” spielen. Dann schaute er ihnen dabei zu und filmte sie, wie sie anfingen, sich gegenseitig zu quälen und zu foltern.

Er selbst spielte den Gefängnisdirektor und bekennt heute freimütig, dabei “emotional abgestumpft” zu sein.

Erst durch die Intervention einer Außenstehenden wurde das “Experiment” schließlich in letzter Minute gestoppt.

Wie nennt man solcherlei Forschung am lebenden Menschen? Gelebten Sadismus à la Mengele? - Vielleicht. Aber die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die dabei gewonnen wurden, rechtfertigen doch wohl das Vorgehen. Zimbardo ist schließlich, wie George W. Bush, Spezialist für die “Psychologie des Bösen” und den “Luzifer-Effekt“.

Und wie lauten seine Erkenntnisse? - “Es gibt nicht die gute oder die böse Person - jeder von uns trägt beide Eigenschaften in sich.

NEEIN! WIRKLICH?

Für Jakob Schlandt muß das Rad erst noch erfunden werden

Montag, den 9. Juni 2008

Die Weltwirtschaft ist bedroht. Es grassiert die Angst vor einer globalen Rezession. Eine dramatische Verteuerung des Rohöls hat weltweit Entsetzen ausgelöst. “Das ist ein Schock“, meint der US-Energieminister. Und der die Bürde auf sich genommen hat, uns diese Hiobsbotschaft zu überbringen, ist kein Geringerer als Jakob Schlandt von der Berliner (Bild-)Zeitung, der unermüdliche Kämpfer für die Idee, Umweltzerstörung müsse bezahlbar bleiben.

Kein Problem, sagt dagegen der Chef des US-Konzerns Chevron. “Die großen Ölkonzerne sehen bislang keine Knappheit.” Allerdings “müßten die weitgehend nationalisierten Ölvorkommen stärker den Ölmultis zugänglich gemacht werden.” Im Klartext: die Staaten, die unverschämterweise auf den Ölvorkommen sitzen, gehören enteignet und ihr Eigentum zu unserem Wohl den Ölmultis überschrieben. Wie’s gehen müßte, hat schließlich der Irakkrieg gezeigt.

In einem zweiten, versehentlich “Analyse” überschriebenen Artikel zum selben sensationellen Thema erläutert Schlandt, daß es “vor allem in der Mobilität derzeit noch keine Alternative zum Öl” gebe. Alternativen zur Mobilität, Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe der Wohnungen, Wohnungen in der Nähe der Arbeitsplätze, Abschiednehmen von dem Wahn, immer woanders sein zu wollen als da, wo man gerade ist - alles derzeit nicht machbar. Und auch das Fahrrad müßte für Schlandt erst noch erfunden werden.

Aber fürchtet Euch nicht - Jakob Schlandt hat auch eine Vision. “Der enorm hohe Ölpreis könnte den Startschuß geben für eine noch nie da gewesene Welle technischer Innovationen im Energie- und Umweltbereich.” Das Perpetuum Mobile steht vor der Tür.

Jakob Schlandts Ideen auf dem Prüfstand

Fortschritt revisited: 1000 Jahre für nichts
(Warnung: enthält Spuren von gothic content)

Freitag, den 18. Januar 2008

Über tausend Jahre ist die Pharmazie angeblich schon alt. Tausend Jahre Tanzen um Salbentiegel und Pipetten, in denen die Wissenschaft keinen Schritt weiter gekommen ist bei der Bekämpfung der größten Geißel der Menschheit: des grippalen Infekts.

Tausende und Abertausende von Medikamenten sind in all dieser Zeit schon auf den Markt geschmissen worden, nur eben keins, das hilft.

Und so husten wir uns weiter die Lunge aus dem Leib, bis sie in blutigen Fetzen vor uns auf dem schweißdurchtränkten Bettuch liegt und alle Nachbarn wegen Lärmbelästigung ihre Wohnungen gekündigt haben, während die Pharmaindustrie weiter satte Gewinne mit ihren Placebos einfährt.

Gute Nachricht - schlechte Nachricht

Dienstag, den 30. Oktober 2007

Zuerst die gute: die Europäische Umweltagentur (EEA) hat durch Auswertung von 2000 Studien herausgefunden, daß Mobilfunkstrahlung das Risiko erhöht, an einem Gehirntumor zu erkranken. Das bedeutet, daß Handy-Benutzer sich langfristig selbst eliminieren und aussterben werden.

Die schlechte Nachricht ist, daß eine Verdoppelung des Risikos erst nach zehn Jahren intensiven Handy-Gebrauchs eintritt. Das bedeutet, daß die Handy-Benutzer so langsam aussterben werden, daß die Menschheit vorher längst an anderen Errungenschaften krepiert ist - und die Betroffenen selbst an Erschöpfung durch Dauerquasseln.

Ich kann deshalb insbesondere den männlichen Handy-Benutzern nur empfehlen, ihr Handy immer eingeschaltet in der Hosentasche zu tragen, damit wenigstens auch noch ihre Zeugungsfähigkeit beeinträchtigt wird.

Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hat die Ergebnisse der EU-Behörde natürlich angezweifelt. Das versteht sich angesichts der bisherigen Haltung dieses Amts in dieser für die Wirtschaft so relevanten Frage ja von selbst.

Passend zum Thema hat übrigens die SPD gerade angekündigt, alle Berliner in Zukunft mit WLAN-Strahlung zwangsbestrahlen zu wollen, wie Hauptstadtblog und netzpolitik.org unter Berufung auf die Morgenpost berichteten. Die in dem Morgenpost-Artikel aufgeführten Vorteile erinnern frappant an den Inhalt einer Werbebroschüre der Wall AG vom September 2005 über deren bluespot-Netz. Sie lauten im Wesentlichen: Shopping, Shopping und - äh - Shopping.

Strahlende Elite

Freitag, den 26. Oktober 2007

Wir haben es geschafft… Wir, das bedeutet: Mein Konzept der International Network Universität…“, konnte Univ.-Prof. Dr. Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin sowie Berater und Förderer der Initiative Neue Unsoziale Marktwirtschaft des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, am 19.10. per e-mail stolz verkünden. Seine Universität war zur Elite-Universität gekürt worden.

Die Worthülsen der Elite funkeln bekanntlich wie kostbares Geschmeide am Hals von Britney Spears. Englisch oder Deutsch, falsch oder echt - who cares? Hauptsache, die “strategische Stoßrichtung” stimmt, und die lautet: “Wir wollen weltweit unter die 100 besten Universitäten, langfristig unter die ersten 50.” Warum, das hat er nicht gesagt.

Die Elite, wir erinnern uns, das waren immer die, die wußten, daß unser aller Heil in permanentem Wirtschaftswachstum liegt, daß Friede nur durch Aufrüstung zu haben ist, daß Arbeitsplätze nur durch Entlassungen gesichert werden können und Wohlstand nur durch Hungerlöhne. Und die nun meinen, die “guten” Universitäten müßten gefördert werden, damit sie den anderen bei der Verteilung der Mittel noch besser davonlaufen können. Gefördert zum Beispiel mit 150 Millionen Euro, wie jetzt im Fall der FU, die man dann bei den Rentnern oder Arbeitslosen sicher wieder einsparen kann. Oder bei den Studenten.

Was die Kriterien für eine Einstufung als Elite-Uni sind, ist für Beobachter, die nicht selbst zur Elite gehören, schwer auszumachen. Von “Exzellenzclustern“, “Governance-Strukturen” und “Zukunftskonzepten” ist da die Rede, in Sprechblasen, wie sie so schillernd eben nur die Elite abzusondern vermag. Bei der ersten Runde der “Exzellenz-Initiative” hatte sich z. B. die Ludwig-Maximilians-Universität München mit dem “Zukunftskonzept” “LMUexcellent: Working brains – Networking minds – Living knowledge” qualifiziert. Schöner und schwachsinniger hätte das keine Werbeabteilung eines Waschmittel- oder Autoherstellers formulieren können.

Deutlicher ist dagegen erkennbar, was Universitäten offenbar nicht mehr sein sollen. Sie sollen kein Ort sein, an dem wißbegierige junge Menschen versuchen, die Welt besser zu verstehen oder gar sich selbst zu verwirklichen, denn die Lehre spielt bei der Bewertung praktisch keine Rolle. Und sie sollen keine wirtschaftsunabhängige, dem Gemeinwohl verpflichtete Forschung betreiben, was man u. a. daraus schließen kann, daß der Grad der Drittmitteleinwerbung, also der Bezahlung von Forschung z. B. durch die Industrie, zum Kriterium für “Exzellenz” gemacht wurde.

Der neoliberalen Ideologie zufolge ist die alles bestimmende Kraft in einer funktionierenden Gesellschaft der Wettbewerb, weshalb diesem natürlich auch das Bildungswesen unbedingt zum Fraß vorzuwerfen ist. So kommt es vielleicht nicht ganz überraschend, daß die “Elite” aus dem Bildungsbereich heute die nämlichen Phrasen drischt, die auch den Mündern unserer Wirtschafts”elite” entströmend seit Jahrzehnten unser Herz erfreuen. Von internationaler Konkurrenzfähigkeit, die zu erreichen sei (Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft), und Wettbewerbsfähigkeit, die geschwächt werden könnte (Kurt Kutzler, Präsident der Technischen Universität Berlin), ist da die Rede, von Potenzialen, die “geschöpft und vernetzt” werden müßten (Kutzler), von Standorten, die attraktiver werden müßten (so der stets genialisch unrasierte Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), der einer der Väter des Elite-Uni-Wettbewerbs sein soll), von Globalisierung, die verstärkt werden müsse (ebenfalls Zöllner).

Zöllner ist durch die Auszeichnung der FU inzwischen offenbar so sehr im Elite-Taumel, daß er sogar noch eine weitere “Spitzen-Universität” in Berlin aus dem Boden stampfen will (für die man ja dann ein paar Schulen oder Krankenhäuser schließen kann, denn irgendwo muß das Geld ja herkommen). “International Forum of Advanced Studies (IFAS)” soll sie heißen, denn Elite und Deutsch, das geht, wie wir ja alle wissen, nicht zusammen. Auch Goethe hätte heute schließlich Englisch geschrieben. In dieser Uni sollen die Top-Wissenschaftler dann “wie eine Nationalmannschaft” zusammengebracht werden, so Zöllner, der die Vorliebe der Elite für Vergleiche aus der Welt des Fußballs (wie auch für Kriegsmetaphern) klar erkannt hat.

Am liebsten aber sprechen die neuen grauen Eminenzen unseres Bildungswesens von der “Strahlkraft” (bei Gruss auch “Leuchtkraft” genannt). Wettbewerb ist ja vor allem Image-Pflege, und der Gedanke, hier könne es irgendwie auch um Substanz gehen, soll schließlich gar nicht erst aufkommen. “Ich will eine Hochschule neuen Typs, die eine Strahlkraft entwickelt, daß jeder hier forschen und studieren möchte“, meint deshalb Zöllner. Und Kutzler kann sich, wie Torsten Harmsen schreibt, “durchaus eine ‘Berlin Area’ vorstellen, die weithin ausstrahlt“. (Wer weiteren Bedarf an hohlen Werbesprüchen hat, dem empfehle ich die Lektüre der 84seitigen Imagebroschüre der TU.) Bildungseinrichtungen müssen “sichtbar” sein (Zöllner), “deutlicher präsentiert werden” (Zöllner) und “international ausreichend zur Geltung kommen” (Zöllner), denn: There’s no business like show business. An der TU werden die Erstsemester deshalb schon heute konsequent mit einer “Wissenschaftsshow” begrüßt.

Bildung neu denken“, überschrieb Dieter Lenzen von der FU, der inzwischen einen eigenen Fan-Club hat, seine Vorschläge zur Bildungsreform. “Wir sollten den Mut haben, ganz neu zu denken“, meint auch Jürgen Zöllner, der mit diesem Plagiat zwar keinen Exzellenz-Wettbewerb gewinnen wird, aber für einen Preis für rationelles Phrasen-Recycling wird es eventuell reichen.

Einfach krank

Dienstag, den 9. Oktober 2007

Es soll Leute geben, die tüfteln jahrzehntelang an Mäusen herum, bis sie herausgefunden haben, wie man einzelne Mäusegene ausschaltet. Das tun sie dann nacheinander mit jedem einzelnen Gen und beobachten, ob die Mäuse nun Asthma, Krebs, oder nur einen Knoten im Schwanz bekommen. Irgendwann können sie dann Mäuse mit nahezu jeder beliebigen Krankheit im industriellen Maßstab herstellen und sie zu Forschungszwecken z. B. an die Pharma-Industrie verkaufen.

Drei dieser Leute hat man jetzt entdeckt. Zwei US-Amerikaner und einen Briten. Sie werden allerdings nicht in Nervenheilanstalten weggeschlossen, nein, sie erhalten den Medizin-Nobelpreis.

Die Traufemacher

Sonntag, den 26. August 2007

In meiner Nachbarschaft, in einer Gegend, die laut gerade erschienenem Mietspiegel eine der “preiswertesten” ganz Berlins ist, steht manchmal ein Ladenbesitzer vor seinem Laden und blickt mit sorgenvoller Miene zum Himmel. Was er da sieht - und warum so sorgenvoll - das ist den Flugblättern zu entnehmen, die er an sein Schaufenster geklebt hat: der Mann sieht Chemtrails.

Chemtrails, das sind “Kondensstreifen” aus Chemikalien wie etwa Aluminiumstaub, welche von den Illuminaten oder der jüdisch-amerikanischen Weltverschwörung absichtlich in die Atmosphäre verbracht werden, um das Wetter und/oder die menschliche Psyche zu beeinflussen und so die Weltherrschaft zu erlangen. Dies kann man z. B. auf Treffen dubioser rechtsgerichteter Gruppierungen in den Hinterzimmern mancher Berliner Kneipen lernen.

Von offizieller Seite wird die Existenz solcher “Chemtrails” natürlich dementiert und statt dessen behauptet, die bizarre Wolkenbildung, die für jeden, der ab und zu den Himmel betrachtet und sich noch daran erinnern kann, wie Wolken früher einmal aussahen, auffällig ist, sei nicht durch Sprühflugzeuge, sondern durch den normalen Luftverkehr verursacht, sei also nicht eine Folge des höheren Wahnsinns einzelner übergeschnappter Möchtegern-Weltenherrscher, sondern nur des ganz normalen, alltäglichen Mobilitätswahns.

Angesichts der sehr realen Allmachtsfantasien und perversen Konfliktlösungsstrategien, mit denen die USA die Welt immer wieder beglücken, fällt es allerdings nicht ganz leicht, die Verschwörungstheorien bezüglich Chemtrails einfach abzutun.

Neue Nahrung erhalten sie zudem durch einen Artikel in der Berliner Zeitung von gestern, in dem von “Hagelbekämpfung” über Süddeutschland mittels Flugzeugen berichtet wird, die bei aufkommendem Gewitter die Wolken mit Silberjodid besprühen (hier die Site eines österreichischen Wetterverbesserungsdienstleisters, bei der ich mir nicht sicher bin, ob es sich nicht um Satire handelt). Die Maßnahme sei zwar nach allgemein vorherrschender Meinung wirkungslos (d. h., sie hat keine positive Wirkung), werde aber trotzdem durchgeführt, da sich kein Politiker von den Bauern, die sich gerne eine Hagelversicherung sparen möchten, Untätigkeit vorwerfen lassen will.

Eine kurze Internet-Recherche zeigt, daß der in dem Artikel beschriebene Sachverhalt keineswegs neu ist und daß derartige Praktiken der Wetterbeeinflussung bereits seit den fünfziger Jahren gang und gäbe sind. Die einen wollen Stürme (Neudeutsch: “Hurrikane”) verhindern, andere wollen Regen verhindern, wieder andere Regen machen oder eben Hagel verhindern. Da drängt sich doch irgendwie der Gedanke auf, daß das Wetterchaos, das wir in diesem Jahr erleben, vielleicht gar nicht nur durch den CO2-Ausstoß verursacht wurde, den unsere Bundesregierung nun so beherzt durch immer neue konsumfördernde Maßnahmen zu Lasten des kleinen Mannes angehen will, sondern daß die Atmosphäre einfach unter den ständigen Attacken offenbar von allen guten Geistern verlassener Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer langsam durchdreht.

Die Wissenschaftler - wir erinnern uns - sind ja die, die praktisch alles, was unser Leben heute so lebenswert macht, überhaupt erst möglich gemacht haben. Ohne sie gäbe es keinen Quarzwecker, keine Klingeltöne, keinen Energy-Drink und keine Atombombe. Sie erkennen das Molekül am Schwanzende des Grottenolms und wissen, wie man es verwertet. Nur die Unendlichkeit ihrer eigenen Beschränktheit angesichts eines unendlich komplexen Universums, die erkennen sie nicht. (Da war Sokrates schon mal weiter.) Und deshalb sind sie auch in dem Glauben gefestigt, sie seien eigens dazu geschaffen, die Schöpfung zu verbessern.

Ich frage mich, was geht in den Hirnen dieser Wissenschaftler eigentlich vor, und warum nichts? Und wie kann man sie stoppen?